zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

Wider den kirchlichen Populismus

Warum das AfD-Bashing evangelischer Kirchenvertreter einfach töricht ist

Günter Thomas
Foto: privat
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Um es gleich vorneweg zu sagen: Dies ist kein Plädoyer für die AfD. Es ist eines für den liberalen demokratischen Rechtsstaat, für eine ehrliche Theologie und eine umsichtige Kirchenpolitik - kurz: Es ist ein Plädoyer gegen kirchlichen Populismus.

Zwischen Köln, Hannover, Berlin schießen sich führende Vertreter der Evangelischen Kirche und engagierte Christen gegen die AfD ein. Doch dieses AfD-Bashing ist gleich aus mehreren Gründen einfach töricht.

Erstens: Es ist historisch blind. Viele Positionen der Partei wurden in der nicht allzu fernen Vergangenheit der Nachkriegszeit nicht nur von anderen Parteien, sondern auch von den Kirchen vertreten. Peinlich, aber wahr. Hier gab es glücklicherweise manchen Lernprozess. Trotzdem - die Entwicklung des liberal-moralischen Weltgeistes verläuft eben nicht einlinig oder auch nur in eine Richtung. Dies gilt es anzuerkennen.

Zweitens: Es ist kirchenpolitisch hoch riskant. Bisher erfreuen wir uns in Deutschland einer Volkskirche, in der zumindest an der Basis noch ein weites politisches Spektrum abgebildet wird. Das ist ein sehr hohes Gut. International ist die schmerzhafte Beobachtung prägend, dass der Protestantismus sich verstärkt über politisch-moralische Fragen zersplittert.

Drittens: Es ist ökumenisch feige. Viele Positionen der AfD - die, wie gesagt, ich nicht teile - werden in der weltweiten Christenheit (leider) gegenwärtig offensiv vertreten. In Fragen der Familie und der Sexualität denke man an die Kirchen des Südens, in Sachen Nation und Politik an die orthodoxen Kirchen des Ostens. Der realistische Blick auf eine christlich-moralische Weltkarte dürfte zur ernüchternden Einsicht führen: Jenseits der ökumenischen „frequent travelers“ ist die Position der AfD-Kritiker eine Minderheit. Wenn dies alles in der Tat theologisch-moralisch jenseits des Möglichen ist, warum teilt man dann nicht in vergleichbarer Weise gegen die ökumenischen Brüder und Schwestern aus?

Viertens: Es ist ethisch anmaßend. Es gibt im Protestantismus kein moralisches Lehramt, ohne Wenn und Aber. Evangelische Christen folgen als Wähler ihrem informierten und theologisch „geschärften“ Gewissen und können sich auch irren. Diese ethische Eigenverantwortlichkeit gilt es durch faire Diskussionen und Bildungsanstrengungen zu stärken. Natürlich muss es auch das von Dietrich Bonhoeffer zu Recht geforderte öffentliche Wort der Kirchen geben - aber befinden wir uns tatsächlich in diesem moralischen, theologischen und politischen Ausnahmezustand?

Fünftens: Es ist politisch falsch. Die Art der Auseinandersetzung mit der AfD als einer - man mag dies bedauern, aber als liberaler Verfassungspatriot muss man dies anerkennen - demokratischen Partei führt zu einer weiteren Moralisierung der Politik, die das Aushandeln von Interessen zunehmend erschwert. Und: Das Tête-à-Tête von Angela Merkel, Barack Obama und Heinrich Bedford-Strohm auf dem Kirchentag machte unübersehbar deutlich: Das politische Spektrum in Deutschland ist weit nach links verschoben. Dies mag man von Herzen begrüßen. Aber zugleich zu glauben, die Etablierung einer auch von Christen unterstützten Partei „rechts von Obama“ könnte verhindert werden, ist politisch mehr als unrealistisch.

Sechstens: Es ist theologisch peinlich. Die sich von der AfD massiv abgrenzenden EKD-Repräsentanten bieten als Ethik des Politischen ein wuchtiges universalistisches Barmherzigkeitsethos an. Nächstenliebe und Barmherzigkeit. Alle sind Kinder Gottes. Alle Flüchtlinge sind „Fremde“. Niemand darf ausgegrenzt werden. Wer Grenzen fordert, sät Hass. Man kann dies jesuanisch nennen. Aber es ist zugleich unglaublich reduktionistisch. Stehlen sich damit die Kritiker nicht theologisch aus der politischen Verantwortung? Dies wäre bedauerlich.
War doch die Verantwortungsübernahme für funktionierende  Staatlichkeit lange ein Kennzeichen der Protestanten.

