zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

Neue Menschen

Klartext

Jürgen Wandel

Die Gedanken zu den Sonntagspredigten stammen von Jürgen Wandel. Er ist Redakteur der zeitzeichen.

(Foto: privat)
(Foto: privat)

Kirche mit Zukunft

16. Sonntag nach Trinitatis, 19. September

Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht sondern der Kraft und der Liebe und der ­Besonnenheit. (2. Timotheus­brief 1,7)

Zukunftsängste oder zumindest Verunsicherung haben hiesige Kirchenleute befallen. Und dafür gibt es gute Gründe: Die Kirche verliert Mitglieder und Einnahmen. Schließlich nimmt die Zahl der Deutschen ab, weil immer weniger Kinder geboren werden. Und diejenigen, die nach Deutschland einwandern, sind in der Regel nicht evangelisch. Außerdem: Die Zahl der Kirchenaustritte übersteigt immer noch die der Eintritte. Und dieser Trend dürfte anhalten. Denn die Bindung vieler Kirchenmitglieder lockert sich, und die Kenntnis des Christentums wird geringer. "Traditionsabbruch" heißt das Stichwort.

Wenn die Kirche aber immer weniger Mitglieder und Einnahmen hat, muss sie vieles aufgeben, was ihr bislang lieb und teuer war: Kirchengebäude und Gemeindehäuser, Pfarrstellen und eine Bezahlung der Geistlichen, die ihrer akademischen Ausbildung angemessen ist. Und möglicherweise werden eines Ta­ges auch die Kirchentage unbezahlbar, Veranstaltungen, die eine große Öffentlichkeitswirkung erzielen, die Leben und Glauben vieler Christen bereichern und um die uns die Kirchen anderer Länder beneiden.

Wer auf Dinge verzichten muss, die ihm wichtig sind, wer von vielem Abschied nehmen muss, was ihm vertraut war, wer einer ungewissen Zukunft entgegengeht, den erfüllt der Geist der Furcht. Und er steht in der Gefahr, unbesonnen zu handeln. Er sucht Sündenböcke für die missliche Lage, in die er geraten ist. Das sind dann die Medien, die schlecht oder gar nicht über die Kirche berichten, und Theologen, die dem Zeitgeist erlegen sind. Die Kirche zieht sich in eine Wagenburg zurück, erstarrt in Traditionalismus und Fundamentalismus. Doch das vertieft erst recht den Graben zwischen Gesellschaft und Kirche und verschlimmert noch die Lage. Denn in einer offenen Gesellschaft hat nur eine offene Kirche die Chance, Menschen für sich und ihre Botschaft zu gewinnen. Offen kann aber nur jemand sein, der besonnen ist und nicht ängstlich. Doch wie kommt es dazu?

Unsere Sorgen können sich relativieren, wenn wir uns die Lage vor Augen führen, in der sich der Verfasser des Timotheusbriefes befindet. Seine Zukunftsaussichten sind trübe. Er sitzt wegen seines Glaubens im Gefängnis. Und seinen Mitchristen, einer winzigen Minderheit, droht ebenfalls Verfolgung. Doch wie damals, so hat sich auch später immer wieder gezeigt: "Die Pforten der Hölle" werden die Kirche "nicht überwältigen". (Matthäus 16,18)

Doppelte Zusage

17. Sonntag nach Trinitatis, 26. September

So kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Christi. (Römer 10,17)

Wir leben in einer Zeit der Bilder, einem Zeitalter der Visualisierung: Das Fernsehen bestimmt schon seit langem unser Leben. Und heute drucken auch seriöse Zeitungen (viele) Fotos. Die meisten Firmen führen ein Logo, ein Firmenzeichen, oft verbunden mit einer bestimmten Farbe. So kann der Betrachter sofort erkennen, mit wem er es zu tun hat. Und auch im Bereich der Religion spielt das, was man sehen kann, eine stärkere Rolle als früher. Das kommt gerade der katholischen Kirche zugute: Ihre Geistlichen sind in ihren bunten Gewändern fotogener als evangelische. Und eine Messe spricht die Augen stärker an als ein evangelischer Gottesdienst.

