In Bewegung gesetzt
Klartext
Die Gedanken zu den Sonntagspredigten im Mai und Juni stammen von Sabine Dreßler-Kromminga. Sie ist Pastorin in Braunschweig.
Am Ende Freude
Jubilate, 15. Mai
Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht mehr sehen. (Johannes 16,16)
Abschiednehmen bedeutet leiden für die, die gehen, und Schmerz für die, die zurückbleiben müssen. Von Anfang an gehört das zu unserem Leben, auch wenn es oft schwerfällt, es anzunehmen: das Loslassenmüssen, das Sichentfernen, das Aufgeben, das Freiwerden, die Veränderung, das Verwandeltwerden. Und dies gehört auch zum Dasein des Gottes-Menschensohnes.
Weil Abschiede von dem, was wir lieben, von denen, die uns lieben, so groß und so tief und so intensiv sind, brauchen sie ihre Zeit. Auch für Fragen: Warum ist das so? Warum geschieht mir das? Und was soll denn jetzt werden?
Der Evangelist Johannes weiß das und gibt dem Abschied zwischen Jesus und den Seinen deshalb großen Raum. Einen Raum, in dem Verunsicherung und Angst ihren Platz haben dürfen. Einen Raum auch voller Geduld, der die Fragen ernst nimmt, auch wenn es immer dieselben sind. Einen Raum schließlich, der schon eine leise Hoffnung und eine große Verheißung birgt, die, wenn auch jetzt und hier noch nicht, aber in der Zukunft ihre Erfüllung findet. Das, was ist, kann und wird nicht so bleiben: der Abschied ist notwendig und unausweichlich.
Nur so, durch diese Trennung, durch die notwendige Grenze und den Schmerz hindurch, wird das Neue, das Zukünftige, möglich. Und weil die Traurigkeit sein darf und ausgehalten wird, können die Zurückbleibenden dann auch die Botschaft der noch ausstehenden Freude hören und sich einlassen auf die verheißene Erfahrung einer veränderten, verwandelten Beziehung, die das Ende, den Tod, nicht leugnet, aber genau deshalb weiter sehen lässt als nur bis zu diesem Abschied. So wird die Traurigkeit von heute in die Freude von morgen münden.
Auch das gehört zu unseren großen Lebensaufgaben: das Finden und sich Hineinfinden in eine neue Beziehung zu denen, die nicht mehr mit und bei uns sind, ein Miteinander in einer neuen Ebene, einem anderen Raum und in anderer Zeit. Wir werden uns wiedersehen. Denn die, die gegangen sind, werden immer mehr bleiben, als nur einst gewesen zu sein und unser Leben für eine gewisse Wegstrecke geteilt zu haben. Und auch wir werden neu, anders, verwandelt, wenn die Freude sich schließlich erfüllt.
Von Jesus bestätigt
Kantate, 22. Mai
Und die Kinder im Tempel schrien. (Matthäus 21,15)
Störungen haben Vorrang - auch wenn solche Störungen eine Geduldsprobe sind. Ein Chor schreiender Kinder bedeutet ja durchaus eine große Herausforderung, zumal für die, die sich in der Kirche dem Gottesdienst widmen wollen. Schon der Lärm und Tumult bei Jesu Einzug in Jerusalem, die Hosianna-Rufe und der Jubel derer, die ihn empfingen und begleiteten, war weder zu überhören noch zu unterbinden, aber die lautstarke Äußerung der Kinder im Tempel besitzt noch einmal eine eigene Qualität. So sind sie eben, die Kleinen, verschaffen sich Raum, ohne zu fragen, ganz unvermittelt und selbstverständlich. Und gegen die Dringlichkeit eines schreienden Kindes hilft nur, darauf einzugehen. Seine Bedürfnisse, sein Jauchzen und sein Schmerz rücken binnen Sekunden in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und wollen auf der Stelle beantwortet, beachtet und gestillt sein. Erwachsene müssen sich ihnen also unmittelbar zuzuwenden, wenn sich nicht völliges Chaos ausbreiten soll.
