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Verstaatlichte Religion

Die Religionsverwaltung in der formal laizistischen Türkei

Andreas Gorzewski

In der Türkei sind Staat und Religion laut Verfassung getrennt. In der Praxis verwaltet jedoch die staatliche Religionsbehörde Diyanet den Islam. Sie fühlt sich auch dem Zusammenhalt der türkischen Nation verpflichtet.

Ankara: Aleviten fordern gleiche Rechte in der Türkei. (Foto: AP)
Ankara: Aleviten fordern gleiche Rechte in der Türkei. (Foto: AP)

Das türkische Religionspräsidium liegt am Rande des Machtzentrums der Hauptstadt Ankara. Das weitläufige Gebäude steht an einer viel befahrenen Straße schräg gegenüber vom Sitz des Nationalen Sicherheitsrats. Neben dem Religionspräsidium wird eine moderne Kuppelmoschee gebaut. Wer das "Diyanet İşleri Başkanlığı" - meist kurz "Diyanet" genannt - betreten will, wird schon mal über die Baustelle gelotst.

Die staatliche Islambehörde ist in der türkischen Verfassung verankert, obwohl das Land laut derselben Verfassung laizistisch ist. Für Ali Dere, Leiter der Diyanet-Auslandsabteilung, ist das kein Widerspruch. Laizismus bedeutet ihm zufolge, dass Staat und Religion sich nicht in den jeweils anderen Bereich einmischen. Das Präsidium sei in Fragen der Religion völlig unabhängig. "Was uns mit dem Staat verbindet, sind die administrative Schirmherrschaft des Staates und das Budget", sagt der muslimische Theologe, der in Göttingen promoviert wurde. Wie unabhängig eine Institution unter diesen Bedingungen sein kann, ist allerdings umstritten.

            Administration und Budget

Die staatliche Schirmherrschaft über die islamischen Belange reicht bis in die Gründungsphase der türkischen Republik in den Zwanzigerjahren zurück. Damals ließ Republikgründer Atatürk viele religiöse Ämter und Institutionen abschaffen und den Islam aus dem öffentlichen Leben zurückdrängen. Allerdings wollten die Anhänger Atatürks die Religion nicht ganz zur Privatsache machen, nicht ganz aus staatlicher Kontrolle entlassen. Bereits 1924 entstand eine erste Vorläuferbehörde des Religionspräsidiums.

Mehr als siebzig Jahre nach Atatürks Tod spielt der Islam auch im öffentlichen Leben längst wieder eine wichtige Rolle. Geblieben ist jedoch die Vorrangstellung des Staatsapparats. Damit sich die Religion möglichst nicht in die Politik einmischen kann, bestimmt der Staat den Handlungsspielraum für das Präsidium. Trotz eines Milliardenbudgets und knapp neunzigtausend Beamten ist die Diyanet kein eigenständiges Ministerium. Die Behörde untersteht dem Ministerpräsidenten. Am Kabinettstisch wird die Diyanet von einem Staatsminister vertreten.

Derzeit hat Faruk Celik von der islamisch geprägten AK-Partei den Posten inne. "Es geht nicht darum, uns den Willen des Staates oder der Regierung zu diktieren, sondern vielmehr unsere Interessen gegenüber dem Staat und anderen Behörden zu vertreten", erklärt Dere das Zusammenspiel mit Celik. In Fragen der Religionsauslegung mische sich der Staatsminister nicht ein. Auch der seit 2003 amtierende Behörden-Chef Ali Bardakoğlu betonte in Erklärungen mehrfach, "dass das Präsidium während meiner Amtszeit und in meinem Aufgabenbereich immer aus eigener Initiative gehandelt hat".

                          Keine Frage der Religionsauslegung

Die eigene Initiative ist sowohl durch gesetzliche Vorgaben als auch durch die roten Linien der türkischen Innenpolitik begrenzt. Eine dieser roten Linien - über die Militär, Justiz und die alteingesessene Bürokratie wachen - ist die Kopftuchfrage. Ein Versuch der regierenden AK-Partei, das bestehende Kopftuchverbot an Universitäten aufzuheben, scheiterte am Widerstand der Justiz. "Es ist offensichtlich, dass die islamische Welt davon überzeugt ist, dass das Tragen des Kopftuchs ein religiöses Gebot ist", drückte Bardakoğlu sich türkischen Medien gegenüber um eine eigene Stellungnahme. Direkte Kritik am Kopftuchverbot in staatlichen Bildungseinrichtungen übte er nicht.

