zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

Endgültig beantwortet

Die Beteiligung der Frauen an der Reformation war exemplarisch für deren Inhalte

Margot Käßmann

Die Quellen über Frauen der Reformation sind vergleichsweise mager. Ab Mai ist im sächsischen Schloss Rochlitz eine Ausstellung mit dem Titel "Eine starke Frauengeschichte - 500 Jahre Reformation" zu sehen. Reformationsbotschafterin Margot Kässmann gibt einen thematischen Überblick, in der Juniausgabe folgt ein Ausstellungsbericht.

"Junge Frau mit geschürztem Kleid" (um 1532/35). Ein Gemälde von Hans Holbein dem Jüngeren. Foto: akg
"Junge Frau mit geschürztem Kleid" (um 1532/35). Ein Gemälde von Hans Holbein dem Jüngeren. Foto: akg

Die Rolle der Frauen gilt als Randthema der Reformation. Im Mittelpunkt der Debatten stehen die Theologie Martin Luthers oder Ulrich Zwinglis, die geschichtliche Bedeutung von Friedrich dem Weisen oder Philip von Hessen. Martin Bucer, Philipp Melanchthon, Thomas Müntzer, Johannes Calvin - sie sind hinlänglich bekannt. Aber wer verbindet mit der Reformation Wibrandis Rosenblatt, Elisabeth Bucer, Katharina Jonas oder Caritas Pirckheimer? Allenfalls Katharina von Bora, Luthers Ehefrau, ist einem breiteren Publikum ein Begriff.

In der Lutherdekade, die seit 2008 in Deutschland zum Reformationsjubiläum 2017 hinführt, ist keines der Themenjahre den Frauen gewidmet. Umso erfreulicher, dass 2014 auf Schloss Rochlitz eine staatliche Ausstellung mit dem Titel "Frauen und Weiblichkeit in der Reformation" ihre Rolle thematisiert. Sie erinnert an Elisabeth von Rochlitz, eine Frau, die sich klar zum reformatorischen Aufbruch bekannte, auch wenn ihr Schwiegervater, Georg der Bärtige, Herzog von Sachsen, ein erbitterter Gegner der Reformation war. Im Schmalkaldischen Bund spielte sie eine entscheidende Rolle. Aus ihrer Korrespondenz sind rund zweitausend (!) Briefe erhalten, eine Korrespondenz, die sie unter anderem mit ihrem Bruder, Philipp von Hessen, führte. Ein Glücksfall für die Forschung, die nur selten schriftliche Quellen von Frauen aus der Reformationszeit zur Verfügung hat.

Innerkirchlich setzen die "Frauenmahle", die sich in den vergangenen Jahren vielerorts entwickelt haben, einen besonderen Akzent. Am Vorabend des Reformationstages kommen Frauen zu einem gemeinsamen Essen in einer Kirche oder einem Gemeinderaum zusammen und bereichern sich gegenseitig durch kurze Tischreden. Von Berlin bis Marburg, von Hannover bis Osnabrück hat sich damit auf dem Weg zum Reformationsjubiläum eine interessante neue Form der Begegnung etabliert, zu der auch Frauen aus dem nichtkirchlichen Umfeld eingeladen sind und gern teilnehmen.

Meine These lautet: Die Beteiligung der Frauen ist nicht ein Seitenthema der Reformation, sondern sie steht exemplarisch für ihre Inhalte. Das hat zunächst vier Gründe:

Erstens die Tauftheologie Martin Luthers. Wenn jeder, der aus der Taufe gekrochen ist, Priester, Bischof und Papst ist, dann kann das auch jede getaufte Frau sein. Hier liegt der Schlüssel zum Respekt vor Frauen und in der Konsequenz die Zulassung von Frauen zu allen Ämtern der Kirche. Auch wenn die Reformatoren sich diesen Schritt gewiss nicht denken konnten, ist er in ihrer Theologie angelegt. Das Priestertum aller Getauften schließt das Priestertum der Frauen mit ein.

