zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

Die Fasson der Anderen

Warum eine evangelische Sexualethik (nicht nur) für Toleranz wirbt

Peter Dabrock

Bei liberalen Christen hält sich die Sehnsucht nach kirchlichen Moraläußerungen zum Liebesleben in Grenzen. Doch nicht daran liegt es, dass der Rat der EKD vorläufig keine Denkschrift zur Sexualethik veröffentlichen will, vielmehr fürchtet er, seine integrative Funktion für alle Christen zu gefährden. Peter Dabrock, Professor für Systematische Theologie an der Universität Erlangen, wirkte von 2011-2013 als Vorsitzender der EKD-Kommission zu Fragen der Sexualethik an der Vorbereitung einer solchen, nun ausgesetzten, Denkschrift mit. Hier schreibt er über die Grundlinien, die seines Erachtens für eine gegenwärtige evangelische Sexualethik unabdingbar sind.

Karl Hofer (1878-1955) "Freundinnen", um 1923/24. Kunsthalle Hamburg. Foto: akg-images
Karl Hofer (1878-1955) "Freundinnen", um 1923/24. Kunsthalle Hamburg. Foto: akg-images

Das geflügelte Wort, dass jeder nach seiner Fasson selig werden dürfe, stammt von Friedrich dem Großen. Ursprünglich bezieht es sich auf Fragen der Religionspolitik. Dass diese Lebensweisheit die machtpolitischen Gelüste des preußischen Strategen bestimmt hätte, muss niemand vermuten. Schon eher passt, dass es eine Erfahrung seiner Lebenssehnsucht zum Ausdruck bringt. Durchlitt er doch, vermutlich ob seiner wahrscheinlichen homosexuellen Orientierung, ein Drama, das auszudenken jedem griechischen Tragödiendichter zur Ehre gereicht hätte: eine wohl nicht nur platonische Freundschaft zu Hans Hermann von Katte, der gescheiterte Versuch der Flucht mit ihm, dessen Hinrichtung, die grausame Verfügung des Vaters, diesem Ereignis beiwohnen zu müssen, die Festungshaft und die Unterwerfung unter das ganze Machtsystem mit anschließendem Aufstieg als "gehärteter" Mann, den es weiter zu Menschen gleichen Geschlechts zog. Sich vorzustellen, dass der Satz "Jeder soll nach seiner Fasson selig werden" aus jemandes Munde stammt, der all das erlebt hat, hinterlässt einen anderen Eindruck, als wenn man den Satz kontextlos in einer Aphorismensammlung liest.

Auch wenn sich Friedrichs Ausspruch auf die Duldung von Religionen bezog: Wie steht es heute um Toleranz, Achtung und Verantwortung in Sachen Sexualität? Vorsicht vor einfachen Urteilen! Einerseits: Spätestens seit der sogenannten "sexuellen Revolution" herrscht nicht nur das "ganz normale Chaos von Liebe", sexuellen Orientierungen und Sexpraktiken. Es gibt nicht nur nichts, was es nicht gibt. Das war zwar auch schon fast immer so -, aber jetzt wird das auch noch zelebriert und präsentiert: Siehe, ich bin oder wir sind anders - wie alle anderen auch! Weil so bekannt ist, wo und wie man fast aller Spielarten menschlichen Sex- und Liebeslebens ansichtig werden kann, wäre schon die Aufzählung all dessen "outdated". Zu banal!

Wo bliebt die Moral?

