Militärischer Drill
Gewalt im Heim - ein dunkles Kapitel evangelischer Erziehungsarbeit
Immer mehr Menschen melden sich zu Wort, die in ihrer Kindheit und Jugend in Heimen Gewalt erlitten haben. Auch in evangelischen Einrichtungen. Das gilt ebenso für behinderte Kinder und Jugendliche.
Hunderttausende von Kindern und Jugendlichen - die genaue Zahl ist auf dem gegenwärtigen Forschungsstand nicht zu ermitteln - waren in den Fünfziger- und Sechzigerjahren, oft über Jahre, in Säuglings-, Kleinkinder- und Kinderheimen, Waisenhäusern, Fürsorgeerziehungsheimen, jugendpsychiatrischen oder heilpädagogischen Einrichtungen, Heimen für körperlich oder geistig behinderte Kinder untergebracht.
Die Gründe, die dazu führten, dass ein Kind oder ein Jugendlicher in ein Heim eingewiesen wurde, erscheinen - aus heutiger Sicht - häufig als Bagatellen: "Verwahrlosung", "Vernachlässigung", "Schulschwänzen", "Arbeitsbummelei", "Ausreißen", "schlechter Umgang", bei Mädchen auch "sittliche Gefährdung".
Der Krieg und seine Nachwirkungen
hatte viele Familien zerrüttet
Hier tritt die tief in Staat und Gesellschaft der frühen Bundesrepublik sitzende Furcht vor einer massenhaften Verwahrlosung junger Menschen deutlich zu Tage. Unangepasstes Verhalten war dabei oft eine Folge familiärer Konflikte. Auffallend viele Heimkinder stammten aus "Patchworkfamilien": Sie waren unehelich geboren, kamen aus geschiedenen Ehen, waren Halb- oder Vollwaise, bei Verwandten, Pflege- oder Adoptiveltern aufgewachsen oder hatten einen Stiefvater oder eine Stiefmutter. Dies spiegelt ein Stück Sozialgeschichte der frühen Bundesrepublik - der Krieg und seine Nachwirkungen hatten viele Familien zerrüttet.
Ob ein Kind als "schwererziehbar" in einem Fürsorgeerziehungsheim, als "psychopathisch" in einer heilpädagogischen Einrichtung oder gar als "moralisch schwachsinnig" in einem Heim für geistig behinderte Menschen landete, hing in vielen Fällen vom Zufall ab. Einmal in einer geschlossenen Einrichtung, durchliefen viele Zöglinge eine regelrechte "Heimkarriere". Sie rissen aus, wurden unterwegs straffällig, kamen in ein strengeres Heim, rissen wieder aus - "Endstation" war dann in vielen Fällen eines der Erziehungsheime in Freistatt, der Zweiganstalt der v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel im Wietingsmoor bei Diepholz.
Hier traf sich das diakonische Selbstverständnis, gerade für die "Verlorenen" und von allen "Verworfenen" da zu sein, mit dem öffentlichen Interesse, besonders schwer erziehbare Jugendliche in geschlossenen Einrichtungen weit draußen zu internieren. In Freistatt war man stolz auf die schwierige Klientel - und entwickelte Strategien, um ihr mit "strenger Zucht" beizukommen.
Eine Schlüsselposition nahmen die Hausväter ein. Innerhalb ihrer Häuser stellten sie die absolute Autorität dar. Sie befahlen, alle anderen - Zöglinge, Diakone, Diakonenschüler und freie Helfer - hatten bedingungslos zu gehorchen. Ihre sekundäre Sozialisation hatten die Hausväter, die in den Fünfziger- und Sechzigerjahren in Freistatt tätig waren, zumeist in der Wehrmacht oder in der Hitlerjugend erhalten, sie prägten ihren Häusern einen Leitungsstil auf, der sich an drei sozialen Modellen ausrichtete: der Kaserne, dem Gefängnis und dem Kloster.
Im Vordergrund stand dabei die Kaserne: Knappe militärische Kommandos - "Antreten", "Abzählen", "Rechtsum, im Gleichschritt marsch, ein Lied", "Wegtreten" - prägten daher die Kommunikation zwischen Erziehern und Zöglingen.
