Netz der Sprache
Von dem Verlust einer Freundin
Die norwegische Autorin Hanne Ørstavik schreibt die Geschichte einer Frau, die eine Freundin verlor und sie nicht retten konnte. Nicht mit Worten und auch sonst nicht. Als Liv Worte des Trostes für die hinterbliebenen Eltern finden will, versiegt ihr die Sprache.
Liv arbeitet seit einem knappen Jahr als Pastorin in einem abgeschiedenen Fischerdorf im Norden Norwegens. Um ihre Vergangenheit hinter sich zu lassen, hat sie sich in die Einöde geflüchtet. Als sich jedoch ein junges Mädchen in einer Fischlagerhalle erhängt und Liv Worte des Trostes für die hinterbliebenen Eltern finden will, versiegt ihr die Sprache. Die Vergangenheit holt sie ein, sorgsam verdrängte Erinnerungen an ihre einstige Freundin Kristiane kehren zurück.
Die norwegische Autorin Hanne Ørstavik schreibt die Geschichte einer Frau, die eine Freundin verlor und sie nicht retten konnte. Nicht mit Worten und auch sonst nicht. Und das obwohl sie Theologie studiert hatte mit dem Ziel, "Wunden zu verbinden".
Ørstavik erzählt fragmentarisch. Folgte der Leser eben noch der Gedankenwelt der beschrieben Figur, so ist er im nächsten Satz wieder auf der Ebene der Realität. Sprachlich und inhaltlich gekonnt verbindet Ørstavik das Hier und Jetzt mit den Erinnerungen von Liv an Kristiane und Auszügen aus historischen Dokumenten über den Aufstand der Samen, dem sich die Protagonistin schon seit Jahren widmet.
Der Konflikt zwischen Samen und Norwegern interessiert sie, weil er eine wichtige sprachliche Dimension hat. Liv vermutet hier ihr eigenes Thema: Unter die "Oberfläche des Wortes" schauen und erkennen, was der Kern von Sprache ist. "Denn alles Reden und Handeln, geschieht in einem viel größeren Netz von Bedeutungen, dass für den Menschen kaum zu entschlüsseln ist", lässt Ørstavik ihre Protagonistin sagen. Sprachlosigkeit, Worte, die den Sinn nicht treffen. In ihr Denken eingesperrt zu sein, ist die Grundproblematik, mit der Liv seit dem Tod ihrer Freundin zu kämpfen hat. Sie musste erleben und damit umgehen lernen, dass ihr die als Pastorin erlernten sprachlichen Modelle und Systeme nicht weiterhelfen, um an die Menschen in ihrem Umfeld heran zu kommen.
Ringen nach Worten als Überlebenskampf
Bereits in ihrem vorausgegangenen Roman Als ich gerade glücklich war hat Ørstavik das Gefangensein in der Sprache thematisiert. Die 40-Jährige zählt zu den interessantesten Vertreterinnen der jungen norwegischen Schriftstellergeneration, sie gilt als Meisterin des Minimalismus. Für ihren Roman Die Pastorin, im Originaltitel Presten, erhielt sie 2004 den wichtigsten Literaturpreis ihres Heimatlandes.
"Sprache hat mit Macht zu tun. Das Ringen nach Wörtern ist immer auch ein Überlebenskampf", sagt Hanne Ørstavik. Zentral sei, dass in allen ihren Romanen Leerstellen auftauchen: "Sie symbolisieren den Sprachverlust der Romanfiguren." Die Sprache der Norwegerin ist klar und schnörkellos, und auch konzeptionell setzt sie ihr Thema virtuos um. Wie unter einem Vergrößerungsglas werden die Figuren des Romans gezeichnet. Der Leser kommt ihnen ganz nah, ihre Gedankenwelt fesselt unmittelbar.
Die Pastorin ist nicht zuletzt ein Kompliment an die Theologie, insofern sie sich dem Offen-Halten verpflichtet, also dem Wissen darum, dass es noch etwas Größeres und Wichtigeres gibt, das in kein Modell und kein System passt. Darum hatte Liv ihr wirtschaftswissenschaftliches Studium zugunsten der Theologie aufgegeben. Vielleicht ist es auch das, was ihr als Mensch und Pastorin bleibt: Offen zu bleiben
für eine Wahrheit, die verborgen ist.
Hanne Ørstavik: Die Pastorin. Roman. Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger. Deutsche Verlagsanstalt München, 2009, 237 Seiten,
Euro 19,95.
Erschienen in zeitzeichen September 09/2009.

