Licht vom Himmel
Klartext
Die Gedanken zu den Sonntagspredigten im August und September kommen von Max Koranyi. Er ist Pfarrer in Königswinter.
Ihm nach
11. Sonntag nach Trinitatis,
15. August
Denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, dass wir darin wandeln sollen. (Epheser 2, 10)
Der Tag ist lang. Nur Gott übersieht ihn ganz. Möglichkeiten sind genug da. Zum Arbeiten. Zum Lieben. Zum Lassen und Tun. Der Morgen bietet an. Der Abend fragt nach, was aus dem Angebot geworden ist. Das kann schon mal in die Binsen gehen. Wenn ich mich in der Früh' verschätzt habe.
So ist es besser: Ich schaue auf und frage Gott: Wozu hast Du mich eigentlich ausgedacht? Wie hast Du Dir mich vorgestellt? Irgendetwas bin ich sicherlich. Irgendein einmaliges Meisterstück Gottes. Hart hat Er zunächst an mir gearbeitet. Gott schaut auf mich und sagt: Gut geraten!
Dabei hatte Gott immer ein Modell vor Augen: Christus Jesus. Schon der ist seinem Vater nachgeschlagen. Jetzt habe ich die Chance, ihm ähnlich zu werden. Wie? Nun, er stand bei Sonnenaufgang auf, überblickte das Land und den Tag und sah vor sich die vielen Möglichkeiten zur Arbeit, zur Liebe, zum Lassen und Tun. Er musste sich entscheiden.
Jetzt wir ihm nach: Schau auf deine Stadt! Du wirst heute nicht alle Wege in ihr gehen können. Aber doch diesen oder jenen guten Schritt. Und bei der Entscheidung wohin, da hilft Dir von Anfang an Gott. Denn er hat Dich ja geschaffen. Jetzt sieh auch die Werke vor Deinen Füßen, die - fast automatisch - daraus erwachsen. Die im Schlummer Deines Herzens schon verborgen liegen. Entdecke sie und weck' sie auf.
Nur hüte Dich vor Eitelkeit. Einen Lob- oder Ehrenpreis, Selbstrechtfertigung erhältst Du damit nicht. Denn all Deine Guttaten liegen schon längst, von Gott ausgedacht, modellhaft in Dir vor. Pass sie an Dich an und hol sie damit in Dein Leben hinein. Wandle in ihnen. Im Garten, den Gott dir zuvor so liebevoll angelegt, ausgeschmückt, bereitet hat. Das heißt: Verzicht auf Werkerei. Denn es ist immer ein Auffinden Deiner selbst - in Gott. Langer geglückter Tag. Gute erfüllte Nacht.
Neu sehen
12. Sonntag nach Trinitatis,
22. August
Und sogleich fiel es von seinen Augen wie Schuppen und er wurde wieder sehend; und er stand auf und ließ sich taufen und nahm Speise zu sich und stärkte sich. (Apostelgeschichte 9, 18.19)
Verrannt. In eingeübte Sichtweisen. Von Kindesbeinen an. Mein Glaube gehört mir. Ich baue mir meinen Jesus selbst. Er ist so, wie ich Ihn haben will. Er macht das, was ich von ihm erwarte. Das, was Ihn einengt, gibt mir große Sicherheit. Alles andere aber, was meinem Bild nach zu Ihm nicht passt, verfolge ich. Den ganz Anderen habe ich mir gezähmt. Meinen Jesum lass' ich nicht - mehr los. Sehenden Auges verblendet. Vergaloppiert.
Da aber kommt eines Tages der Tag, an dem mein Auf-der-Stelle-Treten, mein Laufen-im-Kreis aufgehalten, unterbrochen wird. Von wem? Von Ihm! Nur Er allein kann mich jetzt noch stoppen. Er tut es mit einem Licht vom Himmel. Denn bedenken muss man: Das, was ich meinte, vorher von Ihm zu sehen und zu verstehen, waren Eigenbilder. Eine Verdunkelung des ganz Anderen. Ich hatte nicht Ihn, sondern mich gesehen. Ihn in mir gespiegelt. Und alles andere übermalt und verfolgt.