Wo bleibt da die Moral, und erst recht eine religiöse, eine christliche, eine kirchliche, eine evangelische? Am besten nirgendwo, sagen die einen: Schon vor knapp 46 Jahren mokierten sich selbstbewusste Katholiken über die Pillen-Enzyklika von Paul VI. und erklärten das Schlafzimmer zum eigenen Hoheitsgebiet, das frei von kirchlicher Lustkontrolle und Kontrolllust bleiben solle. Aus der letzten Denkschrift der EKD von 1971 zur Sexualethik zu zitieren, dient manchen im besten Fall als Partygag, eine neue wird es absehbar nicht geben. Von Freunden der "Liberalität" wird sie eigentlich nicht vermisst. Das Loblied des protestantischen Pluralismus singend, hält sich ihre Sehnsucht nach kirchlichen Moraläußerungen zum Liebesleben in Grenzen. Bei den anderen, die sich selbst gern als fromm bezeichnen und von anderen als verkniffen oder ängstlich charakterisiert werden, würde sie als hochwillkommen begrüßt, wenn, ja, wenn sie denn Ehe und Familie preisen und Homosexualität verurteilen würde. Wenn sie dies nicht getan hätte, wäre sie auch von dieser Gruppe nicht nur nicht vermisst worden, sondern bei Erscheinen massiv bekämpft worden. Die Erfahrung mit der Familienorientierung lässt grüßen.

Selbst wenn der Rat der EKD das Thema nicht aufgreifen will, weil er seine integrative Funktion riskiert sieht, schwelen die Fragen nach Liebe und Sex in der Christenheit und drohen zu immer neuen Verwerfungen zu führen. Deshalb bleibt es jenseits der Spekulation, ob und wann von kirchlicher Seite sexualethische Äußerungen zu erwarten sind oder nicht, sinnvoll, nach Grundorientierungen verantwortlichen Glaubenslebens im Moralstreit um Lust und Liebe zu suchen. Zu diesem Zwecke böte sich als nüchterner Einstieg in solche mit Sicherheit kontrovers verlaufenden Debatten an, (selbst-)kritisch zu fragen: Warum zerreißen sich so viele Leute über das Liebesleben von anderen nicht nur das Maul, sondern greifen - leider, leider - sogar zu schärferen Waffen - und das in zu vielen Teilen dieser Welt und im wörtlichen Sinne verstanden? Was stört es mich, wenn der eine oder die andere nach seiner oder ihrer Fasson glücklich werden oder Lust leben will? Eine einfache und doch ziemlich plausible Erklärung: Offensichtlich scheint die Fasson der Anderen auch etwas mit mir selbst zu tun zu haben. Wenn andere ganz anders glücklich zu sein scheinen, kommen die meisten nicht ohne die Rückfragen aus: "Und ich? Gehe ich einen falschen Weg? Wird mir oder meiner Lebensform etwas genommen, wenn andere anders glücklich werden und ihre Lebensform auch unter Schutz und/oder Segen gestellt wird?" Unangenehmerweise kleiden sich Selbstzweifel meist in die Form des Angriffs: "Darf der das?" - oder wohl noch eher in die Aussage: "Das darf die nicht!" oder im kirchlichen Sprachjargon: "Das ist gegen Gottes Wille!" "Das verbietet die Bibel!"

Stickige Spießigkeit

Eine zweite Perspektive: Wenn die Berechtigung des moralischen Erregungspotenzials eingeschätzt werden soll, hilft oft auch der Blick zurück. Die einen erklären die Vergangenheit zum verlorenen Paradies, die anderen zur stickigen Spießigkeit, in die erst mal ein bisschen frische Freiheitsluft hineingehöre. Schaut man jenseits solcher oft von deutlichen Interessen geleiteter Rückblicke in die Geschichtsbücher, bestätigt sich der Verdacht: Weder das eine noch das andere stimmt. Auch früher (was immer "früher" bedeutet) gab es Treulosigkeit, Ausschweifung und Treue, ach ja: und Liebe. Spießigkeit konnte manches zusammenhalten, was heute schnell in die Brüche geht; und die freie Liebe konnte oft mehr Probleme schaffen, als Lösungen für ein glückliches Leben anzubieten.

