zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

Paulus als Antiheld

Der Völkerapostel als Romanfigur

Antje Eddelbüttel

Der amerikanische Neutestamentler David Trobisch hat einen Paulus-Roman vorgelegt, der auf dem Stand der gegenwärtigen Forschung die letzten zwölf Monate im Leben des Apostels erzählend zu rekonstruieren versucht. Erklärtes Ziel dieses Romans ist es, das "Bild einer schwer zugänglichen und widersprüchlichen Persönlichkeit" zu vermitteln und eine "ganz andere Geschichte über Paulus und seine Zeit" zu erzählen. Anders als Lukas in der Apostelgeschichte jedenfalls, der bis heute unser Bild von Paulus dominiert.

Zu diesem Zweck greift Trobisch auf die in der Forschung allgemein für echt gehaltenen Paulusbriefe zurück - Römer, Korinther 1 und 2, Galater, Philipper, Thessalonicher 1 und Philemon. Doch auch diese Quellen lassen viele Fragen offen, denn Paulus verfolgte mit diesen Schriften ja keine autobiographischen Absichten. Die entsprechenden Angaben sind den jeweiligen kommunikativen und argumentativen Interessen der Briefe untergeordnet und bleiben entsprechend lückenhaft. Das historische Interesse des Paulusromanciers trifft also permanent auf biographische Leerstellen. Der Erfindungslust sind daher wenig Grenzen gesetzt.

                               Erfindungslust hat wenig Grenzen

Zur eigentlichen Geschichte: Sie beginnt mit der Flucht aus Damaskus, bei der Paulus von seiner (fiktionalen) Schwester Herodias in einem Korb die Mauer hinuntergelassen wird, um einer Verhaftung zu entgehen, und sie endet mit dem Tod des Apostels auf Malta. Der Aufbau des Buches orientiert sich in Anbetracht der Reiseexistenz des Protagonisten an den bereisten Orten. Erzählt wird aus der Perspektive des Sklaven Titus, der dem Apostel von seiner Schwester geschenkt wurde, um ihn auf seinen Reisen durch den Mittelmeerraum zu begleiten.

An dieser Figur lässt sich gut die Problematik eines solchen Romans zeigen. Der historisch, theologisch Gebildete hört nie auf danach zu fragen: War es wirklich so? Soll dieser Titus etwa den Mitarbeiter Titus, den man aus dem Galater- und dem 2. Korintherbrief kennt, verkörpern? Aber war er ein Sklave? Doch eher nicht. Und dem Laien wird nur nach mühsamer Arbeit mit dem Namensregister klar, wann Trobisch auf belegbare historische Gegebenheiten zurückgreift, und wann er ins Fabulieren gerät. Herodias und Helene, Schwester und Ehefrau des Paulus, sind jedenfalls frei erfunden.

Mit besagtem Titus ist ein zweiter Handlungsstrang verknüpft, seine Liebe zu der Sklavin Talitha, einer Anhängerin weiblicher Mysterienkulte. Über sie wird der Leser mit der nichtjüdischen religiösen Umwelt bekanntgemacht. Wichtiger noch für das Verständnis der paulinischen Theologie war jedoch das hellenistische Judentum, aus dem die maßgeblichen Akteure der ersten Generation des noch im Entstehen begriffenen Christentums stammten. Denn erst vor dem Hintergrund der jüdischen Religion sind  die zahlreichen Konflikte zu verstehen, in die Paulus geriet. Etwa die Frage nach dem Verhältnis jüdischer und griechischer Christusgläubiger, nach der Beschneidung oder nach der Rolle der Speisegebote. Kurz: Es ging um die Frage, ob man auch Jude werden muss, wenn man Christ wird. Die Geschichte dieser Auseinandersetzungen illustriert Trobisch sehr plastisch.

           Kein Held

Insgesamt vermittelt der kurzweilige Roman einen Eindruck von den politischen, religiösen und gesellschaftlichen Verhältnissen, in denen sich die ersten christlichen Gemeinden konstituiert haben. Paulus ist hier kein Held, sondern ein Mensch mit Schwächen und inneren Konflikten. Mitunter geht die psychologische Deutung des Apostels allerdings recht weit. Der Clown für Christus gerät  bisweilen zur Karikatur, und die Paradoxie. wonach die Schwachheit des Apostels der Ort ist, an dem sich die Kraft Gottes zeigen kann, geht streckenweise verloren.

Dennoch: So könnte er gewesen sein, dieser widersprüchliche Apostel der Völker. Vielleicht aber auch ganz anders.

David Trobisch: Ein Clown für Christus. Die ganz andere Geschichte über Paulus und seine Zeit. Roman, Gütersloh 2010, 303 Seiten, Euro 19,95.

Erschienen in zeitzeichen Oktober 10/2010.

 

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