Sein Glänzen aber nimmt mir meine bisherige Lebenssicht. Sein wirklich- und wahrhaftiges Anderssein legt meine Bilder von Ihm zu den Akten. Endgültig. Und deshalb sehe ich zunächst einmal gar nichts mehr. Zu meinem Glück. Denn meine früheren Lebensskizzen von Ihm stimmten ja vorne und hinten nicht. Wie herrlich, wenn Er persönlich mir dies mein Nicht-mehr-sehen-können verkündet. Die Lichtgestalt: "Warum hast Du mich festgelegt?" Der Blinde: "So schien es mir am einfachsten, Dich zu zähmen."
Lange Nacht der neuen Sehschule. Die Lichtwerte purzeln durcheinander: Das, was ich glaubte, vorher von Ihm erkannt, verstanden zu haben, war in Wirklichkeit ein Schemen. Der aber, den ich nun nicht mehr festlegen und begreifen kann, begegnet mir dort, wo mich nichts mehr von Ihm ablenken kann: Mitten in der Dunkelheit. Und die genau gilt es jetzt auszuhalten. Das kann schon mal eine Zeit dauern. Wenn das alte Bild von ihm verschwunden ist, ist ein neues so schnell noch nicht da. Die Augen öffnen sich erst dann, wenn gesegnete Hände sich auf sie legen. Damit eröffnet sich ein neuer Blick auf den, der sich nur selber uns zeigen kann. Und nach dieser Art Augen-Taufe gibt?s dann wirklich nur noch Eines: Aufstehen und - gut essen!
Violett lieben
13. Sonntag nach Trinitatis,
29. August
Wer liebt, der ist von Gott geboren und kennt Gott. (1. Johannes 4, 7b)
Manches kann man vorher besprechen. Abwägen und sondieren. Den Platz zum Lernen. Eine Stelle für die Arbeit. Einen Ort zum Wohnen. Da ist es manchmal sogar ganz gut, dass nicht zu viele Emotionen im Spiele sind. Oder sagen wir es einmal so: Mein Lebenseros gehört ganz mir. Will ich mich verwirklichen, dann darf ich mich dabei von Gefühlen nicht ablenken lassen. Ich will ja zu dem werden, der ich am Liebsten sein möchte: Eine beliebte Schülerin, ein erfolgreicher Mitarbeiter, ein angesehener Nachbar. Das muss auch durchdacht, geplant werden. Und: So ein Eifer für sich selbst setzt manchmal auch den Ellenbogen ein. Aus Liebe zu mir.
Manches kann man vorher nicht durchdenken. Oder haben Sie sich noch nicht blitzartig verliebt? Ein Gesicht. Ein Geruch. Und der Mensch hat sich nicht mehr in der Hand. Manchen ist das zunächst vielleicht gar nicht so lieb. Sie wären lieber Dame und Herr über ihr Gefühlsleben geblieben. So aber bläst der Eros aus beiden Backen - und Sie dabei um. Was will man machen? Mit der Zeit aber gibt es dann doch einiges zu besprechen. Zu verhandeln. Jetzt immerhin schon mal zu zweit. Ein Wörtchen mitzureden. Was wollen wir lernen? Wie werden wir arbeiten? Wo sollen wir wohnen? Aus Liebe zu uns.
Eines aber ist undenkbar: Die Liebe aller Liebe. Die ändert den Namen von Eros in "Agape". Die mischt die Farben neu von Rot ins Violett. Diese Liebe ist von Gott. Das erste Wort geht immer nur von Ihm aus: Ich liebe Dich. Bedingungslos. Endlos. Grundlos. Da gibt es nichts mehr zu deuten, zu dichten, zu diskutieren. Was sollte ich zu dieser Neu-Geburt anderes sagen als: Danke! Geheimnis des Glaubens: Den, den ich nicht sehen kann, lerne ich am Besten kennen, wenn ich seine Liebe in mir willkommen heiße. Aus Liebe zu Gott und der Welt.
