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Scheitern am Hindukusch

Der Afghanistan-Einsatz des Westens steuert auf ein tragisches Ende zu

Christoph Lütgert

NDR-Chefreporter ­Christoph Lütgert war in Afghanistan und auch bei der Londoner Afghanistan-Konferenz. Er ist überzeugt: Militärisch kann der Westen am Hindukusch nichts mehr bewegen.

(Foto: dpa/Naqeeb Ahmed)
(Foto: dpa/Naqeeb Ahmed)

Mit aufgesetzter Würde schritt Guido Westerwelle zum Ende der Londoner Afghanistan-Konferenz am 28. Januar ins Pressezentrum, um dort sein Statement abzugeben. Noch immer ist der FDP-Vorsitzende in seiner verkrampften Selbstdarstellung weit davon entfernt, den überzeugenden Außenminister abzugeben. Wichtiger aber: Seine Erfolgsmeldung konnte man ihm einfach nicht abnehmen.

Von dem Optimismus Westerwelles und der meisten anderen Konferenzteilnehmer ließ sich die Pariser Le Monde nicht beeindrucken: Sie machte in London "Zeichen der Verzweiflung" aus - mühsam kaschiert, aber doch sichtbar.

            "Zeichen der Verzweifung"

Westerwelle sprach von einem "strategischen Neuanfang". Was war das anderes als das Eingeständnis des Scheiterns? Der Westen engagiert sich militärisch seit acht Jahren in Afghanistan. Und warum jetzt auf einmal ein "strategischer Neuanfang"? Eben weil das Bündnis in diesen acht Jahren nicht nur nicht weitergekommen ist, sondern - wie es der frühere Bundesverteidigungsminister Volker Rühe (CDU) in dankenswerter Offenheit im NDR-Fernsehen formuliert hatte - "die Situation immer schlechter geworden" ist.

Rückblende: Im Januar 2002 macht sich das erste Bundeswehr-Kontingent von Oldenburg nach Afghanistan auf - abkommandiert von der rot-grünen Bundesregierung. Gemeinsam mit anderen nato-Bündnispartnern wollen die Deutschen nach dem Anschlag auf das World-Trade-Center in New York die Terror-Camps der Al Quaida in Afghanistan vernichten und deren Gastgeber, die Taliban, vertreiben. Ex-Verteidigungsminister Peter Struck von der SPD gibt heute zu: "Wir sind damals etwas zu naiv an die Sache rangegangen, weil wir dachten, es geht schnell."

Die Fehleinschätzung in nüchternen Zahlen dokumentiert: 2001 gab es ein Bundestagsmandat, 1.250 Soldaten für sechs Monate an den Hindukusch zu entsenden. Jetzt, nach über acht Jahren, sind mehr als 4500 deutsche Soldaten dort, die nächste Aufstockung ist beschlossene Sache, und Afghanistan versinkt in Chaos, Korruption und Bürgerkrieg.
Dabei lief es zu Anfang geradezu hervorragend. Der afghanische Fernsehjournalist Ghafoor Zamani schwärmt im Rückblick, die Deutschen seien willkommen und beliebt gewesen - Befreier von den verhassten Taliban, freundliche Aufbauhelfer aus einem fernen reichen Land. "Die Leute sind alle gekommen, haben die Deutschen begrüßt. Und die Deutschen hatten Kugelschreiber und Hefte oder Süßigkeiten für die Kinder. Es war eine tolle Zeit damals." Heute unvorstellbar: "Es war für die Deutschen überhaupt kein Problem, mit offenen Fahrzeugen in die Dörfer zu fahren, mit den Menschen zu sprechen."

So wurden damals Bilder nach Deutschland geschickt, die den Eindruck erweckten, die deutschen Männer und Frauen müssten gar nicht kämpfen, seien so etwas wie Entwicklungshelfer in Uniform. Der Satz von Bundesverteidigungsminister Peter Struck, "Deutschlands Sicherheit wird auch am Hindukusch verteidigt" war unter so freundlichen Umständen leicht zu akzeptieren, brauchte nicht kritisch hinterfragt zu werden.

