Recht auf Entschädigung
Das Thema Klimaflüchtlinge gehört enttabuisiert
Als Folge des Klimawandels werden immer mehr Menschen ihre bisherigen Lebensgrundlagen verlieren und sich zur Migration entschließen: Im Jahre 2050 zwischen 200 Millionen bis zu einer Milliarde Menschen. Die Menschen, die am wenigsten zum Klimawandel beigetragen haben, werden zu seinen ersten Opfern.
Abraham und seine Frau Sarai zogen angesichts einer Dürre nach Ägypten. Davon wird in einem der ersten Kapitel der Bibel berichtet. Wie viele spätere Migranten nach ihnen wurden sie dort schlecht behandelt und kehrten dem Land rasch den Rücken. Und auch die Brüder Josefs flüchteten vor einer Hungersnot nach Ägypten. Die Nachfahren dieser Migranten erfuhren ebenfalls eine schlechte Behandlung, sodass sie sich schließlich unter Moses Führung zur Flucht entschlossen.
Das Thema ist bis heute aktuell geblieben. Als Folge des Klimawandels werden in Zukunft vermehrt Dürren auftreten. Immer mehr Menschen werden ihre bisherigen Lebensgrundlagen verlieren und sich zur Migration entschließen. Die Schätzungen für 2050 reichen laut "Weltentwicklungsbericht 2010" der Weltbank von 200 Millionen bis zu einer Milliarde Menschen.
Verlust der Lebensgrundlagen
Verheerende Taifune, Flutkatastrophen, lang anhaltende Dürren und steigende Meeresspiegel werden dazu führen, dass in den nächsten Jahrzehnten viele Küstenregionen überflutet, Steppengebiete verwüstet und Inseln vernichtet werden. Pelenise Alofa Pilitati, verantwortlich für ein kirchliches Bildungsprogramm des pazifischen Inselstaates Kiribati, sagte Anfang August 2009 einem ausländischen Journalisten: "Für uns ist der Klimawandel eine Realität. Wir haben sehr hohe Flutwellen erlebt, die es früher nicht gab. Hohe Fluten und steigender Meeresspiegel werden unser Heimatland unter sich begraben. Wir wollen nicht zu Umweltflüchtlingen werden. Wenn wir unser Zuhause verlieren, werden wir unsere Identität, unsere Kultur verlieren. Das kann nicht hingenommen werden."
Die Menschen, die am wenigsten zum Klimawandel beigetragen haben, werden zu seinen ersten Opfern. Selbst bei einer Begrenzung des globalen Temperaturanstiegs auf zwei Grad Celsius, was eine sehr optimistische Prognose ist, werden Ernteerträge und Bruttosozialprodukt im Süden der Welt in den nächsten Jahrzehnten drastisch sinken. Da schon heute mehr als 300 Millionen Menschen in Afrika unter Wassermangel leiden, ist die Vorhersage beängstigend, dass sich in weiten Teilen des Kontinents die Niederschläge noch weiter vermindern werden.
Gleichzeitig werden sich tropische Krankheiten als Folge der globalen Erwärmung weiter ausbreiten. Schon heute sterben jährlich fast eine Million Menschen (vor allem Kinder) an Malaria. Die Krankheit wird in Zukunft auch viele der bisher malariafreien Regionen heimsuchen. Es wird befürchtet, dass bis 2030 allein in Afrika zusätzlich etwa 90 Millionen Menschen der Gefährdung durch Malaria ausgesetzt sein werden.
Vorhandene Probleme verstärkt
Der Klimawandel verstärkt ohnehin bestehende ökonomische, soziale und ökologische Probleme in armen Regionen der Welt und wird noch mehr Menschen veranlassen, dort ihre wenige Habe zu packen, wo sie gar nicht mehr oder nur in großem Elend leben können. Die meisten dieser Menschen werden nach Einschätzung der Weltbank innerhalb ihrer Heimatländer bleiben und vor allem in die großen Städte ziehen.
Nur eine Minderheit wird in Nachbarländer flüchten und noch weniger die Industriestaaten erreichen, dies schon deshalb, weil die völlig Verarmten die hohen Kosten für Reise und Schleuserorganisationen nicht aufbringen können. Dennoch ist die Aussage der EKD-Denkschrift zum Klimawandel "Umkehr zum Leben" (2009) zutreffend: "Durch den Klimawandel bedingte Migrationsströme werden nicht vor nationalen Grenzen Halt machen."
Unübersehbar ist schon jetzt: Die Urbanisierung im Süden der Welt nimmt rasant zu. Gegenwärtig lebt bereits die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten, 2050 werden es etwa 70 Prozent sein. Aber viele große Städte wie Manila und Bombay liegen an Meeresküsten und in Flussdeltagebieten, wo sie besonders stark steigendem Meeresspiegel, extremen Stürmen sowie Flutwellen ausgesetzt sind.
