zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

Rumlaufende Gottheiten

Judith Filitz forscht in Leipzig über einen Text des Propheten Habakuk

Judith Filiz

Habakuk gehört sicher nicht zu den bekanntesten Propheten des Alten Testaments. Aber es gibt bei ihm spannende Sachen zu entdecken, meint die Leipziger Theologin und Theaterwissenschaftlerin Judith Filitz.

Foto: Thomas Kretschel
Foto: Thomas Kretschel

Eigentlich wollte ich gar nicht Theologie studieren, sondern Theaterwissenschaft, denn ich hatte in meiner Schulzeit sehr gerne und intensiv Theater gespielt und erste Erfahrungen als Regisseurin gesammelt. Da Theaterwissenschaft aber ein Magisterstudiengang war, brauchte ich ein zweites Hauptfach, und da dachte ich: „Ach, Theologie ist doch nett!“ Schnell fand ich es faszinierend, an der Frage nach Gott aus verschiedensten Perspektiven „herum“ zu denken. Mit Theaterwissenschaft war es am Anfang mühsamer, aber sie hat mir sehr dabei geholfen, kulturanthropologische Phänomene zu verstehen, und das kam wiederum meiner Arbeit im Alten Testament zugute. Insofern bin ich froh, dass ich beide Studiengänge abgeschlossen habe.

Ich hatte großes Glück, dass ich gleich nach meinem Ersten Theologischen Examen in eine bestehende Assistentenstelle einsteigen konnte, die gerade frei geworden war, weil der Inhaber auf eine Professur berufen wurde. Im ersten Jahr konnte ich noch nicht viel an der Promotion arbeiten, denn ich musste sofort zwei eigene Lehrveranstaltungen in der Woche geben - von einem Tag auf den anderen von der Studentin zur Dozentin. Das war nicht leicht, und es ist überhaupt ein Problem an der Universität, dass wir einfach unterrichten, ohne es gelernt zu haben.

Bei einer Dissertation in den Bibelwissenschaften gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder man sucht sich ein Thema, oder man geht von einem Text aus. Ein Text ist am besten, denn man muss ihn ja erst mal nach allen exegetischen Kunstregeln analysieren. Ein Thema hat meist viele Texte, dann wird es schnell uferlos. Der Text Habakuk 3, den ich in meiner Arbeit untersuche, war eine Empfehlung meiner Professorin, Angelika Berlejung, die vermutete: „Da laufen ein paar Gottheiten rum - könnte das nicht eine Prozession sein?“ In dem Text wird eine Gotteserscheinung, eine sogenannte Theophanie, geschildert.

Fünf Jahre lang habe ich nun den religionsgeschichtlichen Hintergrund dieses ältesten Liedes, das im Textkorpus des Prophetenbuches Habakuk steht, gründlich erkundet. Meine These ist: Da fragt sich jemand in der Zeit des babylonischen Exils, also im sechsten Jahrhundert vor Christus, wie nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels Gottes Präsenz immer noch möglich ist. Er kannte wohl das babylonische Neujahrsfest (ak?tu) und formt es für seinen Text um, indem er den babylonischen Gott Marduk herausnimmt und dafür seinen Gott, Jahwe, einsetzt. Für ihn ist klar: Unser Gott Jahwe besiegt das Chaos, auch wenn sein Heiligtum gerade zerstört ist.

Mittlerweile bin ich davon überzeugt, dass Habakuk bei der Schilderung dieser Theophanie eine altorientalische Prozession spiegelt, denn seine Schilderung erinnert ziemlich genau an das, was wir über die ak?tu-Prozession in Babylon wissen. In Vers 5 lesen wir zum Beispiel: „Vor ihm (Jahwe) her geht Deber und Rešef zieht aus hinter ihm.“ Das sind zwei altorientalische Gottheiten, Rešef ist religionsgeschichtlich im syrischen Raum und in Ägypten gut belegt. In biblischen Texten wird sein Name oft mit „Krankheit“ übersetzt. Von dem anderen Gott, Deber, gibt es religionsgeschichtliche Belege nur aus dem dritten vorchristlichen Jahrtausend - das ist auch im sechsten vorchristlichen Jahrhundert lange her. Warum hat der Habakuk-Verfasser ausgerechnet diese beiden Figuren ausgewählt, selbst wenn auch schon er nicht mehr viel über sie wusste? Ich denke, dass hier ganz bewusst die eigene, israelitisch-judäische Tradition genutzt wurde, um der babylonischen etwas entgegenzuhalten.

