zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

"Ich bin nicht enttäuscht"

Gespräch mit EKD-Reformationsbotschafterin Margot Käßmann über fünf Jahre in einem sehr besonderen Amt und über ihre Bilanz des Jubiläums

Margot Käßmann
Foto: privat
Foto: privat

zeitzeichen: Frau Professorin Käßmann, Sie waren in den vergangenen fünf Jahren Botschafterin der EKD für das Reformationsjubiläum. Wie hat sich in dieser Zeit Ihr Bild von Martin Luther verändert?

 

MARGOT KÄSSMANN: Zum einen hat sich mir, besonders im Zusammenhang mit der Herausgabe der neu revidierten Bibelübersetzung, Luthers Sprachgenie neu erschlossen. Wie er um einzelne Wörter gerungen hat, wie er immer wieder neue Begriffe gesucht und gefunden hat, zum Beispiel Geizhals oder Lückenbüßer, und dass er ein Schaf vor seinen Augen hat ausnehmen lassen, nur um die richtige Übersetzung aus dem Hebräischen zu finden.

Andererseits nimmt er sich die Freiheit, in den „Sendbrief vom Dolmetschen“ an entscheidender Stelle das Wort „sola“ (allein) hereinzuschreiben – das ist schon faszinierend! Zum anderen ist mir in schmerzhafter Weise der Antijudaismus Martin Luthers bewusst geworden. Die Auseinandersetzung darüber hatte 2013, im Themenjahr „Reformation und Toleranz“ der Lutherdekade, intensiv begonnen und führte in der Konsequenz zur Erklärung der EKD-Synode im November 2015, in der sich die Synode von Luthers Judenschriften distanzierte. Das war ein ganz wichtiger Prozess, in dessen Verlauf mir erst klar geworden ist, wie belastend Luthers Antijudaismus für unsere jüdischen Geschwister immer noch ist. Ich habe verstanden, warum sie Luther wahrlich nicht feiern können.

 

Müssen diese Erkenntnisse, besonders die über den Antijudaismus Luthers, nicht Konsequenzen für die Theologie haben in Bezug auf unser Verständnis vom Gesetz und der Rechtfertigung allein aus Glauben?

 

MARGOT KÄSSMANN: Natürlich. Wir müssen in der christlichen Theologie ein neues Verständnis dafür entwickeln, dass nach jüdischem Verständnis die Tora, das Gesetz, nicht tötet, sondern dass das eben die guten Gebote Gottes sind. Die Darstellungen in der klassischen Ikonographie des Luthertums, zum Beispiel auf Gemälden Lucas Cranachs – hier das alte, jüdische, das vergehen muss, dort das neue, Christus, der das Gesetz überwunden hat – können wir nicht mehr länger verklärend bewundern. Was die Rechtfertigungslehre angeht, so halte ich Luthers Verständnis für mich als Christin für befreiend. Aber ich respektiere, dass das für andere ganz anders sein kann. Und natürlich ist es immer schwer zu erklären, dass du dann, eben gerade weil du dich gerechtfertigt fühlst, gute Werke tust, aber dass sich am Tun dieser guten Werke nicht ablesen lässt, dass du vor Gott gerechtfertigt bist. Das bleibt eine intellektuelle Herausforderung. Ich habe für mich meine Wahrheit im Glauben gefunden, und das gibt mir die Freiheit zu respektieren, dass andere eine andere Wahrheit über Gott finden.

 

Das Thema Luther und die Juden ist sehr viel diskutiert worden. Einige kritisieren im Rückblick auf die vergangenen Jahre, dass deswegen die Gefahr besteht, dass Luther in der Öffentlichkeit von seiner Kirche nur noch als Judenfeind und Antisemit dargestellt wird…

 

