Damit es anders anfängt
Ein Dennoch ist immer möglich: Hilde Domin zum 100. Geburtstag
Am 27. Juli 2009 wäre Hilde Domin hundert Jahre alt geworden. Die Journalistin und Biographin Ilka Scheidgen hatte zu der Dichterin während ihrer letzten zwanzig Lebensjahre bis zu ihrem Tod am 22. Februar 2006 persönlichen Kontakt. Eine Würdigung.
Hilde Domin ist eine der bedeutendsten deutschen Lyrikerinnen der Nachkriegszeit. Als Zeugin des 20. Jahrhunderts, in dem so viel Unheilvolles geschah, wurde sie auf Lese- und Vortragsreisen bis unmittelbar vor ihrem Tod nicht müde, ihre Erfahrungen weiterzugeben. Sie hat sie in Dichtung umgemünzt, aber nicht in Anklage, vielmehr in "Lieder zur Ermutigung".
Lyrik sei, so hob Hilde Domin hervor, ein wunderbares Mittel, die Identität des Menschen zu stärken - wodurch er, so hoffte sie, weniger anfällig für Ideologien würde. In ihren Gedichten wendet sie sich gegen Konformismus, Mitläufertum, Anpassung und fordert auf zu Zivilcourage und Solidarität mit den Schwachen und Verfolgten.
Durch Lyrik die Identität des Menschen stärken
Wie frisch und lebendig Gedichte bleiben, erfuhr Hilde Domin durch den Kontakt zu ihren Lesern und Zuhörern. Besonders wichtig war der Dichterin der Austausch mit der jungen Generation. An sie wollte sie ihre Botschaft weitergeben. In ihren Gedichten scheint eine Moral auf, die das wahrhaftige Wort und das eigene Handeln zum Maßstab für einen möglichen Wandel macht. "Ich bin ein Dennoch-Mensch, ganz sicher", bekräftigte Hilde Domin mehrfach in unseren Gesprächen, "mein Glaube ist, dass ein Dennoch immer möglich ist."
Hilde Domin wurde am 27. Juli 1909 als Hilde Löwenstein in Köln geboren, wo sie als Tochter eines jüdischen Rechtsanwalts in einem liberalen, großbürgerlichen Haus aufwuchs. In Heidelberg begann sie 1929 mit dem Jurastudium, wechselte dann zu Nationalökonomie, Philosophie und Soziologie.
Sprachodyssee
Als sich die Anzeichen mehrten, dass in Deutschland die Politik eine unheilvolle Entwicklung nehmen würde, verließ sie 1932 gemeinsam mit ihrem zukünftigen Ehemann Erwin Walter Palm, Student der klassischen Philologie und Architektur, ihr Land Richtung Italien, wo sie beide ihre Studien fortsetzten. 1935 promovierte Hilde Domin in Florenz über Staatsgeschichte der Renaissance. 1936 heiratete das Paar in Rom. Ihre Flucht führte sie 1939 weiter über England bis in die Dominikanische Republik, in der sie von 1940 bis zu ihrer Rückkehr nach Deutschland im Jahre 1954 lebten. Während ihres Exils war Hilde Domin in England und Santo Domingo als Universitätslehrerin, Übersetzerin, Photographin und Mitarbeiterin ihres Mannes tätig.
Es war auch eine Sprachodyssee. Sie endete mit der "Heimkehr ins Wort", in die deutsche Sprache. Die Rückkehr bedeutete die bewusste Hinwendung zum Land ihrer Geburt und ihrer Sprache, in dem es nun galt, "Vertrauen - das schwerste ABC" neu zu buchstabieren.
Schreiben, um zu leben
Ihre Geburt als Dichterin hatte sie in der Fremde erlebt: "Wie ich, Hilde Domin, die Augen öffnete, die verweinten, in jenem Hause am Rande der Welt, wo der Pfeffer wächst und der Zucker und die Mangobäume, aber die Rose nur schwer, und Äpfel, Weizen, Birken gar nicht, ich verwaist und vertrieben, da stand ich auf und ging heim, in das Wort. Von wo ich unvertreibbar bin." Das Schreiben rettete sie aus einer Lebenskrise. "Ich war ein Sterbender, der gegen das Sterben anschrieb. Solange ich schrieb, lebte ich."