Geliebtes Kind
14. Sonntag nach Trinitatis,
5. September
Der Geist selbst gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir Gottes Kinder sind. (Römer 8, 16)
Wer bin ich? Ein Mensch - getrieben zwischen Rastlosigkeit und Ermüdung? Eine, die sich nur auf sich verlassen will, manchmal damit großen Erfolg erzielt; manchmal aber auch kläglich scheitert? Wie sehen mich die anderen?
Es ist gar nicht so leicht, sich selber zu sehen, zu verstehen, sich anderen zu vermitteln. Vielleicht ist es gut, heute einfach einmal ganz offen zu sagen und zu bekennen: Ich weiß nicht, wer ich bin. Ich weiß nicht, was mich ausmacht. Ich werde es auch mein Leben lang nicht herausfinden.
Doch Einen gibt es, der mich kennt. Es ist Gott. Es ist sein Geist. Und dieser Geist gibt oft in Momenten, in denen wir uns selber abhanden gekommen sind, den entscheidenden Anstoß zur Selbsterkenntnis. Denn unser eigener Geist ist unruhig und flattert wie ein Falter übers Sommerfeld. Woher sollen wir denn wissen, was uns ausmacht? Geschichte? Philosophie? Naturwissenschaft? Doch auch das sind alles Menschengeister, groß und bewundernswert, aber doch so begrenzt und taumelnd im Wind.
Wer Du bist, möchtest Du wissen? Gottes Geist setzt sich zu unserem unruhigen Geist. Er schaut ihn an. Er nimmt ihn bei der Hand: "Du? Du bist ein Kind Gottes. Geliebt. Geborgen. Frei." Das hätten wir uns nie selber sagen können. Dafür braucht's schon einen himmlischen Zeugen: "Ich weiß, wer Du bist. Seit Deiner Taufe: Ein Gotteskind!"
Der Geist Gottes hat viele geistvolle Boten, die uns in seinem Namen sagen, wer wir vor allem anderen sind: Eltern, Lehrer, Pfarrerin. Es kommen gute und dunkle Tage. Aber in allen bleibst Du Kind Gottes. "Wer ich auch bin", schrieb Dietrich Bonhoeffer im Gefängnis, "Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!"
Teufelszeug
15. Sonntag nach Trinitatis,
12. September
Seid nüchtern und wacht; denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge. (1. Petrus 5, 8)
Steht da nicht wer im Widerspruch zu sich selbst? Entweder: Der Teufel ist wirklich so dumm und kündigt sich lautstark an: "Hallo! Ich bin der Diabolos. Ich fresse Euren Glauben, verschlinge dabei noch die besten Vorsätze. Ich werfe Eure Lebensplanung über den Haufen, weil Ihr meine Tipps übernehmt und Euch dabei selbst überhebt. Ich versuche Euch, damit Ihr Euch an diesem und jenem hilflos versucht." Aber dann hätte der Widersacher einen ja vorgewarnt.
Oder: Man ist wach und ganz qui vive. Ist dem cleveren Rat zur Nüchternheit gefolgt, sich also frei zu machen "von jeder geistigen und seelischen Trunkenheit, Überschwang, Leidenschaft, Überstürzung, Verwirrung, Exaltiertheit". Dann aber wäre Diabolos ja gar kein lautstarker König der Löwen, den jedes Kind entlarven könnte; sondern ein stiller, unheimlicher Verführer, ein unberechenbarer Einflüsterer, dem man willenlos verfällt - und wir würden's nicht mal merken. Es sei denn, man wäre ständig vor ihm auf der Hut gewesen. Ja, was denn nun?
Oder ist vielleicht doch beides zusammenzudenken: Vielleicht ist es ja die größte Chuzpe des "Durcheinanderwirblers", dass er sich verführerisch den Königspurpurmantel überwirft - und in Kirche und Welt täuschend echt seine Krallen und Muskeln spielen lässt. Und ein schläfriger Mensch fällt voll darauf rein. Martin Luther jedenfalls sah den Bösen so am Werk: Als scheinbaren Engel des Lichts. Wie kommt man dagegen an? Nur durch einen Engel, der aufschreckt. (Apostelgeschichte 12,7).
Also als erweckter Christ: "Wach auf, der du schläfst!" (Epheser 5,13). Nur dann packt Diabolos sein hinfälliges Spiel endgültig ein.