Zweitens wird mit dem Schritt zur Ehe das "Leben in der Welt" aufgewertet. Die Eheschließung vormals zölibatär lebender Priester und Nonnen übersetzt die Grundüberzeugung, dass Leben in Kloster und Zölibat kein vor Gott in irgendeiner Weise "besseres" Leben ist. Christsein bewährt sich mitten im Alltag der Welt, im Beruf, in der Familie, beim Regieren wie beim Erziehen der Kinder. Und das gilt für Männer wie für Frauen. Für Frauen aber war die Befreiung, die sich durch die Aufwertung von Ehe, Sexualität und Kindererziehung ergab, umso größer, als vielerorts die Überzeugung bestand, "daß Frauen eines besonderen Zuganges zur Gnade bedürfen, den mit Gewißheit nur die reine Jungfräulichkeit eröffnen konnte". (Gerta Scharffenorth)

Aber auch für Männer war die Aufwertung der Sexualität ein Gewinn an Freiheit. Ute Gause schreibt: "Entgegen bisheriger Auffassung bedeutet die Haltung der Reformation zur Ehe nicht nur ihre Aufwertung, sondern eine Aufwertung männlicher Sexualität als solcher, da sie dem Beruf des Priesters/Pfarrers nicht mehr entgegensteht."

Teilhabe an Bildung

Drittens beschränkt sich der reformatorische Bildungsimpetus nicht auf Jungen und Männer, sondern schließt Mädchen und Frauen ein. Die Volksschule soll in der Tat Schule für alle sein, alle sollen lesen lernen, damit sie je einzeln ihr Gewissen an der Schrift schärfen können. All das bedeutet eine ungeheure Aufwertung von Frauen und Frauenleben. Bildungsteilhabe und Bildungsgerechtigkeit waren reformatorische Themen und schlossen explizit Frauen mit ein.

Viertens hat all dies zur aktuellen Konsequenz, dass die Beteiligung von Frauen geradezu zum Kennzeichen der reformatorischen Kirche geworden ist. Die jüngst veröffentlichte fünfte Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung zeigt: "Mit der 'evangelischen Kirche' verbinden nicht wenige Befragte, dass diese Kirche nicht katholisch ist (7 Prozent) - etwa weil hier auch Frauen Pfarrerinnen sein können ...".

Luthers Wertschätzung von Frauen hat sich bereits früh entwickelt, lange etwa vor der Heirat mit Katharina von Bora oder der Begegnung mit Argula von Grumbach. 1520/21 schreibt er in seiner Auslegung des Magnifikat (Lukas 1, 46ff.) voller Hochachtung über Maria: "Oh das ist eine große Kühnheit und ein großer Raub von solchem jungen, kleinen Mägdlein. Getraut sich, mit einem Wort alle Mächtigen schwach, alle Großtuenden kraftlos, alle Weisen zu Narren, alle Berühmten zuschanden zu machen und allein dem einzigen Gott alle Macht, Tat, Weisheit und Ruhm zuzueignen."

Damit, so Gerta Scharffenorth, zeigt sich "die Einheit in der Vielfalt schöpferischer Wirkungen. Da Gott sich den Menschen zuwandte, indem eine Frau schwanger wurde und Gottes Sohn gebar, ist durch die Menschwerdung Christi die Frage nach Wert und Würde, Gleichheit oder Ungleichheit von Mann und Frau endgültig beantwortet."

Dagegen höre ich bereits drei Einwände:

Zum einen jene Invokavit-Predigt von 1526, in der Luther Exodus 22, 17 auslegt und zu dem Schluss kommt: "Die Zauberinnen sollst du nicht am Leben lassen." Hier lässt sich Luther vom Hexenwahn und der Hexenverfolgung seiner Zeit hinreißen, das lässt sich nicht im Nachhinein kleinreden.

