Freundschaft ist kein Fabeltier
Soziologen begutachten eine besondere Beziehung
Von Kindheit an ist man ihr vertraut, und doch fängt man schon früh an, sich nach ihr zu sehnen wie nach etwas Verlorenem: Freundschaft. Die Fähigkeit zur Freundschaft und die Sehnsucht nach ihr gehören zu den typisch menschlichen Eigenschaften, die ganz normal sind und zugleich völlig rätselhaft.
Sicher, es hat viele Versuche gegeben, ihr Wesen zu ergründen. Doch meist endeten sie in Schwärmerei oder Betulichkeit. "Freundschaft ist Liebe ohne Flügel", sagte der Schriftsteller Lord Byron; "Freundschaft ist Quell der größten Freuden", meinte der Theologe und Philosoph Thomas von Aquin. Auch die moderne Wissenschaft stößt bei einer Definition an ihre Grenzen: "Freundschaft ist eine auf freiwilliger Gegenseitigkeit basierende persönliche Beziehung zwischen Nicht-Verwandten", schreibt etwa, kaum erhellend, die Soziologin Ursula Nötzoldt-Linden.
"Von Kindheit an ist man ihr vertraut, und doch
fängt man schon früh an, sich nach ihr zu sehnen
wie nach etwas Verlorenem."
Mangels einer griffigen Definition haben sich die Soziologen dem Thema "Freundschaft" gewissermaßen von außen genähert und sich gefragt, welche Funktionen diese exklusive Zweierbeziehung in einer Gesellschaft erfüllt. Die Antwort: Freundschaft stützt die Individualität, sie hilft, in unübersichtlichen gesellschaftlichen Verhältnissen Klarheit über das eigene Selbst zu erlangen, ja dieses überhaupt erst zu finden.
Daher wurde Freundschaft immer dann bedeutsam, wenn sich eine Gesellschaft veränderte, tradierte Lebenformen und Rollenmuster wegbrachen und dem Einzelnen das soziale Gerüst abhanden kam, das seinen Lebensweg stützte. In der Freundschaft "entgeht der Mensch der Desorganisation, mit der ihn die Heterogenität seiner sozialen Welt bedroht", schreibt der Soziologe Friedrich Tenbruck.
Als Beweis für seine These führt Tenbruck an, dass die Epoche des so genannten "deutschen Freundschaftskultes"? zwischen 1750 und 1850 just in eine Zeit der Umwälzungen fiel. Die Französische Revolution beendete die Tradition feudaler Herrschaft und sortierte die Karten politischer Ordnung neu, die Macht der Kirche schwand, die Aufklärung veränderte das Bild des Menschen, der als freies, vernunftbegabtes Individuum nurmehr seinem Gewissen verantwortlich sein sollte.
Epoche des "deutschen Freundschaftskultes"
In dieser Zeit der beginnenden Moderne sangen Dichter wie Friedrich Gottlieb Klopstock und Johann Wilhelm Ludwig Gleim, aber auch Sozialromantiker wie Friedrich Schleiermacher und Bettina von Arnim das hohe Lied der Freundschaft. "Ich brauch' nur in deinem Geist zu lesen, so find' ich mich selbst", schreibt Bettina von Arnim über ihre Freundin Karoline von Günderode.
In unruhigen Zeiten ist der Mensch auf sich allein gestellt - und braucht einen Freund. Der Soziologe Georg Simmel geht noch einen Schritt weiter und meint, dass in der gegenwärtigen Unübersichtlichkeit - Stichwort: "anything goes" - der Mensch nicht nur eines exklusiven Busenfreundes bedarf. Der moderne Mensch sei derart individualisiert, derart vielschichtig, dass ein einziger Freund nicht mehr ausreiche, um all seine Eigenarten und Vorlieben zu teilen. "Es sind dies differenzierte Freundschaften, die uns mit einem Menschen von der Seite des Gemütes, mit anderen von der geistigen Gemeinsamkeit her, mit einem dritten um religiöser Impulse willen verbinden", schreibt Simmel. Eine differenzierte Gesellschaft erfordere differenzierte Freundschaften.
