zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

Ein fassbarer Gott

Klartext

Jürgen Kaiser

Die Gedanken zu den Sonntagspredigten im November und Dezember stammen von Jürgen Kaiser. Er ist Pfarrer in Stuttgart.

(Foto: privat)
(Foto: privat)

Vorläufig verborgen

Totensonntag, 21. November

Wie werden die Toten auf­erstehen, und mit was für einem Leib werden sie kommen?

(1. Korinther 15,35)

Wie werden die Toten auferstehen? Diese Frage hat nicht nur die Gemeinde in Korinth beschäftigt. Sie ist bis heute aktuell. Wie ist das nach dem Tod, nach meinem Tod? Wie stelle ich mir die Auferstehung vor? Gibt es sie überhaupt? Und bin ich dabei?

Nicht nur Bilder von großen Meistern tauchen dabei auf. Etwa das vom Jüngsten Gericht aus dem Hospiz von Beaune, gemalt von Roger van der Weyden. Neben dem großen Richterstuhl Christi entschwinden die guten Christen selig lächelnd in den Himmel, und daneben fallen gemarterte Körper in das Feuer der Hölle. So stellte man sich das im Mittelalter vor. Und im Glauben vieler Zeitgenossen ist das auch heute noch so.

Die alten Griechen haben dagegen einen feinen Unterschied gemacht. Sie teilten den Menschen in Seele und Körper oder - noch verfeinerter - in Seele , Körper und Geist. Und die genaue Unterscheidung zwischen einer unsterblichen Seele und einem verwesendem Körper lebt in der Vorstellung der Gläubigen bis heute weiter. Das ist ja auch viel besser zu begreifen und bleibt daher Teil kirchlicher Verkündigung am Grabe. Nicht nur bei Christen. Zahlreiche Esoteriker haben sich dieser hellenistischen Idee bemächtigt. Das antike Griechentum mit seiner Trennung von Seele und Körper lebt bis heute, bis hinein in spiritistische Sitzungen. Von zeitgenössischen Adaptionen asiatischer Lehren ganz zu schweigen.

Mit den hellenistischen Vorstellungen hatte sich auch Paulus auseinanderzusetzen. Gerade die Gemeinde von Korinth war erfüllt von Spekulationen aller Art. Korinth war schließlich die geistige Hauptstadt Griechenlands. Keine Idee, die hier nicht ihre Anhänger fand. Auch in der christlichen Gemeinde.

"Alles Blödsinn", befand Paulus, "wer tot ist, ist tot. Und bleibt es." Da ist nichts mit der Trennung von Körper, Seele und Geist. Oder Trennung von Seele und Körper. Da gibt es allein die Auferstehung in einer Gestalt, die wir nicht kennen und die uns verborgen bleibt. Bis zum Jüngsten Gericht.

So sah es auch Jesus. Der wurde einmal gefragt, mit wem eine Frau, die auf Erden sieben Mal verheiratet war, denn im Himmel verheiratet sein würde. Und Jesus erteilte den Fragenden eine Abfuhr. Das sei allein die Sache Gottes.

Paulus kommt in 1. Korinther 15 auf das Wesentliche zu sprechen, auf den Glauben. Darauf, dass wir vertrauen und hoffen, mit Gott vereint zu sein. Jesus ist der erste Auferstandene. Und wir Christen sind die nächsten. Wann immer das sein wird. Weil Jesus auferstanden ist, können auch wir auferstehen. Alle Spekulationen über das wie sind dagegen vergebens.

Zwischen Trümmern

1. Advent, 28. November

Siehe es kommt die Zeit, spricht der Herr, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. (Jeremia 23,5)

Jeremia war ausgebrannt. So saß er in den Trümmern Jerusalems, umgeben von Toten und geborstenen Steinen. Jeremia in der Stadt, die 586 vor Christus zerstört worden war - so sahen ihn die Künstler: Michelangelo, Rembrandt, Ilja Repin. Und seine Klagelieder über die zerstörte Stadt wurden zum Muster einer ganzen Liedergattung.

