Vor allem Leben
Wie ich als feministische Neutestamentlerin den Tod Jesu verstehe
Wenn die frühen Christen sich an den gekreuzigten Christus erinnerten, dachten sie an seine Auferweckung: Gott hat die Gewalt des Todes und damit ganz konkret die Gewalt des Römischen Reiches überwunden. So steht das Kreuz für das Leiden unter dieser Macht und zugleich für die Auferstehung.
"Wie kann man so etwas heute eigentlich immer noch sagen? Ich glaube das nicht." Anna bleibt vor dem Schaukasten der Kirchengemeinde stehen. "Durch sein Blut versöhnt" steht über der Darstellung des gekreuzigten Christus. "Glaubst du das etwa?" Sie schaut mich auffordernd an. Was soll ich ihr antworten? Alle möglichen Erklärungen zum Sühnopfer im Ersten Testament (Altes Testament, die Red.) fallen mir ein und die Versöhnungstheologie des Paulus, Ausführungen dazu, was Blut alles bedeuten kann - vor allem Leben. Doch dieses Plakat will alle diese Differenzierungen nicht zum Ausdruck bringen, es stellt vielmehr den grausamen Foltertod am Kreuz in den Mittelpunkt und schreibt ihm Heilsbedeutung zu. Es fordert eine klare Reaktion. "Nein", sage ich. "So glaube ich das auch nicht."
Wir gehen ein Stück schweigend weiter. "Weißt du", Annas Stimme klingt ernst, "nun bin ich fast siebzig Jahre alt und habe es mir über viele Jahre mühsam erarbeiten müssen, ein gutes Gefühl zu mir und meinem Körper zu entwickeln. Von meiner Mutter habe ich ständig zu hören bekommen, dass wir Menschen sündig sind und stets daran denken sollen, dass der Herr Jesus für uns gestorben ist. Für uns junge Mädchen bedeutete das, dass wir uns ja nicht schön machen durften, alles was mit dem Körper zu tun hatte, war unanständig. Jesus hat sich für uns aufgeopfert, deshalb sollten wir das auch tun - für den Mann, die Kinder, die Kirchengemeinde. Und wenn die Frauen dann unter sich waren, haben sie immer nur gejammert. Dem wollte ich ein für alle mal entfliehen und bin schon in den Siebzigerjahren Feministin geworden. In dieser Zeit wollte ich mit Kirche nichts mehr zu tun haben. Die stand für all das, was ich abgelehnt habe: Unterdrückung der Frauen, Körper- und Sexualitätsfeindlichkeit, Starrheit und Dogmatismus - alles im Namen eines sadistischen Gottes, der seinen Sohn geopfert hat und das angeblich aus Liebe."
Aufforderung zur Selbstaufgabe?
Ich überlege, was ich dazu sagen kann. Ich bin 1966 geboren und habe vieles ganz anders erlebt. Wenn mich jemand aufgefordert hätte, dass ich mich für Familie und Kirche aufopfern solle, hätte ich nur verständnislos mit den Schultern gezuckt. Meine Kritik an der Opfertheologie, die ich im Studium kennen gelernt habe, richtet sich vor allem dagegen, Gewalt einen theologischen Sinn zu geben.
Anna unterbricht meine Gedanken. "Kannst du mir mal erklären, was es mit dieser Sühnopfertheologie eigentlich auf sich hat? Verstehst du als feministische Theologin die Texte im Neuen Testament anders?"
Ich will es versuchen. Wir verabreden uns für den nächsten Nachmittag in meinem Arbeitszimmer. Am Telefon hatte mir Anna noch ihre Enkelin Lena angekündigt, die im Religionsunterricht ein Referat zum Thema Sühnopfer halten soll. "Sie findet das mit dem Blut eklig", hatte Anna gesagt, "und möchte gern wissen, was eigentlich Abendmahl und Sühnopfer miteinander zu tun haben."
