Jesseboom und Engelsburg
Von der Kraft des Raumes: Tausend Jahre St. Michaelis in Hildesheim
"Gottes Engel weichen nie" ist das Motto der Veranstaltungen rund um das 1000-jährige Gründungsjubiläum der St.-Michaelis-Kirche in Hildesheim. Dieser bedeutendste romanische Bau nördlich der Alpen, der zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört, ist nicht nur ein architektonisches Erlebnis.
Mit wem man auch spricht im Umfeld von St. Michaelis - sei es Gemeindepastor Dirk Woltmann, Pastorin Nora Steen vom Projektbüro Michaelis 2010, Superintendent Helmut Aßmann, der direkt neben der Kirche wohnt, mit dem Kirchenvorstand oder mit einem der vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer -, ein Begriff fällt immer wieder: "Die Kraft des Raumes." Dirk Woltmann ist sich sicher: "Ich sage Besuchern immer: Das, was ihr hier fühlt, ist kein Zufall."
Keine trutzige Festung
Und in der Tat ist es bereits beeindruckend, den Michaelishügel hinaufzugehen. Mächtig erhebt sich die charakteristische Silhouette der Kirche mit ihren zwei quadratischen Vierungstürmen und den vier runden Glockentürmen. Ein Anblick, der diesem bedeutendsten romanischen Bau nördlich der Alpen den Beinamen "Engelsburg" eingehandelt hat. Dabei hat diese Kirche nichts mit der trutzigen Papstfestung in Rom gemein. Innen strahlt sie intensive Helligkeit, ja, trotz der mächtigen Säulen, fast Leichtigkeit aus. Das mag auch an der auffälligen Bänderung der Arkaden und Vierungen liegen, an denen weiße und rotbraune Quader einander abwechseln.
Der rhythmische Eindruck, der so entsteht, wird durch den "niedersächsischen Stützenwechsel" noch verstärkt: Auf je zwei Rundsäulen folgt immer ein quadratischer Pfeiler; die Zahl der Rundsäulen beträgt zwölf - stellvertretend für die Apostel und die Stämme Israels.
Kraft des Raumes: der Blick ins Querschiff.
Neben dieser sehr auffälligen Zahlenkorrespondenz gibt es ungezählte andere, von denen der Laie zunächst nichts ahnt. Bischof Bernward hat die Kirche vor tausend Jahren so konstruiert, dass ihre Proportionen nach symmetrisch-mathematischen Grundsätzen durchkomponiert wurden. Die antike Harmonielehre des römischen Philosophen und Christen Boëthius traf auf mittelalterliche Zahlenmystik.
Das Mittelschiff und die Querschiffe wurden beispielsweise aus drei perspektivisch gleichmäßigen Quadraten konstruiert. Die Zahl drei steht für die Trinität, und dreimal drei ergibt nach mittelalterlicher Lehre die Zahl der himmlischen Engelschöre. Es sind besonders die Neuner-Formationen, denen der Besucher hier begegnet, auch in den kleinsten Details.
Antike Harmonielehre
und mittelalterliche Zahlenmystik
Bischof Bernward plante seine Kirche als irdisches Abbild des himmlischen Jerusalem - dessen Miniaturdarstellung man im Nordwesten auf der Rückseite der Engelchorschranke findet. St. Michaelis ist als Spiegel der göttlichen Schöpfung gemeint, die von einer alles durchdringenden Harmonie beseelt ist - und die über den Bau wiederum auf dessen Besucher ausstrahlen soll. Ganze Bücher sind allein über diesen Aspekt der Kirche geschrieben worden.
Kunstinteressierte wenden ihre Augen rasch nach oben, zur hohen Decke, denn dort prangt auf einer Fläche von 240 Quadratmetern der Jesseboom, das Gemälde mit dem Stammbaum Jesu Christi. Die vollständig bemalte Holzdecke ist in dieser Größe einzigartig auf der ganzen Welt. Ein rollbarer Spiegelwagen sorgt dafür, dass niemand beim ausführlichen Betrachten Nackenschmerzen bekommt. Er vergrößert zugleich ein wenig, so dass man die Details besser erkennen kann.
Für die nächsten fünf Jahre beherbergt St. Michaelis außerdem einen außergewöhnlichen Gast: die aus dem benachbarten Dom entliehene bronzene Christussäule Bischof Bernwards, ebenfalls ein anerkanntes Welterbe. Und es gibt noch ein stärkeres Zeichen des guten Miteinanders der beiden Konfessionen in Hildesheim: Zwar ist St. Michaelis in der Reformationszeit evangelisch geworden, doch die ebenerdige Krypta blieb immer in katholischem Besitz. Jeden Dienstagmorgen wird hier eine Messe gefeiert. Jahrhunderte lang waren die Durchgänge zum Hauptschiff zugemauert, 1978 wurde die erste Pforte zum Südschiff, erst seit 2006 ist auch die zweite zum Nordschiff wieder geöffnet.