Jung war Jeremia zum Propheten berufen worden. Und er traute sich die Berufung zunächst nicht zu. Dann wurde er zum Ankläger der Herrschenden, wurde gehasst und verfolgt. Er blieb ein einsamer Mahner, der Recht behielt, aber immer auch ausgelacht wurde.

Trotzdem blieb Jeremia unbeirrt. Und am Ende seines Lebens floh er nach Ägypten. Dort wurde der Prophet - der Sage nach - gesteinigt.
Sein Leben hatte Jeremia auf die Verheißung des Bundes Gottes mit seinem Volk gebaut. Wie ein Faden zieht sich sein Bekenntnis durch sein Werk und Leben. "Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein und ich will ihr Gott sein."

So redet Jeremia inmitten der Toten und des zerstörten Jerusalem eine große Hoffnung. Und die Juden schöpfen ihre Hoffnung auf den kommenden Messias bis heute daraus. Die Christen auch. Nur war für sie der Messias schon einmal da - in der Gestalt Jesu. Und sie erwarten, dass der Messias ? griechisch: der Christus ? wieder kommt.
Advent heißt: Ankunft. Mit jedem Weihnachten feiern Christen die Ankunft Gottes auf Erden in Gestalt eines Neugeborenen, des Jesus von Nazareth. An Weihnachten wird er geboren. Da wird Gott anschaubar, ja (an-)fassbar - also menschlich. So ist für Christen die nun beginnende Adventszeit eine Zeit der Vorbereitung auf das Menschlichwerden Gottes.

Am Ersten Advent beginnt auch das neue Kirchenjahr. So kann schon der Advent eine Zeit des Nachdenkens über das vergangene Jahr sein - über angestrebte Ziele, erreicht oder nicht, über Erfolge und Niederlagen. Für den Zeitgenossen geht alles in einem großen Rausch von Festen und Feiern unter, für den Nachdenklichen beginnt bereits das Neue. Nicht erst an Neujahr, sondern jetzt. Und der Grund liegt in der Hoffnung, dass etwas Neues in Vorbereitung ist, Neues, das seinen Grund in alten Wurzeln hat. In König Davids früherem Glanz, der untergegangen ist, aber wiederkommen wird, noch größer, noch glänzender - und dieses Mal für immer.

Das liegt noch vor uns. Es ist noch nicht da. Denn noch erleben wir all das Unvollkommene, zum Beispiel Ungerechtigkeit in unserer Gesellschaft und in unserer Welt. Immer noch besteht ein Unterschied zwischen Arm und Reich, ja er wird immer größer. Es werden Kriege geführt, und Gesellschaften und Religionen driften auseinander.
Doch es besteht Grund zur Hoffnung. Für Christen aber nur deshalb, weil der kommende Messias aus dem davidischen Geschlecht kommen wird. Dafür lohnt es sich einzusetzen. Gegen alle Widersprüche. Oder um mit Jeremia zu sprechen: mitten zwischen den geborstenen Steinen und vernichteten Existenzen in Jerusalem.

Wie im Film

2. Advent, 5. Dezember

Was wird das Zeichen sein für dein Kommen und für das Ende der Welt? (Matthäus 24,3)

"Das Ende der Welt." Klingt wie ein Filmtitel. Immer wieder produziert Hollywood neue Filme zum Thema und manche haben mehr als einen Kultstatus. "Apocalypse Now" ist in die Filmgeschichte eingegangen. Andere werden folgen - zu faszinierend ist das Thema. Und überall auf der Welt treten bis heute Messiasse auf, die das Ende verkünden und zugleich den Weg zur Erlösung weisen.

Nichts fasziniert so sehr wie das Ende. Nicht nur das Ende der Welt, sondern auch das eigene. Besonders, wenn man älter wird. Die einen ignorieren es. Die anderen fangen an, still und leise, ihre persönlichen Verhältnisse zu ordnen. Kein Wunder, dass die kirchlichen Wiedereintrittsstellen einen besonderen Zuwachs in dieser Lebensphase verbuchen. Die Menschen ordnen ihr Leben.

