zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

Die Zeit nach Snowden

Reinhard Mawick

Weit mehr als ein Jahr ist es jetzt schon her, dass Edward Snowden den globalen Überwachungs- und Spionageapparat der NSA enthüllte. Alle waren entsetzt, aber schon bald war klar, dass nichts wirklich passierte. Wissen wir, ob wir jetzt weniger abgehört werden?

Reinhard Mawick
Reinhard Mawick

Wir wissen es nicht. Und regt es irgendjemanden auf? Kaum jemanden, wenn wir ehrlich sind. Schon das abgehörte Mobiltelefon der Bundeskanzlerin erregte das Volk und einige Journalisten deutlich mehr als die Kanzlerin selbst. Es mehren sich auch Stimmen, dass wir Deutschen nicht so wehleidig sein sollten. Schließlich hätte das flächendeckende Spionieren der NSA und ihrer britischen Hilfsspione schon so manchen Anschlag islamistischer Extremisten in Deutschland verhindert. Dies wird jedenfalls gemutmaßt. Wissen tun wir es nicht, denn das ist natürlich, im Gegensatz zu unseren persönlichen Mail- und Telefondaten wirklich geheim. Spott musste im vergangenen Sommer aus meinem Bekanntenkreis nur ein Kantor im Holsteinischen erfahren, der seinen Kammerchor in „Norddeutsche Singakademie“ unbenannt hatte. Dass mit dem Kürzel – NSA – kam nicht so gut. Aber schon in diesem Sommer regte sich keiner mehr darüber auf.

Wie gut, dass es unsere akademische Jugend gibt: Zwei engagierte Studenten der Berliner Humboldt-Universität haben jetzt eine Veranstaltungsreiche konzipiert, die das Problem von – ich nenne es mal – „Snowden und so“  diskutieren und konturieren soll: Amon Kaufmann, Student der Physik, und Roland Hummel, Student der Theologie. Die Reihe heißt genauso wie die Website, die darüber informiert: www.jahr1nachsnowden.de. Gestern gab es die erste Veranstaltung. Sie stand unter der Überschrift: Vom Sinn des Privaten. Es referierten zwei Philosophen und eine Praktikerin.

Den beiden Philosophen Florian Wobster und Tom Gehrke, zwei Studenten aus Rostock kurz vorm Abschluss wie es den Anschein hatte, ging es darum, eine philosophische Grundlegung zu leisten. Da diese jungen Leute ja heute immer Powerpoint-Präsentations-ähnliche Präsentationsformen haben, konnten wir viele Zitate verfolgen, während wir sie vorgelesen bekamen, zum Beispiel von Michel Foucault, Immanuel Kant aus dem Kommunistischen Manifest und … die anderen habe ich vergessen. Das liegt zum einen daran, dass mir die Namen nichts sagten, zum anderen aber auch daran, dass die beiden Rostocker Herren sehr defensiv agierten und sich fast immer entschuldigten, wenn sie „ganz kurz“ etwas ansprachen, was „nachher in der Diskussion“ dann eine Rolle spielen könnte. Ich muss aber auch gestehen, dass ich mir schlicht keine Notizen gemacht habe. Ach so, einige interessante Youtube-Sequenzen von der re:Publica 2014 wurden eingespielt. Wer nicht weiß, was das ist, der lese hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Re:publica. Das war ganz gut, aber so richtig behalten habe ich es nicht. Den Referenten sei konzediert, dass sie (sicherlich) sehr interessante und wichtige Bausteine der Diskussion über den „Sinn des Privaten“ ausgesucht haben. Am verbindenden und deutenden Text sollten sie aber noch etwas feilen oder es einfach vorher überlegen, ausformulieren und aufschreiben. Das nächste Mal nehme ich auch etwas zum Mitschreiben mit, versprochen!

