Von den Kindern lernen
Ist Kindergottesdienst passé? Im Gegenteil - jetzt kommen sogar die Eltern
Die offiziellen EKD-Statistik sieht einen Rückgang der Besucher im Kindergottesdienst auf zuletzt 145.000. Doch dies werde der Realität nicht gerecht, monieren Kindergottesdienst-Beauftragte. Die Kinderkirche erreiche bis zu 10 Prozent der getauften Kinder und sei damit besser besucht als die Angebote für Erwachsene.
Wer die offizielle EKD-Statistik zu Rate zieht, könnte den Mut verlieren: Sie signalisiert seit 2004 einen kontinuierlichen Rückgang der Besucher im Kindergottesdienst auf zuletzt 145.000. Doch die einmal jährliche Zählung am Sonntag Invokavit werde der Realität nicht gerecht, monieren die kirchlichen Kindergottesdienst-Beauftragten. Sie machen eine andere Rechnung auf: Die Kinderkirche, zu der Mädchen und Jungen vor allem im Kindergarten- und Grundschulalter kommen, erreiche bis zu 10 Prozent der Getauften dieser Jahrgänge und sei damit besser besucht als die Angebote für Erwachsene.
"Wir sind nicht auf dem absteigenden Ast, vielmehr differenziert sich das Angebot aus", sagt Pfarrerin Kerstin Othmer-Haake von der Evangelischen Kirche von Westfalen. Neben den all-sonntäglichen Kindergottesdienst sind eine Reihe alternativer Modelle getreten, die von der kirchenamtlichen Statistik nicht erfasst werden. Vierzehntägige oder monatliche Feiern am Sonntag gehören ebenso dazu wie mehrstündige Angebote am Samstagvormittag - zum Beispiel der "KinderKirchenMorgen" (KiKiMo) in Porta Westfalica-Barkhausen.
Auf Veränderungen reagieren
Das Volk Israel ist sauer auf seinen Anführer. "Wir haben Hunger, gib uns Brot", rufen die Kinder, stampfen mit den Füßen auf. Gramgebeugt geht Moses alias Presbyter Manfred Schulz beiseite, betet und verspricht dem Not leidenden Volk Hilfe. "Brot, das vom Himmel fiel" lautet diesmal das Motto beim KiKiMo, der jeden ersten Samstag im Monat stattfindet. Heute sind an die vierzig kleine Gäste gekommen.
Der KiKiMo war vor zehn Jahren das erste derartige Angebot im westfälischen Kirchenkreis Minden - mehrere Gemeinden sind inzwischen gefolgt. In Barkhausen brachte damals kaum noch jemand seine Sprösslinge sonntags in die Kirche. "Nur eine Handvoll Katechumenen war da", erinnert sich Presbyter Schulz.
Die Gemeinde suchte eine Antwort auf das veränderte Freizeitverhalten: Langes Ausschlafen, ausgiebiges gemeinsames Frühstück, Ausflüge - was in der Woche nicht geht, möchten Familien gerne am Sonntag genießen. Am Samstag jedoch, der mit Einkäufen und Erledigungen ausgefüllt ist, sind Eltern froh, ihre Kleinen für drei Stunden in Obhut zu wissen. "Natürlich ist das auch eine Form von Kinderbetreuung", räumt Pastorin Mirjam Philipps ein, im Kirchenkreis Minden Beauftragte für den Kindergottesdienst. Doch erreichten Gemeinden, die eine Umstellung gewagt hätten, mehr Kinder mit der biblischen Botschaft, vor allem auch zusätzliche: "Kinder, die sonntags kommen, stammen oft aus kirchlich sozialisierten Familien, wo die Eltern zum zeitgleichen Erwachsenengottesdienst gehen."
Philipps kennt aber auch blühende Kindergottesdienste am Sonntag und weiß um die Vorteile: "Die Kinder erfahren den Sonntag als regelmäßigen Ruhetag, bekommen einen größeren Schatz an Geschichten und Liedern mit auf den Weg und können Gebete und Glaubensbekenntnis leichter verinnerlichen." Umso wichtiger ist es ihr, dass Angebote wie der KiKiMo als Gottesdienste erkennbar sind: Liturgischer Anfang und Schluss gehören dazu.
"Er hält die ganze Welt in seiner Hand": Die Kinder in der Kirche zu Barkhausen singen und klatschen. Nach einem Gebet erzählt der Pfarrer vom Zug des Volkes durch die Wüste und dem Brotwunder. Dann wechseln alle, getrennt nach Altersgruppen, ins Gemeindehaus. Bei den Zweit- und Drittklässlern liegt eine braune Wolldecke auf dem Tisch, darauf Steine und etwas Sand - die Wüste. Kinder und Mitarbeiter spielen die Moses-Geschichte nach. Auf dem Boden sitzend, teilen sie drei kleine süße Brote. Später warten ein gesundes Frühstück und eine längere Spielphase auf der grünen Wiese, ehe es zum Schlusssegen wieder in die Kirche geht.