                                          Schönwetterstrategie

Heute gibt Struck zu: "Diese falsche Vorstellung, wir machten da so eine Art Rote-Kreuz-Arbeit oder THW, und da laufen dann eben so ein paar Soldaten rum, - die hatte sich damals in der deutschen Bevölkerung schon ziemlich verfestigt."CDU-Verteidigungsministers Volker Rü­he: "Die ganze Strategie war eine Schönwetterstrategie. Man hat sich etwas vorgemacht." In dieselbe Richtung zielte die EKD-Ratsvorsitzende, Bischöfin Margot Käßmann, als sie im Vorfeld der Londoner Afghanistan-Konferenz befand: "Wir haben uns zu lange damit beruhigt, dass deutsche Soldaten Brunnen bohren und Schulen bauen, eine Art Entwicklungshelfer sind. Und wir haben versucht zu verdrängen, dass es da tatsächlich auch um den Einsatz von Waffen geht. Was anderes ist es nicht."

Unter Beschuss - Warum Deutschland in Afghanistan scheitert lautet der Titel des wichtigen Buches von Marc Lindemann. Als Nachrichtenoffizier war Lindemann - heute Hauptmann der Reserve - zwei Mal in Afghanistan. Er konnte beobachten, wie sich dort alles zum Schlechten entwickelte, wie positive Ansätze verspielt wurden. In den ruhigen Anfangsjahren, so ein Hauptvorwurf Lindemanns, hätte man den Wiederaufbau Afghanistans viel intensiver vorantreiben müssen. Man hätte den Menschen eine Perspektive geben, sie gegen die Taliban immunisieren müssen. Und vor allem hätte der Westen für Training und Aufbau des afghanischen Sicherheitsapparates viel mehr Geld und Personal bereitstellen müssen. Das alles sei nicht geschehen.

Das Ergebnis: Eine desolate afghanische Polizei, die von der Bevölkerung als Landplage empfunden wird, schlecht ausgebildet, korrupt, verstrickt in organisierte Kriminalität. Und als politischer Überbau eine schwache und ebenfalls korrupte Regierung Karsai. In dieses Machtvakuum konnten skrupellose War­lords, teilweise von den Amerikanern sogar begünstigt, ebenso wieder eindringen wie die Taliban. Deshalb ist das Bild, das die massiv aufgestockten deutsche Truppe jetzt in Afghanistan bietet, traurig und deprimierend. Nur noch in gepanzerten Wagen brechen die Soldaten zu Patrouillenfahrten aus den Lagern auf, haben keinen Kontakt mehr zur afghanischen Bevölkerung, erschöpfen sich in bloßer Selbstverteidigung.

         Soldaten sorgen nur noch
                 für die eigene Sicherheit

Das Fazit des Hauptmanns d. R. Lindemann ist vernichtend: "Das Mandat für die Bundeswehr in Afghanistan ist doch eigentlich eindeutig: Wir sollen die afghanischen Sicherheitskräfte unterstützen, sollen mit ihnen Sicherheit im Zuständigkeitsgebiet herstellen. Was aber machen wir tatsächlich? Durch permanente Raketenbeschüsse und immer neu aufflammende Gefechte mit den Taliban sind wir nur noch damit beschäftigt, für unsere eigene Sicherheit zu sorgen. Das heißt: Für die eigentliche Aufgabe bleibt keine Zeit mehr."

Und der afghanische Journalist Ghafoor Zamani gibt Volkes Stimme wieder: "Man fragt sich, warum ist die deutsche Armee hier? Was machen die eigentlich? Die patrouillieren manchmal durch die Dörfer, die steigen nicht mehr aus ihren Autos aus, die reden nicht mehr mit den Menschen, weil sie Angst ha­ben. Was also machen sie?"