Für meine Prozessionsthese ist interessant, dass in Habakuk 3,5 die beiden Götter in dieser Reihenfolge erwähnt werden: Erst der etwas unwichtigere, dann der wichtigere. Das entspricht dem, was wir vom Verlauf der assyrisch-babylonischen ak?tu-Prozession wissen. Bemerkenswert ist auch, dass Habakuk davon ausgeht, dass es neben Jahwe andere Götter gibt. Er ist also anders gestrickt als sein Zeitgenosse Deuterojesaja, der zweite Verfasser des Jesajabuches, der als Erfinder des Monotheismus gilt. Der schreibt von Jahwe: „Ich bin der Herr und sonst keiner. Außer mir gibt es keinen Gott“ (Jesaja 45,5).

Ich werde mit dieser Dissertation sicher nicht den Nobelpreis gewinnen, aber darum geht es auch gar nicht. Das Ergebnis einer solchen Arbeit entwickelt sich im Prozess, und dabei ist mir wichtig geworden, über die rein historische Diskussion hinauszugehen. Als wir vor knapp zwei Jahren die sogenannte „Slenczka-Debatte“ um die Bedeutung des Alten Testaments für den christlichen Kanon hatten (vergleiche zeitzeichen 5/2015?-?11/2015), wurde mir nochmal deutlich, dass wir häufig mit den alttestamentlichen Texten heute so umgehen als wären sie apokryph, also nicht wirklich dem christlichen Kanon zugehörig. In Predigten werden sie dann aber doch wieder christlich „eingemeindet“, dann wird zum Beispiel der Immanuel (Jesaja 7,14) mit Jesus Christus identifiziert. Darauf hat Slenczka zu Recht hingewiesen, auch wenn er meiner Meinung nach mit seiner Konsequenz falsch liegt. Es ist ein Manko der Forschungsgeschichte, dass wir uns lange auf diese literarkritisch-redaktionsgeschichtliche Linie fokussiert haben à la „Vers 3b ist vorexilisch, Vers 7a ist nachexilisch“. Davon hat niemand etwas, dann kann ich auch in die Altorientalistik gehen!

Ich möchte weiter fragen: Habakuk hat die Vorstellung von dieser Prozession. Gott kommt in die Welt hinein, der Tempel ist nicht mehr da, aber das Spannende ist: Gott kommt gar nicht an! Gott ist unterwegs, aber nirgends angekommen, eine Bewegung, die nicht abgeschlossen ist. Dann denke ich an unsere Gottesdienste, in denen mir häufig etwas fehlt und wo ich mich frage, wo und wie sich Gottes Unterwegssein spiegelt. Die Predigt mag ja gut sein, aber an der Liturgie hapert es. Ich finde es schwierig, dass es bei uns oft so nett, bunt aber letztlich auch harmlos ist.

Habakuk lehrt uns dagegen zum einen, dass Gott ein Gegenüber ist, wo ich nicht nur freudestrahlend sage: „Oh, wie schön, dass ich eine Gottesbegegnung habe.“ In Vers 6 des Textes heißt es: „Er (Jahwe) bleibt stehen und erschüttert die Erde, er beobachtet und lässt die Völker aufspringen; und es werden zerschmettert die immerwährenden Berge.“ Damit will ich keinesfalls einen Gegensatz zwischen Altem und Neuen Testament konstruieren, es gibt genügend Stellen im Neuen Testament, in denen auch „Heulen und Zähneklappern“ herrscht.

Zum anderen gefällt mir auch Habakuks offene Vorstellung von einem Gott, der unterwegs ist. Das ist auch eine Form von Advent. Und er entwirft eine Vorstellung von Gott, die vom biblischen Mainstream abweicht. Das macht mir Mut zu eigenen, freieren Gottesvorstellungen, auch wenn die sich nicht unbedingt mit allen biblischen Ideen decken.

 

 

Aufgezeichnet von Reinhard Mawick

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