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Über Gräben

Unterwegs in Deutschland

Kathrin Jütte

Diekmann begegnet seinen Protagonisten stets mit Offenheit, führt sie nicht vor, auch wenn sie skurril erscheinen. Er ist Reporter, kein Besserwisser, kein Ideologe mit Hang zum Pathos. Sein Blick ist nicht einseitig erregt, sondern sachgetreu.

Die ungewöhnliche Deutschlandreise beginnt mit zwei allseits bekannten deutschen Eigenarten: der Neigung zum Kategorisieren und der, Substantivkomposita zu bilden. Auf der Rückseite des Buchumschlags versucht der Verlag, die Texte seines Autors einer Gattung zuzuordnen. Von der "literarischen Reportage-Erzählung" ist da die Rede. Was für ein Wortungetüm. Reportage oder Erzählung?

Erlebnis als
Raum der Imagination

Die Antwort gibt Christoph Dieckmann in seinen ?´"Vorgeschichten" selbst: "Erlebnis, nicht Erfindung, ist mein Raum der Imagination, mein Reporter-Vertrag mit dem Leben." Und so macht er sich auf den Weg durch Deutschland, auf eine Reise durch ein touristisch nahtlos erschlossenes Land. Was er dort erlebt, wen er dort trifft, hat er in neunzehn Texten niedergeschrieben. Allesamt literarische Reportagen in bewährter Egon-Erwin-Kisch-Manier. Nebenbei bemerkt: Der gelernte Filmvorführer und studierte Theologe hat seine Reiseeindrücke ursprünglich als abgeschlossene Geschichten in der Wochenzeitung DIE ZEIT veröffentlicht, deren Autor er ist.

Dieckmann, Jahrgang 1956, erstaunt den Lesenden mit seinen Reisegeschichten. Wie zum Beispiel mit der über Robert Heyne. Der Chef des Vereins Jena 1806, der mit seinem Geschichtsfaible, seiner Napoleonverehrung und dem Nachstellen von Kriegsschlachten dem Lesenden ein Stirnrunzeln ins Gesicht treibt, will die Armeen abschaffen. Doch Dieckmann wertet nicht, fragt nach und holt die Meinung des Jenaer Frie­dens­pfarrers Lothar Kö­nig und des Stadtmuseumsleiters Holger Nowak ein. Er trifft unterwegs im­mer Menschen, die auskunftsfähig sind.

Und er begegnet seinen Protagonisten stets mit Offenheit, führt sie nicht vor, auch wenn sie skurril erscheinen. Dieckmann ist Reporter, kein Besserwisser, kein Ideologe mit Hang zum Pathos. Sein Blick ist nicht einseitig erregt, sondern sachgetreu. Wie in Zittau, wo der Publizist auf dem Markt dem Trinkertrio begegnet, einem Motorradmädchen, der Verkäuferin vom Kleiderladen und auch Hauptkommissar Jochen Graßhoff. Sie lässt er alle zu Wort kommen, webt ihre Originaltöne nach und nach in seine Geschichte über die Grenzsituation im Dreiländereck ein, so dass ein vielschichtiges Bild entsteht. Er schafft Rück­bezüge in die Vergangenheit, zeichnet historisch Linien nach, so dass schnell deutlich wird: Ohne die Vergangenheit lässt sich die Gegenwart nicht verstehen, egal wo.

                   "Ich gebe Zeit und bekomme Geschichten"

Dann führt ihn die Reise wieder in den Westen, nach Bayreuth, mit und oh­ne Wagner, und im Winter nach Helgoland. Dieckmann, der sich selbst als "Ost­erklärer" bezeichnet, besucht Helm­stedt und Halberstadt, Dresden und Hannover.

"Ich gebe Zeit und bekomme Geschichten, die zunächst Geschehnisse und Bilder sind. Was sie bedeuten, wird oft erst später offenbar", schreibt er. Und folgt dabei dem Chronistenmotto Viktor Klemperers "Leben sammeln, nicht fragen wozu und wa­rum". Dieckmanns Sprache ist manchmal herrlich altmodisch, manchmal manieriert, dann wieder einfach und schlicht, variabel je nach Sujet. In jedem Fall ein großes Lesevergnügen.

Durch die einzelnen kleinen Stücke von Lebensgeschichten entsteht auch immer ein Stück Weltgeschichte. Seine meisterhaften Texte haben zumeist etwas mit dem Graben der Geschichte zu tun, der Ost und West trennt: "40 Jahre Unterschiedsgeschichte wirkt fort, solange wir leben, wir erinnern uns verschieden." Das bekennt er auch in seinen "Vorgeschichten", einem achtzig Seiten langen autobiographischen Es­say, der den Reisetexten vorangestellt  ist.

Christoph Dieckmann: Mich wundert, daß ich fröhlich bin ... Ch. Links Verlag, Berlin 2009, 271 Seiten, Euro 19,90.

Erschienen in zeitzeichen Dezember 12/2009.

 

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