Ein dritter Blick: Der nüchterne Befund des Geschichtsblicks bestätigt sich auch, wenn man in der Gegenwart recherchiert. Entgegen verfallstheoretischem Raunen ist "die" Jugend erstaunlich wertkonservativ und hüpft nicht von Bett zu Bett. Allerdings weiß sie schon eine Menge, bevor es so richtig los geht; das Internet lockt halt zu sehr. Vor allem wünschen sich Jugendliche heute eine "schöne" Partnerschaft, zu der dann eben auch Sex gehört: ziemlich konventionell! Dieser Befund deckt sich zudem in weiten Teilen mit den Erwartungen an Lust und Liebe in der Gesamtbevölkerung - hohe Erwartungen, die nicht selten an ihrer Überhöhung zerbrechen.

Die genannten psychologischen, soziologischen und historischen Perspektiven helfen die heißen Debatten abzukühlen. In solch ernüchternden Analysen geht die Ethik aber noch nicht auf. Noch immer steht ja die Frage im Raum, ob mich die Fasson der Anderen aus guten Gründen sehr wohl etwas angeht und ob es allgemeine Kriterien verantwortlicher Sexualität gibt oder doch alles Privatsache ist.

Diesseits aller Kulturkämpfe besteht weitgehend Einigkeit darüber, dass mich als einzelnen und uns als Gesellschaft die Fasson der Anderen in bestimmten Dingen sehr wohl etwas angeht: Wo Menschen zum Sex gezwungen werden, wo Gewalt ausgeübt wird, da hört der Spaß nicht nur auf, da hat er nie angefangen. Denn damit es jedem Beteiligten Lust und Erfüllung bereitet, muss jeder freiwillig, also ohne Zwang "Ja, ich will" sagen können, und das auf Augenhöhe, damit man lustvoll die Augen schließen kann. Und bei allem Prickeln, jemand anderen erobern zu wollen: Wer würde ernsthaft abstreiten, dass Sex mehr Lust und Freude bereitet, wenn er Ausdruck von tiefer Zuneigung, von Liebe ist, und nicht nur Folge eines heißen Flirts? Im theologischen Kammerton heißt das dann: Es geht um wechselseitige Verbindlichkeit, Verlässlichkeit, Treue, Freiwilligkeit, Selbstbestimmung, Offenheit für neues Leben und Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Das alles klingt hochtrabend; aber froh sind doch alle, die es erleben, wenn Liebe und Lust von solchen Erfahrungen geprägt sind. Ohne Frage: In einer langen Partnerschaft hält sich die Leidenschaft des Anfangs meistens nicht. Und dennoch müssen Ehe oder Lebenspartnerschaft und Sex nicht nur kein Gegensatz sein, sondern das Gegenteil ist der Fall! Reiz der Dauer! Dafür lohnt es sich zu werben!

Schief gehen können Lust und Liebe bei jedem, egal ob Hetero, Homo, Bi, Trans, Inter oder queer, mit oder ohne Trauschein; keine*r (sic!) ist gefeit. Wenn überall Treuebrüche passieren können, dann heißt das im Umkehrschluss nicht, dass die Idee der Treue schlecht ist. Klar ist aber, dass neben Treue und Verlässlichkeit die Ehrlichkeit im Umgang mit den eigenen Grenzen oder denen des Partners ebenso zum verbindlichen Liebesleben hinzugehört wie eine gute Versöhnung.