In meinem Regal gibt es eine Reihe feministisch-theologischer Entwürfe, die ich zur Vorbereitung lese. Sie setzen an der Wirkungsgeschichte der Rede vom Opfer an und machen deutlich, dass diese oft dazu gedient hat, Gewalt zu verharmlosen und religiös zu legitimieren.
Als problematisch wird vor allem der undifferenzierte Gebrauch des deutschen Wortes "Opfer" gesehen. Es umfasst drei Dimensionen, die in anderen Sprachen - so auch im Griechischen und Hebräischen - mit unterschiedlichen Worten wiedergegeben werden: 1. Gewaltopfer: englisch: victim 2. kultisches Opfer: englisch: sacrifice 3. übertragen: sich auf-opfern.
Verzerrte Vorstellung
Wirkungsgeschichtlich hat dies dazu geführt, dass ein kultisches Verständnis des Opfers, das Dank, Segenszusage, Gabe, die Verarbeitung von Schuld, Heiligung und Gerechtigkeit bedeuten kann, mit dem Aspekt des gewaltsamen Todes Jesu verbunden wurde. Wenn im Deutschen das Wort Opfer verwendet wird, steht deshalb häufig die Vorstellung des Sühnopfers im Vordergrund, das auf den gewaltsamen Tod Jesu bezogen wird. In den neutestamentlichen Schriften steht das Sühnopfer jedoch eher am Rande. Wenn von Opfer, thysia, die Rede ist, ist häufig etwas ganz anderes gemeint. Kreuzigung und Opfer haben zunächst nichts miteinander zu tun.
Opfervorstellungen, die sich im Ersten Testament mit dem Kult am Jerusalemer Tempel verbinden, setzen unterschiedliche Aspekte miteinander in Beziehung: Die Frage nach gutem Leben, nach Schuld und der Möglichkeit, sie zu verarbeiten, sich mit den Mitmenschen und Gott zu versöhnen. Zentral ist hier die Frage, wie ein Lebensverhältnis zu Gott geschaffen werden kann. Schuld- und Sühnopfer haben ihre Bedeutung in Situationen, die von Gewalt bestimmt sind, von Ungerechtigkeit, an denen Menschen sich als Täter und MittäterInnen beteiligen und nach Auswegen aus allen diesen Verstrickungen suchen.
Der Jom Kippur, der große Versöhnungstag, an dem ursprünglich das Sühnopfer im Allerheiligsten des Tempels dargebracht wurde, wird auch im heutigen Israel als besonderer Tag gefeiert, als Tag der Versöhnung und des Neuanfangs. Mit kultischen Opfern wurde Gott Dank gesagt für seine Gaben, für neugeborene Kinder, für die Ernte. All das wurde nicht als selbstverständlich und menschengemacht verstanden. Es gab Rauch-, Brand-, Dank- und Schul-, Speise- und Tieropfer ? eine Fülle von Anordnungen zum Beispiel im 3. Mosebuch zeigen dies. Das Leben, der Alltag und seine Bezüge wurden im Verhältnis zu Gott verstanden.Den biblischen Anordnungen - mögen sie auch noch so technisch und unverständlich klingen - ging es darum, den Alltag als heilig zu verstehen, das ganze Leben als Gottesdienst.
Ich bitte Lena, im Glossar der "Bibel in gerechter Sprache" die hebräischen und griechischen Wörter vorzulesen, die die unterschiedlichen Opferarten bezeichnen: sebach, schelamim, mincha, ola, chattat, thysia.
Professor Frank Crüsemann schreibt dort zum neutestamentlichen Verständnis: "Wo die allgemeine Opfersprache (thysia) gebraucht wird, kann man nicht von dem breiten biblischen Gebrauch absehen, dass Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und der Lobpreis für Gott die wichtigsten, von Gott gewollten Opfer sind."
In vielen deutschen Bibelübersetzungen wird das griechische Wort thysia mit dem Wort Opfer wiedergegeben, wodurch dessen vielfältige Dimensionen kaum mehr sichtbar werden. In Römer 12,1 bezeichnet dieses Wort dagegen die gesamte Existenz als Gabe für Gott, als Handeln in Gerechtigkeit und solidarischer Gemeinschaft. Die Körper der Menschen und ihr Alltag werden durchlässig für Gottes heilige Gegenwart.
