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Der fremde Großvater

Eine Liebe, die die Nazis nicht verhindern konnten

Annedore Beelte

Ihre Liebe war verboten: Elisabeth durfte mit dem französischen Zwangsarbeiter Ignace eigentlich nicht zusammen sein. Trotz der Gefahr wurden sie ein Paar, Elisabeth wurde schwanger. Ihre Liebe wurde verraten, Ignace kam ins KZ, beide verloren sich aus den Augen. Erst nach mehr als fünzig Jahren haben sie sich wieder gefunden. 

Elisabeth Dürholt als jung Frau. (Foto: privat)
Elisabeth Dürholt als jung Frau. (Foto: privat)

Kein Foto, nur eine Haarsträhne ist Elisabeth Dürholt geblieben. Dazu ein Versprechen: "Ich werde euch nach Frankreich bringen. Erwarte mit Vertrauen meine Rückkehr", heißt es in dem Brief von 1944, der sein letztes Lebenszeichen war. Doch Ignace kehrte nur noch einmal nach Deutschland zurück: Mit seiner französischen Frau, der er die Orte zeigen wollte, an denen er als Kriegsgefangener in Deutschland stationiert gewesen war. Elisabeth jedoch und ihr Sohn, der aus der verbotenen Beziehung zwischen der Deutschen und dem französischen Zwangsarbeiter hervorgegangen war, warteten 55 Jahre lang vergeblich.

       Mauer des Schweigens.

Fast acht Millionen Kriegsgefangene, Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter schufteten 1944 in deutschen Fabriken und Bergwerken, in privaten Haushalten und in der Landwirtschaft. Das nationalsozialistische Regime war ängstlich darauf bedacht, Kontakte zwischen Deutschen und "Fremdvölkischen" zu unterbinden - so ängstlich wie erfolglos. Der "verbotene Umgang" wurde zum Massendelikt. "80 Prozent der Verhaftungen durch die Gestapo im Sommer 1942 betrafen solche Fälle - vom heimlich geteilten Schokoriegel bis zur großen Liebe", sagt Waltraud Burger, Leiterin der Gedenkstätte Trutzhain. Hier, zwischen Kassel und Marburg, befand sich das mit zeitweise über 50.000 Kriegsgefangenen größte Lager auf dem Gebiet des heutigen Hessens. Seit 2003 werden in der Gedenkstätte die Schicksale der Zwangsarbeiter wissenschaftlich erforscht.

20.000 Kinder, schätzte der Sicherheitsdienst der SS, wurden von "Fremdvölkischen" mit deutschen Frauen gezeugt. Bis heute lässt sich nicht ermitteln, wie nahe diese Schätzung der Wirklichkeit kommt. Denn viele Familiengeschichten umgibt nach wie vor eine Mauer des Schweigens. Manche Kinder haben nur dadurch ihre Herkunft zu ahnen begonnen, dass ihnen Nachbarskinder "Polenjunge" oder "Franzos" hinterherriefen. Selbst wenn sie heute bei den Standesämtern forschen, wird ih­nen der Datenschutz entgegengehalten, erklärt Waltraud Burger.

Der Oma zuliebe auf die Suche gemacht

Petra Dürholt hat die offenen Fragen in ihrer Familiengeschichte nicht hingenommen. Was war aus dem verschollenen Großvater geworden? "Ich habe mich vor allem meiner Oma zuliebe auf die Suche gemacht", sagt sie. Elisabeth Dürholt hat immer von dem französischen Großvater erzählt - obwohl sie später mit einem deutschen Mann verheiratet war, der den Stiefsohn, Petra Dürholts Vater, wie seinen eigenen großgezogen hatte. "Es ist kein Zufall, dass ich in der siebten Klasse Französisch gewählt habe", weiß Petra Dürholt. Heute unterrichtet die 38-Jährige selbst Französisch an einer berufsbildenden Schule. Im Studium weckte ein Seminar ihre Neugier: Recherche nach ehemaligen Kriegsgefangenen. Der Dozent empfahl ihr, sich an Hans Gerstmann zu wenden. Der pensionierte Lehrer arbeitet ehrenamtlich in der Gedenkstätte Trutzhain, wo die Fäden vieler Zwangsarbeiter-Schicksale in Hessen zusammenlaufen.

Als die Liebe von Petra Dürholts Großeltern denunziert wurde, landete auch Ignace hier in der Arrestbaracke, "mit Ausgerissenen, Saboteuren, Schlägertypen und Männern, die in der gleichen Lage waren wie ich", wie er sich später in einem Brief erinnerte. Die Lageranlage hat als einzige in Deutschland die Nachkriegszeit überstanden. Denn hier wurden ab 1948 Flüchtlinge und Vertriebene einquartiert und viele dieser Familien wohnen hier bis heute. Sie unterkellerten und sanierten die Baracken und besetzten rasch Marktnischen mit ihren Familienunternehmen.

Petra Dürholt mir einem Brief ihres Großvaters, den er 1944 an ihre Großmutter schrieb. (Foto: Martin Egbart)

Petra Dürholt mir einem Brief ihres Großvaters, den er 1944 an ihre Großmutter schrieb. (Foto: Martin Egbert)

Wiedersehen nach mehr als fünfzig Jahren: Ignace und Elisabeth. (Foto: privat)

Wiedersehen nach mehr als fünfzig Jahren: Ignace und Elisabeth. (Foto: privat)

In der ehemaligen Schuhwerkstatt, in der sowjetische Gefangene einst Lederriemen auf rohe Holzsohlen nagelten, produzierte bis 2003 eine Kunstblumenfabrik. Eingeweihte wissen, dass die "Bauernstube" keine ländliche Traditionskneipe, sondern die ehemalige Lageruniversität ist, wo französische Gefangene ihr Studium fortsetzen durften und der spätere Staatspräsident François Mitterrand Jura lehrte. Die Arrestzellen dienen bis heute als kühle Vorratskeller eines Wohnhauses.