Die große Mehrheit der armen Stadtbevölkerung des Südens lebt in Slumgebieten, von denen viele durch Überflutungen oder Erdrutsche gefährdet sind. Die Menschen, die angesichts von Dürren, Flutwellen und Armut aus ländlichen Gebieten flüchten, holt der Klimawandel also in den Städten wieder ein, verbunden mit einer noch größeren Verarmung.
Politische und soziale Instabilität
Der Zug einer Milliarde Menschen an die Grenzen von EU und USA wird nicht stattfinden. Aber besonders in Afrika werden die Flüchtlingsströme innerhalb von Ländern die politische und soziale Instabilität vieler Staaten noch vergrößern. Das wiederum wird diejenigen, die über Bildung und Geld verfügen, in noch größerer Zahl dazu veranlassen, zu versuchen, vor zunehmend chaotischen Verhältnissen in Industriestaaten zu gelangen und sich dort eine sichere Existenz aufzubauen. Verwandte, die in reicheren Ländern zeitlich befristet als Arbeitsmigranten oder dauerhaft leben, sind zudem eine Versicherung für die daheim gebliebenen Familien. Wenn diese durch Taifune, Fluten oder Dürren ihre letzte Habe verlieren, sind die Geldzahlungen der Migranten oft die einzige Grundlage für das Überleben und einen Neuanfang.
Die Angst vor einer Welle von Migrantinnen und Migranten ist ein schlechter Ratgeber im Umgang mit dem drohenden Klimawandel. Dann erscheinen Klimaschutzmaßnahmen gar zu leicht nur als ein weiteres Element einer Ausländer-Abwehrpolitik. Tatsächlich ist das Recht zur Migration ein grundlegendes Menschenrecht. Gleichzeitig gilt es, Menschen vor einer Situation zu bewahren, in der sie gegen ihren Willen ihre Heimat aufgeben müssen.
In den vergangenen Jahren wird verstärkt diskutiert, ob es zu Klima-Kriegen kommen wird. Es ist unwahrscheinlich, dass der Klimawandel für sich genommen Kriege auslöst, aber er verschärft bestehende Konflikte innerhalb und zwischen Staaten so sehr, dass es zum Ausbruch von Gewalt kommen kann.
Verschärfung der Konflikte um Ressourcen
Ein Beispiel dafür ist die immer wieder aufflammende Gewalt im Norden Kenias. Schon lange gibt es Konflikte zwischen Viehzüchtergemeinschaften um Weidegebiete und gestohlene Kühe. Auch zwischen ihnen und den weiter im Süden wohnenden Ackerbauern haben Auseinandersetzungen eine lange Tradition. Die Ausweitung der Ackerbauflächen, die gleichzeitige Vergrößerung der Herden sowie das hohe Bevölkerungswachstum haben diese Spannungen verschärft. Nun kommen dramatische Folgen des globalen Klimawandels wie katastrophale Dürren hinzu. Gab es im Norden Kenias früher alle acht Jahre eine Dürrekatastrophe, so findet sie nun alle drei Jahre statt. Und als Folge der heute mit Kalaschnikows ausgetragenen Konflikte verlieren hunderte Menschen ihr Leben, Hunderttausende werden zur Flucht gezwungen. Mit dem Schlagwort "Klimakrieg" verdeckt man solche komplexen Prozesse, die zu Gewalt führen und bei denen der Klimawandel ein wichtiger Faktor ist.
Weder der Klimawandel noch die dadurch mit verursachte Migration sind Schicksal. Es kann viel getan werden, und die UN-Klimakonferenz in Kopenhagen im Dezember bietet eine wichtige Gelegenheit dafür. Sollte es aber nicht gelingen, ein verbindliches Abkommen zu schließen, durch das die klimaschädlichen Emissionen bis 2020 drastisch reduziert werden, sind viele Folgen des Klimawandels unumkehrbar, ebenso ein Anwachsen der Migration angesichts der lebensbedrohlichen Folgen dieser Prozesse.
Inzwischen gibt es zahlreiche Konzepte dafür, wie Schwellen- und Entwicklungsländer den Übergang zu weniger Kohlendioxidausstoß mit der Förderung von Entwicklung und der Reduzierung von Armut verbinden können. Dafür müssen sie aber notwendige finanzielle und technische Unterstützung aus reichen Ländern erhalten. Neue Technologien erhöhen nicht nur die Produktivität, sondern vermindern auch den Energieverbrauch in der Industrie und in Kraftwerken um 20 bis 30 Prozent. Wachstum und niedrige Kohlendioxidemissionen lassen sich also miteinander verbinden. Die Botschaft des "Weltentwicklungsberichts 2010" ist angesichts des Klimawandels und der gleichzeitig bestehenden Möglichkeiten eindeutig: "Jetzt zu handeln, ist unverzichtbar, andernfalls verschwinden Optionen und die Kosten steigen, während die Welt Wege einschlägt, die mit viel Kohlendioxid und in großem Umfang irreversiblen Prozessen der Erwärmung verbunden sind."