"Jedes Gedicht ist ein Aufruf gegen Verfügbarkeit, gegen Mitfunktionieren. Also gegen die Verwandlung des Menschen in den Apparat." Das Gedicht, so sieht es Hilde Domin, befreit von allen Zwängen, stellt einen "Atemraum für Freiheit" her, indem es die Zeit für diesen einen kurzen "Augenblick von Freiheit" stillstehen lässt. In dem Gedicht Salva nos heißt es:
"Dies ist unsere Freiheit
die richtigen Namen nennend
furchtlos
mit der kleinen Stimme
einander rufend
mit der kleinen Stimme
das Verschlingende beim Namen nennen
mit nichts als unserm Atem."
"Jedes Gedicht ist ein Aufruf gegen Verfügbarkeit"
Hilde Domin geht es in ihrer Lyrik um das genaue Benennen. Wenn es wahrhaftig ist, traut sie dem Gedicht zu, dass es eine neue, lebbarere Wirklichkeit herzustellen vermag.
Das Gedicht Ausbruch von hier endet mit den Versen:
"Dort will ich
freier atmen
dort will ich ein Alphabet erfinden
von tätigen Buchstaben."
Das Gedicht ist also ein Gebrauchsgegenstand, allerdings ein "magischer Gebrauchsartikel", wie ihn Hilde Domin bezeichnet, der sich nicht abnutzt, dem vielmehr immer wieder neu, immer wieder andere, erweiterte, vertiefte Bedeutungen zuwachsen.
Ein Turm im Haus in Heidelberg (1961 bis 2006) war lange Jahre der Ort ihres Schaffens - aber er war für sie nie ein Elfenbeinturm, in dem sie sich vor der Welt verschlossen hat. Die vier Fenster darin waren für sie das Wesentliche. Es waren für sie die Öffnungen zur Welt, zu den Mitmenschen, wie Start- und Landeplätze für den Vogelflug, zu dem liebsten Vogel, dem "Menschenvogel", wie sie ihn nannte, für den sie ihre Gedichte schrieb, für eine Welt des Unrechts, der Verfolgungen und Demütigungen, gegen die zu kämpfen sie nicht müde wurde.
Ihr, die als Jüdin exemplarisch erfahren hatte, wie ein Mensch zunächst bedroht und dann zum Opfer wird, von einem Augenblick zum nächsten zur Hilflosigkeit verurteilt, war das Hauptanliegen die Verteidigung der Menschenwürde, "das Unverlierbare, ohne das Leben sinnlos ist".
Bewusste Annahme des Nicht-Heimisch-Seins
Die Gewissheit und die bewusste Annahme des Nicht-Heimisch-Seins, ihr Halt-Suchen und -Finden in den Lüften, unter den Vögeln, an der Rose, ist immer am Zartesten, Vergänglichsten, festgemacht. Es ist die conditio humana: zerbrechlich, ungewiss, verlierbar. Dies findet sich ausgedrückt in den von ihr verwendeten Metaphern: Rose, Schmetterlingsflügel, Vogel, Blüten, Wind, um nur einige zu nennen.
Unmoderne Vokabeln wie Glück, Heimat, Liebe, Wunder, Gnade zu gebrauchen, hat sich Hilde Domin niemals gescheut. Eines der schlichtesten und zugleich schönsten und ausdrucksstärksten Gedichte von Hilde Domin ist dieses:
"Nicht müde werden
sondern dem Wunder
leise
wie einem Vogel
die Hand hinhalten."
Glauben an den Menschen
"Man kann das Leid nicht ungeschehen machen, nicht das erlittene, nicht das angetane, indem man ein Blatt aus dem Kalender reißt", hatte Hilde Domin kurz nach ihrer Rückkehr gesagt. Um seine Erfahrungen, seien es private oder öffentliche, zu formulieren, bedürfe es eines dreifachen Mutes: des Mutes zur eigenen Identität; des Mutes, die Erfahrung wahrhaftig zu benennen und des Mutes, an die Anrufbarkeit des Menschen zu glauben. Denn ohne den Glauben an den Menschen könne kein Wort geschrieben werden, weil Dichtung die Kommunikation voraussetze, die sie stifte.
