Anspielungen und Bilder
Wie die Verfasser des Neuen Testamentes den Tod Jesu verstehen
Wie ist der Tod Jesu zu verstehen: als stellvertretende Sühne? Als Opfer? Als Tauschhandel? Oder als Selbsthingabe für Freunde? Ein Blick in die Bibel mit der Hilfe eines Exegeten.
Noch um die Mitte des 20. Jahrhunderts schien der Begriff "Sühne" aus der exegetischen Fachdiskussion so gut wie verschwunden zu sein. Dann aber wurde er wieder entdeckt, und in den vergangenen beiden Jahrzehnten wurde über kaum etwas heftiger gestritten. Am einen Ende des Meinungsspektrums steht die These, Jesu Tod lasse sich überhaupt nur als stellvertretendes Sühnopfer angemessen verstehen, am anderen der Negativbefund, dass der Sühnebegriff im Neuen Testament nicht vorkomme, und dazwischen eine Vielzahl von Bibelstellen, um die die unterschiedlichsten Auslegungen miteinander konkurrieren. Die Unterstellung, in der Hitze der Polemik würden künstliche Extreme aufgebaut, täte der Exegetenzunft freilich Unrecht. Die Schwierigkeiten liegen vielmehr in der Sache.
Literarischer Charakter
Da ist zum einen der literarische Charakter der neutestamentlichen Schriften. Die einzige, die die Heilswirksamkeit des Todes Jesu systematisch reflektiert, ist der Hebräerbrief. Der Gedanke, dass Christi Opfertod unsere Sünden beseitigt hat, spielt dort eine Schlüsselrolle, besonders in Kapitel 2, 7 und 9 bis 10. Überall sonst sind es jeweils kaum mehr als zwei oder drei Verse, die von Jesu Tod als einem Heilsgeschehen handeln. In Bildern von hoher poetischer Dichte setzen sie an Denkarbeit oft wesentlich mehr voraus, als sie ausdrücklich mitteilen. Und das bringt die Exegese leicht in die Gefahr, diese Texte zu unterschätzen oder mit Bedeutung zu überfrachten.
Auch die Evangelien, die von Jesu Passion in großer Ausführlichkeit erzählen, lassen jeweils nur sehr kurz und schlaglichtartig hervortreten, dass sein Sterben anderen Menschen zugute kommt. Am deutlichsten geschieht das in den Abendmahlsworten (Markus 14,22-24), der Verheißung an den reuigen Mitgekreuzigten (Lukas 23,43) und
der unwissentlichen Prophezeiung des Kaiphas (Johannes 11,50).
Die andere Schwierigkeit liegt in der Begrifflichkeit. Ausdrücke wie Sühne, Opfer oder Stellvertretung lassen sich zwar leicht zu komplexen Begriffsketten zusammenfügen.
Werden sie aber vorher nicht hinreichend geklärt, kommt es rasch zu Missverständnissen. Die Wörter "sühnen" und "versöhnen" sind etymologisch verwandt; das antiquierte versühnen zeigt das noch deutlicher. In deutschen Bibelübersetzungen geben sie aber ganz verschiedene griechische Vokabeln wieder: Sühnen steht für die Wortgruppe um hilaskomai. Sie wird im Alten Testament wie auch im außerbiblischen Griechisch vorwiegend in religiös-kultischen Zusammenhängen verwendet.
Versöhnen steht dagegen für katallassô und Verwandtes, Ausdrücke, mit denen eher Vorgänge im persönlich-zwischenmenschlichen und im politischen Bereich beschrieben werden. Die Bedeutungen ähneln sich allerdings: Hier wie dort geht es um Beschwichtigung und Ausgleich, um Friede, Eintracht und Wohlwollen, wo vorher Missgunst und Feindschaft herrschten.
Missverständnisse
Ohne biblisches Äquivalent ist das Wort "Stellvertretung". Es hat erst in der Neuzeit eine theologische Karriere gemacht. Aus der Exegese verbannen sollte man es darum aber nicht. Denn besonders einige Stellen in den Paulusbriefen lassen sich mit ihm recht gut auf den Punkt bringen. Und unter einem "Opfer" versteht man gewöhnlich eine Gabe von Menschen an eine Gottheit. Dass der Ausdruck außerdem auch die Geschädigten, Verletzten und Toten von Verbrechen und Katastrophen bezeichnet, mag hier außer Betracht bleiben. Diesem landläufigen Verständnis von Opfer widerspricht allerdings, dass heutige Verfechter einer neutestamentlichen Sühnetheologie in dem sühnenden Opfer Christi gerade nicht eine Gabe an Gott, sondern im Gegenteil eine Gabe Gottes an die Menschheit sehen.