Zum anderen werden einige fragen: Ist das nicht Schönfärberei? Gibt es von Luther nicht manchen abfälligen Satz über Frauen? Gewiss, aber gerade in den Tischreden findet sich viel, wie das solche Reden bei Tische so sind. Da sagt Luther ebenso: "Es ist kein Rock, der einer Frau oder Jungfrau so übel ansteht, als wenn sie klug sein will", wie: "Wenn das weibliche Geschlecht anfängt, die christliche Lehre aufzunehmen, dann ist es viel eifriger in Glaubensdingen als Männer. Das erweist sich bei der Auferstehung (Johannes 20, 1ff.), Magdalena war viel beherzter als Petrus."

Und schließlich: Haben die Reformatoren nicht insgesamt an einer Unterordnung der Frau unter den Mann festgehalten? O ja, kontextuell waren Rollenfestlegungen vorgegeben. Und dennoch übt Luther Kritik daran, dass die Alltagspflichten schlicht den Frauen überlassen werden: "Da Mann und Frau an dem Wirken des Schöpfers beteiligt sind, muss sich ihr mitmenschliches Verhalten an der hingebenden Liebe Gottes ausrichten. Mit anderen Worten: An der Art, wie beide im Vollzug täglicher Aufgaben miteinander umgehen, zeigt sich, ob sie glauben, was sie bekennen" (Gerta Scharffenorth).

Wenige Zeugnisse

Kommen wir damit zu den Frauen der Reformationszeit selbst. Viele Namen sind bekannt, auch wenn es insgesamt nur wenige authentische Zeugnisse gibt und recht begrenzt Literatur zum Thema. Exemplarisch möchte ich sieben in drei Kategorien nennen.

Zum einen sind da die Pfarrfrauen. Für sie war die Heirat mit einem Pfarrer, in der Regel also mit einem ehemaligen Mönch, kein leichter Schritt. Sie wurden von den Altgläubigen verachtet. Es hieß, Kinder, die von einem ehemaligen Mönch und einer ehemaligen Nonne gezeugt werden, kämen mit Fehlbildungen zur Welt. Mutige Frauen waren es also, die inhaltlich hinter ihren Männern stehen mussten, um den Anfeindungen ihrer Umwelt gegenüber Haltung zu bewahren.

Das gilt zuallererst für Katharina von Bora (1499-1552). Sie war gebildet, hat Luther Briefe geschrieben, die leider nicht erhalten sind. Aus seinen Briefen, in denen er auf sie eingeht, lassen sich allerdings Rückschlüsse ziehen. Als ehemalige Nonne war sie im Lesen und Schreiben gebildet, wertgeschätzt als Gesprächspartnerin, Mutter, Geschäftsfrau, ja unentbehrlich, um das Leben im Schwarzen Kloster in Gang zu halten.

Ebenfalls in Wittenberg spielt Katharina Melanchthon (1497-1557) eine große Rolle. Sie kam nicht aus dem Kloster, sondern war Tochter des Wittenberger Bürgermeisters. Luther selbst hatte 1520 die Trauung mit Philipp Melanchthon vollzogen.

Auch die beiden großen oberdeutschen Reformatoren waren verheiratet. Anna Zwingli (um 1484-1538) war eine adlige Witwe mit drei Kindern, als sie Ulrich Zwingli 1522 heiratete. Idelette Calvin (1509-1549) stammte aus dem Kreis der französischen Flüchtlinge in Genf. Zu dieser Gruppe der Pfarrfrauen gehören auch die oben genannten Wibrandis Rosenblatt, Elisabeth Bucer, Katharina Jonas. Viel ist über diese Frauen nicht bekannt, keine Details, keine großen Bio-grafien. Meist lassen sich lediglich über das Leben ihrer Ehemänner und deren Äußerungen Rückschlüsse auf ihr Leben ziehen.

