zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

"Nicht wirklich sexy”

Einblicke in eine Gemeinde jenseits der Kirchensteuer

Axel Reimann

Die freikirchliche Anskar-Gemeinde in Hamburg-Mitte hat eine bewegte Geschichte. Von der wohlsituierten In-Kirche zur konsolidierten Normalo-Gemeinde. Eine Geschichte, die sich auch in der Finanzierung zeigt. Der Hamburger Journalist Axel Reimann hat die Gemeinde besucht, in der viele Mitglieder den Zehnten geben, momentan aber das Abzahlen von Krediten im Vordergrund steht.

Die Anskar-Kirche an der Vogelweide 10 in Hamburg-Barmbek. Foto: Christian Irrgang
Die Anskar-Kirche an der Vogelweide 10 in Hamburg-Barmbek. Foto: Christian Irrgang

Im Neuen Testament waren die Jünger mit der Brotvermehrung relativ schnell fertig und das Ganze einigermaßen unaufwendig: zuerst Bestandsaufnahme (fünf Brote, zwei Fische), dann Verteilung (5000 Kunden), drittens Aufräumen (zwölf Körbe). In der Anskar-Kirche im Hamburger Stadtteil Barmbek-Süd brauchen sie dafür inzwischen jede Woche rund 100 Arbeitsstunden und zwar mit 15 bis 20 Mitarbeiter à sechs Stunden: Lastwagen der Hamburger Tafel ausladen, Stände mit den Lebensmitteln aufbauen, zusätzliche Supermärkte für Nachschub abklappern, Bewirtung in der Gemeinde-Cafeteria vorbereiten, Müll entsorgen. Und so weiter. Viel Arbeit, viel Herzblut, um ein paar Menschen satt zu kriegen.

Die Zeiten ändern sich eben. Auch für die Anskar-Kirche, jene evangelikal-charismatische Freikirche, die 1988 vom ehemals lutherischen Pastor Wolfram Kopfermann gegründet wurde. Der hatte seine nordelbische Landeskirche verlassen, um mit einer Schar Gleichgesinnter seine Vision einer erneuerten Kirche zu verwirklichen. Der Volkskirche prophezeite er damals unter anderem, sie würde in Zukunft vor allem ihren diakonisch-sozialen Bereich ausweiten, weil Menschen, die helfen können, immer gebraucht würden - dies gehe aber quantitativ und qualitativ "auf Kosten einer klaren Christuspredigt”.

"Der diakonisch-soziale Bereich” - er hat sich tatsächlich ausgeweitet. In der Anskar-Kirche. Da trifft sich jetzt jeden Montagabend die ELAS-Suchtselbsthilfegruppe, jeden Donnerstag die Diakoniegruppe für psychisch Kranke, gelegentlich gibt es auch schon mal ein Abendseminar einer Psychologin für Menschen mit Burnout. Und montags ab 14 Uhr strömen bis zu 200 bedürftige Barmbeker zur Lebensmittelausgabe ins Gemeindezentrum in der Vogelweide. "Wenn wir gefragt werden, dann erzählen wir von unserem Glauben”, erklärt Gemeindeleiter Tillmann Krüger die Motivlage bei der Lebensmittelverteilung. "Wir nutzen aber die Notlage der Menschen nicht aus, um zu missionieren.”

Aber natürlich hätte hier keiner etwas dagegen, wenn sich einer der Tafel-Kunden bekehrt. Oder sogar den Gottesdienst besucht. Schließlich ist das immer noch eine evangelikal-charismatische Gemeinde. Und so liegen im Eingangsbereich des Mehrzweckbaus auch die einschlägigen Druckerzeugnisse aus: Einladungen zum "farbwechsel”-Glaubensgrundkurs oder zur Barmbek Worship Night oder zu den Royal Rangers, Freiexemplare von "charisma. come holy spirit” und Programmhefte von bibel.tv. Und auch der Gemeindebrief mit den Veranstaltungen der nächsten acht Wochen, zwei kopierte Blätter zusammengeheftet - das Motto der Gemeinde prangt auf der Titelseite: "Leben in Fülle - finden, entfalten, weitergeben”: Geburtstags- und Gemeindetermine, ein Bericht über den Missionseinsatz auf der Esoterikmesse, Infos über die nächsten Bibelstudienabende und die Allianz-Gebetswoche, Gebetsanliegen, Telefonnummern der Pastoren, Bürozeiten, Bankverbindung. Finden, entfalten, weitergeben. Und sei es nur ein Gemeindebrief.

Das ist also die Gemeinde, die in den Neunzigerjahren weit über Hamburg bekannt war, die zu den Aushängeschildern der neocharismatischen Bewegung gehörte; die Gemeinde, in deren Dunstkreis die Jesus-Freaks entstanden und die Experimentierfeld für diverse Gemeindewachstumsstrategien war und für Geistesgaben (oder was dafür gehalten wurde); die Gemeinde, die von manchen lange Zeit schlicht die "Kopfermann-Gemeinde” genannt wurde und die mit einem Dutzend Ablegern in Deutschland die Erweckung vorantreiben wollte. "Die Anskar-Kirche sollte eine Megachurch nach amerikanischem Vorbild werden”, erinnert sich die Journalistin Sabine Rennefanz in ihrem Buch "Eisenkinder" kritisch an ihre Zeit in der Gemeinde. "Im Rückblick gesehen hatte die Kirche Ende der Neunzigerjahre ihre beste Zeit.”

