zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

Glaubwürdig

Margot Käßmann ist die die neue Frau an der Spitze der EKD

Helmut Kremers

Von Anfang vertrat Margot Käßmann die Kirche da, wo sich etwas tat, im Weltkirchenrat oder als Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentages. Kathedertheologie ist ihre Sache nicht. Aber vielleicht wird sie den Gemeinden das Gefühl nehmen, dass da zu viel über ihren Kopf hinweggeht. Schwierig wird es in der Ökumene. 

(Foto: epd/ Norbert Neetz)
(Foto: epd/ Norbert Neetz)

Seit Jahren hat man damit gerechnet, und so ist es auch gekommen: Bischöfin Margot Käßmann folgt Bischof Wolfgang Huber im Vorsitz des Rates der EKD. Ganz selbstverständlich war das nicht: So lange als Nachfolgerin gehandelt zu werden, kann auch das strahlendste Image abnutzen. Nicht so bei Käßmann. Ihr Bild in der Öffentlichkeit hat sich als beständig erwiesen. Vielleicht, weil sie es vermied, als Prätendentin aufzutreten: Ehrgeiz hat sie, aber dass es ein verzehrender wäre, glaubt eigentlich niemand. Man nimmt ihr ab, dass es ihr in aller erster Linie um die Sache geht.

Die vergangenen Jahre waren für die 51-Jährige alles andere als leicht. Auch das war für die Wahl von mindestens unterschwelliger Bedeutung. Erst 2007 ihre Scheidung nach 26 Jahren Ehe: Gar nicht so wenige sich als konservativ verstehende Kirchenmitglieder, auch solche in hohen Leitungsämtern, meinten, so etwas gehöre sich nicht für eine Bischöfin, schließlich habe sie eine Vorbildfunktion, schließlich gebe es ein neutestamentliches Scheidungsverbot (ei­ne we­nig überzeugende Auslegung) und sie beschädige gar das Amt, wenn sie nicht als Landesbischöfin zurück­trete.

Kein Würdepopanz

Doch, siehe da: Sehr viele Menschen in der Kirche unterstützten die Angegriffene darin, zu bleiben, durchzuhalten, zu zeigen, dass das "Amt" kein Würdepopanz ist, den der oder die Inhaberin gefälligst nach überkommenen Vorstellungen auszufüllen hat. Nicht das Amt bekleidet den Menschen, sondern umgekehrt. Ein Amt ist so glaubwürdig wie der Mensch, dem dies aufgetragen ist - nur so ist's gut evangelisch. Glaubwürdig blieb Margot Käßmann und ein Vorbild dazu, etwa in der Art und Weise, wie sie ihre Krebserkrankung getragen hat.

Dass so und nicht anders eine große Mehrheit in der Kirche denkt, spiegelt sich offenbar auch in der Synode wieder. Die Wahl wurde ein glänzender Erfolg für Käßmann: In den Rat wurde sie im ers­ten Wahlgang gewählt, ebenso zur Vor­sit­zenden. Alle anderen Bischöfe lagen weit hinter ihrem Ergebnis, ja, sie wurden von der Synode geradezu os­tentativ mit schmalen Stimmanteilen bedacht.

Nun ist die promovierte Theologin also die Repräsentantin des deutschen Protestantismus. Längst ist sie keine Unbekannte mehr, weder in der Kirche noch in der Öffentlichkeit. Als Botschafterin des Glaubens und einer geerdeten, menschlichen Kirche ist sie ein Markenzeichen in der modernen Medienlandschaft. Auch davon muss geredet werden, denn die Medienwirksamkeit gehört dazu, ohne sie lässt sich heute kaum noch eine Botschaft an den Menschen bringen.

                                                          Grenzen und Gaben

Wie Käßmann diesen Anspruch einlöst, in der ihr ganz eigenen Weise, das entlastet sie nicht zuletzt davon, en detail an ihrem Vorgänger Wolfgang Hu­ber gemessen zu werden. Nur im Generellen sind sie sich ähnlich: Zwei profilierte Persönlichkeiten mit außergewöhnlicher Außenwirkung. Darüber hinaus sind sie sehr unterschiedlich, beide mit eigenen Gaben.

Wolfgang Huber, Theologieprofessor, intellektuell immer brillant, medienwirksam, nie darum verlegen, schwierige Sachverhalte zu erläutern, klar in seinen Positionen, jemand, der sich mühelos Respekt verschafft. Zugleich markiert seine intellektuelle Ausstrahlung die Grenze seiner Wirkmöglichkeiten - er taugt nicht zum Kö­nig der Herzen. Das mag ihn manchmal heimlich geschmerzt haben, aber, wie anders, niemand kann alles haben.

Königin der Herzen - ja, Käßmann kommt dem trivialen, aber fasslichen Bild näher. Von Anfang vertrat sie die Kirche da, wo sich etwas tat, sei’s im Weltkirchenrat oder als Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentages. Kathedertheologie ist ihre Sache nicht. Auch sie kann nicht alles haben; dass sie Theologieprofessoren wegen ihrer Theologie verehren werden, wird sie eher nicht erwarten.