Freundschaftsrituale
Soziologen unterscheiden weiterhin zwischen den Freundschaften innerhalb verschiedener sozialer Milieus. So haben sich in der Arbeiterschicht andere Rituale der Freundschaft etabliert als etwa unter Akademikern. Das gesellige Leben von Arbeitern findet mehr außerhalb der heimischen Wohnung statt, in Vereinen oder Kneipen.
In der Mittelschicht gilt die ungeschriebene Regel, dass Freunde ins eigene Heim eingeladen werden, meist zum Essen. Diese Einladung steht oft am Beginn einer Freundschaft und gilt als erster Vertrauensbeweis. Die Türen zur Privatsphäre werden im wörtlichen wie übertragenen Sinne geöffnet. Man stellt nicht nur die eigenen vier Wände vor, sondern auch sich selbst, seine Vorlieben und Abneigungen, den persönlichen Geschmack und die Wertvorstellungen. Gleichzeitig erwartet der Gastgeber, dass sich der Eingeladene nicht danebenbenimmt, ja in der intimen Atmosphäre auch etwas von sich selbst preisgibt, Small Talk ist dann tabu.
"Wechselseitige Selbstenthüllung"
Damit ist bereits ein entscheidendes Merkmal angesprochen, das sich in allen Freundschaftstypen wiederfindet - die von Sozialwissenschaftlern so genannte "wechselseitige Selbstenthüllung"?. Wer mit einem Freund einen bloß geschäftsmäßigen Umgang pflegt, nur über Politik, Mode oder Sport diskutiert, ist auf dem besten Weg, die Freundschaft zu zerbrechen.
Es muss schon persönlich zugehen, ein Freund verlangt nach Geheimnissen, Intimitäten, der dunklen Seite des anderen. Darin liegt die Faszination der Freundschaft, nämlich einen Menschen in möglichst all seinen Facetten kennenzulernen. "Dein Freund ist einer, der alles über dich weiß und dich trotzdem mag", sagt der Schriftsteller Elbert Hubbard.
Freilich muss die Plauderei über die eigenen Abgründe ausgeglichen sein. Eine Freundschaft, in der nur einer sein Herz ausschüttet und der andere sich aufs Zuhören beschränkt, ist keine Freundschaft, sondern Psychoanalyse. Ziel der "wechselseitigen Selbstenthüllung" ist eine Art geistige Verschmelzung, von Philosophen auch "Alter-Ego-Effekt" genannt. "?Ein Geheimnis, das niemand anderem zu enthüllen ich geschworen habe, kann ich, ohne einen Meineid zu begehen, dem mitteilen, der kein anderer ist: Er ist ich", sagt der Philosoph Michel des Montaigne über seinen verehrten Freund, den Dichter Étienne de La Boétie.
Kann ich mir selbst trauen?
Der Freund soll also ein anderes Ich (lateinisch: alter ego) sein, weil man ihn ebenso gut kennt wie sich selbst und ihm ebenso vertraut wie sich selbst. Aber kann ich mir selbst wirklich trauen? Sind meine Handlungen immer überlegt, neige ich nicht auch zu spontanen, unkontrollierten Ausbrüchen, in denen ich mich selbst nicht mehr wiedererkenne?
Von dem Komiker Groucho Marx stammt der viel zitierte Ausspruch, dass "ich keinem Klub angehören mag, der mich als Mitglied aufnimmt". Dem anderen wie sich selbst zu vertrauen kann am Ende ein tiefes Misstrauen bedeuten. Dennoch haben sich die Menschen zu allen Zeiten das Wesen der Freundschaft genauso vorgestellt: als vertraute Zweisamkeit, in der nichts unverhüllt bleibt und sich die Freunde gegenseitig tief in die Seele blicken.
Nur Männerfreundschaften im Kopf
Dichter und Philosophen haben das jahrtausendelang besungen. Ein Quell der Freude, des Glücks und zugleich eine Schule der Tugend sollte die Freundschaft sein. Dabei dachten die Gelehrten der Vergangenheit allerdings nur an die Männerfreundschaft. Frauen, so hieß es bis weit in die Neuzeit hinein, hätten nicht die Kraft, eine solche Verbindung des Geistes einzugehen, sie seien viel zu gefühlsduselig und hätten immer nur die Liebe im Kopf.