MARGOT KÄSSMANN: Wirklich? Mich erreichen sehr viele Reaktionen, die uns das Gegenteil vorwerfen, nämlich dass wir Luther immer noch zu unkritisch bejubeln. Ich denke, da die Vorwürfe immer wieder von beiden Seiten kommen, haben wir ganz gut Balance gehalten. Ich bin jedenfalls sehr froh, dass es uns gelungen ist, viele Partnerkirchen aus der Ökumene in die Feierlichkeiten einzubeziehen: Die Schweizer hatten den ganzen Sommer einen Pavillon auf der Weltausstellung in Wittenberg, auch die Baptisten waren sehr engagiert. Oder nehmen wir die Tschechen, die anfangs ja so skeptisch waren, weil deren Reformation mit Jan Hus ja schon hundert Jahre vor 1517, vor Luther, beginnt, auch sie waren präsent. Einzig das Thema „Frauen und Reformation“ ist leider abgesehen vom Treffen der leitenden geistlichen Frauen und dem Frauenmahl insgesamt etwas unterbelichtet geblieben – das bedaure ich. Wir hätten beispielsweise durchaus mehr herausstellen dürfen, dass bei uns evangelische Frauen alle Ämter haben dürfen – das ist in der weltweiten Christenheit ja längst noch nicht flächendeckend verbreitet.

 

In den vergangenen Jahren wurde die Reformation in vielen Facetten gefeiert, ja bejubelt. Gibt es denn auch etwas, was die Kirchen der Reformation verloren haben, sozusagen negative Effekte der Reformation?

 

MARGOT KÄSSMANN: Ich beneide die Katholiken schon darum, dass sie ihre Einheitskirche erhalten haben, trotz aller inneren Differenzen. Aber bei uns hat dieses lutherische Symbol des „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ auch dazu geführt, dass es eine nur sehr schwache äußere Form der Einheit gibt. In den USA gibt es 237 verschiedene protestantische Denominationen und darunter sind lutherische Kirchen, die nicht mitein-ander Abendmahl feiern – das ist tatsächlich ein Defizit in Folge der Reformation. Salopp gesagt: Wer nicht übereinstimmt, gründet halt eine neue Kirche. In Atlanta habe ich einen Mann getroffen, der in seinem Leben bereits dreimal eine neue Kirche gegründet hat. Jedes Mal, wenn er sich mit seiner Kirche gestritten hatte, gründete er eine neue – das ist schon ein Defizit.

 

Wie haben sich Lutherdekade und Reformationsjubiläum auf das Verhältnis zur römisch-katholischen Kirche ausgewirkt?

 

MARGOT KÄSSMANN: Am Anfang der Dekade gab es auf katholischer Seite die Befürchtung, dass die Feier des Reformationsjubiläums die Gräben zwischen den Konfessionen vertiefen könnte. In diesem Jahr war Kardinal Kasper auf der Weltausstellung in Wittenberg zu Gast und hat in seinem Vortrag sehr schön aufgezeigt, dass die gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre von 1999 der Schlüssel dazu war, dass 2017 ökumenisch gefeiert werden konnte. Kasper sagte, das Reformationsjubiläum 2017 sei ein „Kairos der ökumenischen Bewegung“. Das finde ich sehr ermutigend. Allerdings bin ich ganz klar der Meinung, dass das Ziel der Ökumene nicht eine Einheitskirche ist. Wir sollten als evangelische Kirche auch künftig klar und deutlich sagen, was bei uns anders ist als in der römisch-katholischen Kirche. Das Verschweigen des eigenen Profils um einer vermeintlichen Einigkeit willen ist für mich nicht der künftige Weg der Ökumene.

 

Was wäre denn evangelischerseits klar und deutlich zu sagen?

 

MARGOT KÄSSMANN: Kardinal Kasper hat sehr klar gesagt, dass er sich eher vorstellen kann, dass wir zur eucharistischen Gastfreundschaft kommen, als dass Frauen in der katholischen Kirche Priesterinnen werden können. Wenn ich so etwas höre, dann habe ich manchmal das Gefühl, dass die evangelische Kirche zu wenig deutlich macht, dass Frauen in unserer Kirche jede Position einnehmen können, dass unsere Kirche von Männer und Frauen, Jungen und Alten, Ordinierten und Nicht-Ordinierten geleitet wird und dass es keine Glaubenskongregation bei uns gibt. Die katholische Praxis der Heiligsprechung bleibt mir genauso fremd wie die Tatsache, dass wiederverheiratete Geschiedene nicht zur Eucharistie zugelassen werden. Diese Differenzen müssen wir nicht betonen, aber wir sollten auch nicht versuchen, sie um einer vermeintlichen Einheitlichkeit willen in den Hintergrund zu schieben. Eine Einheitskirche fände ich genau so langweilig, wie eine Einheitspartei!

