Jetzt ist es raus
Die Beichte floriert - in den Medien. Das Fiese daran verweist auf das Nötige
Die große Beichte vor Fernsehkameras ist immer noch Quotengarantin. Was aber zieht die Leute vor den Fernseher, was in entsprechende Chatrooms, und wieso werfen die Beichtfreudigen alle Hemmungen über Bord?
Der Mann schwitzt. Tropfen hängen in den Stirnfalten und lösen sich langsam zu einem Rinnsal. Er beißt die Lippen zusammen. Seine Augen fixieren den Boden im Studio. Auf den Bänken gegenüber werden die Zuschauer unruhig. "Gib dir einen Ruck", sagt die Moderatorin mit weicher Stimme. Noch etwas anderes klingt mit. Ungeduld. "Nun mach schon, Georg. Dann geht es dir besser. Sag deiner Frau, was du auf dem Herzen hast." Der Mann stammelt. "Ich liebe Frauenkleider. Wenn du auf der Arbeit bist, ziehe ich sie heimlich an. Der Lippenstift am Kragen ist nicht von einer anderen Frau. Er ist von dir. Ich habe ihn mir ausgeborgt." Das Publikum grölt und pfeift. Die Moderatorin: "Mensch, Georg, jetzt ist es raus. Wie fühlst du dich?" Der Mann, der Georg heißt - in Talkshows duzen sich alle - zuckt mit den Achseln.
Aus dem Verborgenen geholt
Eine typische Szene in einer Nachmittagstalkshow, wie sie seit Jahren über den Bildschirm in die deutschen Wohnzimmer übertragen wird. Hier werden täglich Beichten inszeniert. Familiengeheimnisse werden ans Tageslicht gezogen, Bekenntnisse gefordert, unter Tränen oder mit kaltem Grinsen heimliche Gedanken oder offensichtlich böse Taten ausgesprochen. Ob Ehebruch und Kuckuckskinder, Liebesverrat, Diebstahl und Betrug, verborgene Gefühle werden unter dem gleißenden Licht der immer gleichen Settings offenbar. Ein billiges Vergnügen, für das es nur einen gestylten Moderator braucht, dessen Kleidungsstil leicht zu imitieren ist, weshalb die Markennamen von Jeans und Kleid im Abspann immer gleich mitgenannt werden.
Vorbei die Zeit, als ein bekannter Fernsehpfarrer für Seriosität und religiöse Güte stand, wenn es darum ging, Menschen über innerste Geheimnisse und Ängste, über schlimme Phantasien und grausame Erlebnisse reden zu lassen. Die Beichtmütter und Beichtväter von heute sehen frisch und sportlich aus. Sie brauchen kein Kollar, sondern nur ein wenig Geschick darin, die Sympathie zwischen Publikum und Gästen so zu verteilen, dass der Fluss der zu erwartenden Bekenntnisse nicht gehindert wird und die Neugier der grölenden, klatschenden oder auch betroffenen Menschen nicht in Aggressivität umschlägt, oder - was schlimmer wäre - in Langeweile.
Unheimliches Vergnügen
Wer der guten alten Beichte auf die Spur kommen will, kann sich die Nachmittage vor dem Fernseher nicht ersparen. Medienwissenschaftler haben dieses Phänomen lang und breit untersucht. Und wie kann eine Gesellschaft so ein unheimliches Vergnügen daran haben, dass Menschen ihr Innerstes ausgerechnet vor einem Millionenpublikum nach außen kehren?
Nicht die ganze Gesellschaft, würden Experten nun einschränken. Diese Sendungen, die auch als "Confessional Talk", als "Bekenntnisgespräch" bezeichnet werden, werden nur von einem bestimmten Teil der Zuschauer gesehen. "Unterschichtenfernsehen" heißt das im herablassenden Ton des Feuilletons.