Mit diesem Irrglauben räumten erst die Dichterinnen der Frühromantik gründlich auf, wenn man einmal von vereinzelten frühen Feministinnen absieht, wie der antiken Dichterin Sappho auf Lesbos, für die zärtliche Frauenfreundschaften das höchste der Gefühle waren.
Doch immer gab es auch kritische Stimmen, die sich in den Jubelchor nicht einreihen wollten: So verglich der Philosoph Arthur Schopenhauer die Freundschaft mit "kolossalen Seeschlangen", von denen man ebenfalls nicht wüsste, ob es sie wirklich gebe. Von Sokrates sind die Worte überliefert: "O meine Freunde, es gibt keinen Freund." Damit begrüßte er die Teilnehmer eines Trinkgelages und vermittelte ihnen in der ihm eigenen subversiven Art, dass es zu echter Freundschaft mehr bedürfe, als bloß gemeinsam zu zechen.
"Der Krieg ist bekanntlich der Vater aller Dinge,
leider auch der Freundschaft."
Sigmund Freud tat die Freundschaft gar als "zielgehemmte Sexualität" ab. Als Psychoanalytiker dachte er ohnehin nur an das eine. Der Soziologe und Systemtheoretiker Niklas Luhmann hält die Freundschaft schlicht für ein Auslaufmodell. In modernen, unübersichtlichen Gesellschaften sei allein die Liebe noch in der Lage, persönliche Beziehungen zwischen Individuen zu stiften. Die Freundschaft versage, so Luhmann, weil ihr die Bindungskraft der Sexualität fehle.
Entstanden ist die exklusive Zweisamkeit aus der Kameradschaft unter Soldaten. Der Krieg ist bekanntlich der Vater aller Dinge, leider auch der Freundschaft: Die antiken griechischen Krieger sprachen sich mit "philoi" an, die Lieben, woraus später das Wort "philia", Freundschaft, entstand.
Die erste schriftlich bezeugte Freundschaft, die aus dem Heer der Kameraden herausstach, war die Beziehung zwischen Achill und Patroklos, wie sie Homer in seiner "Ilias" besingt. Zwar streiten sich die Gelehrten, ob die beiden mythischen Helden nicht vielmehr eine erotische Zuneigung verband, dennoch deuten sich hier die entscheidenden Merkmale der Freundschaft bereits an, etwa das Alter-Ego-Prinzip.
So zieht Patroklos für den in seinem Zelt grummelnden Achill in den Krieg gegen Troja, ausgerüstet mit der Rüstung und den Waffen seines Freundes, also gewissermaßen als Achill. Doch Patroklos übersteht den Kampf nicht. Als die Nachricht vom Tod des Freundes Achill erreicht, stürzt dieser nieder vor Trauer und Schmerz. Er beweint seinen "geliebten Gefährten", "den ich höher geachtet als alle Gefährten, ganz wie mein eigenes Haupt", heißt es in der Ilias.
Ethische Bedeutsamkeit
Später, im Griechenland der klassischen Zeit, löst sich die Freundschaft vom Kriegs- und Kampfzusammenhang. Sie wird ethisch aufgeladen und gilt nun als Paradebeispiel für gelingendes Zusammenleben. "Unter Freunden bedarf es der Gerechtigkeit nicht", sagt Aristoteles, denn die Freundschaft ist gewissermaßen von Natur aus auf Gerechtigkeit geeicht, oder sie ist keine Freundschaft. Die Freunde teilen ihr Hab und Gut, und keiner versucht, sich gegenüber dem anderen einen Vorteil zu verschaffen, meint der Philosoph.
Von Aristoteles stammt auch die heute noch bedenkenswerte Einteilung der Freundschaft in Lust-, Nutzen- und Tugendfreundschaften. Bei einem Ethiker wie Aristoteles ist klar, dass er nur Letztere als echte Freundschaft durchgehen ließ. Die Lustfreundschaft wird allein zum gegenseitigen Amüsement geschlossen. Die Nutzenfreundschaft wird nur eingegangen, weil sich die Freunde voneinander handfeste Vorteile versprechen. Einzig in der Tugendfreundschaft sind die Freunde ohne Hintergedanken und nur "um ihrer selbst willen" zusammen, weil der andere so ist, wie er ist - und dennoch gefällt.