Das von Bardakoğlu geführte Präsidium ist vor allem eine Personalbehörde mit Imamen, Predigern, Moscheedienern und Korankurslehrern. Sie sorgen laut Gesetz für religiöse Dienstleistungen, die Verwaltung der Moscheen und die angestrebte Aufklärung über den Islam. Anders als die Kirchen in Deutschland hat das Religionspräsidium jedoch keinen Einfluss auf den Religionsunterricht an Schulen oder den Bau von Gotteshäusern. Der verpflichtende Religionskultur- und Ethikunterricht untersteht dem Erziehungsministerium. Neue Moscheen werden in aller Regel von Vereinen, Stiftungen oder privaten Spendern errichtet. Das Präsidium habe keine eigenen Moscheen und keinen Einfluss auf Bauvorhaben, sagt Dere. "Wir erfahren gar nicht, wenn irgendwo eine Moschee gebaut wird, bis der Bau fertig ist und die Leute einen Imam wollen."

Um über den eigentlichen Auftrag hinaus arbeiten zu können, wurde 1975 die Diyanet-Stiftung der Türkei gegründet. Die ebenfalls von Bardakoğlu geleitete Stiftung vergibt Stipendien, unterhält Studentenwohnheime, betreibt mehrere Krankenhäuser sowie ein Verlagshaus und organisiert religiöse, soziale und kulturelle Veranstaltungen. Außerdem baut die Stiftung in Einzelfällen auch Moscheen. So stellte sie die größte Moschee der Hauptstadt, die Kocatepe-Moschee, fertig. Unter der Kuppelmoschee im osmanischen Stil befindet sich neben einem Einkaufszentrum auch der unscheinbare Sitz der Diyanet-Stiftung.

           Zentrales Thema:
          Frauenfragen

In ihren Verlautbarungen bemüht sich die Religionsbehörde meist um ein zeitgemäßes Islamverständnis. Dazu dienen vor allem die Freitagspredigten, die noch bis vor einigen Jahren zentral von Ankara für die etwa 80.000 Moscheen vorgegeben wurden. Hinzu kommen Zeitschriften und regelmäßige TV-Programme. Ein zentrales Thema sind Frauenfragen. Zum Kampf gegen die Benachteiligung von Frauen und gegen so genannte Ehrenmorde seien auch die Imame aufgerufen, betont Bardakoğlu in seinen Reden.

Zur religiösen Aufklärung gehört es auch, gegen abergläubische Vorstellungen anzukämpfen. Dies wird in der Altstadt von Ankara deutlich. Dort steht das Grabmal des mittelalterlichen Predigers Hacı Bayram Veli. Ein besticktes Tuch bedeckt den Steinsarg in einem winzigen Raum. Zu fast allen Tageszeiten finden sich Gläubige ein, um von dem 1429 verstorbenen Mystiker Beistand bei Problemen und Krankheiten zu erbitten. Solche Art der Heiligenverehrung lehnt die Diyanet entschieden ab. Von Toten dürfe keine Heilung erbeten werden, heißt es auf einem Zettel, den die Religionsbehörde an den Türpfosten des Grabmals geheftet hat. Auch das Ablegen von Gelübden oder das Entzünden von Kerzen sind demnach tabu. "Diese und ähnliche Abweichungen und Aberglaube sind in unserer Religion absolut verboten!", warnt das Präsidium.

                                                      Bizarre Vorwürfe

Darüber hinaus hat das Religionspräsidium eine gesellschaftspolitische Aufgabe: Es soll die nationale Einheit bewahren helfen. Vaterlandsliebe wird ebenso gepredigt wie islamische Werte. Wenn die Spannungen in den Kurdengebieten zunehmen, mahnt die Behörde zu Brüderlichkeit und Patriotismus. Als besondere Gefahr für die nationale Einheit gelten christliche Missionare aus dem Ausland. In einer Diyanet-Predigt von 2005 wurde ausländischen Mächten eine dauerhafte Kreuzzugsmentalität unterstellt. In den Buchläden der Diyanet-Stiftung finden sich vereinzelt bizarre Beschreibungen von Missionsaktivitäten.

Jenseits der Streitfrage ausländischer Mission ist die Behörde durchaus am Dialog mit den anderen Religionen interessiert. Beharrlich wirbt Bardakoğlu für ein friedliches Zusammenleben aller Gläubigen. Für die Christen, deren rechtlicher und gesellschaftlicher Status in der Türkei unsicher ist, ist das Amt allerdings nicht zuständig. Als Bardakoğlu bei der Grundsteinlegung für die Kölner Moschee aufgefordert wurde, sich für die dauerhafte Öffnung der Pauluskirche im türkischen Tarsus einzusetzen, antwortete der ebenfalls mitgereiste Staatsminister Celik. Er versprach, das Anliegen im Kabinett zur Sprache zu bringen - wo es im türkischen Politikgefüge hingehört.