Das Format des "Beicht-Talks", wie deutsche Fernsehkritiker auch sagen können, ist immer wieder untersucht worden. Suggeriert das Fernsehen als Wohnzimmermedium eine vertraute Atmosphäre, die von den Millionen Fremder abstrahieren kann, vor denen man seine Seele entblößt? Ist die Verzweiflung und Einsamkeit so groß, dass Menschen nur noch hier die Wahrheit über sich selbst sagen können? Oder braucht man für das Phänomen der medial inszenierten Beichte eine zynischere Perspektive? Da ist von Gästen die Rede, die in jeder Talkshow mit einer anderen schlimmen Lebensgeschichte von sich reden machen. Alles nur gelogen. Alles nur gekauft.
Alles nur gelogen.
Alles nur gekauft.
Dem Erfolg des Fernsehformats können solche Enthüllungsgeschichten nichts anhaben. Denn auch Politiker, Prominente und solche, die sich dafür halten, packen aus, abends, in besser ausgeleuchteten Studios mit seriöseren Moderatoren. Sie reden über Ehebrüche und Sterbefälle, über Drogen und Doping, über Steuerhinterziehung und über unmoralische Geldgeschäfte. Definitiv keine Unterschicht, die da redegewandt über Geheimnisse plaudert. Sich Erleichterung verschaffen vor einem Millionenpublikum, das ist überraschend attraktiv, wird doch der Verlust der Privatsphäre von den selben Menschen beklagt, die hier so geschickt trauern, büßen oder beichten.
Zur Inszenierung von Authentizität trägt die öffentliche Beichte offenbar bei. Umfragen zeigen, dass das öffentliche Eingestehen von Schwächen und Fehlern, ja sogar von Verbrechen, sympathisch macht. Da wundert man sich eigentlich, dass sich die Manager von Banken im Fernsehen immer noch so rar machen ...
Darstellung einer öffentlichen Beichte durch den ersten evangelischen Stadtpfarrer von Wittenberg, den Reformator Johannes Bugenhagen (1485-1558), aus dem Jahr 1540.
Offensichtlich ist die Rede von der Beichte im theologisch ernsthaften Sinne jedoch mit Vorsicht zu genießen, sieht man sich den "Confessional Talk" einmal genauer an. Liegt bei der christlichen Beichte die Betonung in der Zusage der Vergebung, also im freimachenden Wort der Liebe und Gnade, die Menschen wieder neu durchatmen lässt, konzentrieren sich die medialen Beichtgeschäfte auf die Offenbarung der schmutzigen Details.
Eine Art massenhafter Selbstberuhigung.
Wer sollte auch Absolution erteilen? Kerner, Beckmann und Co? Oder gar das Publikum, das zum Voyeur wird, wenn es in die dunklen Seelen der Fernsehgesichter schauen kann?
Echte Sehnsucht
Vielleicht liegt die Erleichterung darin, dass auch andere nicht besser sind als man selbst. Eine Art massenhafter Selbstberuhigung. Oder siegt doch das boshafte Vergnügen am Unglück anderer? Der Schwerpunkt ist so verrutscht, dass die Ursprungsidee der Beichte ziemlich pervertiert wird.
Die Sehnsucht danach, an irgendeiner Stelle auch die schwärzesten Geheimnisse loszuwerden, ist allerdings echt und kann durch keine Inszenierung korrumpiert werden. Das zeigt eine Recherche im Internet. Da gibt es die Seite "Flirt-Bekenntnisse", wo Männer und Frauen ihr Herz über harmlose oder schlimme Liebespatzer ausschütten können. Kommentiert wird das Herzeleid dann von einer anonymen Gemeinschaft solidarisch Mitleidender. Es gibt Tipps und Häme, neue Geschichten und durchaus hilfreiche Hinweise. Ein harmloser Spaß.
