zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

Wunder der Liebe

Brautbriefe eines Pietisten

Bettine Reichelt

Wenn man das schmale Bändchen in den Händen hält und da und dort in den Text hineinschaut, fragt man sich unwillkürlich, ob es wohl in den kommenden Jahrhunderten auch Zeitzeugnisse dieser Art geben wird.

Vor 180 Jahren, im Jahr 1830, begann Karl Johann Philipp Spitta seinen Dienst als Vertreter des Garnisonspredigers in der Gemeinde in Grohnde. Der zu seiner Zeit bekannte und beliebte Theologe und Dichter geistlicher Lieder hatte vermutlich im Alter von zwölf Jahren sein erstes Gedicht geschrieben, ein Danklied. 1833 veröffentlichte ein Freund eine erste Sammlung geistlicher Lieder, "Psalter und Harfe", die sehr erfolgreich war. Ein Jahr später lernte Spitta Ludwig Hotzen kennen. Es entwickelte sich eine Freundschaft zur Familie. Unter den Kindern war Johanne Marie Magdalene ihm "in ihrem Wesen die liebste". Die Freundschaft zur Familie vertiefte sich nach dem Tod des Vaters im September 1834. Im Sommer 1836 eröffnete sich für Spitta, er war mittlerweile 35 Jahre alt, die Möglichkeit einer festen Anstellung.

Überraschend warb er um Johanne Marie Magdalene Hotzen, die zweitälteste, 17-jährige Tochter. Er bat am 9. September 1836 Maries Mutter darum, um sie werben zu dürfen. Sie stimmte dem zu, wenn auch Marie ihr Ja-Wort geben würde. Nur wenig später wurde die Verlobung gefeiert - 1996 entdeckte man im Nachlass eines Enkels eine Sammlung an Briefen. Es waren die Briefe Spittas an seine Braut.

Wenn man das schmale Bändchen in den Händen hält und da und dort in den Text hineinschaut, fragt man sich unwillkürlich, ob es wohl in den kommenden Jahrhunderten auch Zeitzeugnisse dieser Art geben wird. Oder werden dann E-Mails und SMS als Anhang an die interessierten Leser versandt? Spitta war von der unromantischen Versendung elektronischer Daten weit entfernt. Die 88 Briefe sind ein besonderes Zeugnis dieser Brautzeit, das heute wohl kaum noch so zu finden sein wird. Spitta erzählt seiner Braut nicht nur immer wieder vom Wunder der Liebe, sondern auch von seinem Glauben. Liebe ist für ihn eine göttliche Gabe. Sie hat ihre Wurzeln im Vertrauen auf Gott und ist ein außergewöhnliches Geschenk.

              

Göttliche Gabe

Mehr und mehr wächst die Zuneigung zwischen den beiden. Tiefer und tiefer werden die Beziehungen zwischen den Familien. Die Leser begleiten die beiden auf dem Weg wachsender Vertrautheit. Und sie erhalten Einblick in die Probleme, mit denen Spitta in seinem Dienst zu kämpfen hatte. Zugleich erfahren sie auch zahlreiche Einzelheiten über Sitten und Gewohnheiten des 19. Jahrhunderts und über die Arbeit als Seelsorger der Garnisonsgemeinde. Daneben spielt der Alltag der Liebenden eine große Rolle: die Wetterverhältnisse, die wiederholt Besuche unmöglich machen, Erkrankungen und liebevolle Aufmerksamkeiten, die Spitta und seine Braut einander zukommen lassen.

Besonders bewegend sind die Schilderungen seiner Erfahrungen als Anhänger des pietistischen Glaubens, für den man ihn verunglimpft und der dazu führt, dass er in Hameln nicht bleiben kann. In Absätzen über dem Text und in gelegentlichen Fußnoten finden sich einige hilfreiche Erklärungen, die das Nachvollziehen der Geschichte sehr erleichtern. So findet sich dort etwa ein Gedicht aus dieser Zeit des Abschieds:
"Mein Gott, was ich gewünscht, / hast du mir nicht verliehen; / vom liebgewordnen Ort / soll ich zum fremden ziehen. /  Doch weil ich weiß, / du bist 's, /der mich gerufen: Geh! / so bin ich gern bereit, / dein Wille nur gescheh."

Theologisch Interessierte finden eine Fülle an Informationen über den Glauben Spittas. Für alle, die seine Lieder aus dem Gesangbuch kennen, eröffnet das Bändchen einen sehr persönlichen Zugang zu dem Menschen Philipp Spitta, seinen Hoffnungen und Wünschen. Auch die fast bilderbuchgleiche Liebe der Verlobten, ihr Ringen um Lösungen in den speziellen Bedingungen ihres Lebens, ihrer Zeit und ihrer Kultur geben einen Rahmen, der den Band zu einer wertvollen und spannenden Lektüre werden lässt.

Walter Schmithals (Hg.): Karl Johann Philipp Spitta. Briefe an seine Braut. Vandenhoek & Ruprecht. Göttingen 2009, 165 Seiten, Euro 24, 90.

Erschienen in zeitzeichen Januar 01/2010.

 

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