Und dann auch noch das Bombardement bei Kundus! In der Nacht vom 3. auf den 4. September 2009 werfen auf Befehl des deutschen Obersts Georg Klein amerikanische F-15-Kampfjets zwei 500-Pfund-Bomben ab. Sie töten unweit von Kundus mehr als hundert afghanische Zivilisten. Die hatten sich um zwei von Taliban entführte Tanklastwagen geschart, die in ei­nem Flussbett steckengeblieben waren. Seit dem Zweiten Weltkrieg der blutigste Militäreinsatz, den ein Deutscher befohlen hatte. Der Spiegel titelte: "Ein deutsches Verbrechen". Ein Verteidigungsminister tritt zurück, sein Nachfolger kommt sehr schnell in Schwierigkeiten. Ein Staatssekretär und ein Generalinspekteur werden geschasst. Die nationale und internationale Aufarbeitung und Bewertung wird noch viel Zeit brauchen.

                                          Käßmanns klare Sätze

Es sind schlichte, klare Sätze, die die EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann in ihrer Dresdener Neujahrspredigt zu Afghanistan spricht. Es sind aber Sätze, die eine Wucht entfalten wie wenige Verlautbarungen der Kirche: "Nichts ist gut in Afghanistan. All diese Strategien, sie haben uns lange darüber hinweg getäuscht, dass Soldaten nun einmal Waffen benutzen und eben auch Zivilisten getötet werden. Wir brauchen Menschen, die nicht erschrecken vor der Logik des Krieges, sondern ein klares Friedenszeugnis in der Welt abgeben, gegen Gewalt und Krieg. Manche finden das naiv. Waffen schaffen offensichtlich auch keinen Frieden in Afghanistan. Wir brauchen mehr Fantasie für den Frieden, andere Formen, Konflikte zu bewältigen."

Die Reaktionen in Deutschland: Wutgeheul, emphatische Zustimmung und dazwischen - das war das Wichtigste - ein intensiveres Nachdenken über den Sinn oder Unsinn des deutschen Engagements am Hindukusch. Bisher gab es in Afghanistan 36 tote und 128 verwundete Soldaten. Da plagt selbst den entschiedenen Befürworter des Bun­des­wehreinsatzes, Peter Struck, die Hor­rorvorstellung, er müsste irgendwann einmal der Witwe eines getöteten Soldaten gegenübertreten und ihr sagen: "Wir haben uns leider geirrt. Tut mir leid, dass Ihr Mann dabei gestorben ist. Es war ein Fehler reinzugehen." Das, so fügt Struck hinzu, "wäre das schlimmste Szenario. Ich hoffe nicht, dass das eintritt". Der frühere CDU-Verteidigungsminister Volker Rühe ist in seiner Abkehr vom Afghanistan-Engagement schon viel weiter.

Dass Deutschlands Sicherheit auch am Hindukusch verteidigt werde, gelte "schon lange nicht mehr". Terroristen seien nicht mehr in Afghanistan. Die seien "längst im Jemen, Somalia und anderswo". Deswegen sei es höchste Zeit zu hinterfragen, "ob es wirklich so viele westliche Soldaten in Afghanistan braucht, um die terroristische Gefahr für das Bündnisgebiet zu verhindern". Das allein müsse Maßstab für den Einsatz deutscher Soldaten sein. Sie dürften nicht dafür eingesetzt werden, die Demokratie in andere Teile der Welt zu exportieren oder den Frauen in fernen Ländern die Gleichberechtigung zu bringen. "Wir müssten in verdammt viele Staaten einmarschieren, wenn wir die Gleichberechtigung von Mann und Frau herstellen wollten."

