zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

So nicht!

Die EKD hat die Reformation theologisch entkernt

Thomas Kaufmann / Martin Laube

Thies Gundlach, Vizepräsident im EKD-Kirchenamt, warf der Universitätstheologie in zz 03/17 vor, sie lege im Reformationsjahr 2017 „eine Art besserwisserische Ignoranz gegenüber den Anliegen von Bund, Ländern und Zivilgesellschaft“ an den Tag. Die Göttinger Theologieprofessoren Thomas Kaufmann (Kirchenhistoriker) und Martin Laube (Systematiker) nehmen den Fehdehandschuh auf.

Karnevalsumzug in Düsseldorf. Foto: epd/ Bernd Schaller
Karnevalsumzug in Düsseldorf. Foto: epd/ Bernd Schaller

Experten- und Wissenschaftlerschelte liegt im Trend. Der Vizepräsident im Kirchenamt der EKD Thies Gundlach hat durch seinen Beitrag in zz 03/17 erneut unter Beweis gestellt, wie nah er dem Zeitgeist ist. Von Amts wegen gilt er als theologischer „Generalsekretär“ der evangelischen Kirche. Aber man mag seit Längerem bezweifeln, ob er in dieser Funktion gedeihlich wirkt. Durch seinen Fundamentalangriff auf die akademische Theologie ist dies unübersehbar fraglich geworden. Denn er missversteht grundsätzlich Rolle und Funktion der Theologie im Protestantismus. Angesichts der zentralen Bedeutung, die ihr seit dem 16. Jahrhundert für das evangelische Kirchenwesen zukommt, ist das alles andere eine Kleinigkeit.

Nun ließe sich fragen, warum Gundlach zu diesem Zeitpunkt mit einem provokativen Angriff aufwartet. Soll von dem Desaster abgelenkt werden, das dem Jubiläum einst durch das unselige Junktim mit dem Reformprogramm „Kirche der Freiheit“ zugefügt wurde? Soll verschleiert werden, dass die EKD die engagierte und charismatische Theologin Margot Käßmann in der Rolle der „Reformationsbotschafterin“ domestiziert und verschlissen hat? Oder soll - gut protestantisch - vorbeugend schon jetzt geklärt werden, wer als Sündenbock herhalten muss, wenn die aufgepumpte Stimmungsblase des Reformationsjubiläums geplatzt sein wird? Ein Kirchenpolitiker seines Schlages wird seine Gründe haben. Doch zur Sache: Gundlach beklagt, dass sich die akademische Theologie nicht mit einer ihm angemessen erscheinenden Intensität an der Vorbereitung und Zurüstung des Reformationsjubiläums beteilige, das von breiter gesellschaftlicher Aufmerksamkeit getragenen ist, sondern stattdessen bloß abständige Detailfragen bearbeite. Offenbar bezieht sich dieses Urteil auf spektakuläre, weithin vernehmbare Einlassungen vor einer größeren Medienöffentlichkeit - womit in etwa die Wahrnehmungssensibilität des Kirchenfunktionärs bezeichnet ist. Denn Gundlach weiß nichts von den zahllosen öffentlichen Vorträgen, Diskussionen und Interviews, der Mitwirkung an Ausstellungen, Gemeindeveranstaltungen, Pfarrkonventen und Fortbildungen, der Mitarbeit in theologischen Kammern, Kommissionen und Ausschüssen, für die ein großer Teil der Kolleginnen und Kollegen gegenwärtig - neben den alltäglichen Lehrstuhl-, Drittmittel- und Publikationsverpflichtungen - Zeit, Energie und Arbeitskraft aufwendet. Ganz zu schweigen von Büchern und Artikeln der Kirchenhistoriker, die sich um eine differenzierte Auseinandersetzung mit der Reformation bemühen. All dies liegt offenkundig außerhalb seines Wahrnehmungshorizontes. Gundlach hält nicht einmal die akademischen Theologen einer Erwähnung für würdig, die sich guten Willens in zahllosen Ad-hoc-Kommissionen für seine Zwecke haben einspannen lassen.

Skandalös aber ist, was Gundlach von der wissenschaftlichen Theologie erwartet. Sie soll sich in den Kreis der Reformationsjubilanten einreihen und neben Bundestag, Kulturstaatsministerin, Rotary-Club und Deutscher Bahn deren aus der Reformation abgeleitetes Selbstverständnis bekräftigen. Die wissenschaftliche Theologie soll mithin die vermeintlichen Wurzeln von Freiheit, Demokratie und Menschenwürde in der Reformation aufweisen und so in jene modernisierungstheoretische Lebenslüge einstimmen, mit der die EKD ihre Dekade 2008 eröffnet hat. Im Modus einer rhetorischen Frage formuliert Gundlach unverhohlen, was die Theologie seiner Auffassung nach zu tun hat: „Kann man nun von der wissenschaftlichen Theologie an den Universitäten erwarten, dass sie die besondere Bedeutung, die die Gesellschaft der Reformation weithin zuerkennt, auch historisch rekonstruiert und theologisch interpretiert?“

 

Fortsetzung der DDR

Demnach besteht die Aufgabe der Theologie in nichts anderem, als geschichtspolitischen Voreingenommenheiten zu Dienst und Willen zu sein. Das ist nichts anderes als monumentalische Geschichtsbetrachtung im Sinne des Philosophen Friedrich Nietzsche oder die Fortsetzung der DDR mit anderen Mitteln: Instrumentalisierung der Wissenschaft zum Zwecke staatlich-ideologischer Nützlichkeit oder kirchlicher Opportunität. Wer das fordert, hat nicht begriffen, warum es wissenschaftliche Theologie in der bei uns kultivierten Form gibt.