Die anschließende Referentin Michaela Zinke (https://twitter.com/Prinze484) agierte durchaus etwas klarer und selbstbewusster. Sie machte es sich auch dadurch einfacher, indem sie einfach klar und auf den Punkt sprach, wahrscheinlich ist sie es als Referentin der Verbraucherzentrale für  „Verbraucherrechte in der digitalen Welt“ einfach mehr gewohnt. Ihre klare These, könnte man so zusammenfassen: „Schade, dass sich so wenig Verbraucher für ihre Rechte in Sachen informeller Selbstbestimmung interessieren. Leider nehmen viel zu viele in Kauf, dass Ihre Daten genutzt werden, weil sie sich im Moment schlicht nur Vorteile davon erhoffen. Und: In Sachen Schutzbestimmungen gegen Ausspähung ist aber auch unser Staat gefordert“.

Dann war es fast 21 Uhr (um 19 Uhr reichlich c.t. hatte es begonnen), es gab eine Pause, dann kamen fast alle sogar zur Diskussion wieder und die wurde munter. Selbstanklagen hatten Konjunktur („Warum verschlüsseln wir auch nicht unsere Mails?“), aber es gab auch die gelassen-optimistische These eines gereiften Teilnehmers, der andeutete, der Schritt in die digitale Welt sei eben – ähnlich wie 1968 – der Schritt in eine neue Epoche und müsste bewältigt und ausgefochten werden, wobei er sich die Anmerkung nicht ersparte, man hätte nicht bei Kant, sondern durchaus auch schon bei den Vorsokratikern ansetzen können. Überraschend einige äußerst aggressive Statements von Netzaktivisten, die auf keinen Fall eine stärkere staatliche Regulierung wollten – Frau Zinke von der Verbraucherzentrale war sehr erstaunt ob des vielen und geballten Misstrauen gegenüber unseren Regierenden, das sich Bahn brach. Vielleicht hatten die beiden Philosophen den Weg bereitet, indem sie zu Beginn ihres Vortrags die berühmte „Merkel-Raute“ gezeigt hatten und diese als „postdemokratischen Symbol“ apostrophiert hatten. Gemein.

Die Diskussion verlief äußerst diszipliniert. Wer wie ich  Ende der 1980-er Jahre an überfüllten deutschen Universitäten studiert hat, war über die Höflichkeit, die Manieren, das Ausredenlassen erstaunt und erfreut! Auch der Frage, ob das Auditorium – ich denke mindestens 60 Leute waren erschienen, vielleicht auch mehr – nun kollektiv geduzt oder gesiezt werden dürfe, wurde achtsam angesprochen, für dieses Mal bejaht („Die meisten von Euch würde ich auf der Straße duzen“), für weitere Male aber ausdrücklich von den beiden Organisatoren verneint.  Wäre alles damals undenkbar gewesen – und 1968 erst.

Am Ende des Auftakts machte sich schließlich die Erkenntnis breit, dass man im Ganzen zu wenig die Zusammenhänge verstehen würde. Das ist ja häufig so. Die Initiatoren und die tapferen, zum übergroßen Teil studentischen, Teilnehmerinnen und Teilnehmer dieses Auftakts von www.jahr1nachsnowden.de scheinen jedenfalls wild entschlossen, dem Abhilfe zu schaffen. Bravo!

Wenn es passt, komme ich gerne wieder. Am 1. Dezember spricht Prof. Dr. Ernst-Günther Giessmann, Informatiker an der Humboldtuniversität, über das Thema „Vom Sinn der Krytographie“. Hoffen wir, dass der Vortrag etwas weniger kryptisch ist, als es den beiden tapferen Rostocker gestern gelang. Ansonsten gilt den beiden Initiatoren Amon Kaufman und Roland Hummel ein großes Lob. Sie tun auf jeden Fall das Ihre dazu, dass jenes berühmte Wort von Schleiermacher nicht wahr wird, das im Foyer der Theologischen Fakultät in der Berliner Burgstraße prangt: „Soll der Knoten der Geschichte so auseinander gehn? Das Christenthum mit der Barbarei, und die Wissenschaft mit dem Unglauben?“

 

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