An diesem merkwürdigen Ort, der hinter einer teils liebevoll gepflegten, teils armseligen Fachwerk-Gemütlichkeit den Grundriss des Lagers mit Appellplatz und aufgereihten Baracken nicht verbergen kann, recherchieren Waltraud Burger und Hans Gerstmann die Biographien der Kriegsgefangenen. Sie stehen Angehörigen bei ihrer Suche ebenso zur Seite wie Deutschen, die wissen wollen, was aus "ihrem" Zwangsarbeiter geworden ist.

   Sich der Vergangenheit zu stellen,
         erforderte mehr Mut, als er aufbrachte.

Hans Gerstmann empfahl Petra Dürholt Ansprechpartner in Frankreich. Eine Gedenkstätte in der Normandie spürte schließlich den verschollenen Großvater auf und versprach, einen Brief an ihn weiterzuleiten. Petra Dürholts Großmutter Elisabeth, inzwischen Witwe geworden, lebte in Erwartung eines baldigen Wiedersehens auf, kaufte sich Schmuck. Doch dauerte es eineinhalb Jahre, bis eine Antwort eintraf - nicht vom Großvater selbst, sondern von einer fremden Cousine aus Paris. Sich der Vergangenheit zu stellen, erforderte mehr Mut, als er aufbrachte.

Denn als Ignace sich in Elisabeth verliebt hatte, war er in Frankreich bereits verlobt. Die französische Braut beantragte eine Ferntrauung, während er mit Elisabeth ging. "Diese Möglichkeit gab es, um Frauen für den Todesfall des Verlobten materiell abzusichern", erklärt Hans Gerstmann. Bald war Elisabeth schwanger. Ignace trug seinen Eltern auf, der frisch Angetrauten beizubringen, dass er sie wegen seiner deutschen Familie verlassen werde. Doch alles kam anders: Nachbarn von Elisabeths Eltern denunzierten die verbotene Beziehung, und Ignace wurde zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt.

         Frauen kamen ins KZ -
         und wurden nie als Verfolgte des NS-Regimes rehabilitiert

Gemäß der rassistischen Ideologie der Nationalsozialisten wurden die Umgangsdelikte ganz unterschiedlich geahndet: Beziehungen zu "West-Arbeitern" wurden mit Gefängnis für beide bestraft, oft aber auch stillschweigend toleriert. Flog dagegen eine Liaison mit einem Polen auf, waren die Folgen tödlich: "Alle Zwangsarbeiter aus der Gegend und die Dorfbevölkerung mussten der Hinrichtung zusehen. Die Kameraden wurden gezwungen, den Verurteilten selbst aufzuhängen", erzählt Hans Gerstmann. Die betroffenen Frauen kamen ins KZ und blieben ihr Leben lag Ausgestoßene. Sie wurden nie als Verfolgte des NS-Regimes rehabilitiert. In Trutzhain sind drei solcher Fälle bekannt.

Elisabeth blieb im Chaos der letzten Kriegsmonate das Schicksal anderer Frauen erspart, die mit geschorenen Haaren durchs Dorf getrieben wurden. Auch zu ihrer Verurteilung kam es nicht mehr.

Ignace gelang die Flucht nach Frankreich. Überglücklich kehrte er zu seinen Eltern zurück und beschloss mit seiner Frau, noch einmal von vorne zu beginnen. In dieses fragile Beziehungsgeflecht platzte 54 Jahre später der Brief von Petra Dürholt. Erst als Ignaces Frau in Altersdemenz dahinzudämmern begann, wagte er, Kontakt mit seiner deutschen Familie aufzunehmen. Er bat um Zeit, doch nach weiteren vier Jahren fand sein Sohn in Deutschland: "Zeit habe ich nicht mehr."

Mit dem Wohnmobil brach die ganze Familie in die Normandie auf. "Als wir vor der Tür standen, wollte ich nur noch weg", erinnert sich Petra Dürholt. Doch zu spät: Der unbekannte Großvater öffnete und erfasste gleich die Situation: "Bonjour, mon fils" ("Guten Tag, mein Sohn"), grüßte er.

Verlorene Zeit

"Man kann die verlorene Zeit nicht aufholen", sagt Petra Dürholt heute. Für sie ist der Siefvater ihres Vaters, der in ihrer Kindheit für sie da war, ihr Opa. Zu dem französischen Großvater sagt sie bis heute "Sie". Es kränkt sie, dass er die Fotos der deutschen Familie vor seinem zweitältesten, französischen Sohn versteckt. Für Elisabeth Dürholt jedoch, die ein Jahr später starb, war die Begegnung mit ihrer Jugendliebe ein Geschenk, sagt ihre Enkeltochter.

Ignace richtete ihr das Gästezimmer her, damit sie nicht im Wohnmobil übernachten musste. Doch gebraucht wurde es nicht. Noch einmal Hand in Hand mit Ignace einzuschlafen, ließ sich die 80-Jährige nicht nehmen.

Erschienen in zeitzeichen Mai 05/2009.

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