zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

Spiel auf der nationalen Klaviatur

Gespräch über Luther und die Begeisterung über den Ersten Weltkrieg

Thomas Kaufmann

Wie andere Deutsche verstanden auch viele Protestanten den Ersten Weltkrieg als Kampf zwischen deutscher Kultur und westlicher Zivilisation, Luthertum einerseits und Calvinismus und Katholizismus andererseits. Und schon vor 1914 hatten viele evangelische Theologen pazifistische Ideen unter Berufung auf Luthers Anthropologie bekämpft, wonach der Krieg zur gefallenen Schöpfung gehört - und immer gehören wird.

Foto: privat
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zeitzeichen: Herr Professor Kaufmann, Sie sind Reformationshistoriker, aber Sie haben sich auch mit nationalprotestantischen Mentalitäten in Deutschland Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts befasst. Wie erklären Sie sich, dass die überwiegende Mehrheit der evangelischen Kirchenmänner und Universitätstheologen den Eintritt Deutschlands in den Krieg begeistert begrüßte?

Thomas Kaufmann: Zunächst muss man feststellen, dass es in allen europäischen Nationen eine Kriegsbegeisterung gegeben hat, die uns heute verblüfft und schockiert. Natürlich hat man in Deutschland die Frage diskutiert, ob es spezifische Affinitäten der lutherischen Tradition zur Rechtfertigung von militärischen Auseinandersetzungen gibt. Allerdings muss man dabei im Blick haben, dass die evangelische Landeskirche Preußens, des größten und führenden Bundesstaates des Deutschen Reiches, uniert war.

Aber es fällt doch auf, dass sich die kriegsbegeisterten evangelischen Kirchenmänner und Universitätstheologen Deutschlands sehr oft auf Luther berufen haben, egal ob sie Lutheraner waren oder Unierte.

Thomas Kaufmann: Das ist zweifellos der Fall. Die Berufung auf Luther durchzieht natürlich die Geschichte evangelischer Kirche und Theologie in Deutschland seit dem 16. Jahrhundert. Luther ist so eine Identifikationsfigur für alles und jeden geworden. Dabei muss man aber immer auch fragen, welche Rolle bestimmte Texte gespielt haben. Außer Luthers Schrift von 1526 "Ob Kriegsleute in seligem Stand sein können" sehe ich keinen Text, den man als kriegsfördernd interpretieren kann. Und diese Schrift verherrlicht nicht das Kriegshandwerk, sondern will die Vereinbarkeit von Christ sein und Soldat sein begründen. Natürlich haben sich Theologen beim Beginn des Ersten Weltkrieges auf diese Schrift berufen. Aber sie hat nicht dazu getaugt, eine nationale Kriegsideologie zu entwickeln.

Damit spielen Sie darauf an, dass sich die Kriegsbegeisterung evangelischer Theologen in Deutschland nicht nur aus dem Rückgriff auf Luther, sondern auch aus anderen Quellen gespeist hat. Und welche sind das gewesen?

Thomas Kaufmann: Die Befreiungskriege gegen Napoleon und das Wartburgfest 1817, bei dem Studenten der Reformation und der Völkerschlacht in Leipzig gedacht und einen deutschen Nationalstaat gefordert haben, haben in Deutschland die Verschmelzung von Protestantismus und Nationalismus befördert. Und die ist in Preußen stärker ausgeprägt gewesen, als in lutherisch geprägten Territorien wie Mecklenburg oder Sachsen. Diese haben etwas Altständisches, Kleinstaatliches gehabt.

Der Nationalismus ist ein Kind der Französischen Revolution von 1789, und er ist, wie Sie gesagt haben, in Deutschland durch die Befreiungskriege gestärkt worden. Aber ist eine Wurzel nicht auch die Reformation? Denn sie hat doch die Einheit der lateinischen Kirche, und damit die des westlichen Europa, zerbrochen. Und entstanden sind Nationalkirchen.

Thomas Kaufmann: Dass das lateinisch-europäische Christentum vor der Reformation eine Einheit war, stimmt nicht. Das ist ein Mythos. Denn schon im 15. Jahrhundert ist eine deutliche Entwicklung in Richtung Nationalkirchen zu beobachten. So erhält der französische König 1438 mit der "Pragmatischen Sanktion von Bourges" das Recht der Mitsprache bei Bischofswahlen. Und päpstliche Erlasse müssen von ihm bestätigt werden. In England gibt es Tendenzen, Bischöfe sogar unabhängig von Rom zu ernennen. Und ähnliches gilt im Großen und Ganzen auch für Skandinavien. Die Reformation verstärkt solche nationalkirchlichen Tendenzen, dramatisiert sie und liefert eine theologische Begründung dafür, dass sich die weltlichen Herrscher von der Herrschaft des Klerus emanzipieren.