Sich frei im Raum bewegen
Bei der rechtzeitig zum Jubiläum abgeschlossenen Sanierung wurde der Fußboden so weit abgesenkt, dass sich Hauptschiff und Krypta wie früher auf genau dem gleichen Niveau befinden. Michaelis ist - nach mittelalterlichem Vorbild - wieder zur Wandelkirche geworden. Auf feste Bänke wurde bewusst verzichtet, Stühle erhielten den Vorzug. Bei Konzerten werden sie oft einfach umgedreht, so dass der Hohe Chor mit der Orgel als Podium dienen kann. Oder die Stühle werden ganz herausgenommen.
Dann entfaltet der Raum noch einmal eine ganz neue Wirkung, weil sich der Besucher völlig ungehindert in im bewegen kann - zu den aufwändigen Kapitellen des Südschiffs mit den darüber befindlichen Frauenreliefs, den personifizierten Seligpreisungen aus der Bergpredigt. Zum Sarkophag Bernwards in der Krypta oder - exakt darüber im Hohen Chor - zu einer zweiten Grabplatte des Bischofs aus der Gotik. Zur Engelchorschranke mit ihren Miniaturdarstellungen von Engeln, unter denen sich beißende Tiere und Fabelwesen in den Wirren der Welt tummeln. Oder auch zu den modernen Eisenschöpfungen des Darmstädter Künstlers Thomas Duttenhoefer, die den Altarraum prägen.
Es sind natürlich vor allem diese Punkte, auf die Besucher bei Führungen aufmerksam gemacht werden. Doch es gibt so viel mehr zu entdecken, da sind sich Gemeindemitglieder und Pastoren einig. "Man wird mit dieser Kirche niemals fertig?, beschreibt eine Sängerin der "Kantorei ihre ganz persönliche Faszination. "Meine ganze Wohnung ist voll von Michaelisbildern, und ich habe auch ein kleines Modell der Kirche." Superintendent Helmut Aßmann hat es einmal so ausgedrückt: "Andere Kirchen werden geschätzt, diese wird geliebt."
Detail des Taufbeckens.
Darstellung der Seligpreisung als Frau.
Die bronzene Christussäule Bischof Bernwards ist derzeit zu Gast in Michaelis.
Dirk Woltmann, Pastor der Michaelisgemeinde, spürt es täglich: "Dieser Raum hat eine ganz starke Wirkung auf Menschen. Das erleben alle, ob es Christen sind oder nicht." Die besondere Atmosphäre präge auch die Gemeinde, sagt Pastor Woltmann: "Das kann man nicht mit den Händen greifen, aber davon bin ich überzeugt."
Er erzählt von einer ungemein aktiven Kantorei, von sehr engagierten Kirchenmusikern, vor allem vom mehr als hundertköpfigen ehrenamtlichen Kirchenteam. Die Mitglieder helfen bei Veranstaltungs-Catering, an der Kasse, am Info-Tisch, räumen die siebenhundert Stühle ein und aus, übernehmen Führungen, betreuen Schulklassen und Konfirmandengruppen, leiten während des Jubiläumsjahres Andachten, jeden Mittag außer Sonntag, fast das ganze Jahr lang.
Keine Zeit mehr für die Stille
Der Titel des Unesco-Welterbes sei nicht nur eine Ehre, sondern beinhalte auch die Verpflichtung, das Erbe lebendig zu erhalten, so Woltmann. "Dafür stehen wir als Gemeinde vor Ort ein - in der ersten Reihe", sagt er selbstbewusst. Dass seine Kirche 2010 noch stärker im Blickpunkt steht als sonst, sieht er einerseits als Chance für die Gemeinde, eine gute Gastgeberin zu sein. Auf der anderen Seite sei die Belastung groß. Nach den offiziellen Öffnungszeiten noch einmal allein in die Kirche gehen, den Raum in aller Stille wirken lassen, sich auch mal selbst an die Orgel setzen: dazu bleibt ihm im Moment keine Zeit mehr.
Aber St. Michaelis ist in seinem Leben ohnehin allgegenwärtig, er muss nur aus seinem Büro oder aus den Fenstern seiner Wohnung schauen. "Es ist schön, hier im Schatten der Kirche zu leben", sagt Dirk Woltmann. Kein Wunder, meint ein Gemeindemitglied: "Schon der Hügel ist ein Kraftort."
Erschienen in zeitzeichen Juni 06/2010.
Die Engelschorschranke ist fast 900 Jahre alt.