Damit ist das Ziel dieser Freundschaftsform aber noch nicht erreicht. Für Aristoteles durfte der Freund nicht so bleiben, wie er ist, er musste sich weiterentwickeln und nichts Geringeres als ein guter Mensch werden. Die Tugendfreundschaft ist ein Pfad zum besseren Leben, zu mehr Aufrichtigkeit, Großzügigkeit, Toleranz und Verständnis füreinander. "Von Tag zu Tag gewinnt eine solche Gemeinschaft an sittlichem Gehalt, und der Fortschritt wird hier durch gemeinsame Tugendübung nicht minder als durch gegenseitige Zurechtweisung herbeigeführt", sagte Aristoteles.
Subversive Freundschaft
Diese Auffassung hat sich durch die Jahrhunderte fortgesetzt. Immer war die wahre Freundschaft auf ein höheres Ziel hin ausgerichtet, sei es die römische Staatstreue zu Zeiten Ciceros, sei es die Liebe zu Gott im Mittelalter. Selbst der Aufklärer Immanuel Kant huldigte noch der "moralischen Freundschaft", und für die jungen deutschen Romantiker keimte in den Berliner und Jenaer Freundschaftszirkeln die Hoffnung auf eine bessere Welt jenseits des verhassten Spießbürgertums auf.
"Freundschaft", so Friedrich Schleiermacher, "vermittelt eine Ahnung dessen, wie das höhere Leben nach der Auferstehung der Freiheit sich in mir bildet, wie der alte Mensch die neue Welt beginnt". Damit wurde zugleich das Tor zu subversiven Freundschaften aufgestoßen, zu Bruderschaften und Geheimbünden, die zu wissen glaubten, wie ein richtiges Leben im falschen auszusehen hätte. Freundschaft und Ideologie gingen in der Moderne eine gefährliche Beziehung ein, die bis hin zu terroristischen Gruppen wie der RAF reicht.
Und heute? Was ist übrig geblieben vom hehren ethischen Anspruch? Gehört zum Wesen der Freundschaft noch die gegenseitige Erziehung zum Guten, wie Aristoteles dachte? Die Kumpelei in den Chefetagen, das "Gentlemen's Agreement" zwischen Wirtschaftsbossen und Politikern würde Aristoteles sicher verächtlich als bloße Nutzenfreundschaften abtun. Die Bemühungen einer Paris Hilton, mittels Castingshow endlich eine beste Freundin zu finden, wäre für den Philosophen wohl eine besonders unheilige Allianz zwischen Nutzen- und Lustfreundschaft.
Aber es gibt sie noch, die Tugendfreundschaft, denn der ethische Anspruch ist auch heute ein entscheidendes Merkmal wahrer Freundschaft, jedoch nicht mehr in dem Sinne, dass sich die Freunde an einem metaphysischen Endziel orientieren. Die Gebote von Gerechtigkeit und Fairness gelten vielmehr im Hier und Jetzt, im alltäglichen Umgang der Freunde.
Messlatte von 17 Freundschaftsregeln
In repräsentativen Untersuchungen haben Sozialpsychologen gefragt, was unter einem Freund zu verstehen sei. Herausgekommen ist, wie beabsichtigt, ein ideales Bild von Freundschaft, das die Befragten als Maßstab für ihre Beziehungen im Kopf haben. Aus siebzehn Freundschaftsregeln besteht diese Messlatte, darunter das Gebot, dem Freund zu helfen, wenn dieser in Not gerate, tolerant zu sein, Geheimnisse zu bewahren, sich für den anderen auch in dessen Abwesenheit einzusetzen und Kritik zuzulassen. Wahre Freundschaft ist also kein Fabeltier, wie Schopenhauer meinte, sie ist eine regulative Idee, die unseren Umgang mit Freunden bestimmt.
Erschienen in zeitzeichen Juni 06/2009.