Gewiss: Jede evangelische Theologin und jeder evangelische Theologe, auch an der Universität, wird gut beraten sein, das eigene Verhältnis zu den historischen Ursprüngen unserer Lebens- und Lehrgestalt des Christentums in der Reformation eingehend zu reflektieren. Dass eine solche Reflexion die wissenschaftliche Arbeit ständig - auch unausgesprochen - begleitet, ist selbstverständlich. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, was uns mit der Reformation verbindet und was uns von ihr trennt. So wird eine historisch-kritische Exegetin, die die biblischen Schriften in ihren Kontexten und im Horizont ihrer komplexen Überlieferungsgeschichte zu verstehen versucht, schwerlich davon überzeugt sein, auf diese Weise das reformatorische sola scriptura unmittelbar zu exekutieren. Ein Kirchenhistoriker wird vor allem die fremde Welt Luthers und Calvins, ob man sie Mittelalter oder Frühe Neuzeit nennt, wahrnehmen und die sehr verschlungenen indirekten Wege herausarbeiten, die von ihr zur religionskulturellen Ära der Moderne führten. Und auch der systematische Theologe wird in aller Regel die tiefgreifende Umformung des evangelischen Christentums in der Aufklärung ernst nehmen und in gegenwartsverantworteter Aneignung die überaus selektive, auch widersprüchliche Aufnahme und Transformation reformatorischer Theologumena akzentuieren. Im Lichte des Gundlachschen Imperativs ist all dies aber nichts Anderes als miesepetrige Meckerei einer dank der Kirche gut ausgestatteten universitären Theologie, die ihrer Pflicht und Schuldigkeit nicht nachkommt.

Auch wenn Gundlach es nicht verstehen will: Nichts schützt so wirkungsvoll gegen vorschnelle Identifikationen und Instrumentalisierungen wie eine Historisierung. Ihr vor allem ist zu verdanken, dass die Theologie in unseren Breiten eine kultivierende und pazifizierende Funktion gegenüber den elementaren Ambivalenzen des Religiösen wahrnehmen kann. Sie eröffnet Distanzierungen, relativiert Ideologisierungen - und verhilft gerade so einer lebens- und freiheitsförderlichen Gestaltung evangelischen Christseins zur Geltung. Hier liegt nicht zuletzt der Grund dafür, warum der Staat - einer Empfehlung des Wissenschaftsrates folgend - neben den theologischen Fakultäten an der Universität auch Lehrstühle für islamische Theologie einrichtet. An ihrer kritisch-reflexiven Funktion entscheidet sich mithin das Schicksal der christlichen Theologien an den Universitäten - EKD hin, Gundlach her. In der Logik Gundlachs liegt eine botmäßige Theologie, die lediglich als Erfüllungsgehilfin kirchlicher Zwecke fungiert. Aber das ist ein groteskes Missverständnis.

Damit aber nicht genug. Gundlach holt jetzt zum eigentlichen Schlag aus: Dass die akademische Theologie nicht nach seinen Vorstellungen springt, liegt für ihn weniger daran, dass sie nicht wolle, sondern vielmehr daran, dass sie nicht könne. Denn anders als weiland Friedrich Schleiermacher (1768-1834) und Karl Barth (1886-1968) habe sie gegenwärtig keine gehaltvolle Idee zu bieten, um den christlichen Glauben produktiv auf die Herausforderungen unserer Zeit zu beziehen. Und daher bleibe sie auch einen konstruktiven Impuls zur Gestaltung des Reformationsjubiläums schuldig.

 

Starkes Stück

Nun mag man beklagen, dass derzeit kein dominanter Großansatz leuchtturmartig die theologische Bühne beherrscht, sondern sich die Pluralität der Wirklichkeit auch in der Pluralität theologischen Denkens und Arbeitens niederschlägt. Denn damit gibt es mehr Probleme als Lösungen, mehr Fragen als Antworten. Und das kann den überfordern, der die akademische Theologie bloß für eine dienstbeflissene Werbeagentur zur Vorbereitung staatlich-kirchlicher Eventkampagnen hält. Eine gehaltvolle Gegenwartsdeutung der Reformation ist freilich im Twitterformat nicht zu haben. Wer aber von der akademischen Theologie weiterführende Perspektiven erwartet, kommt um eine eingehendere Wahrnehmung ihrer vielfältigen theologischen Ansätze und Debatten nicht herum. Und hier liegt des Pudels Kern: Das Kirchenamt der EKD zeigt unter seinem amtierenden Vizepräsidenten - man muss es leider so offen sagen - kein Interesse an einer substanziellen Rezeption, geschweige denn Bildung und Förderung theologischer Reflexions- und Argumentationskultur.