Technologische Unterstützung
aus reichen Ländern nötig
Aber auch bei einem sofortigen Umlenken und einer drastischen Reduzierung der Emissionen sind viele Folgen des Klimawandels nicht mehr zu verhindern. Deshalb sind gründlichere Vorbereitungen auf zu erwartende Katastrophen und ein effektiverer Katastrophenschutz dringend geboten. Auch die Weltbank hat erkannt, dass die lokalen Bevölkerungen sehr viel mehr als bisher an solchen Programmen beteiligt werden müssen. Werden Schutz und Hilfe von oben nach unten organisiert, nehmen Katastrophen oft noch katastrophalere Formen an, zumal dann, wenn die Herrschenden nicht einmal die Mittel haben, um wirksame Hilfe zu organisieren. Gegenwärtig sind von allen Todesfällen aufgrund von Naturkatastrophen weltweit 97 Prozent in den Entwicklungsländern zu beklagen. Das zeigt überdeutlich, dass vieles falsch läuft. Demgegenüber besteht oft ein großes traditionelles Wissen im Umgang mit ungünstigen Wetterverhältnissen, an das angeknüpft werden kann. Sonst bleibt oft nur die Migration.
Notwendig ist auch, die Bevölkerung aus bedrohten Slumgebieten in sichere, bezahlbare neue Wohngebiete umzusiedeln. Die Alternative zur Vertreibung nach Katastrophen ist die planvolle Schaffung neuer Lebensmöglichkeiten in anderen Stadt- oder Landesteilen, bevor es zu katastrophalen Verhältnissen kommt. Auch hier dürfen die Menschen nicht nur Objekte grandioser Pläne der Mächtigen sein.
Sturmfest
Angesichts des Klimawandels ist es dringend erforderlich, die Gesellschaften in aller Welt ökonomisch, sozial und politisch stabil, gewissermaßen sturmfest, zu machen. Denn je instabiler eine Gesellschaft ist, desto verheerender wirken sich extreme Wetterereignisse aus. Das hat 2005 der Hurrikan Katrina in New Orleans gezeigt, wo den Armen die Möglichkeit fehlte, die Flucht aus der bedrohten Stadt zu organisieren, und wo die Furcht vor Plünderungen angesichts einer ohnehin hohen Kriminalität so groß war, dass manche in der Stadt blieben, um ihr Eigentum zu schützen.
Im Süden der Welt wird es darauf ankommen, politisch und sozial so stabile Staaten aufzubauen und zu festigen, dass durch den Klimawandel verursachte Katastrophen nicht zur teilweisen oder gänzlichen Auflösung dieser Staaten führen. Gegenwärtig ist das von lang anhaltenden Dürren heimgesuchte Somalia ein Beispiel dafür, dass in einem gescheiterten Staat nicht einmal die internationale Katastrophenhilfe wirksam werden kann, weil die Situation so von Gewalt geprägt ist, dass Helfer um Leib und Leben fürchten müssen.
Westliche Staaten können viel tun, um gefestigte soziale Verhältnisse zu fördern.
Der wohl wichtigste Beitrag besteht in der Zustimmung zu grundlegenden Veränderungen des internationalen Wirtschafts- und Finanzsystems, damit arme Volkswirtschaften eine Chance bekommen, an der Entwicklung der globalen Wirtschaft zu partizipieren. Gleichzeitig gilt es, demokratische Prozesse zu fördern und jede Unterstützung für despotische Regimes einzustellen. Ein besonders wirksames Mittel für die Entstehung und Festigung sozialer Stabilität und verantwortungsbewusster Regierungen ist die Stärkung der Zivilgesellschaften und besonders von Menschenrechtsgruppen und -organisationen. Aus dieser Perspektive gewinnt die Arbeit etwa von Amnesty International einen hohen Stellenwert, um die Folgen des Klimawandels zu begrenzen und Situationen zu verhindern, die Menschen zwingen, ihre Heimat zu verlassen.
Recht auf Entschädigung
All das kann die Industriestaaten aber nicht von ihrer Verantwortung für die Menschen entlasten, die als Folge des Klimawandels zur Flucht gezwungen sind. Thomas Hirsch, Klimaexperte des evangelischen Hilfswerks "Brot für die Welt", betont: "Das Thema Klimaflüchtlinge darf bei den laufenden internationalen Verhandlungen für ein neues Klimaabkommen nicht länger ein Tabu bleiben. Schon heute sind allein im Pazifik Zehntausende betroffen, die ein Recht auf Entschädigung haben."
Erschienen in zeitzeichen Dezember 12/2009.