Das heißt, die Wurzel des Nationalismus, der nach der Französischen Revolution entstanden und eine der Ursachen des Ersten Weltkrieges ist, liegt nicht in der Reformation, die zu einer engen Bindung der jeweiligen Kirche an die Nation geführt hat?

Thomas Kaufmann: Wir haben, soweit ich sehe, schon im 15. Jahrhundert in fast allen europäischen Nationen heilsgeschichtliche Konstruktionen, in denen sich die Nationen auf Heroen der Antike oder biblische Gestalten zurückführen und so ihre Besonderheit oder gar Überlegenheit herausstellen. Und der Humanismus hat das Seine dazu beigetragen, indem er ein Interesse an nationalsprachlicher Literatur geweckt oder verstärkt hat.

Luther hat zumindest am Anfang die Katholizität, den internationalen Charakter der Kirche, im Blick gehabt. So hat er zum Beispiel neben der Deutschen Messe die Lateinische beibehalten, damit die Leute überall den Gottesdienst mitfeiern können. Denn Latein ist damals zur Verständigung in Europa so wichtig gewesen wie heute das Englische. Nun hat ein englischer Historiker behauptet, Luther habe sich von einem "Internationalisten" zu einem "Nationalisten" entwickelt. Stimmt das?

Thomas Kaufmann: Begriffe wie Internationalität oder Internationalismus sind auf das 16. Jahrhundert angewandt anachronistisch. Aber noch stärker als die heutigen Universitäten waren die damaligen durch die Migration von Studenten und Dozenten geprägt. Und es gibt ein europaweit anerkanntes Graduierungssystem, und die scholastischen Lehrbücher haben kanonische Geltung und werden im Grunde in den Universitäten aller Nationen behandelt. Insofern ist die Welt der Vormoderne eine vornationalstaatliche und kann so gesehen international agieren. Und in diese lateinisch-europäische Gelehrtenwelt gehört Luther natürlich hinein. Er ist aber in einer Zeit aufgewachsen, in der Kaiser Maximilian im Streit mit Kurie und Papst die nationale Klaviatur bespielt hat. Und so stilisierten die Humanisten im Umkreis Maximilians diesen als nationale Figur, als Herkules Germanicus. Betont wird auch die Überlegenheit der deutschen Nation, die die Druckerpresse erfunden hat, gegenüber den Italienern. Und Luther nimmt das auf und spielt ebenfalls auf der nationalen Klaviatur. Er tut das zum ersten Mal, publizistisch erfolgreich, mit seiner Schrift "An den christlichen Adel deutscher Nation".

Beginnt hier eine Entwicklung, die sich im 19. Jahrhundert entfaltet und zu Beginn des Ersten Weltkrieges einen ihrer Höhepunkte erlebt? Können sich die nationalistischen Protestanten in Deutschland also zu Recht auf Luther berufen, oder verzerren sie nur das, was Luther gemeint und geschrieben hat?

Thomas Kaufmann: Ach, wissen Sie, man findet bei Luther viele, unterschiedliche Texte, die man zur Unterfütterung aller möglichen und unmöglichen theologischen und politischen Auffassungen heranziehen kann. Der entscheidende Punkt ist doch: Die politische Welt der Vormoderne, das Heilige Römische Reich deutscher Nation des 16. Jahrhunderts ist etwas völlig anderes gewesen, als die Nationalstaaten des 19. Jahrhunderts. Das Reich war allein aufgrund seiner Verfassung zu politischer oder gar militärischer Aggressivität gar nicht imstande. Entscheidend sind die einzelnen Territorien. Und Luther ist ein Mann des Territorialstaates. Er und die Reformation verdanken ihr Überleben der territorialstaatlichen, wenn Sie wollen, föderalistischen Struktur des Reiches. Das Reich hat für Luther Elemente der Bedrohung. Der Kaiser bekämpft das Evangelium, aufgestachelt vom Papst, wie Luther sagt. Im Schmalkaldischen Krieg ab 1546 stößt man erstmals auf eine gesteigerte protestantisch-nationale Kampfbereitschaft gegen den welschen Kaiser und seine italienischen Söldner. Und hier wird die nationale Karte aus dem Gefühl der Bedrohung heraus gespielt, aus der Unterlegenheit des Schmalkaldischen Bundes gegenüber der Katholischen Liga. Das scheint mir überhaupt das Besondere des deutschen Nationalismus zu sein: Er ist, zugespitzt gesagt, eine Frucht von Unterlegenheitserfahrungen. Das beginnt im Schmalkaldischen Krieg, ist massiv in der Zeit der Napoleonischen Kriege der Fall und natürlich auch nach dem Versailler Vertrag ab 1919. Und aus der Betonung des Nationalen bezieht der Protestantismus seine Stärke gerade in den Zeiten, in denen der Katholizismus das Ultramontane, die Bindung an Rom, an eine Autorität außerhalb Deutschlands, jenseits der Alpen, betont.