Nun zu einigen Textstellen:
In Markus 10,45 erklärt Jesus, er sei nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern "um zu dienen und sein Leben als Lösegeld für viele dahinzugeben." Die Wendung "sein Leben dahingeben" ist in der damaligen jüdischen Literatur recht verbreitet. Sie besagt nicht notwendig, dass der, der sein Leben dahingibt, es dabei auch verliert, sondern nur, dass er es voll einsetzt (zum Beispiel Apostelgeschichte 15,26). Im Rahmen des Markusevangeliums kommt Jesu Hingabe in seinem Kreuzestod zur Vollendung, schließt aber seinen übrigen Lebenseinsatz sicherlich mit ein.
Der Ausdruck "Lösegeld" lässt heutige Leser an Geiselnahme oder Kindesentführung denken. In antiken Texten bezieht er sich aber meist auf den Freikauf von Sklaven oder Kriegsgefangenen. Dass Jesus sein Leben als Lösegeld einsetzt, heißt also: Durch seine Hingabe hat er viele Menschen befreit. Man kann dabei ebenso an seine Krankenheilungen und Dämonenaustreibungen denken wie an eine durch seinen Tod gewirkte Vergebung von Sünden. Von Opfer oder Sühne handelt Markus 10,45 allerdings nicht.
Angehängtes Sühnemotiv
In Markus 14,22?24 spricht Jesus bei der Austeilung des Brotes: "Dies ist mein Leib", und beim Darreichen des Kelchs: "Dies ist mein Bundesblut, vergossen für viele". Das Motiv des Blutvergießens nimmt Bezug auf seinen Tod. Dass das Blut "für viele" vergossen wird, verleiht ihm Heilsbedeutung. Der Ausdruck "Bundesblut" ist 2. Mose 24,8 entlehnt und spielt auf die beim Bundesschluss am Sinai vollzogenen Opferriten an. Von Sühne ist aber weder dort noch in Markus 14 die Rede. Dieses Motiv kommt erst bei Matthäus hinzu, der in Kapitel 26, Vers 28, an den Wortlaut des Markus "zur Vergebung der Sünden" anhängt. Völlig offen ist freilich, worauf sich im Brot- und im Kelchwort das Demonstrativpronomen "dies" bezieht (dessen Geschlecht im Griechischen den Prädikatsnomina "Leib" und "Blut" entspricht). Brot und Kelch können gemeint sein, aber auch der Austeilungsgestus oder die Gemeinschaft der Feiernden.
In Johannes 1,29 erscheint Jesus als "das Lamm Gottes, das da trägt die Sünde der Welt." Auch hier ist nicht ausdrücklich von Sühne die Rede, aber in der Verbindung der Stichwörter "Lamm" und "Sünde" ist der Gedanke an ein Sühnopfer klar enthalten. In Johannes 19,31-36 wird Jesu Tod zudem mit der Schlachtung eines Passahlamms verglichen. Der Akzent liegt dort aber insofern anders als in 1,29, da dem Passahlamm nach alttestamentlichem Verständnis gar keine Sühnebedeutung zukommt. Vielleicht will Johannes 19 darum auch nicht Jesu Tod eine bestimmte Wirkung zuschreiben, sondern umgekehrt die Schlachtung der Passahlämmer als eine alttestamentliche Vorausdeutung auf diesen Tod erweisen.
Die Interpretation von Jesu Tod als Opfer schließt also den Begriff der Sühne nicht notwendig ein. Auch in Offenbarung 5,6-9 wird das Bild von Christus als geschlachtetem Lamm nicht mit dem Sühnegedanken verbunden. Es leitet dort vielmehr zu einer Metapher aus dem Wirtschaftsleben über: Christus kauft mit seinem Blut die Gläubigen für Gott.
In Johannes 15,13 sagt Jesus mit klarem Bezug auf seinen bevorstehenden Tod, es gebe keine größere Liebe als die, "dass jemand sein Leben für seine Freunde dahingibt". Das klingt ähnlich wie Markus 10,45, nur dass die Lösegeld-Metapher fehlt. Die Selbsthingabe wird stattdessen mit dem Gedanken der Freundschaft motiviert, was sich auf antike griechische Ideale zurückführen lässt.