 

Im Zusammenhang mit der Beteiligung der katholischen Kirche sind EKD und Deutsche Bischofskonferenz vor zwei Jahren übereingekommen, das Reformationsjubiläum als Christusfest zu bezeichnen. Was halten Sie davon?

 

MARGOT KÄSSMANN: Für mich ist und bleibt es in erster Linie ein Reformationsjubiläum.

 

Sie haben wegen dieses Reformationsjubiläums viele protestantische Kirchen auf der ganzen Welt besucht. Was waren Ihre wichtigsten Erkenntnisse?

 

MARGOT KÄSSMANN: Ich habe in den vergangenen Jahren als Reformationsbotschafterin viele Partnerkirchen besucht. Eine Grunderfahrung, die mich immer wieder berührt hat, ist, dass wir Protestanten heute, im 21. Jahrhundert, eine internationale Kirche sind. Demgegenüber lassen mich die engen, nationalistischen Ansätze früherer Jubiläen, zum Beispiel Texte von Heinrich von Treitschke anlässlich des Lutherjubiläums 1883, erschaudern. Nur der deutsche Luther könne die deutsche Seele bewegen … grauenvoll dieser Nationalismus! Demgegenüber war es wunderbar zu erleben, dass wir darüber wirklich hinweg sind.

Was können Sie konkret an internationalen Erfahrungen nennen?

 

MARGOT KÄSSMANN: Es ist beachtlich, wie manche kleinen lutherischen Kirchen in ihren Ländern eine besondere Rolle spielen, zum Beispiel in Guatemala. Die Lutheraner sind dort wirklich eine kleine Minderheit, aber sie sind sehr bewusst evangelisch. Seit diesem Jahr gibt es ein Reformationsdenkmal in Guatemala-City. Bei den Besuchen in Afrika wurde ich besonders mit den Herausforderungen durch die Pfingstbewegung konfrontiert. Der Umgang mit diesen schnell wachsenden Kirchen war großes Thema auf der Bischofskonferenz in Tansania. Ein Pfarrer erzählte, dass Gemeindemitglieder die herkömmliche lutherische Liturgie feiern, aber danach gehen sie hinaus und singen und tanzen „richtig“. Er fragte, warum dieser Geist nicht in unseren Kirchen weht. Das zeigt doch, dass die Frage nach einem zeitgemäßen Gottesdienst nicht nur in Deutschland aktuell ist, sondern auch in Afrika und Nordamerika.

 

Was müsste sich Ihrer Meinung nach an unseren Gottesdiensten ändern?

 

MARGOT KÄSSMANN: Ich habe kein Patentrezept, aber ich erinnere mich daran, dass der Deutsche Evangelische Kirchentag 1973 mit wenigen tausend Dauerteilnehmenden kurz vor dem Aus stand. Viele sagten damals, diese Bewegung ist jetzt zu Ende. Aber es kam anders, und der Schlüssel zur Erneuerung des Kirchentages war die Beteiligung vieler. Mit dem Feierabendmahl und dem Markt der Möglichkeiten schuf der Kirchentag neue Möglichkeiten der Partizipation. Heute sind von den gut 100?000 Kirchentagsbesuchern etwa die Hälfte als Mitwirkende beteiligt. Das zeigt doch ganz klar: Partizipation ist ein wichtiger Teil reformatorischen Denkens. Es war ja schon zu Luthers Zeiten ein großer Schritt, dass die Leute mitsingen durften, dass sie die Liturgie verstehen konnten, dass sie mitgebetet haben. Möglicherweise ist das ein Schlüssel zur Reform unserer Gottesdienste, dass die Menschen selbst viel mitgestalten und dass nicht der Pfarrer am Samstagnachmittag den Organisten anruft, die Lieder durchgibt und die beiden „machen“ das dann.

