zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

Die Pflege braucht eine Lobby

Die Zukunft der Pflege - auch ein Thema auf dem Ökumenischen Kirchentag

Kathrin Jütte

In Deutschland arbeiten zwischen 600.000 und 800.000 Menschen in der Pflege, zumeist Frauen. Wie die Pflegeberufe für die Zukunft attraktiver zu gestalten sind, war auch ein Thema des Kirchentags.

Caritas-Diakonie-Bühne am Marienhof in München. (Foto: Hans-Jürgen Krackher)
Caritas-Diakonie-Bühne am Marienhof in München. (Foto: Hans-Jürgen Krackher)

Sie sind einig: Eine gesellschaftliche Debatte über die Pflege in Deutschland muss her. Die freien Wohlfahrtsverbände wie Diakonie und Caritas setzen sich schon lange dafür ein. Auch Bundesgesundheitsminister Philipp Rös­ler will jetzt eine gesellschaftliche Debatte anstoßen. "Endlich wird die dramatische Situation in der Pflege wahr­genommen", sagte Diakoniepräsident Klaus-Dieter Kottnik beim ÖKT in München.

Wie wichtig es ist, die dramatische Situation in der Pflege wahrzunehmen, zeigt ein Blick auf die Zahlen: Derzeit werden 1,45 Millionen Menschen, also 68 Prozent de­rer, die Pflege benötigen, zuhause und von ihren Familienangehörigen gepflegt. Töchter, Enkelinnen, Schwiegertöchter pflegen zumeist, auch mit Unterstützung von ambulanten Pflegediensten. Und 32 Prozent der Pflegebedürftigen leben in ei­nem Pflegeheim, obwohl die Mehrheit in ihren Wohnungen bleiben will.

Nicht zu vergessen die 115.000 osteuropäischen Frauen, die zur Pflege nach Deutschland kommen. Ihre hohe Zahl zeigt schon jetzt die Nachfrage. Das Problem ist nun: Die Zahl der Pflegebedürftigen wird sich in den nächsten Jahrzehnten verdoppeln. Experten ge­hen für 2040/2050 von 4,5 Millionen Pflegebedürftigen aus.

Zwar sind bislang die Familien in Deutsch­land der größte Pflegedienst, doch das wird sich in Zukunft ändern, zum einen durch sich verändernde Familienstrukturen und die zunehmende Berufstätigkeit von Frauen, zum anderen durch den mangelnden Nachwuchs. Längst weist die Diakonie auf den anstehenden Nachwuchs- und Fachkräftemangel in der Pflege hin. Und die bayerische Landtagspräsidentin Barbara Stamm lieferte beim ÖKT die Fakten: Allein bis 2020, so schätzt sie, werden 650.000 neue Pflegekräfte gesucht.

Eines ist also klar: Wenn Politik und Wohlfahrtsverbände es nicht schaffen, den Pflegeberuf attraktiver zu machen, schlittern Altenheime und ambulante Pflegedienste in den Personalnotstand. Deshalb ist der Mindestlohn für Pflegehilfskräfte, der zum 1. Juli eingeführt wird, ein Schritt in die richtige Richtung. Er ist zwar befristet bis Ende 2014, doch dies wird nichts an seiner Notwendigkeit ändern.

Bislang ist der Beruf der Altenpflegerin ein typischer Frauenberuf: Die meisten arbeiten nur in geringem Teil Vollzeit, sie werden schlecht bezahlt gemessen an ihrer Verantwortung, haben geringe Aufstiegschancen und eine hohe Arbeitsbelastung. Um die miserable Situation zu verbessern, können wirklich nur harte Fakten helfen: verbesserte Ausbildung, attraktivere Arbeitsbedingungen und eine Bezahlung, die nicht abgehängt ist vom allgemeinem Entlohnungsniveau.

Neue Gastarbeiterkultur

Diakoniepräsident Kottnik setzt sich deshalb auch immer wieder für eine Veränderung der Ausbildung ein. So erklärte er auf der Caritas-Diakonie-Bühne am Münchener Marienhof: "Wir in der Pflege stehen in Zukunft in Konkurrenz mit Berufen in Industrie und Handwerk, deshalb müssen wir Attraktivität schaffen." Er forderte eine gemeinsame Grundausbildung in den pflegerischen Berufen und eine darauf aufbauende Spezialisierung. So sei eine höhere Durchlässigkeit zwischen Alten-, Kranken- und Heilerziehungspflege gegeben. Dazu gehöre aber auch die Möglichkeit eines Studiums, um in Leitungsaufgaben hineinzuwachsen.

Wie dringend notwendig ein positives Image in der Altenpflege ist, zeigte auch der Zwischenruf der Caritasfrau Do­ris Schneider, die 28 Altenheimen vor­steht: "Der Großteil unserer Mitarbeiterinnen kommt aus dem Ausland." Sie stellte die nahe liegende Frage: "Brauchen wir eine neue Gastarbeiterkultur?"

Die Herausforderungen an die Kirchengemeinden formulierte Christel Riemann-Hanewinckel von der Evangelischen Aktionsgemeinschaft für Familienfragen: Besuchsdienste, Angebote für die Pflegebedürftigen und Gesprächskreise für deren Angehörige.

Ziel der Diskussion um die Pflege muss unter anderem die Aufwertung des Altenpflegeberufes sein, aber auch die Finanzierung der Pflege und der Pflegeversicherung selbst. Dazu braucht es deutlich mehr Geld. Auch das ist unbestritten. Ob das Geld jedoch durch die Aufstockung der Pflegeversicherung kommt, also durch die Anhebung der Beiträge für gesetzlich Krankenversicherte und deren Arbeitgeber, wie es Diakoniepräsident Kottnik in München forderte, ist jedoch fraglich.
Die Regierungskoalition sieht in ihrem Koalitionsvertrag neben der Pflegeversicherung für alle gesetzlich Krankenversicherten dazu eine obligatorische kapitalgedeckte Zusatzversicherung vor, mit der sich für die Beitragszahler die Lücke zur Teilkaskopflegeversicherung schließen soll. Sie argumentiert mit dem zur Umlagefinanzierung nötigen fehlenden Nachwuchs. Die Opposition hingegen favorisiert eine allgemeine Bürgerversicherung, in die alle Bürgerinnen und Bürger einzahlen und Leistung bekommen, wenn sie sie nötig haben.

Unterschiedliche politische Parteien, unterschiedliche Konzepte. Und im­mer wieder wurde auch auf dem Ökumenischen Kirchentag der Wunsch laut: Die Pflege braucht ei­ne gemeinsame Lobby, um das komplexe Thema besser in das Bewusstsein rufen zu können. Fest steht: Die kommenden Jahre werden zeigen, ob das Thema Pflege solidarisch im Sinn des Sozialstaats entwickelt werden kann. Oder ob Einzelversicherungen die Gesellschaft spalten. Nicht weniger steht auf dem Spiel.

Erschienen in zeitzeichen Juli 07/2010.

 

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