Kürzere Gottesdienste als eine Möglichkeit
Mit 20 bis 25 Minuten ist der Kindergottesdienst in der Erfurter Predigerkirche viel kürzer. Dafür findet er jeden Sonntag statt, "auch in den Ferien", betont die Theologin Susanne Böhm, die hier ehrenamtlich mitarbeitet. Nach der gemeinsam mit den Erwachsenen gehaltenen Eingangsliturgie wandern zwischen zehn und 20 Mädchen und Jungen in andere Räume, sitzen im Kreis auf Kissen und hören nach den Eingangsworten die biblische Geschichte. Mit Spiel, Tanz und Malen wird das Thema vertieft. Nach einem Segen gehen die Kleinen zurück zu den Großen. "Gemeinsamer Beginn und Abschluss sind in unserer Landeskirche die Regel", sagt Susanne Böhm, die hauptberuflich in der "Projektstelle Kindergottesdienst" der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) arbeitet. Gefeiert wird in der EKM zu 85 Prozent am Sonntag, wobei ein Trend zum monatlichen oder zweiwöchentlichen Rhythmus zu beobachten ist.
Von der Gesamttagung in Erfurt - erstmals fand das Treffen in Ostdeutschland statt - erhofft sich Böhm eine "neue Mobilisierung" für den Kindergottesdienst. In der EKM werde dieser nur in 10 Prozent der Gemeinden gefeiert. Seit Mitte der Neunzigerjahre sei ein Einbruch zu verzeichnen, den sie unter anderem auf die Streichung zahlreicher Stellen von Katechetinnen zurückführt. Diese seien es meist gewesen, die neben der in den ostdeutschen Kirchen üblichen "Christenlehre" den Kindergottesdienst aufrechterhielten. "Aus dem Blick der Pfarrer und Pfarrerinnen war er oft verschwunden und hatte keine starke Lobby", so Susanne Böhm. Die EKM erkannte das Defizit und reagierte mit der Errichtung der Projektstelle auf den erhöhten Bedarf an Begleitung.
Jochem Westhof, Referent für Kindergottesdienst in der Nordelbischen Kirche, sorgt sich wegen der rückläufigen Beteiligung von Pfarrern und anderen Hauptamtlichen. Ein Drittel der ehrenamtlichen Mitarbeiterkreise muss im Kindergottesdienst ohne Unterstützung auskommen, ein Viertel ist auch bei der Vorbereitung auf sich gestellt. Früher brachten die meisten Vikare eigene Erfahrungen aus der Kinderkirche mit. Das hat sich geändert: "Die Regel ist, dass angehende Pastoren das Feld nicht kennen", sagt Westhof. Nach langen Bemühungen ist es ihm jetzt gelungen, das Thema in die Pfarrer-Ausbildung hineinzubekommen.
Gottesdienst auch am Samstag
In Nordelbien sind wöchentliche Kindergottesdienste inzwischen in der Minderheit: 60 Prozent werden einmal im Monat gefeiert. Der Anteil der Samstags-Veranstaltungen liegt bei knapp einem Drittel. "Bei uns hat dieser Trend den Höhepunkt überschritten. Manche gehen bewusst auf den Sonntag zurück", erklärt Westhof. Er beklagt, dass ein Viertel der nordelbischen Gemeinden keine regelmäßigen Kindergottesdienste anbietet: "Würden Erwachsenengottesdienste einfach ausfallen, stünde bald der Propst auf der Matte."
In Bayern dagegen ist die Kinderkirche am Sonntag - noch - unangefochten: 95 Prozent der Gottesdienste finden dann statt, allerdings auch hier nur zur Hälfte wöchentlich. Bislang seien es meist Diaspora-Gemeinden gewesen, die auf alternative Modelle wie den monatlichen Rhythmus umgeschwenkt seien, so Kindergottesdienstpfarrer Markus Hildebrandt Rambe. Etwa fünf Prozent wählten den Samstag. Neuerdings gebe es aber auch aus den evangelischen Stammlanden in Franken mehr Wünsche nach Beratung, wenn das traditionelle Angebot nicht mehr so gut läuft: "Kommen weniger als fünf, sechs Kinder, macht es denen bald keinen Spaß mehr", sagt Rambe. Nach einer Umstellung erreiche man mehr Kinder - unter der Voraussetzung, dass jedes Mal gezielt eingeladen wird. Nächstes Jahr will er eine neue Arbeitshilfe zum Thema Werbung herausgeben.
