zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

Luther-Büste im Modehaus

Gespräch mit Pfarrer Dirk Keller über das besondere Reformationsjubiläum in Karlsruhe

Dirk Keller

Mit einem ganz besonderen Kunstprojekt feiert die evangelische Kirche in Karlsruhe das Reformationsjubiläum. 22 Büsten, die den Reformator oder Karlsruher Bürgerinnen und Bürger abbilden, wurden nach und nach an verschiedenen Orten aufgestellt. So kamen reformatorische Themen in der Stadt ins Gespräch.

Pfarrer Dirk Keller ist in Karlsruhe für die Citykirchenarbeit zuständig. Foto: Mona Breede
Pfarrer Dirk Keller ist in Karlsruhe für die Citykirchenarbeit zuständig. Foto: Mona Breede

zeitzeichen: Herr Pfarrer Keller, Sie sind in Karlsruhe für die Citykirchenarbeit zuständig. In Ihrer Stadt wurden aus Anlass des Reformationsjubiläums über zwanzig Büsten aufgestellt, die ganz unterschiedliche Menschen aus der Vergangenheit und der heutigen Zeit porträtieren. Welche Idee steckt dahinter?

 

DIRK KELLER: Karlsruhe ist 300 Jahre alt, historisch konnten wir also anders als Heidelberg oder Wittenberg nicht an Luther anknüpfen. Darum haben wir Themen bei Luther gesucht, die in unserer Stadt auch heute eine Bedeutung haben, wie Sterbebegleitung, Zivilcourage, Wirtschaft, Recht, Politik, Kunst oder Bildung. Damit sind wir auf Menschen in Karlsruhe zugegangen, die glaubwürdig für das jeweilige Thema der Reformation einstehen. Manche sind schon verstorben, wie Ruth Spanagel, die als gute Seele der Gemeinde das Priestertum aller Gläubigen repräsentiert. Andere leben als Zeitgenossen in unserer Stadt. Von allen hat der Berliner Künstler Harald Birck eine „Luther-Büste“ gefertigt unter dem Motto „Luther…einer von uns“.

 

Ist es nicht problematisch, lebenden Menschen ein Denkmal zu setzen?

 

DIRK KELLER: Uns hat überrascht, wie angetan die Menschen von unserer Anfrage waren, als „Luther-Modell“ mitzumachen. Einerseits weil Martin Luther für sie auch nach 500 Jahren wichtig bleibt. Und andererseits, weil sie sich geehrt und in ihrer Haltung und Arbeit gewürdigt sahen. Die Karlsruher insgesamt haben verstanden, dass es nicht um einen Personenkult geht, sondern um Grundwerte für das Zusammenleben in der Stadt. Im Grunde hätten wir für alle 300.000 Bürger eine Büste aufstellen können. Als Citykirchenpfarrer bin ich dafür verantwortlich, christliche Themen in unseren Kirchen und darüber hinaus im öffentlichen Raum der Stadt ins Gespräch zu bringen. „Luther…einer von uns“ ist in meiner bisherigen Arbeit das stärkste Projekt. Unsere Luther-Büsten wurden in einem Modehaus, dem Bahnhof, Theater und anderen städtischen Orten jeweils mit einer Veranstaltung präsentiert, und unsere hiesigen Medienpartner haben öffentlichkeitswirksam davon berichtet. Die Büsten bleiben an diesen Orten bis zum Reformationstag stehen und weisen mit einer Inschrift auf Person und reformatorisches Anliegen hin. Insofern sind es in der Tat kleine Denkmäler. Und aus den anfangs geplanten sieben Büsten sind dann 22 geworden, weil das Interesse im Verlauf des Projektes so überraschend stark gewachsen ist.

 

Das dürfte nicht ganz billig gewesen sein…

 

DIRK KELLER: Die Gesamtkosten liegen bei knapp 100.000 Euro. Als Budget standen mir gut 18.000 Euro zur Verfügung, die ich für die Zusammenarbeit mit einer Agentur brauche. Also blieb nur die Lösung, dass die Portraitierten ihre Büste selbst erwerben und damit natürlich auch für die Nachhaltigkeit des Projektes über das Reformationsjubiläums sorgen. Die Büsten bleiben als deren Eigentum bei ihnen stehen. Bei den schon Verstorbenen haben das dann die Nachfahren übernommen, bei einigen haben wir auch Spenden gesammelt oder Sponsoren gefunden, etwa die Evangelische Bank.

 

In den vergangenen Monaten wurden ja schon einige Büsten aufgestellt. Wie war die Resonanz?

 

DIRK KELLER: Unsere hiesigen Medienpartner berichten über jede Büste. Damit sind wir seit März und bis Oktober ständig im Stadtgespräch. Unsere Auftaktveranstaltungen werden von den Porträitierten organisiert und mobilisieren gerade deshalb in ihrem beruflichen und privaten Umfeld eher kirchenferne Menschen. Zu kleineren Veranstaltungen wie bei der Kreishandwerkerschaft kamen aufgrund der Raumgröße etwa 30 Besucher, zur Präsentation der Büste unseres ehemaligen Oberbürgermeisters kamen über 250 Menschen. Unser Projektkonzept ist deshalb mehr als aufgegangen. Wir arbeiten weniger mit einem spektakulären Highlight, sondern setzen auf 22 ganz unterschiedliche Begegnungen.

 

Und die Besucher haben sich auch für theologische Fragen interessiert?

 

DIRK KELLER: Durchaus. Schon früh konnte ich Professor Wilfried Härle als Lutherbotschafter für Karlsruhe gewinnen. An fast allen Orten hält er einen thematisch passenden und allgemein verständlichen Vortrag über Luthers Anliegen oder predigt zum Beispiel im Bahnhof, Landesmuseum und in der Stadtkirche. Besonders spannend waren zuletzt Tischgespräche im Stile Luthers, bei dem ein Gastwirt ein Lutherbier und Lutherspeisen für uns entwickelt hat. An einem Sonntagnachmittag gingen Professor Härle und Schauspieler des Staatstheaters durch den Biergarten und diskutierten mit den Gästen über Zitate Luthers. Ein gelungenes Beispiel für das Priestertum aller Gläubigen und Luthers Rat, den Menschen aufs Maul zu schauen.

 

Das ganze Projekt endet mit einem ökumenischen Gottesdienst am Reformationstag mit dem badischen Landesbischof Jochen Cornelius-Bundschuh und dem Freiburger Erzbischof Stefan Burger. Wie war denn die Zusammenarbeit mit den Karlsruher Katholiken während des Projektes?

 

DIRK KELLER: Ausgesprochen positiv. Eine spannende Frage war, ob in einer katholischen Kirche eine Martin-Luther-Büste aufgestellt werden kann. Das hat zu Diskussionen bei den katholischen Partnern geführt, aber seit März steht in der Citykirche St. Stephan tatsächlich eine von Harald Birck gefertigte Luther-Büste. Und mehr noch: Es wurde eine Thesenwand über mehrere Monate in St. Stephan aufgestellt, auf die jeder seine Thesen zur Zukunft der Kirche aufschreiben konnte. Da ist sehr viel zusammengekommen, und wir wollen in einem nächsten Schritt gemeinsam diese Thesen auswerten und darüber nachdenken, wie wir den Weg der Reformation weitergehen können. Auch hier reicht unser Projekt „Luther…einer von uns“ über das Jubiläumsjahr hinaus.

 

 

 

Das Gespräch führte Stephan Kosch am 22.Juni 2017.

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