Luther und die evangelischen Kirchen haben sich schon notgedrungen eng an den Staat anlehnen müssen. Und das hat dann langfristig zu dem vielbeschworenen Bündnis von Thron und Altar geführt. Sehen Sie auch darin einen Grund, warum sich die evangelischen Universitätstheologen und Kirchenmänner Deutschlands zu Beginn des Ersten Weltkrieges so stark mit der Kriegspolitik des Kaiserreiches identifiziert haben?

Thomas Kaufmann: Die Bindung an den Staat ist in den protestantischen Territorien sicher besonders stark ausgeprägt gewesen. So ist der Fürst auch oberster Bischof, "summus episcopus", der Kirche gewesen. Und einige Fürsten haben diese Rolle ja sogar so weit ausgedehnt, dass sie versucht haben, Liturgie und Dogmatik zu beeinflussen. Aber in der Regel haben sich die protestantischen Theologen des 19. Jahrhunderts damit viel deutlicher abgefunden, als die des 16. Jahrhunderts. Im 16. Jahrhundert haben lutherische Theologen unter Berufung auf die Drei-Stände-Lehre und die damit verbundene Unterscheidung zwischen dem Bereich der Kirche und des Staates darauf geschaut, dass der Staat seine Grenzen nicht überschreitet. Aber im 19. Jahrhundert sehe ich nichts mehr von der lutherischen Tradition des Widerstandsrechts, die im 16. und 17. Jahrhundert noch lebendig gewesen ist.

Wie hat dieses lutherische Widerstandsrecht ausgesehen?

Thomas Kaufmann: Ein Beispiel ist das Magdeburger Bekenntnis von 1550. Danach dürfen die Territorien dem Kaiser auch militärisch Widerstand leisten, wenn er die Predigt des Evangeliums verbietet oder verfolgt. Unter Berufung auf Luthers Drei-Stände-Lehre wird erklärt, in dem Moment, in dem der Kaiser die Predigt des Evangelium verbietet, überschreitet er die gottgesetzte Ordnung. Und Widerstand ist auch berechtigt, wenn der Papst politisch und nicht mehr geistlich agiert. Denn auch damit wird die gottgesetzte Ordnung überschritten.

Luther hat zwischen den Rollen unterschieden, die ein Christ als Privatperson und als Amtsperson einnimmt. Diese Unterscheidung ist sinnvoll und theologisch angemessen. Aber ist ihre Kehrseite nicht eine Immunisierung gegenüber der Bergpredigt und ihrer Friedensbotschaft, so nach dem Grundsatz: Als Privatperson versuche ich, auf die Bergpredigt zu hören, aber als Amtsperson exekutiere ich staatliche Gesetze und Maßnahmen und damit basta?

Thomas Kaufmann: Vor der Reformation hatte eine Zwei-Stände-Ethik gegolten: Für den geistlichen Stand, Ordensleute und Weltpriester, sind die Gebote der Bergpredigt bindend gewesen, für die Laien haben sie dagegen nur Empfehlungscharakter gehabt. Indem die Reformation diese beiden Stände aufgehoben hat, hat sie den sittlichen Anspruch an alle Christen gesteigert. Auf der anderen Seite ist Luther aber klar, und das hängt mit seiner Anthropologie und seinem Sündenverständnis zusammen, dass der Mensch sich nicht vervollkommnen kann. Ein ethischer Perfektionismus, wie ihn in der Reformationszeit die Täufer vertreten, ist Luther fremd. Er rechnet vielmehr mit der bleibenden Sündhaftigkeit des Menschen. Ich halte das für ein realistisches Menschenbild.