Furcht vor dem Anderen

Da die Intoleranz in Sachen Sexualität so oft aus der Furcht vor dem Anderen und Fremden entsteht, lässt sich ihr schon simpel entgegenhalten: So wenig Gemeinsames gibt es offensichtlich gar nicht in Sache Liebe und Lust, im Gelingen und im Scheitern - quer durch alle Lebensmuster. Zugleich lässt sich erkennen, dass dieses Gemeinsame für alle, die sich darum bemühen, dennoch eine recht große Baustelle bleibt. Dazu noch ein Blick auf eine biblische Passage; sie kleidet die durchgängige biblische Botschaft von Gottes rettender Treue zu dem Menschen, so wie er ist, in eine anregende Geschichte. Die Bibelausleger streiten sich, ob sie ursprünglich zum Johannesevangelium gehört oder nicht. Wie auch immer man das sieht, sie hat ihre Wirkung entfaltet und bringt paradigmatisch vier Pointen zum Ausdruck, die einer evangelischen Sexualethik zu berücksichtigen gut anstehen: Zunächst unterbricht der johanneische Jesus die Gewalt der Moral oder die moralisierende Gewalt: "Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie." (Vers 7; Jesus rechnete offenbar nicht, dass seine Mutter anwesend war; die hätte vermutlich aber auch nicht den Stein geworfen.)

Diese rhetorisch geschickte Erwartungsäußerung stört und entlarvt. Sie erzielt im Sinne einer Sprachhandlung par excellence sofort ihre Wirkung - denn die Angesprochenen wissen, dass ihnen, sofern sie nur einen Funken Ehrlichkeit behalten haben, die Legitimationsgrundlage für ihre geplante Tötungshandlung entzogen ist. Eine zweite Pointe der Rettung der Ehebrecherin durch Jesus darf aber nicht überhört werden: "Geh hin und sündige hinfort nicht mehr." (Vers 11)

Mit diesem Vers sind alle Freifahrschein-Deutungen von Vers 7 und damit der Geschichte als ganzer ausgeschlossen. Ehebruch findet bei Jesus keine Zustimmung. Vers 11 scheint der Moral wieder ihr Recht zu geben. Aber diese Deutung alleine trägt nicht. Schließlich muss ja drittens die Spannung, die zwischen Vers 7 und 11 liegt, als solche festgehalten werden: Nach Vers 11 soll man sich zwar um eine sündlose, um eine gottes- und menschenfreundliche Lebensführung bemühen, aber die ist nicht so einfach möglich. Alle räumen das Feld und gestehen ein, dass sie ihre eigenen blinden Flecken im Leben von Lust und Leidenschaft haben. Die Alten, also die mit Lebenserfahrung, tun dies zuerst! (Vers 9)

Die vierte, ganz offenbar religiöse und darüber hinaus Bedeutung entfaltende Pointe der ganzen Erzählung liegt daher in Vers 11a: "So verdamme ich dich auch nicht", spricht der johanneische Jesus die Frau an. Angesichts der menschlichen und moralischen Spannung zwischen Sollen und Nicht-Vollbringen-Können, die die Geschichte entrollt, läuft sie ja ganz offensichtlich auf eine geradezu reformatorische Rechtfertigungsbotschaft hinaus: keine Verdammung im Angesicht und trotz der von allen einzugestehenden Schwächen und Verletzungen, die wir anderen, aber auch uns selbst und so immer auch Gott zufügen - und genau wegen dieser Zuwendung ergeben sich neue Lebensmöglichkeiten, gratis, gratuit! Ohne in Relativismus oder Rigorismus abzugleiten, eröffnet die Begegnung Jesu mit der Ehebrecherin den Blick auf den menschenfreundlichen, weil neues Leben und neuen Lebensanfang unterstützenden Gott.

Ausdruck leiblicher Existenz

Angesichts des von Jesus vorgelebten Akkordes aus Gewaltdurchbrechung, Einladung zur Umkehr, Bewahrung der Spannung zwischen Nichtkönnen und Sollen bei Aufrechterhaltung des Gemeinschaftsangebotes ist es so schade, ärgerlich wie skandalös, dass um die Frage, ob gleichgeschlechtliche Liebes- und Lebensgemeinschaften dem Willen Gottes entsprechen, ein solcher Kulturkampf tobt. Denn hier geht es ja nicht darum, ob jemand eine sexuelle Praxis unter Inkaufnahme des Schadens anderer ausübt, sondern dass er oder sie die eigene sexuelle Orientierung leben kann. Diese ist schlicht ein konstitutiver Teil seiner Person und Persönlichkeit und entsprechend zu achten, so sie eben andere achtet. Die Behauptung der gegenwärtigen Salonhomophobie, dass man praktizierte Homosexualität zwar toleriere, aber nicht akzeptiere, stellt angesichts des Umstandes, dass sexuelle Orientierung keine moralisch zu beurteilende Handlung darstellt, sondern Ausdruck leiblicher Existenz ist, eine ganz ungemessene Kategorienvertauschung dar.