Exemplarisch hat Hilde Domin erfahren, was es heißt, Unrecht zu erleiden, Unsicherheit, Unbehaustheit, Fremdsein, Ausgestoßensein. Im Exil in Santo Domingo begann sie zu schreiben, daher der Name "Domin". Dieser ungeheure Lebensmut, dieses Dennoch-Vertrauen, das ist es wohl, was die Leser ihrer Gedichte nun schon bis in die Enkelgeneration hinein begeistert. Ich habe es bei vielen ihrer Lesungen miterlebt, wie sich Jung und Alt mitreißen ließen, wie der Funke übersprang, als sie mit ihrer hellen, festen Stimme ihre Verse vortrug, als sie mit ihren eindringlichen Worten den Mut zum Leben, den Glauben an die Anrufbarkeit jedes einzelnen direkt in die Herzen der Zuhörer pflanzte.
Schreiben als verpflichtendes Geschenk
Eins ihrer Gedichte, das Gedicht "Abel steh auf", lag der Dichterin besonders am Herzen. Und in unseren Gesprächen hat sie immer wieder betont, dass dies ihr wichtigstes Gedicht sei, das sie bei keiner Lesung zu lesen versäume. "Das Schreiben ist ein Geschenk, welches einem grundlos und zweckfrei zuteil wird. Ich sehe es als verpflichtendes Geschenk an, als Gnade", sagte sie zu mir und ergänzte: "Dass ich das Abel-Gedicht schrieb, das empfinde ich als Gnade. Ich bin dankbar, dass ich es schreiben konnte."
Dieser Aufruf zum Neuanfang, basierend auf einem Grundvertrauen in dies Leben und dem Glauben an das Gute im Menschen - entgegen aller leidvollen Erfahrung und auf nichts begründet als einer liebevollen Hinwendung zum Nächsten -, diese Dennoch-Hoffnung ist ein Spezifikum der Dominschen Lyrik und ihrer gesamten Poetologie. Für Hilde Domin gibt es zwei Hauptgebote, die alle anderen einschließen, beide untrennbar miteinander verbunden: das wahrhaftige Benennen und die Liebe, Liebe als Umkehr der Worte Kains: "Bin ich der Hüter meines Bruders?"
"Abel steh auf
es muß neu gespielt werden
täglich muß es neu gespielt werden
täglich muß die Antwort noch vor uns sein
die Antwort muß ja sein können
wenn du nicht aufstehst Abel
wie soll die Antwort
diese einzig wichtige Antwort
sich je verändern ...
steh auf
damit Kain sagt
damit er es sagen kann
Ich bin dein Hüter
Bruder ...
Abel steh auf
damit es anders anfängt
zwischen uns allen."
Hilde Domin wurde mit vielen wichtigen Preisen ausgezeichnet, zum Beispiel mit dem Meersburger Drostepreis (1971), der Roswitha-Gedenkmedaille der Stadt Gandersheim (1974), dem Friedrich-Hölderlin-Preis (1992), dem Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung (1995). 2004 erhielt sie die Ehrenbürgerschaft der Stadt Heidelberg. Ihre Gedichte wurden in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt.
"Wir setzten den Fuß in die Luft, und sie trug."
Auf dem Heidelberger Bergfriedhof befindet sich ein Doppelgrab mit einer rosa Sandsteinplatte, auf der zu lesen steht: "Wir setzten den Fuß in die Luft, und sie trug." Hilde Domin hat mit dieser Inschrift ihr Dennoch für die Nachwelt festgehalten: den utopischen Glauben, dass die Luft trägt.
Literatur
Ilka Scheidgen: Hilde Domin - Dichterin des Dennoch. Kaufmann Verlag, Lahr 2009 (4. Auflage), 248 Seiten, Euro 19,95.
Hilde Domin: Sämtliche Gedichte. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2009, 351 Seiten, Euro 16,-.
Hilde Domin / Andreas Felger: Im Vorbeigehn. Präsenz Verlag 2009, Hünfelden 2009, 63 Seiten, Euro 14,90.
Erschienen in zeitzeichen Juli 07/2009.