Sehen und Gesehenwerden, das stehende und das bewegte Bild haben an Bedeutung gewonnen. Doch dabei hat das Hören nicht an Bedeutung verloren, wie Kulturpessimisten meinen. Hörbücher sind sehr verbreitet. Kirchenkonzerte, die konzentriertes Zuhören erfordern, sind populär, selbst in Städten, die stark entkirchlicht sind. Und es gilt als großes Kompliment, wenn einer Frau oder einem Mann bescheinigt wird, dass er/sie gut zuhören kann.

Dieser Befund ist für die evangelische Kirche wichtig, einer Kirche des Wortes - aber auch für das Christentum insgesamt. Denn selbst die Sakramente, Taufe und Abendmahl, gewinnen ihre Bedeutung ja erst durch das Wort. Ja, der Gott, den Juden und Christen ver­ehren, ist ein Gott, der spricht und dem man zuhören muss, wenn man mit ihm in Kontakt treten will. Nicht zufällig heißt es im Alten Testament: "Höre Israel ..."

Für Christen hat Gott in besonderer Weise durch Jesus Christus gesprochen. Dieser ist für sie das "Wort Gottes". Es wird in der Bibel bezeugt und in der Predigt ausgelegt.

Freilich, unter Predigt versteht Paulus mehr als die Auslegung eines Bibelabschnittes durch Frauen und Männer, die an der Universität Theologie studiert haben. Bei vielen Christen waren es die Mütter, die die Samen des Glaubens gesät haben. Und sie dürften in der Regel keine Theologinnen gewesen sein, oft auch keine Akademikerinnen.
Sicher, wenn ein Christ von Christus erzählt oder mit anderen über ihn diskutiert, ruft das beim Gesprächspartner nicht automatisch Glauben hervor. Aber es kann passieren. Und das ist eine doppelte Verheißung und Ermutigung: für diejenigen, die über Gott und Jesus spre­chen, und für diejenigen, die zuhören.

Nachahmer Gottes

18. Sonntag nach Trinitatis (Erntedankfest), 3. Oktober

Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb. (2. Korinther 9,7)

Einem Hungernden dürfte es wurst sein, ob derjenige, der ihm ein Stück Brot gibt, griesgrämig ist oder fröhlich. Erst recht dürfte es den Bewohnern einer Stadt gleichgültig sein, aus welcher Laune heraus Mäzene eine Kunsthalle finanzieren oder für ein Schwimmbad spenden. Entscheidend ist doch, dass eine Notlage behoben wird. Und das heißt im Zusammenhang des heutigen Predigtabschnittes: Entscheidend ist, dass die Geldsammlung für die arme Gemeinde in Jerusalem zustande kommt. Warum sollen die Spender in Korinth und anderswo darüber hinaus auch noch fröhliche Geber sein?

Sicher: Wer auf eine Spende angewiesen ist, leidet meist nicht nur materielle Not, sondern auch seelische. Und sei es, dass er sich seiner Bedürftigkeit schämt. Da tut es natürlich gut, wenn man nicht als Almosenempfänger abgespeist wird, sondern wenn der Geber fröhlich ist und das heißt, wenn seine Gabe von Herzen kommt.

Aber Paulus geht es um mehr. Ihn bewegen nicht nur moralische Gründe, dass Christen ihren Mitchristen verpflichtet sind. Den Apostel bewegen vielmehr theologische Gründe. Christen sind nicht fröhliche Geber, weil sich in der Kirche Menschen versammeln, de­nen Natur und Erziehung ein fröhliches Gemüt in die Wiege gelegt haben. Christen sind vielmehr fröhliche Geber oder sollen es sein, weil sie wissen: Al­les, Wohlbefinden und Wohlstand, hat ihnen Gott gegeben. Und dankbar dafür ah­men sie Gott nach. Sie geben ihren Mitmenschen etwas von dem weiter, was sie besitzen, materiell und ideell, an Geld und Wissen.