10.000 freundliche Knuffe und Küsse
Wer lieber via gute alte Post seine Lebensbeichte loswerden will, kann an eine Adresse in Tübingen schreiben. Die besten oder traurigsten Geschichten werden dann anonym als Buch veröffentlicht. Es gibt Blogs für "schlechte Gewissen" oder eine Seite mit dem schönen Titel "Gruppenumarmung", wo die Benutzer, die sich einloggen, wenn?s ihnen mal richtig schlecht geht, um eine virtuelle Umarmung nachfragen. Wenn die Geschichte rührt, gibt es bis zu zehntausend freundliche Knuffe und Küsse. Wie die sich wohl anfühlen?
Auf der Suche nach Spuren der Beichte stoße ich spätabends auf einen elektronischen Gesprächsraum, einen Chatroom, der erahnen lässt, wozu die Sehnsucht nach einem offenen Ohr für die Gewissensnöte treiben kann. Hier kann ich nicht nur die Ursache meines quälenden Gewissens anonym offenbaren, die anderen Teilnehmer agieren auch wie ein anonymes Richterkollegium und befinden über meine Schuld. "Habe in Gedanken gestern zehn Frauen ausgezogen, obwohl ich eine Freundin habe." Heißt es in einem Eintrag. Darunter steht die Bewertung durch die Jury: zu 84 Prozent nicht schuldig.
Maßstäbe der Bewertung
Bei einer Mutter, die bekennt, ihre kleine Tochter für zwei Stunden ins Kinderzimmer eingesperrt zu haben, weil sie mit den Nerven am Ende war, ist die Jury nicht so gnädig. Zu 64 Prozent schuldig. Schuldig wem gegenüber, frage ich mich. Und woher kommt der Maßstab für die Bewertung einer Handlung? Im "Beichthaus.com" könnte ich auch ohne Richterschaft meine geheimsten Sorgen loswerden. Wie andere, die mir ihre traurigen Geschichten offenbaren.
Christen sollen einander Beichtväter und Beichtmütter sein, hat Martin Luther einmal gesagt. Was würde er sagen, wenn ich ihn einen Tag lang an mein Notebook ließe? Neuen Medien gegenüber war er ja bekanntlich ziemlich aufgeschlossen, Massenmedien allzumal. Schließlich hat er sich der Medientechnik seiner Zeit mit großer Meisterschaft bedient: der Revolution des Johannes Gutenberg, die es möglich machte, Schriften in hoher Auflage schnell unter die Leute zu bringen. Den vorschnellen kulturkritischen Gestus verkneife ich mir also lieber, auch wenn ich mir wirklich nicht vorstellen kann, wie eine virtuelle Umarmung die Verzweiflung lösen soll.
Aufführung von Klischees
"Ich bin eine Hure und trotzdem eine gute Mutter." So ein trotziges Bekenntnis lockt die Zuschauer vor das Nachmittagsprogramm eines privaten Fernsehsenders. Doch letztlich erfahren wir nichts, was Aufschluss über die Lebensgeschichte dieser Frau gibt. Die Tränen und der Triumph gegenüber den anderen Gästen, die laut ihr Unverständnis artikulieren, kaschieren nur geschickt, dass die wahren Geheimnisse dieser Frau im Dunkeln bleiben. Deshalb bleibt mir ein fahler Beigeschmack.
Wenn das eine Beichte sein soll, dann bleibt sie in den Anfängen stecken. Die Kleidung der Frau mit dem passgenauen Namen Desiree (schwarzes Ledermini, rote Stiefel), die Geschichte, die sie erzählt, ihre beherzte Art, ausschließlich zu dem Vokabular zu greifen, das man sich selbst und seinen Kindern streng verbietet, da wird ein Klischee zur Aufführung gebracht.