Sterben für Freunde
Der Begriff Freundschaft weckt andere Assoziationen als die eines Opferkults. Man denkt an Gefahrensituationen, wie im Krieg oder bei Unfällen oder Naturkatastrophen, in denen jemand sein Leben einsetzt und verliert, um das bedrohte Leben der anderen zu retten. Von einem Opfer kann man hier nur in übertragenem Sinne sprechen. Gleichwohl gibt es zwischen dem Sühneopfer und dem Sterben für Freunde etwas Verbindendes, was man am besten als Stellvertretung bezeichnen kann: Ich bleibe am Leben, weil jemand anderes an meiner Stelle in den Tod geht.
In Johannes 11,50 argumentiert der Hohepriester Kaiphas, es sei besser, "dass ein Mensch für das Volk sterbe", als dass "das ganze Volk zugrunde gehe". Er spricht damit sehr klar den Gedanken einer Stellvertretung aus. Dem Kontext zufolge bewegt ihn dabei aber politisches Kalkül. Freundschaft oder Sühne spielen keine Rolle.
Römer 3,25 ist eine der wenigen Stellen im Neuen Testament, an denen ein Ausdruck aus der erwähnten Wortgruppe um hilaskomai ("sühnen") vorkommt: Gott hat Jesus "hingestellt als ein hilastêrion (Sühnemittel, Weihegeschenk) durch Glauben in seinem Blut", um "durch das Erlassen der früher begangenen Sünden" seine Gerechtigkeit zu erweisen.
In der griechischen Übersetzung des Alten Testaments bezeichnet hilastêrion den Deckel auf der Bundeslade, auf den der Hohepriester am Versöhnungstag das Blut zweier Sündopfer sprengt, um damit die Sünden der Priesterschaft und des Volkes zu sühnen (3. Mose 16). Will man nun annehmen, dass die Metaphorik von Römer 3,25 dem Versöhnungstag entlehnt ist, so ergibt sich freilich: Jesus wird hier nicht nur mit dem hilastêrion selbst identifiziert, sondern zugleich auch mit den erwähnten Sündopfern, da der Text ja auch von seinem Blut redet. Wegen dieses Widerspruchs bestreiten manche einen Bezug auf den Versöhnungstag.
Über die Grenzen des Realistischen hinweg
Andererseits kann sich bildliche Sprache über die Grenzen des Realistischen leicht auch hinwegsetzen. So ist nach Hebräer 9,11-14 Christus zugleich Opfergabe und Hohepriester. Warum kann er also nicht auch gleichzeitig Sündopfer und Deckel der Bundeslade sein?
Wie dem auch sei, mit der Assoziation von hilastêrion und Blut ist der Gedanke einer kultischen Sühne auf jeden Fall impliziert. Ebenso klar besagt der Wortlaut, dass das Sühnemittel nicht von Gott eingefordert, sondern von Gott dargebracht wurde.
In Römer 5,8 schreibt Paulus, dass Gott uns seine Liebe dadurch erwies, dass Christus für uns starb, als wir noch Sünder waren. In Vers 10 sagt er dies nochmals mit anderen Worten und setzt hinzu, dass wir infolgedessen noch mehr erwarten dürfen, nämlich die Rettung im jüngsten Gericht: "Denn wenn wir mit Gott durch den Tod seines Sohnes versöhnt wurden (katallassô, siehe oben), als wir noch Feinde waren, um wie viel mehr werden wir folglich, da wir nun versöhnt sind, durch sein Leben (d.h. aufgrund seiner Aufstehung) gerettet werden!"Die Logik ist klar: Wenn Gott uns schon Gnade erwies, als noch Feindschaft bestand, wird er das jetzt, wo Versöhnung herrscht, erst recht tun.
Dass Jesu Tod Versöhnung bewirkt, leuchtet vielleicht nicht auf Anhieb ein. Aber es entspricht der gleichzeitigen Beschreibung unserer Sündigkeit als Feindschaft: Wie der Tod die Sünde überwindet, so überwindet Versöhnung die Feindschaft. Die Heilswirkung von Jesu Tod wird damit in Analogie zu einem allseits bekannten zwischenmenschlichen Vorgang beschrieben. Von Sühne ist keine Rede.