Wie die Bauern zu einer guten Ernte beitragen, so haben Menschen auch die Wiedervereinigung bewirkt: die Leipziger und andere Ostdeutsche, die 1989 auf die Straße gingen, Bundeskanzler Helmut Kohl, der zur rechten Zeit das Rechte tat, sein Vorvorgänger Willy Brandt, der mit seiner Ostpolitik die Mauer durchlässiger gemacht hatte und die evangelischen Landeskirchen und Ortsgemeinden, die Ost-West-Partnerschaften pflegten und so die Einheit der Nation aufrechterhielten.

Doch trotz aller menschlichen Verdienste, dass es vor zwanzig Jahren zur Wiedervereinigung kam, ist letzten Endes glücklichen Umständen zu verdanken, es war ein Geschenk. Und dafür sollten wir Gott genauso danken wie für die Ernte dieses Jahres und das Gute, das uns sonst noch widerfahren ist. Unser Dank zeigt sich auch darin, dass wir Arme fröhlich unterstützen, mit einem guten Wort, einer Spende und ? im Hinblick auf den Sozialstaat - auch mit dem Stimmzettel.

Bilanz am Abend

19. Sonntag nach Trinitatis, 10. Oktober

Zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit. (Epheser 4,24)

Christen müssen doch nicht gleich neue Menschen sein - es wäre doch schon viel gewonnen, sie wären ein wenig liebevoller und verständnisvoller als andere und mutiger im Einsatz für die, die die Gesellschaft an den Rand drängt. Doch im Epheserbrief wird - so scheint es - eine höhere Erwartung laut.

Natürlich ist manches, was dort steht, zeitbedingt. So dürfte heutzutage wohl keiner befürchten, dass Christen stehlen, und die Arbeit scheuen (Vers 28). Im Gegenteil, um diese Sekundär­tugenden ist es gerade unter Protestanten bestens bestellt. Ihnen möchte man eher wünschen, sich einmal Zeit fürs Nichtstun zu nehmen.

Und wie ist das in der Kirche mit dem "faulen Geschwätz", vor dem Vers 29 warnt? Mich stört an und in der Kirche am meisten, wie selten Kirchenleute direkt mit denen sprechen, über die sie sich - berechtigt oder unberechtigt - geärgert haben. Lieber wird hinten he­rum geschwätzt. Oder man wendet sich direkt an höhere Stellen, ohne es dem mitzuteilen, über den man sich beschwert.

Dass das auch außerhalb der Kirche vorkommt, ist nur ein schwacher Trost. Denn Christen sollen den neuen Menschen anziehen. Und sie können es auch. Schließlich hat Gott den Menschen in und mit der Taufe erneuert. Jetzt geht es nur noch darum, diesen neuen Menschen anzuziehen. Nur noch?

Die Taufe symbolisiert den Zuspruch, dass Gott uns ohne Vorbedingung angenommen hat. Aber sie bedeutet auch Gottes Anspruch auf unser ganzes Leben. Und so müssen wir uns fragen: Haben wir den neuen Menschen angezogen? Was hindert uns daran? Und wie müsste das konkret, in unserem Alltag, aussehen, dass wir mit der Taufe zu einem neuen Menschen geworden sind? Diese Fragen sollten wir uns regelmäßig stellen. Vielleicht sogar jeden Abend.

Mich hat jedenfalls bewegt, was der bekannte katholische Theologie Hans Küng in seiner Biographie über seine Studienzeit in Rom schreibt. In dem Heim, in dem er lebte, im Germanikum, beendeten die Studenten jeden Tag mit einer persönlichen "Gewissenserforschung". Schriftlich legten sie Rechenschaft darüber ab, inwiefern ihr Leben als Christen an diesem Tag ge- oder misslungen war.

 

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