Der Bewahrung der nationalen Einheit dient auch das Monopol auf die Islam-Zuständigkeit. So ist die Diyanet laut Selbstverständnis nicht nur eine Dienstleistungsbehörde für den hanafitisch-sunnitischen Mehrheitsislam.

Auch für die überwiegend schafiitisch-sunnitischen Kurden und die Aleviten ist sie zuständig. Viele Aleviten sehen das jedoch anders. In ihrer Lehre vermischen sich islamische und außer-islamische Elemente. Keiner der untereinander rivalisierenden alevitischen Dachverbände fühlt sich bislang vom Präsidium vertreten. Wie sich die Diyanet für Aleviten öffnen könnte, wird in der Türkei heftig diskutiert.

Religiöser Monopolanspruch
ist umstritten

In Frage gestellt wird der religiöse Monopolanspruch auch von den weit verzweigten Bruderschaften. Obwohl diese Gemeinschaften 1925 alle  verboten wurden, sind viele von ihnen wieder gut organisiert. Die meisten von ihnen stellen für den Staat kein direktes Problem dar, da sich die beteiligten Seiten miteinander arrangiert haben. Einige entziehen sich jedoch jeder Kontrolle und vertreten ein erzkonservatives Islamverständnis.

Besonders sichtbar wird das bei der İsmail-Ağa-Gemeinschaft. Ihr Zentrum liegt im Istanbuler Stadtteil Çarşamba. Ein großer Teil der Frauen auf der Straße ist bis auf die Nasenspitze schwarz verhüllt. Viele Männer tragen Pluderhosen, Turbane und offene Mäntel. Offiziell ist die Diyanet auch für die leicht zu übersehende İsmail-Ağa-Moschee zuständig. Ein Plakat wirbt im Vorraum für die Mekka-Pilgerfahrten der Behörde. Davon abgesehen zählt das Religionspräsidium hier nicht viel. Als 2006 ein Imam der Gemeinschaft beim Morgengebet erstochen wurde und die Beter den Mörder lynchten, zeigte sich bei den Ermittlungen die Hilflosigkeit und Unkenntnis der Islambehörde gegenüber der Bruderschaft.

Die religiöse Dienstleistung der Diyanet reicht bis ins Ausland. In mehr als zwanzig Staaten entsendet das Präsidium Imame. Ihre Tätigkeit wird von den Religionsattachés an den Botschaften koordiniert. Derzeit sind allein in Deutschland rund achthundert Vorbeter tätig, die jeweils für vier Jahre entsandt werden. Sie arbeiten in den Moscheevereinen der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (DITIB), die eine Art Auslandsabteilung der Diyanet nach deutschem Recht ist. Dere hat neben seiner Position in Ankara auch den zweiten Vorsitz der DITIB inne. Erster Vorsitzender ist der türkische Botschaftsrat Sadi Arslan.

                                    Islam nach dem Interesse des Staates

Seit ihrer Gründung wird die Diyanet von verschiedenen Seiten angegriffen. Einige Politiker und Aleviten-Vertreter fordern eine Auflösung der Diyanet oder zumindest deren Herauslösung aus der staatlichen Zuständigkeit. Erst dadurch könne volle Religionsfreiheit für alle gewährleistet werden, argumentiert unter anderem Ali Balkız, Vorsitzender des eher säkularen Aleviten-Verbandes ABF.

Aber auch von religiöser Seite kommt Kritik. So wird der Diyanet zuweilen vorgehalten, den Islam nur nach den Interessen des Staates zu predigen. Die Distanz zum staatlich verwalteten Islam lässt sich an den Moscheevereinen in Deutschland ablesen. Während die Diyanet in der Türkei für alle Moscheen zuständig ist, entstanden in Deutschland mehrere von der DITIB unabhängige türkische Moschee-Verbände. Wieder andere Kritiker befürchten, dass eine weiter anwachsende Diyanet sich allmählich aus der staatlichen Obhut emanzipieren und eine schleichende Islamisierung von Staat und Gesellschaft vorantreiben könnte.

Diyanet-Präsident Bardakoğlu preist seine Behörde derweil selbstbewusst als Erfolgsmodell. Vom Selbstbewusstsein des Präsidiums zeugt auch der Moschee-Neubau direkt neben der Haustür. Der imposante Blickfang entsteht an einer Verkehrsachse mit den einzelnen Machtzentralen des Landes. Eine Neufassung des Diyanet-Gesetzes Anfang Juli stärkte die Stellung der Behörde noch. Auch eine Reihe von geplanten Verfassungsänderungen dürfte am Auftrag und Status der Institution kaum etwas ändern.

Andreas Gorzewski ist Theologe und Islamwissenschaftler.

Erschienen in zeitzeichen August 08/2010.

 

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