Durchlässig für Gottes Gegenwart
Feministische Exegetinnen haben deutlich gemacht: Es ist wichtig, den sozial- und religionsgeschichtlichen Hintergrund der Rede vom Sühnopfer zu beachten, um die neutestamentlichen Aussagen verstehen zu können. Ihr Kontext ist die römische Besatzung Israels. Die andauernde Erniedrigung, Vergewaltigung, Versklavung wird als Verunreinigung gedeutet, als Folge der Schreckensherrschaft der Sünde. Dass selbst der Messias getötet wurde, ist Anlass von Verzweiflung über den augenscheinlichen Triumph des Bösen: Kann Leben in Heiligkeit und Gottesnähe angesichts der Übermacht von Gewalt und zwangsläufigem Schuldigwerden noch möglich sein?
Wie Sünde darf auch Sühne nicht individuell-moralisch verstanden werden. Sie ist im Zusammenhang der Kreuzigung Jesu als politisch-religiöse Kategorie und Sprache des Widerstands zu verstehen. Das Land bedarf der (kultischen) Reinigung. Als wichtig für die Deutung des Lebens und des Todes Jesu als Sühnopfer ist eine Tradition jüdischer Martyriumstheologie anzusehen. In dieser wird das Festhalten an der Tora und der Widerstand fremden Herrschern gegenüber mit der grausamen Folge des Martyriumstodes als Sühnopfer für die Sünden des Volkes verstanden. Das Sterben der Widerstandskämpfer und -kämpferinnen, ihr Verzicht auf Gewalt und Gegengewalt erfährt dabei eine nachträgliche Deutung. Ihr mutiges gewaltfreies Handeln wird als geschichtlicher Wendepunkt gedeutet, mit dem die Versöhnung zwischen jüdischem Volk und Gott möglich geworden ist. Diese Deutung entspringt einer späteren nachträglichen Perspektive von Menschen, die diesen Widerstand als Neuanfang und Ermutigung für ihr eigenes Leben sehen. Nur so ist es denkbar, dass von ihrer Ermordung in kultischen Kategorien erzählt werden konnte.
Lebenskraft
Paulus bezeichnet Jesus in Römer 3,25 als hilasterion, als Lebens- und Versöhnungszeichen, und spielt damit auf das Sühnopferritual im Tempel an. Der Kontext im Brief an die Gemeinde in Rom ist die Erfahrung von Gewalt, an der Juden und Jüdinnen wie die Menschen aus den Völkern mitschuldig werden (vgl. Römer 3,9-20). Diese Situation bedarf der Sühne, eines weltumgreifenden Versöhnungstages, damit ein Neuanfang für alle möglich werden kann ? so Paulus. Auf der Bildebene wird das Blut Jesu hier mit dem des Opfertiers gleichgesetzt, das an den Altar gesprengt wurde. Im Tempelkult symbolisiert es Leben und Neuanfang, der Blick richtet sich dabei nicht auf das Sterben. Denn im Blut sitzt nach biblischem Verständnis das Leben. Blut gilt als Träger der Lebenskraft von Mensch und Tier. Ihm wird sühnende, schützende, reinigende und heiligende Kraft zugeschrieben.
Auch im Neuen Testament symbolisiert Blut Leben und Neuanfang, es bezieht sich auf Jesu ganzes Leben und bezieht auch die Ermordung am Kreuz mit ein. Doch nicht der Tod hat Heilsbedeutung, sondern allein das Versöhnungshandeln Gottes, das in der Auferweckung des Messias erfahrbar wird. Die Bezeichnung Jesu als hilasterion, als Versöhnungszeichen, ist für Paulus ein Bild der Ermutigung, mit dem er zum Ausdruck bringen will: Auch angesichts des Todes ist mit Leben zu rechnen, Leben, das von Gott geschenkt ist. Alle können neu anfangen und in der Gegenwart des auferweckten Messias leben - im soma Christou, im Körper Christi.