Sozialisation der Hausväter
in Wehrmacht und Hitlerjugend
Innerhalb der Unterkünfte herrschte der schon obsessive Ordnungssinn des Militärs mit faltenfrei "gebauten" Betten, exakt auf Stoß gelegter Wäsche und regelmäßigem "Stubendurchgang". Außerhalb der Häuser bewegten sich die Zöglingsgruppen nur in militärischen Marschkolonnen. Der gesamte Tagesablauf war straff durchorganisiert, ständig herrschte Zeitdruck, alles musste im Laufschritt erledigt werden. Die Anpassung der Zöglinge an den reibungslosen Betriebsablauf hatte höchste Priorität - jede Form von obstruktivem oder gar offen herausforderndem Verhalten, Arbeitsunlust, Trägheit, Unordnung, Unsauberkeit, Widersetzlichkeit, jede Andeutung einer geplanten Flucht oder Revolte, erst recht jede Tätlichkeit gegenüber den Erziehern wurde in dieser totalen Institution hart sanktioniert - und dass dies in der Sprache der Gewalt, bis hin zu Schlägen mit der Faust, dem Stock oder einem Besenstiel, zu geschehen hatte, stand für die Hausväter völlig außer Frage. Auch ließen sie sich im Hinblick auf Maß und Form der Gewaltanwendung keine Vorschriften machen. Von der Anstaltsleitung wurde dies - lange Zeit in stillschweigendem Einverständnis mit dem Aufsicht führenden Landesjugendamt - gedeckt.
Die "jungen Brüder", Diakonenschüler, die im Zuge ihrer praktischen Ausbildung in eines der Freistätter Erziehungshäuser entsandt wurden, sahen sich unversehens in dieses militärisch-männerbündische Milieu geworfen. Vor dem gesellschaftlichen Auf- und Umbruch von 1968 war es undenkbar, den autoritären Führungsstil in den Häusern in Frage zu stellen. Gehorsam galt als die höchste Tugend des Diakons, in der Sprache der erweckten Frömmigkeit: als schönes Zeugnis der Brechung seines Eigenwillens. Und Gewalt konnte - vor dem Hintergrund der Dialektik von "Liebe" und "Zucht" - durchaus als konstitutives Element eines christlichen Liebeswerkes gelten. Hinzu kam die normative Kraft des Faktischen. Denn die jungen Brüder befanden sich in einer Situation permanenter struktureller Überforderung. Mit viel zu großen Gruppen ?schwersterziehbarer? Jugendlicher konfrontiert, kaum älter als diese, ohne pädagogische Ausbildung, mit ihren Bedrohungsgefühlen und Versagensängsten allein gelassen, mussten sie sich unter völlig unzureichenden Arbeitsbedingungen in der Praxis behaupten - und passten sich mehr oder weniger bereitwillig dem pädagogischen Regime an, "um über die Runden zu kommen".
Extreme emotionale Kälte
Schlimmer noch: Die Hausordnungen waren so angelegt, dass sie eine Kultur der Gewalt unter den Zöglingen hervorbrachten. Dazu dienten die Schaffung hierarchisch gestaffelter, mit unterschiedlichen Rechten und Privilegien ausgestatteter Gruppen innerhalb der Häuser ("Progressivsystem") und die Verhängung von Kollektivstrafen. Diese führten ? zwangsläufig und vorhersehbar - zu brutaler Gewalt innerhalb der davon betroffenen Gruppe gegen den Zögling, der die Bestrafung verschuldet hatte. Die Kultur der Gewalt war zur Aufrechterhaltung der Ordnung geradezu notwendig, erlaubte sie doch, die Erziehungsarbeit mit viel zu wenigen, pädagogisch nicht vorgebildeten Mitarbeitern in überfüllten Häusern durchzuführen, ohne dass das Personal den gesetzlichen Rahmen körperlicher Züchtigung allzu oft und allzu weit hätte überschreiten müssen.
Ein erschreckend hohes Maß an Gewalt herrschte auch in Heimen für behinderte Kinder und Jugendliche. Eingehend ist dies jetzt am Beispiel der "Schulstation" im Johanna-Helenen-Heim der "Orthopädischen Heil-, Lehr- und Pflegeanstalten für Körperbehinderte" in Volmarstein untersucht worden, wo zwischen 1947 und 1967 schwer körperbehinderte Jungen und Mädchen im Alter von etwa sechs bis vierzehn Jahren beschult wurden.Die Kinder, die hierher kamen, waren nicht mit der Jugendfürsorge in Konflikt geraten - man scheute sich damals, körperbehinderte Kinder in eine Regelschule zu geben.
Das Johanna-Helenen-Heim bildete einen nahezu hermetisch abgeschlossenen Raum. Ein Kind, das in der Schulstation aufgenommen wurde, war faktisch von der Außenwelt abgeschnitten, seine Bewegungsfreiheit extrem eingeengt. In den Schlaf-, Aufenthalts- und Klassenräumen herrschte drangvolle Enge, zum Spielen im Freien stand lediglich ein winziger Hof zur Verfügung, der zudem durch eine unsichtbare Demarkationslinie nach Geschlechtern getrennt war. Psychologisch kann man dies als eine Situation extremer Deprivation - des Entzugs von äußeren Reizen, Eindrücken, Anregungen und Herausforderungen - beschreiben.