Deshalb gilt: Innerhalb des erfreulich großen Reservoirs an skizzierten Gemeinsamkeiten verdient die Fasson des Anderen, so sie Anderen nicht schadet und Ausdruck leiblichen Daseins ist, Anerkennung. Trotz abweichender und von ihm akzeptierter Praxis in seinen Gemeinden hat Paulus an der Gleichwürdigkeit aller Gläubigen jenseits von Ethnie, Status und Geschlecht (und wir wissen heute, dass die Bipolarität der Geschlechter nicht das ganze Spektrum geschlechtlicher Identität ausmacht) festgehalten: "Da ist weder Jude noch Grieche, da ist weder Sklave noch Freier, da ist nicht Mann und Frau. Denn ihr seid alle eins in Christus Jesus." (Galater 3,28)

In der Anerkennung der Menschenwürde, die das geschlechtliche Dasein einschließt, findet sich im Recht eine Entsprechung zu dieser geistlichen Inklusion paulinischer Provenienz. Statt um die Weite der Toleranz zu streiten, sollte eine evangelische Sexualethik Gemeinsames würdigen und um seine Gestaltung in gegenseitiger Achtung und Anerkennung ringen. Vielleicht lässt sich mit dieser Haltung anfangen: "Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus; denn die Furcht rechnet mit Strafe. Wer sich aber fürchtet, der ist nicht vollkommen in der Liebe." (1. Johannes 4,18)