"Habe ich dich richtig verstanden?", unterbricht mich Anna. "Durch sein Blut versöhnt heißt durch sein Leben versöhnt?" Ja, Blut bedeutet Leben, umfasst aber auch das Sterben. Für Paulus ist die wichtigste Botschaft in diesem Zusammenhang: Gott hat den ermordeten Messias auferweckt und damit die Mächte des Todes besiegt. "Aber warum, denken wir dann, dass der Tod uns mit Gott versöhnt hat?", schaltet sich nun auch Lena in das Gespräch ein. "Das, was du jetzt erzählst, habe ich so noch nicht gehört. Ich dachte immer, dass es nur um den Tod und die Kreuzigung geht, dass Jesus sich für uns geopfert hat."
Überwindung der Gewalt
Ich erkläre ihr, dass der Theologe Anselm von Canterbury, der im 11. bis 12. Jahrhundert gelebt hat, die christliche Deutung des Todes Jesu geprägt hat. Er entwickelte die sogenannte Satisfaktionstheorie, wonach die vom Menschen in der Sünde Gott zugefügte Beleidigung nur durch den Kreuzestod des Gottmenschen Jesus wieder gut gemacht werden kann. Auch wenn das heute kaum mehr so vertreten wird, bleibt doch der Gedanke bestimmend, dass Jesus sich hingegeben hat, um uns mit Gott zu versöhnen. Und wenn wir heute "Kreuz" hören, denken wir an diesen Tod.
Für die Menschen im ersten Jahrhundert waren Kreuzigungen vielfach grausame Realität. Die Kreuzigung war die römische Todesstrafe für SklavInnen und Aufständische, die zu Tausenden brutal getötet wurden. Wenn sie an den gekreuzigten Christus erinnerten, dachten sie an seine Auferweckung: Gott hat dem Tod nicht das letzte Wort gelassen. Gott hat die Gewalt des Todes und damit ganz konkret die Gewalt des Römischen Reiches überwunden. So steht das Kreuz für das Leiden unter dieser Macht und zugleich für die Auferstehung.
"Aber wie ist es denn nun beim Abendmahl? Wenn der Pfarrer den Kelch herumreicht, sagt er immer: 'Christi Blut für dich vergossen.' Mir wird dann ganz anders und ich versuche, nicht an Blut zudenken, wenn ich trinke." Lena verzieht das Gesicht. "Geht es da doch wieder um das Sühnopfer?"
Darüber gibt es unterschiedliche Ansichten. Meiner Auffassung nach hat das Abendmahl nichts mit der Vorstellung eines Sühnopfers zu tun. Jesu Worte: "Dieser Becher ist der neue Bund durch mein Blut. Das tut, sooft ihr trinkt, zur Erinnerung an mich." (1. Kor 11,25) verweisen vielmehr auf die Erneuerung des Bundes zwischen Gott und seinem Volk (2. Mosebuch, Kapitel 34), in den nun alle, die zum Leib Christi gehören, einbezogen werden. Ich selbst spreche bei der Austeilung des Abendmahls andere Worte, die auf die Gemeinschaft und Heilung verweisen. Und auch wenn ich das Abendmahl empfange, höre ich bei den Einsetzungsworten: "Christi Lebenskraft für dich gegeben" und spüre wie sie mich erfüllt. Ich kann dann gestärkt und mit neuem Mut an meinen Platz zurückgehen.
"Endlich verstehe ich, worum es geht!" Lena lacht ihre Großmutter an, "aber glaubt bloß nicht, dass ich das jetzt in meinem Referat Feministische Theologie nenne. Dann denken nachher alle, ich hätte etwas gegen Männer." Anna schaut sie fragend an: "Und wie denn dann?" Lena denkt einen Moment nach. "Wie findet ihr: Theologie des Lebens?"
Claudia Janssen ist Privatdozentin für Neues Testament an der Universität Marburg.
Erschienen in zeitzeichen März 03/2010.