Bessere Kenntnisse der Liturgie
für Ehrenamtliche
Geplant ist auch, Ehrenamtliche stärker im Bereich der Liturgie zu schulen: Denn nur die Hälfte der Teams erhält regelmäßige professionelle Begleitung. In Bayern ist der Kindergottesdienst in der Pfarrer-Ausbildung fest verankert, ebenso in Westfalen und dem Rheinland. "Das wollen wir überall erreichen", erklärt Pfarrer Erhard Reschke-Rank, Theologischer Sekretär des Gesamtverbandes für Kindergottesdienst in der EKD und damit einziger Hauptamtlicher auf Bundesebene.
In Baden wird über die Information im Predigerseminar hinaus jährlich eine Kurswoche für Pfarrvikare über die Kinderkirche angeboten. Die rund 600 Kindergottesdienste werden von etwa 8.000 Kindern besucht. Während im ländlichen Raum oft dreißig Gäste zusammen kommen, gibt es andernorts auch kleine Veranstaltungen mit fünf bis acht Kindern. Gemeinden, die einen Neustart versuchen wollen, rät der Verband für Kindergottesdienste der Landeskirche dazu, andere Modelle, zum Beispiel das "Promiseland"-Konzept zu prüfen - benannt nach der Kinderkirche der amerikanischen Willow Creek Church mit Spielstraße, Plenum und Kleingruppen.
"Die Umsetzung von Promiseland (deutsch: verheißenes Land) ist nicht abhängig von einer evangelikalen Theologie", betont Dekan Martin Treiber, der Vorsitzende des badischen Verbandes. Etwa dreißig landeskirchliche Gemeinden unterschiedlicher Prägung arbeiten nach dem Modell, das an hiesige Verhältnisse angepasst wurde. "Wir haben die liturgischen Elemente verstärkt und sehen eine größere Vielfalt der Verkündigungsformen vor", so Treiber. Die Besucherzahl solcher Gottesdienste schwankt zwischen dreißig und achtzig.
Evangelikales Vorbild
In anderen Landeskirchen ist eine Distanz zu Promiseland erkennbar, wenngleich die Erfolge einzelner Gemeinden anerkannt werden. "Im Grunde ist es nichts anderes als ein gut gemachter Bibelnachmittag", sagt der rheinische Landespfarrer Rüdiger Maschwitz. In seiner Landeskirche besuchen 20.000 Kinder die Kindergottesdienste - jedes zwölfte Kirchenmitglied unter zwölf Jahren.
Anders als in Ostdeutschland ist in Rheinland und Westfalen eher die eigenständige Kinderkirche die Regel, die zeitgleich mit dem Erwachsenengottesdienst oder erst danach beginnt. Letzteres hat den Vorteil, dass Pfarrer mit dabei sein können. Als ergänzendes Angebot haben Maschwitz und andere das Konzept der "Familienkirche" entwickelt, bei dem Erwachsene und Kinder zur Verkündigung in Gruppen auseinander gehen und mit verschiedenen erfahrungsorientierten Methoden am gleichen Bibeltext arbeiten.
Die zunehmende Präsenz von Eltern im Kindergottesdienst ist nicht nur in der rheinischen Landeskirche ein Phänomen: Sie fühlen sich von der elementaren Weise der biblischen Verkündigung angesprochen oder sind angerührt, gemeinsam mit Kindern Abendmahl zu feiern, wie es vielerorts inzwischen möglich ist. Die Kinderkirche in der Dortmunder Innenstadt, wo die westfälische Kindergottesdienst-Beauftragte Kerstin Othmer-Haake ehrenamtlich mitarbeitet, hat sich zu einem generationenübergreifenden Gottesdienst entwickelt. Drei City-Gemeinden feiern jeden Sonntag gemeinsam in St. Marien, und unter den bis zu fünfzig Besuchern sind fast die Hälfte Eltern.
Beziehungspflege
Das war nicht immer so: Anfangs saß Othmer-Haake mit den eigenen Sprösslingen manchmal alleine da. "Wir haben aber einfach nicht aufgehört." Geduldige Beziehungspflege zu den Kindergärten, die lebendige Begleitung durch eine Kirchenmusikerin und regelmäßige Tauffeiern brachten über die Jahre den Aufschwung. Einmal im Monat bleiben die Eltern aus der Dortmunder Innenstadt auch am Sonntagnachmittag zusammen: In Hauskreisen sprechen sie weiter über die Bibel, Gott und die Welt.
Erschienen in zeitzeichen November 11/2009.

