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Afrikas Riss

Die Odyssee der Arbeitssklaven

Robert Luchs

Der renommierte italienische Journalist deckt in seinen Reportagen die Verbrechen der Schleuser auf, die Afrikas zu allem entschlossener Jugend den Himmel auf Erden in Europa versprechen.

Große Reportagen sind selten geworden. Reportagen mit langem Atem, geduldig und exakt recherchiert, stimmungsvoll und zugleich nüchtern die Fakten aufdeckend. "Bilal" von Fabrizio Gatti ist eine solche Reportage im Roman-Format, vergleichbar nur noch mit den großartigen Erzählungen des Polen Ryszard Kapuscinski, der Afrika mit Haar und Haut verschrieben war. Bilal ist Gatti, Gatti ist Bilal, ein Deckname, unter dem der renommierte italienische Journalist die Machenschaften und Verbrechen der Schleuser aufdeckt, die Afrikas zu allem entschlossener Jugend den Himmel auf Erden in Europa versprechen.

Dass viele dieser Verzweifelten nicht einmal bis an die Küste des Mittelmeers gelangen, sondern nach unvorstellbaren Strapazen bereits bei der Durchquerung der Wüste zugrunde gehen, dass sie immer wieder überfallen oder an den Grenzstationen verprügelt und beraubt  werden, und dass sie schließlich bei der Fahrt übers Meer in seeuntüchtigen Booten ihr Leben aufs Spiel setzen - das alles hat Gatti erlebt und erlitten, in einer mehrmonatigen Odyssee, in deren Verlauf er als "Illegaler" auf der berüchtigten Transitroute von Dakar nach Italien unterwegs war.

             Von Dakar nach Italien

Gatti weiß, wie man brisante Themen anpackt; er mischte sich bereits unter falschem Namen unter afrikanische Erntehelfer, recherchierte in Obdachlosenquartieren und im Drogenmilieu. Aber eine noch so akribische Vorbereitung bewahrt auch den routiniertesten Journalisten nicht vor lebensgefährlichen Situationen. Gatti nahm dieses Risiko auf sich, um über das Schicksal der "Illegalen" zu schreiben, eine "neue soziale Schicht" im Europa des 21. Jahrhunderts.

Schon in der senegalesischen Hauptstadt Dakar, wo er in Richtung Mittelmeer aufbricht, erfährt Gatti einen der Gründe für den afrikanischen Exodus. Seitdem die Netze der einheimischen Fischer leer bleiben, weil große Fabrikschiffe alles fangen, was es zu fangen gibt, verkaufen die Fischer ihre Boote an marokkanische Schleuser, die diese mit Auswanderern vollstopfen und auf Kurs Kanarische Inseln schicken. Ein großer Fischzug, der sich bezahlt macht - aber nur für die skrupellosen Schleuserbanden.

Seit Spanien von Marokko verlangt hat, die illegale Einwanderung zu stoppen, führt die Route der Auswanderer über Tripolis. Um dorthin zu gelangen, müssen Tausende von Wüstenkilometern überwunden werden, wie Vieh zusammengepfercht in klapprigen Lastwagen, nur mit dem Notwendigsten versehen. Wie eine Fata Morgana taucht die Hoffnung auf und verschwindet wieder. Wer es bis Agadez im Niger geschafft hat, dem steht das Schlimmste noch bevor, denn bis nach Libyen gibt es kaum mehr größere Ansiedlungen. Wer sich mit zu wenig Wasser eingedeckt hat, muss diesen Fehler nicht selten mit dem Leben bezahlen. Hastig aufgehäufte Steinhügel bezeugen diese Flüchtlingsdramen in einem von Not und Hunger gezeichneten Landstrich.

Allein von Agadez aus, so hat Gatti beobachtet, starten täglich rund 800 Menschen zur mörderischen Wüstentour. Ein besseres Geschäft können die Schleuser gar nicht machen. Gelingt es ihnen, 150 Migranten in einen Lkw zu quetschen, verdienen sie an ihnen 6.000 Euro.

                                            Unbeglichene Schuld

In seiner beklemmend dichten Reportage lässt der Autor genug Raum für Ursachenforschung, so wenn er daran erinnert, dass Europa dieser Region einst zwanzig Millionen Menschen geraubt und sie zur Sklavenarbeit auf dem amerikanischen Kontinent gezwungen hat. So sei ein Riss in der demografischen, ökonomischen und kulturellen Entwicklung der Sahelzone entstanden. Eine Schuld, die die reiche Welt bis heute nicht beglichen hat.

Dieser Riss wird noch breiter, wenn die von ihren korrupten Regimes enttäuschte Jugend Afrikas heute ihr Heil in Europa sucht. Eine Jugend, die ihrer Heimat fehlen wird, auch wenn sie zugleich die einzige Hoffnung ist. Viele Familien in Mali, Burkina Faso und im Niger verkaufen ihr Hab und Gut, um die ungewisse Reise ihrer Söhne zu finanzieren. Wird das Geld reichlich zurückfließen, wenn der Sohn erst in Europa Arbeit gefunden hat?

Die Erwartung ist trügerisch, gelingt es doch nur wenigen, in einem europäischen Land Fuß zu fassen. Sind die Ankömmlinge den Schikanen libyscher Polizisten entronnen, geraten viele in italienische Auffanglager, wie beispielsweise auf Lampedusa - für Tausende und Abertausende die Verkörperung ihres Lebenstraums.

Das Erwachen aber ist schrecklich, die Carabinieri behandeln sie wie Kriminelle oder zwingen sie gar zur Rückkehr. Eine packende Lektüre. Darüber hinaus sollten die Recherchen Fabrizio Gattis eine Rolle spielen, wenn in Brüssel wieder einmal über die Migration aus Afrika diskutiert wird.

Fabrizio Gatti: Bilal. Als Illegaler auf dem Weg nach Europa. Aus dem Italienischen von Friederike Hausmann und Rita Seuß. Verlag Antje Kunstmann, München 2010, 460 Seiten, Euro 24,90.

Erschienen in zeitzeichen Juni 06/2010.

 

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