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Purer Wahnsinn

Die "Mad Scenes" der ­Opernliteratur

Ralf Neite

Wahnsinn sei die "allgemeine Bezeichnung der Seelenstörungen überhaupt, im beschränkten Sinne derjenige Exaltationszustand der geistigen Tätigkeit, dessen Wesen in einer krankhaft gesteigerten Einbildungskraft" besteht. Kein Zweifel: Wenn es dafür eine Kunstform gibt, ist es die Oper.

Wahnsinn sei im gewöhnlichen Sprachgebrauch die "allgemeine Bezeichnung der Seelenstörungen überhaupt, im beschränkten Sinne derjenige Exaltationszustand der geistigen Tätigkeit, dessen Wesen in einer krankhaft gesteigerten Einbildungskraft mit den daraus hervorgehenden ausschweifenden Wahnvorstellungen besteht", erfahren wir in Meyers Großem Konversationslexikon. Kein Zweifel: Wenn es ei­ne Kunstform gibt, die für solche Exaltationszustände prädestiniert sein muss, ist es die Oper.

Bis zum ausgehenden 18. Jahrhundert kannte die Oper kaum mehr als die milde, humorvolle Seite des Wahnsinns. Im 19. Jahrhundert trat jedoch ein Wandel zutage: Die Oper entdeckte die tragische Heldin, die angesichts folgenschwerer Missverständnisse oder Enttäuschungen in der Liebe den Verstand verlor. Diese entrückten Zustände wurden mit halsbrecherischen Koloraturen ausgemalt, in denen die Sängerinnen ihre ganze Virtuosität entfalten konnten. Die Wahnsinnsarie begann einen Siegeszug, an dessen Höhepunkt das Publikum regelrecht auf den Moment wartete, in dem die Heldin zusammenbrechen würde.

            Auf den Zusammenruch der Heldin warten

Die französische Sopranistin Natalie Dessay ist nun auf die gar nicht verrückte Idee gekommen, lauter Wahnsinn auf eine CD zu packen. Ihre neue Aufnahme Mad Scenes führt sie alle zueinander: die Ophelia aus Ambroise Thomas' Hamlet, die Elvira aus Bellinis I Puritani, Dinorah aus Giacomo Meyerbeers Le Pardon de Ploermel, und natürlich die berühmteste Entrückte der Opernwelt, Lucia di Lammermoor aus Donizettis gleichnamigem Werk. Als Seelenverwandte aus dem 20. Jahrhundert komplettiert Cunegonde aus Bernsteins Candide die illustre Runde.

Nun könnte man annehmen, dass einem der versammelte Wahnsinn auf den Geist gehen könnte. Doch dazu sind die Rollen von ihren Schöpfern zu vielseitig und -schichtig angelegt: Nachdenkliche Momente und glückliche Erinnerungen sind die hellen Seiten des Themas, die durchaus nicht zu kurz kommen und die Wirkung des Sturzes in schwärzeste Abgründe noch verstärken.

Zum anderen ist da die Hauptakteurin, die in der Rolle der Ophelia übrigens in dieser Spielzeit an der New Yorker "Met" zu sehen ist - und via Satelliten-Liveschaltung am 27. März auch in ausgewählten deutschen Großstadtkinos. Natalie Dessay verbindet ihre großartige Stimme und makellose Gesangstechnik mit einem dramatischen Gespür, das dem Hörer nahe geht. "Für mich ist das Eintauchen in den Wahnsinn häufig wie ein Wechsel zwischen intensiven Augenblicken des Leidens und der Sehnsucht nach einem anderen Ort, wo alles noch möglich wäre", sagt die Künstlerin. Und so klingt es auch.

Natalie Dessay - Mad Scenes. Donizetti, Bellini, Thomas, Meyerbeer, Bernstein. Virgin Classics 699 469 0.

Erschienen in zeitzeichen Dezember 12/2009.

 

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