Erik T. , 26.05.2014 10:33:
Dieser Artikel ist … putzig. Ausgerechnet einen militanten und ignoranten Herrscher wie Friedrich II., den Inbegriff des „Preußentums“, zur Galionsfigur der Freizügigkeit zu küren ist absurd. „Unfreiwillige Komik“ nennt man sowas unter Schriftstellern gern (vielleicht auch anderswo). Wenn man schon unbedingt eine historische Integrationsfigur bemühen muss, wäre doch Friedrichs Erzfeindin Maria Theresia eine weit näherliegende Wahl gewesen.
Auch die Geschichte von Friedrichs Homosexualität ist blanker Unsinn, vermutlich eine der üblichen „Entdeckungen“ der Trüffelschweine der Gender-Bewegung, die unter allerlei historischen Wurzeln Homosexualität wittern und ausgraben – bloß dass sich der vermeintliche Trüffel dann doch meist als gewöhnlicher Mist herausstellt. Friedrich II. hatte eine Geschlechtskrankheit. Daraus resultierend war sein Unterleib so angegriffen, dass er des Zeugungsaktes nicht mehr fähig war (oder zu sein glaubte); er war schlicht und einfach körperlich behindert – daher sein unterkühltes Verhältnis zu Frauen. Aber historische Korrektheit war den politisch Korrekten ja schon immer wurscht.
Nebenbei bemerkt, das ist auch eine der negativen Folgen nach der gesellschaftlichen Etablierung der Homosexualität: Die emotionale Intimität unter Männern ist eklatant verarmt. Jede Ungezwungenheit könnte als Homosexualität ausgelegt werden. Alle möglichen Männerfreundschaften geraten auf einmal unter Generalverdacht: Winnetou & Old Shatterhand? Klar, Schwule (Arno Schmidt). Kirk & Spock? Sowieso (irgendein Rezensent zum neuen Star-Trek-Film). Mein Freund und ich sind auch schon mal für ein Schwulenpärchen gehalten worden. Und hier nun eben Friedrich und von Katte. Die Erfindung der Kategorie „Homosexualität“ hat die Männer beraubt und um den Ausdruck ihrer Gefühle gebracht. Der „gefühlsarme Mann“ ist ein Ergebnis dieser Entwicklung. Männer waren weder immer so noch sind sie es von Natur aus. - Aber das nur am Rande. Woran der Autor wie all die anderen bräsigen EKD-Moraltrompeter, ZEIT-Schreiberlinge und GRÜNEN-Oberlehrer komplett scheitert, und das ist viel wichtiger, ist der Blick in die Seele des Konservativen/Traditionalisten/„Fundamentalisten“. Wie üblich kann er dort als handlungsleitendes Motiv nichts anderes als „Angst“ feststellen (die andere inflationär bemühte Vokabel ist „Hass“). Es gibt solche Menschen, fraglos – aber es gibt sie genauso auf der anderen Seite. Es ist eine unsägliche Dummheit, den Kritikern des gesellschaftlichen Umgangs mit dem Phänomen „Homosexualität“ schlechte menschliche Gefühle und Laster zu unterstellen, für die eigene Meinung dagegen die Tugenden zu reklamieren – auch wenn letzteres nur implizit geschieht –: als wären Liberale, als wären Homosexuelle auf wundersame Weise bessere Menschen, freier von Ängsten, unfähiger zum Hass. Das ist nichts anderes als Denkfaulheit, versteckt unter ein paar handwerklich gut gedrechselten Sätzen. Der Autor begreift nicht einmal im Ansatz, welche Probleme die Kritiker wahrnehmen, wogegen sich ihre Kritik richtet – kein Kritiker (zumindest keiner, den ich kenne), dürfte seine Meinung in diesem Text wiederfinden. Der Autor gibt sich nicht einmal die Mühe, die Kritik zu verstehen. Etwas anderes als die Kritiker als „Salonhomophobe“ zu diffamieren fällt ihm offensichtlich nicht ein.
Dass es Menschen gibt, denen etwas wichtiger sein könnte als „nach der eigenen Fasson glücklich zu werden“, die sich auf den Deal, dass in eroticis jeder tun und denken möge, was ihm beliebt, nicht einlassen, weil sie andere Werte als höher einschätzen, werden bourgeoise Krämerseelen wohl nie begreifen. „Aber was hat er denn?“, fragen sie und kratzen sich irritiert den Kopf, „ihm wird doch nichts weggenommen, noch wird er eingeschränkt. Er muss wohl von einer Art Fieber befallen sein.“ – Dass jemand Gründe haben könnte, die nicht egoistischer, ja nicht einmal persönlicher Natur sind, scheint ihnen schier zu hoch. Wenn die erste Generation der Christenheit nach dem Leitsatz verfahren wäre, ein jeder möge nach seiner Fasson glücklich werden, wäre das Christentum mit dieser Generation gestorben. Als ob eine x-beliebige Fasson überhaupt ein Argument wäre!