An die Stelle des Bashing sollten drei Dinge treten: Zunächst: Habituell abrüsten und die links-liberale Echokammer verlassen. Der prophetische Gestus ist angesichts der Machtverhältnisse deplaziert. Dann: Das Bekenntnis zum liberalen demokratischen Rechtsstaat nicht als Monstranz vor sich her tragen, sondern ihn aktiv verteidigen. Und das heißt: Im Spiel der Demokratie steht es keinem Spieler an, wie ein Schiedsrichter darüber zu urteilen, wer ein wahrhaft demokratischer Mitspieler ist. Darüber entscheiden die Gerichte. Wer dies bestreitet, will eine andere Republik. Schließlich: Offene und kontroverse Diskussionen zu den zwei dem Streit zugrundeliegenden Sachproblemen: wirtschaftliche Globalisierung und soziale/kulturelle Globalisierung. Dies sind die Probleme der nächsten Jahrzehnte. Sie fordern mehr als kirchlichen Populismus. 

 

——

Günter Thomas ist Professor für Systematische Theologie, Ethik und Fundamentaltheologie an der Ruhr-Universität Bochum.

Jörg Wiegand, 05.07.2017 06:47:
Ich halte den Kommentar für völlig verfehlt. Der Autor, der mir bisher unbekannt war, argumentiert m.E. derart unsauber, dass ich seine Schlüsse nicht nachvollziehen kann.
Schon der Ausdruck „AfD-Bashing“ scheint mir völlig unangemessen. Ich habe bisher gerade von Kirchenvertretern sehr viele sachlich und argumentative Auseinandersetzungen mit AfD-Positionen gehört und betreibe so etwas aus ebenfalls. Die Ausdrucksweise „Bashing“ suggeriert hier würde nur oberflächlich polemisiert. Dieser Eindruck entsteht im Pressebild, wenn Journalisten die pointierten Spitzensätze von längeren Argumentionen herauspicken und isoliert zitieren. Ich habe noch kein kirchliches AfD-Bashing erlebt.
Ad Erstens: Ja, es gibt bei der AfD Positionen, die bis vor kurzem auch in der EKD verbreitet waren und die Entwicklung des „liberal-moralischen Weltgeistes“ verläuft nicht einlinig. Dies gilt es anzuerkennen. „So what?“ frage ich mich dann. Muss ich darum zu diesen Positionen schweigen und darf sie nicht kritisieren? Soll die Anerkennung in Akzeptanz dieser Positionen aufgehen? Was soll das?
Ad Zweitens: Hier feiert der Populismus Seehoferscher Art fröhliche Urständ: Wir brauchen offenbar Kirchenvertreter, die den rechten Flügel bei der Stange halten. Es geht Prof. Thomas in diesem Absatz offenbar nicht um die Menschen und die Seelsorge an ihnen, sondern um die „Mitgliederpflege“ (Kirchenpolitik). Wenn ich von Menschen auf Kritik an AfD-Positionen angesprochen werde (und das passiert häufiger), dann versuche ich zu erklären und mich seelsorgerlich auf diese Menschen einzulassen. Von der öfter einmal im Raum stehenden Drohung aus der Kirche auszutreten, lasse ich mich nicht beeindrucken.
Ad Drittens: Es gilt natürlich nicht „auszuteilen“ (womit er wieder eine sehr polemische Streitsituation unterstellt), sondern zu argumentieren. Der Absatz sollte viele EKD Vertreter, die ökumenisch agieren, daran erinnern, dass sie auch in diesen ökumenischen Kontakten Rückgrat zeigen sollten (ökumenisch feige! Noch so ein polemischer Ausdruck). Mit dem Verhalten gegenüber AfD-Positionen hat das gar nichts zu tun. Der Absatz macht aber zu recht deutlich, dass die liberale EKD in der weltweiten Ökumene eine winzige Minderheitenposition einnimmt. Das wirft Fragen über die Machtverhältnisse auf, von denen Thomas im letzten Absatz seines Textes spricht; es begründet aber in keiner Weise, warum sich die deutsche Kirche mit Kritik an AfD-Politik zurückhalten sollte.
Ad Viertens: öffentliche Äußerungen von Leitungsfiguren der EKD, von landeskirchlichen Bischöfen oder auch von Gemeindepfarrern, die sich in politische Wertedebatten einmischen, sind nicht per se ethisch anmaßend. Selbstverständlich gibt es aber als Bestandteil des pfarramtlichen Auftrages ein „Lehramt“ in der Kirche (das man durch das pejorativ klingende „moralisch“ gar nicht mit einem Gschmäckle versehen muss). Ich trage Sonntag für Sonntag den Talar als „Gelehrtenrock“, den Luther zur Predigt trug, um als Lehrer der Gemeinde (und eben nicht als Priester) aufzutreten. Was der Ausdruck „Wenn und aber“ im Text Thomas‘ zu bedeuten hat, darüber möchte ich jetzt nicht weiter rätseln. Wenn ich ethisch argumentiere, dann jedenfalls nicht „ohne wenn und aber“, sondern immer mit der Möglichkeit mir (mit Argumenten) zu widersprechen, die ethische Eigenverantwortlichkeit kann und will ich niemandem nehmen.