Gottesdienst- und Kanzelerfahrene kennen das, zuweilen leidgeprüft, wenn die übliche Ordnung nicht unterbrochen werden soll und insgeheim auch beglückt, wenn die Störung als unerwartete, aber durchaus wohltuende Unterbrechung des Üblichen erlebt wird.
"Störungen haben Vorrang" - für Jesus gilt das immer. Und nicht nur für den turbulenten Chor der Kleinen, sondern auch für die, die im Alltag draußen darum kämpfen müssen, nicht übersehen und überhört zu werden, die "Blinden und Lahmen", die stellvertretend für die schwächsten Glieder Gesellschaft stehen. Sie erfahren Heilung in der Begegnung mit Jesus, direkt und schnell, an Ort und Stelle. Weil auch ihre Bedürfnisse und Erwartungen nicht auf die lange Bank geschoben werden dürfen.
Die im Tempel versammelte bunte Gemeinde weiß offenbar genau, wer da zu ihr gekommen ist. Und der als Sohn Davids lauthals Begrüßte nimmt die Akklamation nicht nur an, sondern bestätigt sie, in Wort und Tat. Und dann geht er seines Weges, um an anderen Orten Störenden ein Bleiberecht zu verschaffen.
Geborgter Hammer
Rogate, 29. Mai
Bittet, so wird euch gegeben. (Lukas 11,9)
Da will einer ein Bild aufhängen, hat aber keinen Hammer. Die Idee, sich beim Nachbarn einen zu borgen, wird jedoch schnell wieder verworfen: der Nachbar könnte ihm nichts leihen wollen, wahrscheinlich kann er einen gar nicht leiden, fast sicher ist, dass der andere ein unmöglicher Mensch ist. Der soll nicht denken, man sei auf ihn angewiesen! Am Ende rennt unser Mann zum Nachbarn und schleudert dem Ahnungslosen ins Gesicht, er sei ein Rüpel und könne seinen Hammer behalten. - Paul Watzlawick erzählt die Geschichte in seiner "Anleitung zum Unglücklichsein".
Durch den Anspruch, ohne fremde Hilfe durchs Leben zu kommen, machen wir uns nur das Leben schwer. Es passt einfach nicht ins Bild des modernen und autonomen Menschen, auf andere angewiesen zu sein. Doch der Satz "Ich brauche niemanden" offenbart oft genug nur große Einsamkeit und die Angst, abgewiesen zu werden.
Jesu Gleichnis vom bittenden Freund geht aber noch über ein höfliches Hilfegesuch hinaus. Jesus fordert vielmehr dazu auf, im besten Sinne den anderen unverschämt anzugehen, ja, ihn nachgerade durch die eigene Impertinenz zur Unterstützung zu zwingen, so, als käme die Weigerung des Gegenübers dem Tatbestand unterlassener Hilfestellung gleich. Und genau darum geht es: Wer um etwas bittet, soll sich nicht schämen müssen. Und wer hilft, soll das als etwas Selbstverständliches verstehen.
Wer einmal beim Nachbarn borgen musste, dem wurde vermutlich bereitwillig geholfen. Und wer je um Größeres gebeten hat, kennt hoffentlich auch die Erfahrung, dass dadurch zwischen Geber und Empfänger etwas ganz Neues, Beglückendes entstehen ist. Wo eine Gesellschaft jedoch das Bitten verlernt, sind nicht nur diejenigen arm dran, die der Hilfe bedürfen.
Im Fluss
Exaudi, 5. Juni
Wen da dürstet , der komme zu mir und trinke. (Johannes 7,37)
"Let your living water flowing over my soul, let your holy spirit come and take control ..."