Aber dieses Menschenbild hat doch auch dazu geführt, dass die evangelischen Kirchen im 19. und noch im 20. Jahrhundert den Krieg akzeptiert haben, weil er eben zur Sündhaftigkeit des Menschen, zur gefallenen Schöpfung dazu gehöre.

Thomas Kaufmann: Außer den so genannten historischen Friedenskirchen ist mir keine Kirche bekannt, die den Krieg im 19. und 20. Jahrhundert verurteilt hätte. Und wir müssen uns klar machen: Viele haben sich vor 1914 nicht vorstellen können, was ein Krieg im Horizont der modernen Technisierung bedeutet. Bis dahin haben Kriege als irgendwie eingehegte, mit entsprechenden Mannbarkeitsphantasien verbundene Übungen der Ertüchtigung gegolten. Wir sind dagegen von den Erfahrungen der beiden Weltkriege geprägt. Daher tun wir uns auch mit der Theorie des gerechten Krieges schwer. Dabei geht es ihr darum, Heilige Kriege zu verhindern und Kriege zu begrenzen, sie ethisch nur unter ganz bestimmten Bedingungen zu legitimieren.

Im 19. Jahrhundert hat es in den deutschen Landeskirchen einige wenige liberale Theologen gegeben, die den Krieg als unchristlich abgelehnt und dafür plädiert haben, internationale Schiedsgerichte wie den Internationalen Gerichtshof zu schaffen, damit Konflikte zwischen Staaten dort ausgetragen werden und nicht auf dem Schlachtfeld. Diese Theologen haben eine positive Anthropologie gehabt, die Vorstellung, dass der Mensch den Krieg überwinden kann wie andere Übel in der Welt. Und sie sind von denjenigen Theologen bekämpft worden, die wie Luther die bleibende Sündhaftigkeit des Menschen betont haben und damit, dass der Krieg Ausdruck der gefallenen Schöpfung sei wie Krankheiten und andere Übel.

Thomas Kaufmann: Dabei ist die Vorstellung einer Erziehbarkeit und Vervollkommnung des Menschen, einer Zähmung seiner bösen Natur, alles andere als unprotestantisch. Ich denke da an die evangelischen Theologen, die im Anschluss an Kant eine Regelung der Konflikte zwischen Staaten ohne Kriege als etwas höchst Vernünftiges vertreten haben. Für den Durchbruch der Neuzeit halte ich die Französische Revolution. Zu ihren Folgen gehört auch die Aufstellung von Riesenheeren in ganz Europa und eine Kriegsführung aus und verbunden mit ideologischen Gründen. Und für diese Herausforderung ist eine vormoderne Kriegsethik wie die lutherische genauso wenig gerüstet gewesen, wie die lutherische Drei-Stände-Lehre für die Probleme der aufkommenden Industriegesellschaft.

Bei den Argumenten, die 1914 ins Feld geführt worden sind, hat unter Theologen auch die in der deutschen Gesellschaft weit verbreitete Vorstellung eines Gegensatzes zwischen deutscher Kultur und westlicher Zivilisation, Innerlichkeit und Rationalismus, Luthertum und Calvinismus eine Rolle gespielt. Findet sich für diese Haltung ein Ansatzpunkt bei Luther, oder handelt es sich um eine vollkommen neue, moderne Ideologie?

Thomas Kaufmann: Der Philosoph Johann Georg Fichte, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts gelebt hat, spricht von der germanischen Innerlichkeit, die er für deutsch und lutherisch hält und dem der Rationalismus gegenübersteht. Nun haben wir auch bei Luther eine harsche Rationalitätskritik. Das Zetern gegen die "Hure Vernunft" ist bei ihm fast überall präsent. Und er bezichtigt seine Gegner, Zwingli und die Schwärmer einerseits, und die römisch-katholische scholastische Tradition andererseits, des Rationalismus. Von daher liegt es nahe, Luther als eine Gestalt zu stilisieren, in der Inbrunst, religiöse Wärme und Tiefe und eine Distanzierung gegenüber der Rationalität greifbar werden. Aber eine nationale Stilisierung dieses Gegensatzes, hier die Deutschen, dort der Westen, spielt bei Luther keine Rolle.

Wenn Sie sich die Argumentation der evangelischen Kirchenmänner und Universitätstheologen in Deutschland vor Augen führen, die sich bei ihrer Befürwortung des Krieges auf Luther berufen haben, haben sie sich zu Recht auf den Reformator berufen, oder haben sie ihn nur falsch verstanden oder bewusst verdreht? Oder weist ihre Haltung wohlmöglich auf Defizite in Luthers Theologie hin?