Jesus und seine Jünger verlassen den Tempel. Es war ihr letzter Besuch dort - auch wenn sie es noch nicht wissen. Die Jünger wollen Jesus noch auf besondere Schönheiten des Tempels aufmerksam machen. Doch ihn zieht es weg - hinaus auf den Ölberg. Er erinnert sie an die Vergänglichkeit - auch der Steine, auch des Tempels. Da stellen die Jünger diese Frage. Und Jesus erwidert, dass nichts so bleibt, wie es ist. Dass Steine umfallen werden, Erdbeben und Katastrophen kommen, und falsche Heilslehrer auftreten - Rattenfänger und Verführer.

"Stimmt alles", werden wir sagen. Haben wir alles schon gehabt. Vom Erdbeben in Lissabon, das im 18. Jahrhundert die Aufklärung und den Atheismus auslöste, bis zu Auschwitz, haben die Menschen das gesamte Szenario eines Endes der Welt erlebt. Alles also schon mal dagewesen. Aber offensichtlich noch nicht genug. Das Ende der Welt steht noch bevor, und es fasziniert die Menschen.

Was aber hat Bestand angesichts des Weltuntergangs? Es ist die Nächstenliebe, sagt Jesus. Sie ist das Zentrum. Auch das Zentrum des Überlebens in all dem Schlamassel. Weil Gott den Menschen liebt, ist dieser seinerseits fähig zu lieben - auch in der Endzeit. So kann es Weihnachten werden.

Hoffen und handeln

3. Advent, 12. Dezember

Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt; jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.

(Lukas 3,9)

Eindeutig war, was Johannes der Täufer seinen Landsleuten sagte, die von den Römern unterdrückt wurden und dagegen aufbegehrten oder sich anpassten: "Ihr lebt in Sünde, egal, wie ihr euch verhaltet", rief Johannes. Und er forderte die Leute auf, Buße zu tun und umzukehren. Denn wie auch immer man sich verhielt, brachte man keine guten Früchte.

Wer sich dazu bekennt, sein Fehlverhalten, also seine Sünde erkennt, und von nun an anders leben möchte, lässt sich taufen. Das Wasser des Jordans wäscht nicht nur den Wüstenstaub ab, es ist ein Symbol für das neue, nun beginnende Leben im Reinen.

Das ist aber gar nicht so einfach, auch heute nicht. Denn die Welt ist ja gleich geblieben. Die Umstände und Zwänge ebenfalls. Diese nüchterne Erkenntnis führte bei den sich bekehrenden Alemannen dazu, sich erst auf dem Totenbett taufen zu lassen. Denn wer mit dem Tode rang, konnte den Verführungen der Welt nicht mehr verfallen.

Doch damit wäre Johannes der Täufer missverstanden. Denn auf die Frage, wie man denn nun nach der Wassertaufe leben solle, antwortete er: "Wer zwei Hemden hat, soll dem eines geben, der keines hat." Leben in tätiger Nächstenliebe also. Und er sagte noch etwas: Es wird einer kommen, der tauft nicht mit Wasser, sondern mit dem Heiligen Geist. Dass dieser, dass Gott selber wirkt, geschieht unabhängig vom Menschen. Und darauf kann man nur hoffen.

Diese Mischung aus menschlicher Handlung - das Taufen mit Wasser - und Hoffen auf Gottes Tat, haben schon die ersten Christen als Sakrament verstanden. Menschliches Handeln und Gottes Geist kommen zusammen. Die ersten Christen haben dies in der Taufe und im Abendmahl erkannt. Die Reformatoren haben dann darauf zurückgegriffen und alles andere, in dem man auch das Zusammentreffen beider Handelnder meinte erkennen zu können, zurückgewiesen. Alles andere erschien ihnen als Anmaßung. So haben die Protestanten bis heute zwei Sakramente.

 

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