Eine andere Kategorie sind die wenigen Frauen, die wie Elisabeth von Rochlitz eigene schriftliche Zeugnisse hinterlassen haben. Herausragend unter ihnen ist zum einen Argula von Grumbach (1492-1568). Sie wandte sich an den Rektor der Ingolstädter Fakultät, als dieser reformatorisches Schrifttum verbieten wollte, schrieb Flugschriften und diskutierte mit Luther selbst, als er anlässlich des Reichstages zu Worms Zeit auf der Feste Coburg verbrachte. Neben den Briefen von Elisabeth von Rochlitz sind von ihr die meisten Schriften von Frauen der Reformationszeit erhalten und bearbeitet.

Auch Katharina Zell (um 1497-1562) hat Schriftliches hinterlassen. Aus einem Straßburger Patrizierhaus stammend wurde sie von Martin Bucer 1523 mit dem Priester Matthäus Zell vermählt. Nach Kritik an ihrer Eheschließung schrieb sie ebenso einen Verteidigungsbrief an den Bischof wie ein Flugblatt an die Bürger von Straßburg. Auch ein kleines Liederbuch gab sie heraus.

Elisabeth Cruciger (um 1504-1535), in Wittenberg mit dem Theologen Caspar Cruciger verheiratet, dichtete Kirchenlieder, eines ist bis heute im Evangelischen Gesangbuch erhalten: "Herr Christ, der einig Gotts Sohn" (EG 67).

Nicht zuletzt sind die Frauen zu nennen, die aufgrund ihrer gesellschaftlichen Stellung besonderen Einfluss hatten und die die Reformation entscheidend, auch politisch, unterstützten. Zu ihnen gehört die oben genannte Caritas Pirckheimer (1467-1532), die, obwohl dem reformatorischen Glauben zugewandt, alles tat, um als Äbtissin die Rechte von Konvent und Kloster einzufordern.

Besonders nennen möchte ich an dieser Stelle Elisabeth von Calenberg, verheiratet mit dem Grafen von Henneberg. Durch ihre Mutter war sie mit dem reformatorischen Glauben in Berührung gekommen und führte nach dem Tod ihres Mannes die Reformation in Südniedersachsen ein. Dabei hielt sie eine schützende Hand über die Frauenklöster und Damenstifte und ließ ihr Vermögen sichern. Das hat Auswirkungen bis heute, denn in der hannoverschen Landeskirche gibt es auch aktuell dreizehn Frauenklöster und Damenstifte, deren Vermögen in der staatlich geführten Klosterkammer unabhängig gesichert ist.

Dies alles kann nur anreißen, wie weit das Thema ist, wie viele Frauen die Reformation geprägt haben. Nur wenige sind namentlich bekannt. Von wenigen wissen wir viel und von ganz wenigen sind schriftliche Zeugnisse überliefert. Unübersehbar aber ist ihre Bedeutung für die Reformation: Das Priestertum aller Getauften zeigt sich gerade auch in der Beteiligung von Frauen - das ist zum Kennzeichen reformatorischer Kirchen geworden.

 

 

Literaturhinweise

Sonja Domröse: Frauen der Reformationszeit. Göttingen 2010.

Lisbeth Haase: Mutig und Glaubensstark. Frauen und die Reformation. Leipzig 2011.

Argula von Grumbach: Schriften, bearbeitet und herausgegeben von Peter Matheson. Göttingen 2010.

Gerta Scharffenorth ist zitiert nach: Freunde in Christus. Die Beziehung von Mann und Frau bei Luther im Rahmen seines Kirchenverständnisses, in: "Freunde in Christus werden...", hrsg. v. Gerta Schaffenorth und Klaus Thraede. Gelnhausen 1977.

Ute Gause ist zitiert nach: Durchsetzung neuer Männlichkeit = Ehe und Reformation. in: EvTheol 5-2013.

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