            Für die Emanzipation der Frau

Aber sie steht auch für eindeutige Positionen. So für die Gleichberechtigung und die Emanzipation der Frau. Während des enthusiastischen Applauses nach ihrer Wahl waren gestandene Frauen zu beobachten, die zu Tränen gerührt waren - hier war eben auch in besonderem Maße ihre Kandidatin gewählt worden. Natürlich ist dies auch der Grund, weshalb streng konservative Kreise der Wahl skeptisch bis kritisch gegenüberstehen. Sie haben auch nicht vergessen, dass sie seinerzeit energisch darauf bestanden hat, die "Bibel in gerechter Sprache" sei eine Übersetzung im herkömmlichen Sinne.

Aber in ihrer bisherigen Amtszeit als hannoversche Bischöfin hat Käßmann längst bewiesen, dass sie keine Vertreterin nur eines Flügel in der Kirche ist, auch die meisten Evangelikalen hat sie längst auf ihrer Seite. In der Synode selbst freilich scheinen die liberalen Christen zu überwiegen. Darauf ließ auch die Wahl ihres Stellvertreters schließen: Nikolaus Schneider, Präses der rheinischen Landeskirche,

Käßmann hat nun Prozesse fortzuführen, die Bischof Huber auf den Weg gebracht hat. Zunächst ist da natürlich an den Reformprozess unter dem Titel "Kirche der Freiheit" zu denken. Es ist kaum zu bezweifeln, dass sie sich diesem mit Energie widmen wird. Aber vielleicht wird sie doch Licht und Schatten ein wenig anders verteilen, vielleicht den Gemeinden das immer noch nicht ganz verflogene Gefühl nehmen, dass da zu viel über ihren Kopf hinweggeht, den Argwohn, es handele sich um eine Sache unter dem Kommando des EKD-Kirchenamtes.

             Klarere, geistlichere Sprache

An der Marke "Kirche der Freiheit" hat sie schon leise Kritik geübt: Sie könne verstehen, wenn Katholiken dies als Abgrenzung empfänden. Hier gilt es wohl, die "Kirche der Freiheit" deutlicher dem "semper reformanda" zuzugesellen: Nicht nur um eine De­monstration von Selbstgewissheit geht es, sondern um eine Zielvorstellung,
um ein Leuchtfeuer, das es anzusteuern gilt.

Vielleicht wird Margot Käßmann ja auch einen indirekten Einfluss auf die Sprache kirchlicher Verlautbarungen nehmen - nach dem Motto: einfacher, klarer, geistlicher. Zu wünschen wäre es. Die Sprache im Impulspapier "Kirche der Freiheit" wirkte eben doch über weite Strecken wie ausgeliehen. Und der EKD-Text zur Sterbebegleitung von 2008 klingt wie ein juristisches Gutachten, von Experten für Experten. Ein klares geistliches Wort in einer klaren geistlichen Sprache könnte mehr sein, auch und gerade, weil es dann interpretiert und immer wieder neu interpretiert werden muss.

Was Sterbebegleitung und Sterbehilfe angeht, so hat Käßmann sich vorsichtig von der bisherigen kirchlichen Rigorosität distanziert. Zwar lehnt sie Sterbehilfe im Schweizer Dignitas-Stil ab, doch gebe es Grenzbereiche in der Palliativmedizin, wo Maßnahmen lebensverkürzend wirken können - kurzfristige Lebenszeitverlängerung dürfe da nicht im Vordergrund stehen. In der Tat wird man in Zukunft stärker auf die Wünsche der Menschen nach Entscheidungsfreiheit hören müssen. Zu sehr sind die kirchlichen Stellungnahmen bisher von der Furcht vor einem Dammbruch in Richtung Euthanasie bestimmt.

            Ökumenische Perspektive

Schwierig wird es in der Ökumene. Für einige Kirchen ist eine Frau im Bischofsamt schon fast der Gottseibeiuns. Dass aber die Russische Orthodoxe Kirche prompt den Dialog mit der EKD, seit fünfzig Jahren geführt, eingestellt hat, war denn doch eine Überraschung. Vorher hatte es Stimmen gegeben, die meinten, man hätte auf orthodoxe Empfindlichkeiten Rücksicht nehmen sollen. Umgekehrt wird ein Schuh draus: Es zeigt sich, weshalb eine "Ökumene der Profile" Not tut.

Nicht wenige versprechen sich von Margot Käßmanns Emotionalität und Ausstrahlung eine missionarische Wirkung, erwarten geradezu, sie möchte mehr als andere neue Mitglieder für die evangelische Kirche gewinnen. Käßmann bremste: "Ich werde diese Erwartung nicht erfüllen." Eine Person allein könne das nicht leisten. Recht hat sie. Auch wenn sie, auf ihre Weise, eine Menschenfischerin ist. Sie wird es weiterhin sein.

Erschienen in zeitzeichen Dezember 12/2009.

 

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