In äußerster Dichte heißt es in 2. Korinther 5,21: "Den, der keine Sünde kannte, hat (Gott) für uns zur Sünde gemacht, damit wir durch ihn zur Gerechtigkeit Gottes würden."
Tausch
Paulus beschreibt hier einen Tauschvorgang: Christus, der Sündlose, nimmt die Stelle der Sünder ein, so dass diese an seine Stelle treten können und dadurch Gerechtigkeit erlangen. Stellvertretung wird hier nicht einseitig durch Christus vollzogen. Sie ist vielmehr ein wechselseitiges Geschehen. Und aus dieser Wechselseitigkeit bezieht die kühne These auch ihre Plausibilität. Die Wendung "zur Sünde machen" könnte zudem die Diktion alttestamentlicher Vorschriften über die Darbringung von Sündopfern anklingen lassen (3. Mose 4-5). Der geschilderte Tausch erschiene dann zugleich als ein Sühnegeschehen. Ob Paulus eine solche Anspielung aber beabsichtigt hat, ist unsicher; der Wortlaut ist nicht eindeutig.
Die hier aufgeführten Texte bieten bei weitem keinen umfassenden Überblick. Sie geben aber einen Eindruck davon, in welch unterschiedlichen Begriffen und Bildern das Neue Testament von der Heilsbedeutung des Todes Jesu redet. Die Frage, welcher rote Faden dies alles miteinander verbindet, lässt sich allerdings kaum befriedigend beantworten. Wenn man einen dieser Begriffe, wie etwa Stellvertretung, Sühne oder Freikauf, zur Leitvorstellung erheben wollte, würde man die anderen ungerechtfertigt zurücksetzen. Fügte man alles zu einem großen Kompositum zusammen, würde man die spezifischen Unterschiede verwischen. Beschränkte man sich auf das, was allen gemeinsam ist, die feste Überzeugung, dass Jesu Tod der Menschheit zugute kommt, läge man zwar mit Sicherheit richtig, gäbe aber die Vielfalt und Tiefgründigkeit der biblischen Sprache preis.
Das Angemessenste dürfte es demnach sein, diese Bilder und Begriffe gleichberechtigt Seite an Seite stehen zu lassen. Für die kirchliche Verkündigung dürfte es ohnehin fruchtbarer sein, je nach Situation Geeignetes auswählen zu können, als auf bestimmte Formeln festgelegt zu sein. Und wenn sich in konservativeren Kreisen die Sühnevorstellung, in progressiveren dagegen der Hingabegedanke der größeren Popularität erfreut, tut weder das eine noch das andere der neutestamentlichen Botschaft Abbruch.
Gleichberechtigt stehen lassen
Bleibt noch die Frage nach dem vielfach empfundenen Ärgernis des Heilstodgedankens. Hierzu erlauben die angeführten Texte in der Tat einige Bemerkungen: Wenn unterstellt wird, der Gott des Christentums lasse sich nur durch ein Menschenopfer versöhnen, so steht dem entgegen: Das Neue Testament führt den Tod Jesu nicht auf eine göttliche Forderung nach Genugtuung zurück, sondern versteht ihn als eine Gabe Gottes oder als Konsequenz der freiwilligen Selbsthingabe Jesu. Wenn behauptet wird, dass Christentum rede dem Menschen ein entwürdigendes Sündersein ein, um die Notwendigkeit von Jesu Sterben behaupten zu können, lässt sich dem nicht nur entgegenhalten, das der christliche Glaube in gesundem Realismus menschliche Schuld ernstnimmt. Ein Bild wie das vom Freikauf (wie in Markus 10,45 und Offenbarung 5,9) ist vielmehr auch für ganz andere Unheilsverstrickungen im menschlichen Dasein transparent.
Und wenn die Ohnmacht eines Gottes kritisiert wird, der die Menschheit nicht anders retten kann als durch die Auslieferung seines Sohnes an einen grausamen Hinrichtungstod, so mag die Gegenfrage erlaubt sein: Wie weit würde wohl Gottes Macht reichen, wenn er nicht bereit wäre, sich in seinem Erbarmen auch auf diese letzte, schmachvolle Spitze des menschlichen Elends einzulassen. Wie es scheint, wollte die älteste Christenheit keinen anderen Retter akzeptieren als den, der sich bis zum bittersten Ende hingegeben hatte.
Friedrich Avemarie ist Professor für Neues Testament an der Universität Marburg.
Erschienen in zeitzeichen März 03/2010.