Thomas Kaufmann: Luther ist ein fehlbarer Mensch und ganz und gar ein Kind seiner Zeit gewesen. Das muss man auch deutlich sagen, um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Luther war zum Beispiel überzeugt, Gott erwähle bestimmte politische Führer wie den sächsischen Kurfürsten. Und solche Vorstellungen haben sich natürlich im Laufe der Geschichte, in ganz anderen historischen Zusammenhängen, missbrauchen lassen. Etwas Ähnliches ist dem Lutherchoral "Ein feste Burg" im Kontext des deutschen Nationalismus des 19. und 20. Jahrhunderts widerfahren. In der Reformationszeit war "Erhalt uns Herr bei deinem Wort" das am häufigsten gesungene Lutherlied. Aber nach dem Wartburgfest von 1817 ist "Ein feste Burg" eine Art deutsch-evangelische Nationalhymne geworden. Den letzten Satz, "das Reich muss uns doch bleiben", hat man auf das wilhelminische Kaiserreich bezogen. Dass Luther natürlich das Reich Gottes gemeint hat, ist vollkommen ausgeblendet worden. Die Lutherforschung muss die Patina des Missbrauchs abklopfen, die sich auf ihn Reformator gelegt hat.

Wo sehen Sie denn im Vorfeld des Reformationsjubiläums 2017 Patina, die abgeklopft werden muss?

Thomas Kaufmann: Luther wird von Theologen und Repräsentanten der evangelischen Kirchen immer noch völlig unhistorisch als Mensch behandelt, der für heutige Herausforderungen verbindliche theologische Lösungen anzubieten hat, der immer irgendwie schlauer ist als wir und immer das letzte Wort hat. Ich möchte mit Luthers Texten dagegen so umgehen, dass ich sie in ihrer Zeit verorte.

Das heißt, Theologen sollten mit Luther und seinem Werk historisch-kritisch umgehen.

Thomas Kaufmann: Genau, denn Luther ist zu lange im Sinne einer "theologia perennis", einer immer währenden, immer gleich gültigen Theologie interpretiert worden. Und man hat dabei allenfalls das Problem gesehen, wie man mit Spannungen und Widersprüchen bei Luther umgeht. Ich würde dagegen grundsätzlich festhalten: Luther treibt Theologie im Strom seiner Zeit und wird durch Herausforderungen seiner Zeit zu Reaktionen veranlasst. Und wenn Sie sich Äußerungen des Reformators aus späten Tagen anschauen, hat er selbst sein gesamtes literarisches Werk außerordentlich skeptisch beurteilt. Das Beste, was er gemacht hat, war seiner Überzeugung nach die Bibelübersetzung. Und wahrscheinlich hat Luther Recht, zumal seine Übersetzung der Bibel ins Deutsche zu denjenigen literarischen Leistungen zählt, deren bleibender Wert weithin unbestritten ist. Statt Heldenverehrung zu betreiben, sollten wir uns die Gebrochenheit Luthers klarmachen. Er ist dauernd überfordert gewesen, denn er hat immer wieder Lösungen für Probleme finden müssen, die sich im Zuge der Reformation ergeben haben, und zwar selbst wenn es keine einfachen Lösungen geben konnte. Daher hat Luther experimentieren müssen. Aber ein Luther, der experimentiert, passt schlecht zu einem Helden, der immer und zu allem das letzte, ja definitive Wort haben muss.

Und was bleibt von Luther, dessen wir uns 2017 erinnern sollten?

Thomas Kaufmann: Die Konzentration auf Christus. Die radikale christologische Konzentration gehört für mich zum Unverlierbaren seines Werkes. Und er ist ein außerordentlich kreativer Sprachkünstler. Man kann in seinem Werk beobachten, wie er nach und nach seine Ausdrucksfähigkeit verbessert. Ja, von Luther kann man lernen, wie der christliche Glauben sprachfähig wird.

Das Gespräch führten Kathrin Jütte und Jürgen Wandel am 14. Mai 2014 in Göttingen.

Professor Thomas Kaufmann (52) ist einer der renommiertesten Reformationshistoriker in Deutschland. Seit 14 Jahren lehrt er an der evangelisch-theologischen Fakultät der Universität Göttingen. Einer größeren Öffentlichkeit wurde Kaufmann durch seine vor fünf Jahren erschienene Geschichte der Reformation bekannt, die 954 Seiten umfasst. Viel gelobt wurde auch sein Werk "Luthers Judenschriften", das 2011 erschien.

 

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