 

Welches besondere Erlebnis auf Ihren Reisen ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

 

MARGOT KÄSSMANN: Ich hielt einen Vortrag an der Lutherischen Hochschule in Honkong und im Nachgespräch erzählte eine junge Frau von dem Leistungsdruck, dem sie sich lange Zeit in der chinesischen Gesellschaft ausgesetzt sah. Sie hätte immer eine gute, schöne, erfolgreiche Tochter sein müssen, eine, die gut singen kann, gut in der Schule ist, gut für ihre Eltern sorgt und so weiter. Dieser Druck habe sie immer mehr belastet und sie an den Rand des Suizids getrieben. Aber dann habe sie über diese kirchliche Botschaft, dass ihr Leben gerechtfertigt ist, auch wenn sie das alles nicht schafft, zum Christentum gefunden. Das fand ich wirklich bewegend, da habe ich gedacht: „Schau mal, die alte Rechtfertigungslehre.“ Dazu kam das lutherische simul iustus et peccator, dass jeder Mensch gute Seiten und Schattenseiten hat. Das hat die Studierenden fasziniert, denn sie meinten, in der chinesischen Kultur gebe es nur Helden oder Versager.

 

Die Beteiligung an der Weltausstellung Reformation in Wittenberg, die am 10. September nach dreieinhalb Monaten zu Ende ging, empfanden viele als sehr enttäuschend. Die Veranstalter hatten gehofft, dass 500.000 Menschen kommen würden. Diese Zahl wurde bei weitem nicht erreicht. Sind Sie enttäuscht?

 

MARGOT KÄSSMANN: Ich bin überhaupt nicht enttäuscht! Ich war in den 16 Wochen jede Woche in Wittenberg, mindestens an einem, manchmal auch an fünf Tagen, und ich bin persönlich sehr begeistert, denn es gab viele kleine feine, bewegende Veranstaltungen. Um nur ein Beispiel zu nennen: In der Themenwoche Familie gab es einen Nachmittag zum Thema Scheidung. Da kam die Frage auf, warum unsere Kirche inzwischen am Valentinstag vielerorts Gottesdienste für Liebende anbietet, aber es eigentlich keine Gottesdienste für die Menschen gibt, die unter einer Trennung leiden.

 

Und was die enttäuschen Besucherzahlen angeht, sagen Sie: Lieber Qualität als Quantität?

 

MARGOT KÄSSMANN: Auf jeden Fall. Es ist übrigens gelungen, dass die Wittenberger selbst von der Weltausstellung begeistert waren. Viele haben mir gesagt: „Wir sind glücklich, dass das in unserer Stadt war, und am liebsten hätten wir einige der temporären Installationen behalten, die 100 Strandkörbe der Nordkirche, den Bibelturm am Bahnhof, das nachgebildete House of One. In einer Stadt, in der die Christen in der Minderheit sind, zeigt das viel. Eine Kirchenvorsteherin sagte, sie sei so glücklich: „Unsere Kirche ist mitten in der Stadt, jeden Tag ist da ein Abendsegen mit auf dem Marktplatz. Das war in der DDR-Zeit überhaupt nicht möglich.“ Die Wittenberger insgesamt fanden das gut – darüber bin ich sehr froh.

 

Wie beurteilen Sie heute im Rückblick die Entscheidung, 2012 das Amt der EKD-Reformationsbotschafterin übernommen zu haben? Es gab ja damals ja für Sie durchaus einige andere Optionen.

 

MARGOT KÄSSMANN: Für mich persönlich war dieses Amt eine wirklich schöne, bereichernde Zeit, für die ich dankbar bin. Häufig hatte ich das Gefühl, so eine Art Reisepastorin zu sein. Oft wurde ich in nichtkirchliche Bereiche eingeladen, habe zum Beispiel am „Tag der deutschen Schmerzmedizin“ oder auf dem Deutschen Richtertag gesprochen. Ich gehe nächstes Jahr mit meinem 60. Geburtstag in den Ruhestand, aber vielleicht sollte es in der EKD auch künftig, jenseits des Reformationsjubiläums, immer mal wieder eine Person geben, die für ein besonderes Thema im kirchlichen und weltlichen Bereich zur Verfügung steht.

 

Das Gespräch führten Reinhard Mawick und Jürgen Wandel am 28. August 2017 in Berlin.

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