Natürlich reduzieren sich all diese Scharmützel auf eine wesentliche Frage: Hat sich der christliche Glaube vor dem Richterstuhl der Moderne zu verantworten und von ihm sein Urteil zu empfangen? – oder, was an Lächerlichkeit nicht zu überbieten wäre, vor der 68er-Bewegung? Hat der Adler zu landen, weil ein Zwergpinscher kläfft? Mir fällt nun nichts, aber auch gar nichts ein, warum das so sein sollte. Daher kann ich auch keinen Grund erkennen, warum das Christentum zulassen sollte, dass zentrale Werte abgeschafft, geschmälert oder gemindert oder auch bloß unter der Hand umetikettiert werden.
Ein religiöser Wert ist entweder bedingungslos gültig und verbindlich, oder er ist kein Wert. „Wenn nun das Salz dumm wird, womit soll man es salzen?“ Aus Werten folgt ein Anspruch, ein unbedingtes „du sollst!“, und nur daraus folgt auch die Chance zur Buße und zur Veränderung. Wer Werte sabotiert, nimmt Menschen diese Chance und betreibt Falschmünzerei mit dem Evangelium. Diese gutgemeinte und herablassende, fast möchte man sagen „patriarchalische“ Geste des Beschützens unserer Mitmenschen vor dem ethischen und mehr noch vor dem religiösen Anspruch des Christentum macht zuletzt auch unsere Mitmenschen klein. In der Zumutung liegt immer auch ein Zutrauen. – Abgesehen davon gibt es ohne die Pflicht kein Recht, ohne das Gebot „Du sollst nicht töten!“ beispielsweise auch kein Recht auf Leben. Beides sind zwei Seiten derselben Münze.
Wer einen Wert mindert, beschädigt einen Glauben. Und wer einen Glauben beschädigt, verletzt irgendwann einen Gläubigen. Man muss sich nicht wundern, wenn es Gläubige gibt, die das nicht einfach hinnehmen wollen.
Wundern muss man sich vielmehr über die Exegese des Autors: Flugs wird die Menge, die die Ehebrecherin eben noch steinigen wollte, mit dem Bewusstsein nach Hause geschickt, „dass sie ihre eigenen blinden Flecken im Leben von Lust und Leidenschaften haben“. Ja ja, er wird wohl eine Umfrage gemacht haben … aber schon der alte Harnack wollte bekanntlich die Systematiker in seiner Bibliothek zur Belletristik stellen.
Wundern muss man sich auch über das stupende Unverständnis des Autors, was den Stellenwert des Phänomens „Sexualität“ betrifft. Er versucht ja brachial, die Sexualität auf den Bereich des Privaten zu begrenzen. Entweder er verfügt über eine nur stark eingeschränkte Wahrnehmung, oder er mogelt.
Dass Sexualität keine Privatangelegenheit ist, muss nicht diskutiert werden. Der öffentliche Raum ist durchsexualisiert. Das ist offensichtlich. Es geht los bei der Werbung und endet bei komplexen Diskursen wie Fragen der Identität oder der bürgerlichen Rechte. Sex ist ein Wert, und Sex schafft Werte. Berlin ist „arm, aber sexy“, und ich kann nicht einmal die „Kulturzeit“ auf 3-Sat anschauen, ohne dass die Moderatorin irgendein Phänomen „sexy“ nennt. Sex ist öffentlich präsent wie nichts sonst, und es erscheint mir fast schizophren, diese Öffentlichkeit zu leugnen und den Sex mit der leichtfertigen Bemerkung „jeder nach seiner Fasson“ aufs Private zu beschränken.
Diese billige Augenwischerei ist das ärgerlichste an diesem Text, denn einmal mehr wird damit – vielleicht ungewollt, ich denke gewollt – eine echte Diskussion mit den Konservativen verhindert. Es muss doch überhaupt erst einmal der Gegenstand der Auseinandersetzung korrekt wahrgenommen und anerkannt werden, und dieser Gegenstand ist eben nicht die Frage, was erwachsene Menschen in ihren Schlafzimmern treiben, zumindest nicht vorrangig, sondern auf welche Art und Weise das Phänomen Sexualität öffentlich verhandelt wird.
Nein, Sex ist eben alles andere als „egal“, und mit einem flotten Satz wie „Jeder soll nach seiner Fasson glücklich werden!“ sind die Auseinandersetzungen um den Sex kategorial nicht einmal ansatzweise erfassbar – ein Satz wie dieser vergleichgültigt den Sex und zeugt davon, dass der Autor bestenfalls die Farben zu nennen weiß, aber das Bild nicht sieht. Aber immerhin, am Anfang ist der Artikel wenigstens … putzig.
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