Das Internet ist da schon vielschichtiger. Natürlich gibt es auch hier dunkle Ecken für spektakuläre Schlafzimmergeheimnisse und Phantasien, die bis an die Grenze des Kriminellen gehen (und vermutlich oft darüber hinaus). Hier ist aber auch ein Platz, wo Menschen ernsthaft Kontakt zu Gleichgesinnten suchen, wo sie ihre Geschichte erzählen, so erzählen wollen, dass jemand zuhört, und wo sie - ja, das gibt es auch - befreiende Worte des Zuspruchs und der Vergebung erhoffen. Das Unsagbare, ja das Unsägliche, kann hier ausgesprochen werden.
Ratschläge für Ehebrecher
Hier liegt offensichtlich der erste Schritt zur Erleichterung der Gewissen. "Ich habe meinen Mann betrogen. Soll ich?s ihm sagen oder aus Liebe zu ihm verschweigen?" Die Antworten der Internetgemeinde sind überraschend überlegt, werden vorsichtig und ohne erhobenen Zeigefinger vorgetragen. Die einen plädieren fürs Verheimlichen. "Jetzt weißt Du, wie unnötig dein Seitensprung war. Lass es in Zukunft", schreibt der Beichtenden jemand ins Stammbuch. "Du musst ihm die Wahrheit sagen, auch wenn es wehtut. Du redest dir nur ein, dass du ihn schützen willst. Vielleicht bist du einfach feige. Aber auf einer Lüge kann keine Liebe aufbauen", meint eine andere Stimme. Mahnend, ein wenig schonungslos, weise.
Siebenunddreißig Antworten hat die Ehebrecherin bekommen. Siebenunddreißig mehr oder weniger hilfreiche Kommentare. Einer lautet: "Erwarte nicht, dass wir dich entlasten. Das kann nur dein Mann. Und Gott. Vielleicht. Wenn man an so was glaubt."
Virtueller Beichtstuhl,
elektronischer Rosenkranz,
automatische Absolution
Auf meiner Suche nach den Beichtstühlen der Gegenwart stoße ich endlich auch auf Angebote der Kirchen. Sogar einen virtuellen Beichtstuhl inklusive liturgischer Formulierungen und eines elektronischen Rosenkranzes finde ich. Hier gibt es die Absolution automatisch, nach der Beichte. Ob man sich hier eher aufgehoben fühlt als im Chatroom für Liebesdesaster?
Irgendwann tun mir die Augen weh. Ich habe genug von den Lebensbeichten der leichteren und schweren Art, von den tragischen und manchmal auch komischen Geschichten, von Liebesverrat und banalem Steuerbetrug. Die fremden Geschichten hängen wie eine traurige Wolke im Zimmer.
Wie um Himmels willen konnten wir Christinnen und Christen die Beichte nur so gering schätzen und für veraltet halten, wenn die Sehnsucht nach einem Ort für die Selbstoffenbarung so ungebrochen ist wie die Hoffnung auf Freispruch und das Bedürfnis nach Wiederanerkennung? Man mag die Nase rümpfen über die fiese Lust an den schmutzigen Geheimnissen, die Menschen Nachmittag für Nachmittag vor den Fernseher treibt, weil für eine halbe Stunde der Eindruck entsteht, so schlimm sei das eigene Leben gar nicht, gemessen an den extremen Geschichten derer, die im Studio nervös in den Sesseln zappeln.
Existenzielles Unbehagen
Das existenzielle Unbehagen, das sichere Gefühl für Schuld und Verantwortung und die unerschütterliche Hoffnung auf einen Resonanzraum, in dem die eigene Lebensbeichte nicht ungehört verhallt, ist auch nach dem Ende eines alltäglich eingeübten Beichtverhaltens in christlicher Tradition geblieben. Manchmal bis zur Unkenntlichkeit verzerrt und um seine religiöse Pointe beraubt, aber doch als bleibende Erinnerung an eine Form, in der die Thematisierung der eigenen Lebensgeschichte mit all ihren dunklen Geheimnissen aufgehoben ist. Grund genug, eine evangelische Beichtpraxis wiederzubeleben.
Erschienen in zeitzeichen September 09/2009.