Ad Fünftens: eine Variante des oben unter zweitens benutzen populistischen Argumentes: weil es ein politisches Spektrum gibt, das bis ganz nach rechts reicht, müssen wir in unseren öffentlichen Äußerungen (durch Leitungspersonal, das diese verbreitet), auch diesen rechten Rand bedienen. Das Spiel treibt die CSU und Seehofer für das Unionslager und glaubt damit (oder behauptet es), der Gesellschaft etwas politisch Kluges zu tun (wie auch Prof. Thomas offenbar glaubt, dass dies kluge Politik sei). Damit werden aber leider, es bleibt wahr, sehr geehrter Herr Prof. Thomas, nur die rechten Ressentiments und Halbwahrheiten gesellschaftsfähig gemacht und dieses Denken in die Mitte der Gesellschaft getragen.
Ad Sechstens: der polemische Vorwurf „theologisch peinlich“ trifft den Text von Prof. Thomas ins Mark. Nächstenliebe und Barmherzigkeit unbedingt zu fordern kann man, so gesteht er zu, „jesuanisch“ nennen. Das ist reduktionistisch, in der Tat. So war er leider, unser Herr, der gute alte Spinner. Kompromisslos, radikal, unbequem. Da beißt die Maus keinen Faden ab. Theologisch ist das natürlich peinlich. Denn mit der Bergpredigt kann man ja nicht regieren. Zugegeben. Schade. Aber es bleibt dabei.
Der Ausdruck „links-liberale Echokammer“ meint offenbar die gegenseitige Bestätigung und Bestärkung von Kirchenvertretern in ihrer Kritik an der AfD. Jahrzehntelang ärgere ich mich über die Uneindeutigkeit und Uneinigkeit evangelischer deutscher Kirchenführer und jetzt soll ich ihre Einstimmigkeit kritisieren? War doch in der Vergangenheit allzu oft für jede gesellschaftspolitische Frage eine passende öffentliche Äußerung der Evangelischen Kirchen in Deutschland zu finden. Sich im politischen Spiel deutlich zu äußern bedeutet nicht, sich zum Schiedsrichter über demokratische Gesinnung aufzuwerfen. Es gehört in unserer Demokratie vielmehr zur Aufgabe zivilgesellschaftlicher Organisationen und Institutionen in politische Debatten mit eigenen Beiträgen einzugreifen. Dazu gehört auch der Streit um die Frage, ob eine Partei oder Position demokratisch ist und verfassungskonform. Dass dies juristisch vom Bundesverfassungsgericht entschieden wird, bleibt dabei völlig unbestritten. Diese Verantwortung besteht auch jenseits politischer Ausnahmezustände. Wer solche Diskussionen und Diskussionsbeiträge nicht in der Öffentlichkeit will (wie offenbar Herr Prof. Thomas), will eine andere Republik.
Jürgen Fischer, 01.09.2017 11:11:
Professor Thomas hat mir sehr aus dem Herzen gesprochen.Ich vermisse die viel beschworene Toleranz gegenüber der AfD auf Seiten der Politik und der Kirchen. Ich habe auch manches an dieser Partei asuzusetzen. Ihrem Programm, dass wahrscheinlich die wenigsten - die gegen sie hetzen - nicht gelsen haben, finde keineswegs verdammungswürdig. Als ehemaliger DDR-Bürger werde ich zur Zeit stark an den "Einheitsbrei" der DDR-Dikatatur und der Medien erinnert. Allerdings waren die Kirchen (vor allem die evangelische) nicht mit eingebunden - zumindest meist nicht. Herr Wiegand hat sich Jahrzehnte lang geärgert über die Uneinigkeit der deutschen Kirchenführer und freut sich über die jetzt bestehende Einstimmigkeit. Mir macht solche Einstimmigkeit oft Angst. Weil "Gegenstimmen" dann fast imemr niedergewalzt werden. Ich finde ein größeres Meinungsspektrum muss auf jeden Fall in einer Kirche verkraftet werden, die sich für Nächstenliebe und Barmherzigkeit einsetzen möchte.
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