zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

Wie es sich begab

Neue Gedichte von Eva Zeller

Arnim Juhre

Es ist bemerkenswert, wie sich eine heute 90-jährige Autorin ehrlich erinnert. Sie macht sich nicht aus dem Staub.

Als Eva Zeller vor mehr als vierzig Jahren ihren ersten bedeutenden Gedichtband "Sage und schreibe" herausgab, hatte sie ihren 57 Gedichten ein eigenes Motto vorangesetzt: "So tun als ob / es Ausreden gäbe / für Kyrieleis." Heute nun, anno 2013, erschienen wieder 57 Gedichte von ihr, "Hallelujah in Moll". Diesmal aus Anlass ihres neunzigsten Geburtstags. Doch der Titel von einst schimmert wie ein Programm auch durch die neuen Gedichte hindurch. Denn sie sagt und sie schreibt, sie singt nicht. Im genauen Sinn des Wortes "Lyrik" ist sie keine Lyrikerin. Wenn sie nun "Hallelujah" sagt, heißt das noch immer "Preiset Jahweh". Und "in Moll" bedeutet: bitte nur halbe Tonschritte. Und nicht so laut.

Wer Eva Zellers neues Buch wie eine Erzählung liest, von Anfang an wie ein fortwährendes Sagen und Schreiben, macht nichts falsch. Als Anfang prägt sich dann der Satz ein: "Mnemosyne. So hat man sie genannt, die griechische Göttin der Erinnerung und des Gedenkens." Aber dieser erste Satz stammt nicht von ihr, sondern vom Neuendettelsauer Theologieprofessor Richard Riess, der ihr mit einem ausführlichen Vorwort zum 90. Geburtstag gratuliert. Das letzte Wort hat natürlich Eva Zeller. Das Buch endet mit ihrem Gedicht "Neue Zeitrechnung". Dessen letzte Strophe lautet: "Schwierige / Entscheidungen müssen / getroffen werden / die klügsten Köpfe / machen sich Gedanken / es gibt weiß Gott / Gesprächsbedarf genug / viel zu viel / steht diesmal / auf dem Spiel."

Damit ist zum Schluss eine ungeheure Perspektive angedeutet, die sich erst in diesem 21. Jahrhundert nach Christi Geburt abzeichnet. Ringsum treten ungewohnte Fakten auf den Plan: Nie zuvor gab es sieben Milliarden Menschen auf dieser Erde, nie zuvor waren Menschen in der Lage, ihre Lebensgrundlagen auf dieser Erde nachhaltig zu beschädigen oder zu zerstören, nie zuvor waren Menschen fähig, durch globale Finanz- und Wirtschaftspolitik das Schicksal von unzählig vielen Menschen zu bestimmen. Mit einem Wort: "Viel zu viel steht auf dem Spiel." Das ist es, was Eva Zeller "die neue Zeitrechnung" nennt. Denn niemand kann sich erinnern, dass jemals so viel auf dem Spiel stand.

Liest man Eva Zellers neue Gedichte wie gewohnt, sozusagen traditionell, erweist sich die Einteilung in vier Gruppen als hilfreich. Erstens: "Keine andere helfende Hand als die durchbohrte", zweitens: "Glück im Unglück", drittens: "Wie einst Lili Marleen" und viertens: "Trägt die Vogelscheuche noch Großvaters Hut?"

Ihrem Vater hat Eva Zeller ein eigenes Gedicht gewidmet, einem Mann, der eigentlich keine Kinder wollte. Der für Kindereien wie "Hoppe, hoppe Reiter" nicht zu haben war, sondern sich mit dem süßen Duft seiner Brasil lieber wie in eine Tarnfarbe hüllte. Umso deutlicher taucht die Gestalt des Großvaters im "Flämingmuseum" auf: "Am imposantesten die Dampfmaschine von 1906 / (Großvater Eugen hat sie angeschafft) / kolossale stählerne Skulptur, Schwingrad, Rohre, / Röhren zum reinsten Tizianrot verrostet."

Eva Zeller, 1923 geboren in Eberswalde bei Berlin, erinnert sich nicht nur an den 3. Mai 1945. "Die sowjetischen Panzer / waren mit Fichtenzweigen / getarnt auch aus den / Drehtürmen wucherten / die Wipfel." Vom "Letzten Kriegswinter", vom "Kohlenklau" und von "Feldpostbriefen" ist ebenso die Rede und Schreibe wie von der "verheißenen Wunderwaffe" -, ob die nicht nur ein Märchen gewesen ist?

Mag sein, dass Eva Zellers neue Gedichte zum Teil belegen, wie krass die Abfolge der Generationen und deren Erlebnisse und Erfahrungen zu Buche schlagen. Bemerkenswert ist jedenfalls, wie eine heute 90-jährige Autorin sich ehrlich erinnert. Sie macht sich nicht aus dem Staub. Ihr "sage und schreibe" fällt ihr noch immer nicht leicht: "Wie könnte ich / den Ahnungslosen spielen / wie mich taub stellen / als sei mir kein Wort / zu Ohren gekommen / und mich still und heimlich / aus dem Staub machen. / Es wispert / noch der Staub / hinter mir her."

Dennoch hat auch Professor Riess recht, wenn er darauf hinweist, dass Eva Zeller das "unverschämte Glück hat, am Tropf der Worte" und dem der Geschichten der Bibel zu hängen. Genauso, wie sie es selber gesagt und geschrieben hat.

 

Eva Zeller: Hallelujah in Moll. Gedichte. edition exemplum, Athena-Verlag, Oberhausen 2013, 108 Seiten, Euro 12,-.

 

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