Kennzeichnend für das Johanna-Helenen-Heims war eine extreme emotionale Kälte. Die Schwestern und Lehrerinnen ließen keine persönliche Bindungen und Beziehungen zu den Kindern zu. Hinzu kam, dass den Kindern jede Intimsphäre genommen wurde. Sie hatten so gut wie nichts, was sie ihr eigen hätten nennen können. Im Gegenteil: Hing ein Kind besonders etwa an einer Puppe, so konnte es geschehen, dass die Schwestern diese "zur Strafe" wegnahmen oder gar vor den Augen des Kindes zerstörten.
Im Johanna-Helenen-Heim "herrschte" - im wahrsten Sinne des Wortes - eine strenge Ordnung. Die Kinder wurden durch Drill und totale Kontrolle dem pädagogischen Regime der Schwestern unterworfen. Die Königsberger Diakonissen, die seit 1947 auf der "Schulstation" arbeiteten, waren in mehrfacher Hinsicht für die Pflege und Erziehung körperbehinderter Kinder ungeeignet.
Keine Qualifikation der Diakonissen
Erstens verfügten sie, weil aus der allgemeinen Krankenpflege kommend, über keinerlei pädagogische, geschweige denn heilpädagogische Qualifikation. Zweitens waren sie - je länger, desto mehr - mit den alltäglich anfallenden Aufgaben schon rein physisch überfordert: Die beiden auf der Mädchenseite eingesetzten Schwestern waren zu alt für diese Arbeit, mussten aber ohne Hoffnung auf eine Ablösung durch jüngere Kräfte auf dem ungeliebten Posten ausharren; auf der Jungenseite war eine einzige Schwester weitgehend auf sich allein gestellt.
Am schwersten aber wog, drittens, dass die Königsberger Diakonissen, selbst durch Krieg, Flucht oder Kriegsgefangenschaft traumatisiert und emotional erstarrt, nicht in der Lage waren, den Kindern geduldig, einfühlsam, liebevoll oder gar mütterlich zu begegnen. Im Gegenteil: Die psychisch überforderten Schwestern reagierten auf jede Störung des alltäglichen Betriebsablaufs ungeduldig, gereizt und aggressiv. Physische und psychische Gewalt - bis hin zum gewaltsamen Eintrichtern des erbrochenen Essens, zu demütigenden Strafritualen und zur Verspottung des behinderten Körpers - gehörten zur täglichen Erziehungspraxis der Diakonissen. Gefürchtet war auch eine der Lehrerinnen, die - selbst körperbehindert - alles daran setzte, durch straffe Disziplin und drakonische Körperstrafen die nach der damals geltenden "Krüppelpsychologie" mit jeder körperlichen Schädigung einhergehende "seelische Verkrüppelung" "sittlich auszugleichen". Die Anstaltsleitung wusste um die Missstände, mochte sich aber mit Blick auf den akuten Personalmangel nicht zu einer Abberufung der prügelnden Schwestern und Lehrerinnen entschließen.
Die Freistätter Erziehungshäuser und das Johanna-Helenen-Heim mögen Extrembeispiele sein, aber sie markieren die Spitze eines Eisbergs. Immer mehr Menschen melden sich zu Wort, die in ihrer Kindheit und Jugend in Heimen Gewalt erlitten haben, immer mehr Einrichtungen auf verschiedenen Hilfefeldern sehen sich vor die Herausforderung gestellt, sich diesem dunklen Kapitel ihrer Geschichte zu stellen.
LITERATUR
Matthias Benad/Hans-Walter Schmuhl/Kerstin Stockhecke (Hg.): Endstation Freistatt. Fürsorgeerziehung in den v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel bis in die 1970er Jahre. Verlag für
Regionalgeschichte/Bethel Verlag, Bielefeld 2009, 374 Seiten, Euro 24,00.
Hans-Walter Schmuhl/Ulrike Winkler: Gewalt in der Körperbehindertenhilfe. Das Johanna-Helenen-Heim in Volmarstein von 1947 bis 1967. Verlag für Regionalgeschichte, Bielefeld 2010,
328 Seiten, voraussichtlich Euro 19,90.
Hans-Walter Schmuhl ist Historiker.
Erschienen in zeitzeichen April 04/2010.