Was in der Theologie stattfindet, wird nicht zur Kenntnis genommen; was sie „zuliefert“, wird allein unter kirchenpolitisch-strategischen Maximen verrechnet. Der Theologie Gedankenleere und Geistesarmut zu attestieren, weil sie den eigenen Zwecken nicht zu Diensten ist, ist schon ein starkes Stück. Darüber hinaus zeugt es von einer kapitalen Fehleinschätzung, das vernehmliche Grummeln über die kirchliche Gestaltung des Reformationsjubiläums schlicht auf das Konto einer eitelkeitsgeschwängerten Mischung aus theologischer Ideenlosigkeit und schmollender Besserwisserei zu buchen. Kommt Gundlach überhaupt nicht in den Sinn, dass gerade eine starke und ausgeprägte Loyalität zur verfassten Kirche die akademische Theologie bisher daran gehindert haben könnte, Tacheles zu reden?

Dazu nur zwei Punkte: Zum einen vergießt Gundlach dicke Krokodilstränen. In seinem Bemühen, der Politik die Reformation als Erfinderin der liberalen Demokratie anzudienen, hat er das Reformationsjubiläum konsequent theologisch entkernt. Eine ernsthafte Beschäftigung mit den zentralen Grundeinsichten der Reformation, der zerfressenden Macht der Sünde, der befreienden Kraft des Glaubens, dem neuen Leben der Gerechtfertigten, findet nicht statt. Der anspruchsvollen Aufgabe, den reformatorischen Glutkern neu zu entfachen, weicht man im Kirchenamt der EKD hartnäckig aus. Stattdessen werden in eklatanter Geschichtsvergessenheit reformationspopulistische fake news verbreitet. Nachdem Gundlach nun aber dämmert, dass mit dieser Strategie die Substanz der Reformation verspielt zu werden droht, sucht er als Schuldigen die Theologie auszumachen, die man zuvor ins Abseits gestellt hat. So nicht! Die theologische Geisterfahrt zum Reformationsjubiläum offenbart sich aber noch an einem anderen Punkt. Er betrifft die verordnete Umetikettierung zu einem ökumenischen „Christusfest“. Das hier sitzende Unbehagen entlädt sich bei einem Blick auf das Foto, das Gundlachs Artikel in zeitzeichen beigegeben wurde, und das geeignet scheint, sich als Sinnbild des Reformationsjubiläums 2017 in das kulturelle Gedächtnis einzugraben: Wie Konfirmanden aufgereiht, die erwartungsfroh und aufgeregt sind, stehen evangelische Kirchenmänner und -frauen vor Papst und Kardinälen, als komme das Reformationsjubiläum in diesem inszenierten Stelldichein, dessen ökumenetheologische Gesamtperspektive völlig unklar ist, zu seiner Erfüllung, nicht nur medial, sondern auch inhaltlich.

Wohlgemerkt: Die vielfältigen Fortschritte der Ökumene und die gelungene Überwindung des konfessionellen Gegeneinanders sind ein Geschenk, das niemand ernsthaft in Frage stellen oder gar missen möchte. Aber es grenzt allmählich an Verrat gegenüber der evangelischen Sache, wie sehr die EKD es zur Leitmaxime ihrer Reformationsfeierlichkeiten erhebt, die empfindlichen Temperamente der römisch-katholischen Kirchenhierarchie bloß nicht zu verletzen - damit deren Vertreter sich zum gemeinsamen Foto herbeilassen.

Noch einmal und unmissverständlich: Es ist ein großer Segen, dass „Evangelisch sein“ heute heißt, in Gemeinschaft mit den römisch-katholischen Mitchristen Christ zu sein. Das ändert aber nichts daran, dass „Evangelisch sein“ eben auch heißt, nicht römisch-katholisch zu sein. Dafür gibt es Gründe, gute Gründe sogar - und diese für alle evangelischen Chris-tinnen und Christen so darzustellen, dass ihnen wieder neu und lebendig vor Augen tritt, warum sie eigentlich evangelisch sind, gehört zu den elementaren Aufgaben eines Reformationsjubiläums.

Vor dieser Aufgabe versagt Gundlach. Die von ihm verantwortete Ausrichtung des Reformationsjubiläums zeigt kein Gespür dafür, dass von der evangelischen Kirche - gerade auch gegenüber Rom - ein beherztes, selbstbewusstes Eintreten für die theologische Mitte der Reformation und die darin begründete Gestalt evangelischen Christseins erwartet wird. Fehlt im Kirchenamt der EKD vielleicht ein hinreichendes Zutrauen in die Gegenwartskraft dieser Tradition? Dann sollten die entsprechenden Konsequenzen gezogen werden.

Die, die dieses Versagen nicht mittragen wollen, mit dem Vorwurf miesepetriger Kleingeisterei zu überziehen, ist jedenfalls ungehörig.

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