Eines von vielen Lobpreisliedern, die längst auch in den Gottesdiensten traditioneller Kirchen Eingang gefunden haben. Einfache Texte und ebensolche Melodien, mehrfach wiederholt und begleitet von einer Band mit Vorsänger, machen es auch beim ersten Hören leicht, einzusteigen.Man kann sofort mitmachen und wie von selbst Teil der singenden und betenden Gemeinde werden.
Wenn die Gemeinde dann auch noch von der Hingabe an Gottes Sohn singt, dessen lebendiges Wasser die Seele überströmen soll, und wenn die Selbstkontrolle aufgegeben und dem Heiligen Geist singend alle Macht überlassen wird, kommt - im doppelten Sinn - eine Menge in Bewegung, dann ist etwas im Fluss. Kritisch mag angemerkt werden, dass der Geist weht, wo er will und man ihn nicht so einfach herbeizitieren kann. Dennoch: Die Übereinstimmung von Text und Musik, von äußerer und innerer Bewegung beeindruckt und fasziniert. Nicht umsonst haben diese Lieder solche Erfolge und verbinden die, die sich auf sie einlassen.
Wie bereiten wir uns eine Woche vor Pfingsten auf das Kommen der Geistkraft Gottes vorbereiten, wie öffnen wir uns für das, was wir nicht fassen, bändigen und zähmen können, das uns, wenn es in Fluss kommt, erfasst, ganz und gar?
Immer hat der Geist Gottes in all seiner Unberechenbarkeit auch etwas Bedrohliches. Die biblischen Zeugen haben es ja nicht anders erlebt. Vielleicht beginnen wir damit, tatsächlich zu erwarten, dass Jesu Versprechen auch heute noch gelten und die, die an ihn glauben, diesen Geist empfangen werden - anders und anderswo als in der eigenen Phantasie ausgemalt, aber als eine Kraft, die in Bewegung setzt.
Klarer Blick
Pfingstsonntag, 12. Juni
Wenn der Tröster kommt, wird er der Welt die Augen auftun über die Sünde. (Johannes 16,8)
Der Wahrheit ins Gesicht zu schauen, fällt oft schwer. Die Augen vor der Realität, jedenfalls der, die verunsichert, nicht zu verschließen, erfordert nämlich Mut, den Mut, dem Leben in all seiner Vielfalt zu begegnen und Kraft, sich damit auseinanderzusetzen. Die Jünger ahnen, dass sie an einer Schwelle stehen. Und ein bisschen ist es so, als wären sie in ihrem Glauben und Bewusstsein einem Wachstumsschub ausgesetzt. Sie spüren die Veränderung, aber sie können sie noch nicht einordnen, wissen noch nicht, was auf sie zukommt. "Ihr könnt es jetzt noch nicht ertragen" - der immer für sie da war und bald nicht mehr da sein wird, der scheidende Jesus weiß, wie es um sie steht. Deshalb bereitet er die Jünger behutsam auf seinen Weggang vor, auf die Grenze, die der Tod ziehen wird.
Groß ist die Versuchung für die, die zurückbleiben, dies nicht ansehen, nicht wahr haben zu wollen, was weh tut und Angst macht. Das mögen wir aus eigenem schmerzlichem Erleben kennen. Oft genug werden gnädige Lügen der grausamen Wahrheit vorgezogen. Aber sie bleiben Lügen und ein Selbstbetrug und verhindern, am Schmerz wachsen zu können.
Jesus verweigert seinen Vertrauten die falsche Schonung, aber er ist dabei alles andere als schonungslos. Er verheißt denen, die traurig und verwirrt sind, den Geist Gottes, der beides in sich trägt und mit sich bringt und das eine nicht ohne das andere sein lässt: Trost und Wahrheit. "Wenn aber der Geist der Wahrheit kommen wird, wird er euch in alle Wahrheit leiten."
Von Ingeborg Bachmann stammt der Satz: "Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar." Und durch die Wahrheit, die in Gottes Geistkraft liegt, gewinnen wir eine Stärke, die uns Flügel verleiht und das Leben wiederfinden lässt, ganz anders und neu.

