zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

Ein Becher Schokolade

Palästinensischer Bischof steht an der Spitze des Lutherischen Weltbundes (LWB)

Jürgen Wandel

Munib Younan, der neue Präsident des Lutherischen Weltbundes (LWB), steht vor großen Herausforderungen. In seiner sechsjährigen Amtszeit könnten sich die Konflikte zwischen den 145 Mitgliedskirchen des LWB verschärfen.

(Foto: epd/ Norbert Neetz)
(Foto: epd/ Norbert Neetz)

Schon nach den ersten Sätzen hat Munib Younan seine Zuhörer gewonnen. "Es war ein Becher Schokolade, der mich zum ersten Mal mit der lutherischen Weltgemeinschaft verband", beginnt der Palästinenser seine Wahlrede vor der elften Vollversammlung des lwb im Stuttgarter Kongresszentrum. Auf dem Becher habe gestanden: "Eine Gabe des Lutherischen Weltbundes". Die Schokolade habe ihn, den Schüler der Martin-Luther-Schule in Jerusalem, aber nicht nur körperlich gestärkt. Sie habe ihm auch lutherische Theologie nahegebracht und "Gottes Liebe gelehrt". Und er habe sich immer gefragt, wie er sich für "die großzügige Liebe" der Lutheraner revanchieren könne. Denn "Silber und Gold" hätte seine Eltern als palästinensische Flüchtlinge ja nicht besessen. In Stuttgart kandidiert der 59-Jährige - ohne Mitbewerber - für das höchste Amt des Weltluthertums. Und er wird mit 300 zu 23 Stimmen, bei 37 Enthaltungen gewählt.

   Rhetorisches und politisches Geschick

Auch bei der Pressekonferenz nach seiner Wahl zeigt der kleine Mann mit dem großen Bischofskreuz rhetorisches und politisches Geschick. Mal gibt er sich auskunftsfreudig, mal wortkarg. Dass Frauen das Pfarramt offensteht, wie in seiner Kirche, hält Younan für einen "integralen Teil lutherischer Identität". Der Frage, ob die "Juden Gottes auserwähltes Volk" seien, weicht der Palästinenser dagegen aus. Sie lasse sich nicht mit wenigen Sätzen beantworten.

Dass das möglich ist, zeigt freilich das "Kairos-Palästina-Dokument", das Younan mit anderen palästinensischen Kirchenführern unterzeichnet hat. Darin wird behauptet, Gott habe "die Patriarchen, die Propheten und die Apostel mit einem universellen Auftrag für die Welt in dieses Land" geschickt. Und das Heilige Land sei "wie alle Länder auf der Welt Gottesland".

Sollte Younan diese Auffassung auch als LWB-Präsident vertreten, ist der Streit vorprogrammiert. Schließlich hat die EKD in ihrer Studie "Christen und Juden III" festgestellt: "Die von palästinensischen Christen geforderte Universalisierung aller biblischen Aussagen über das Land widerspricht der biblischen Einsicht, dass Gott sich selbst unauflöslich an das jüdische Volk gebunden hat. Bund und Land aber gehören zusammen".

                                           Vertreter einer Minikirche

Dabei ist Younan kein Scharfmacher. Vor fünf Jahren hat der Bischof den "Rat der Religiösen Institutionen des Heiligen Landes" mitbegründet, dem auch Israels Oberrabbinat angehört. Und seine Landsleute forderte er auf, das Trauma ernst zu nehmen, das der Massenmord der Nazis für die Juden bedeutet.

Younan ist der erste Präsident des LWB, der aus einer Minikirche kommt. Die "Evangelisch-Lutherische Kirche in Jordanien und im Heiligen Land", der er seit zwei Jahren vorsteht, umfasst gerade einmal 3.000 Mitglieder. Das ist in Deutschland oft die Richtzahl für eine Pfarrstelle.

Kleine Länder können bei internationalen Konflikten oft besser vermitteln als große. Das könnte auch Younans Chance bei zukünftigen Auseinandersetzungen im Lutherischen Weltbund sein. Und die stehen ins Haus. 2012 enden die Gespräche, die die Mitgliedskirchen seit drei Jahren über das Thema "Familie, Ehe und Sexualität" führen. Dabei ist vor allem die Bewertung der Homosexualität strittig. Der neue LWB-Präsident könnte als ehrlicher Makler akzeptiert werden. Denn er hat sich in dieser Frage bisher bedeckt gehalten, auch bei der Pressekonferenz in Stuttgart. Und er kommt weder aus Europa noch aus den USA.