Taliban wollen westliche Ziele
überhaupt nicht angreifen

Für den Afghanistan-Kenner Jürgen Todenhöfer, früher CDU-Hardliner, heute Fundamentalkritiker der deutschen Afghanistan-Politik, steht zweifelsfrei fest: Die Taliban wollen westliche Ziele überhaupt nicht angreifen. "Wenn ich Taliban-Führer frage: 'Wollt Ihr eines Tages Berlin angreifen?', dann schauen die mich fassungslos an und halten mich für verrückt." Die Taliban, so Todenhöfer und andere intime Kenner Afghanistans, wollen die Besatzer aus dem Land vertreiben und Afghanistan zurückerobern. Die Lehre aus vielen Jahrhunderten fasst Volker Rühe in einem kurzen Satz zusammen: "Es zeigt sich, dass man die Taliban militärisch nicht besiegen kann."

Die große Afghanistan-Konferenz mit Spitzenvertretern aus siebzig Ländern und Organisationen am 28. Januar in London war eine Konferenz der Durchhalteparolen und Selbsttäuschungen. Nach acht Jahren Erfolglosigkeit in Afghanistan markiert sie den Anfang vom Ende. Man will raus, voraussichtlich im Jahr 2014, und den dann erreichten Status irgendwie als Erfolg deklarieren - Vietnam light.

Kernstück der neuen Strategie: Nun auf einmal sollen die Taliban in einen Aussöhnungsprozess einbezogen werden - ausgerechnet die Taliban, die man seit acht Jahren vehement bekämpft. Unfreiwillig, fast schon komisch hat Präsident Hamid Karsai die Hilf- und Hoffnungslosigkeit zugegeben, die aus diesem Ansatz sprechen: Frage eines Interviewers an den Präsidenten: "Warum sollte die internationale Gemeinschaft ausgerechnet den Leuten die Rückkehr nach Afghanistan ermöglichen, deretwegen ihre Soldaten nach Afghanistan gekommen sind?" Karsais entwaffnende Antwort: "Eben weil wir sie bislang nicht losgeworden sind. Es muss jetzt Frieden geben." Ein 360-Millionen-Euro-Aussteigerprogramm soll das Fußvolk unter den Taliban dazu bringen, die Waffen niederzulegen und normale Jobs anzunehmen.

                 Geordneter  Rückzug

Das alles erinnert an die schmählich beendete russische Besatzung. 1987 wurde die Aussöhnung mit den Mudschahidin verkündet. Auch damals gab es ein Aussteigerprogramm. Wenig später zog die Sowjet-Armee ab - gedemütigt, erfolglos.

Die neue Offenheit gegenüber den Taliban ist der Einsicht geschuldet, dass ein militärischer Sieg der ISAF-Schutztruppen nicht möglich ist. Es geht jetzt nur noch darum, einen geordneten Rückzug einzuleiten. Das wurde in London nicht zugegeben, aber es ist so.

Rund 110.000 Soldaten einer Koalition aus 44 Ländern stehen derzeit in Afghanistan. Allein die USA werden Ende dieses Jahres 300 Milliarden Dollar für das militärische Abenteuer ausgegeben haben. Die Sicherheitslage hat sich dramatisch verschlechtert. Die Taliban sind wieder da, liefern sich fast täglich verlustreiche Gefechte mit den isaf-Truppen. In den Provinzen haben Warlords die Macht unter sich aufgeteilt. Der Drogenanbau boomt. Über 1.500 Soldaten der Koalition sind seit 2001 in Afghanistan gestorben. Militärisch kann der Westen am Hindukusch nichts mehr bewegen.

ie Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass der Westen eines Tages abziehen wird, ohne dass landesweit Mädchenschulen existieren, ohne dass man überall auf gleichberechtigte, unverschleierte Frauen trifft, ohne dass die Menschenrechte zur Leitlinie geworden sind, und, last but not least, ohne dass eine überlebensfähige Demokratie existiert.
Das unglückselige Engagement des Westens in Afghanistan steuert auf ein tragisches Ende zu.

NDR-Chefreporter ­Christoph Lütgert war in Afghanistan und auch bei der Londoner Afghanistan-Konferenz.

Erschienen in zeitzeichen März 03/2010.

 

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