Gleichzeitig kennt Younan, der seit Jahren im LWB aktiv ist, den Westen: Er hat in Chicago und Helsinki Theologie studiert.
Die lutherische Kirche der USA, deren Leitender Bischof der bisherige lwb-Präsident Mark Hanson ist, beschloss im vergangenen Jahr, das Pfarramt auch Schwulen und Lesben zu öffnen, die in einer Partnerschaft leben. Und die lutherische Kirche Schwedens stellte, einer entsprechenden Gesetzesänderung des Staates folgend, die Segnung homosexueller Paare der Trauung heterosexueller Paare gleich. Beides hat Lutheraner aus Osteuropa, Afrika und Asien empört. Und s

So schwebte das Thema Homosexualität wie ein Damoklesschert über der Stuttgarter Vollversammlung. Im Kongresszentrum konnte man eine Stecknadel fallen hören, als Elisa Buberwa ans Mikrofon trat. Doch der tansanische Bischof begnügte sich mit einem allgemeinen Appell zur Geduld.

       Homo-Ehe "verhängnisvoll"

Deutlicher waren er und seine neunzehn Bischofskollegen zu Beginn des Jahres geworden. In ihrer "Donoma-Erklärung" stellten sie fest, die Homo-Ehe sei "verhängnisvoll und ein Dorn im Leib unseres Herrn Jesus Christus". Pfarrer und andere Mitglieder lutherischer Kirchen, die "in gleichgeschlechtlicher Partnerschaft leben oder diese unterstützen" seien in ihrer Kirche "unwillkommen". Verglichen mit den Äußerungen anderer afrikanischer Kirchenführer klingt das noch mild. Schließlich drohten die Tansanier, deren Kirche rasant wächst, nicht mit der Spaltung des LWB.

Wer von einer solchen profitieren könnte, wurde in Stuttgart deutlich: der "Internationale Lutherische Rat", ein Zusammenschluss von 34 altlutherischen Kirchen. Das Grußwort, das sein Präsident Gerald Kieschnick mit unbewegter Miene vortrug, klang wie eine Einladung an die Lutheraner, denen der LWB zu liberal geworden ist. Der amerikanische Geistliche, der zur konservativen "Lutherischen Kirche - Missouri-Synode" gehört, klagte, "viele heilige Wahrheiten der Bibel", die die Reformation wieder entdeckt hätten, "drohten verloren zu gehen". Und er erinnerte daran, dass seine Organisation Homosexualität im vergangenen Jahr "als Verstoß gegen den Willen Gottes" verurteilt habe.

Im Mittelpunkt des Stuttgarter Treffens stand aber nicht Spaltung, sondern Versöhnung - mit den Mennoniten. Der Name dieser Freikirche geht auf den holländischen Priester Menno Simons (1496-1561) zurück, der evangelisch wurde, aber im Unterschied zu den Reformatoren die Säuglingstaufe ablehnte. Seine Anhänger wurden von Lutheranern, Reformierten und Katholiken als "Wiedertäufer" blutig verfolgt.

        Mennoniten um Vergebung gebeten

Die über dreihundert Delegieren des Lutherischen Weltbund baten die Mennoniten - und viele knieten dabei - um Vergebung "für das Leiden, das unsere Vorfahren den Täufern zugefügt haben" und "für alle unzutreffenden, irreführenden und verletzenden Darstellungen?" Danisa Ndlovu, der Präsident der Mennotischen Weltkonferenz, nahm die Bitte um Versöhnung an. Und er versicherte, seine Glaubensgemeinschaft verpflichte sich, eine "stärkere Zusammenarbeit" mit den Lutheranern "anzustreben".

Wttembergs Reformator Johannes Brenz (1499-570), der ein paar hundert Meter vom Stuttgarter Kongresszentrum entfernt beerdigt ist, hätte sich gefreut. Denn er hatte sich 1528, anders als Luther und Melanchthon, gegen die Hinrichtung von Wiedertäufern ausgesprochen.

Erschienen in zeitzeichen September 09/2010.

 

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