Und heute? Eine Megachurch ist die Anskar-Kirche Hamburg-Mitte mit ihren zurzeit etwa 275 Erwachsenen und 30 Kindern jedenfalls nicht geworden - auch nicht, wenn man die Schwestergemeinden in der "Anskar-Kirche Deutschland” in Schenefeld, Wetzlar, Marburg, Nürnberg und Bad Arolsen hinzuaddieren würde. Die Geschichte der Anskar-Kirche, sie ist vor allem eine Geschichte der Ernüchterung und der Konsolidierung - auch der finanziellen.

Eine Geschichte der Ernüchterung

In ihren Anfangsjahren hatte die Anskar-Gemeinde nicht nur viel Aufmerksamkeit durch Wolfram Kopfermanns Bruch mit der Landeskirche, sie zog auch viel gutsituiertes Klientel an, unter anderem aus Kopfermanns früherer Wirkungsstätte, der Hamburger Hauptkirche St. Petri.

Zu Beginn der Neunzigerjahre hatte die Anskar-Kirche Hamburg-Mitte 866 Erwachsene in ihren Reihen und über 100 Kinder und Jugendliche. Finanziell konnte die Gemeinde damals aus dem Vollen schöpfen, 13 Personalstellen trugen die Gemeindemitglieder durch ihre Spenden, darunter einen hauptamtlichen Geschäftsführer und je einen Referenten für die Hauskreis-Begleitung und die Pressearbeit. Für Gottesdienste wurde auch schon mal der größte Hörsaal der Uni angemietet oder das edle Curiohaus in Hamburgs Nobelstadtteil Rotherbaum. Als erstes festes Domizil bezog die Gemeinde ein Kontorhaus am Großmarkt. Und die Entwicklung des Gemeindelogos durch ein Design-Büro ließ man sich gleich mehrere Tausend Mark kosten. "Das war damals alles sehr professionell”, meint Tillmann Krüger, der 2008 die Gemeindeleitung in Hamburg-Mitte und 2013 die Gesamtleitung der Anskar-Kirche Deutschland von Wolfram Kopfermann übernommen hat. "Klar, wir kamen eben aus Petri.”

Die Anskar-Kirche hatte von Anfang an große Visionen und Pläne - Wachstum durch Gemeindeneugründung war die Devise. Und so sprießten bald Anskar-Ableger in ganz Deutschland - nur eine Hand voll gibt es heute noch. Das evangelikal-charismatische Startup musste bald erkennen, dass der Geist weht, wo er will - und dass davon auch die Finanzen einer Freikirche in besonderem Maße betroffen sind. 1994 kommt es zur ersten schweren Krise: Ein Gemeindepastor und ein Jugendpastor verlassen mit anderen Gemeindemitgliedern die Hamburger Anskar-Kirche. "Das war ein enormer Aderlass”, erzählt Tillmann Krüger. Fünf Jahre später hat die Gemeinde noch 450 Mitglieder, 2003 sind es 300, 2005 noch 250. Es muss gespart werden, noch dazu zu einem Zeitpunkt, da man sich zum Kauf eines eigenen Gebäudes als Gemeindezentrum durchgerungen hatte. Krüger: "Rückbau ist nicht wirklich sexy.”

Inzwischen stabilisiert sich die Mitgliederzahl seit einigen Jahren bei 275 Erwachsenen. Die finanzieren drei Pastorenstellen und eine halbe Stelle für den Kindergottesdienst sowie zwei Minijobs in Verwaltung und Haustechnik und einen Minijob im Sekretariat. Auf rund 200.000 Euro belaufen sich die Personalkosten, der größte Posten im knapp doppelt so großen Gemeindehaushalt. Instandhaltungsaufwendungen und Betriebsbedarf machen jährlich zwischen 50.000 und 70.000 Euro aus.

Und dann ist da vor allem noch das Gemeindezentrum, ein ehemaliger Teppichladen in Barmbek-Süd, den die Anskar-Gemeinde 2003 gekauft hat. Auf Pump, mit vier Darlehen in einer Gesamthöhe von 1,14 Millionen Euro. Lange Zeit waren die Ausgaben für Zinsen und Tilgung der Baudarlehen der zweitgrößte Posten im Haushalt der Gemeinde. Hohe fünfstellige Beträge musste die Gemeinde dafür aufbringen. "Das hielten wir irgendwann nicht mehr für weise”, erklärt Pastor Krüger. "Deshalb haben wir diese Aktion gestartet.” Und wer es genauer wissen will, dem zeigt Krüger ein Bild im Gottesdienstraum aus Legosteinen. "Jeder Stein sind 400 Euro, die wir zurückzahlen konnten.” Zehn Jahre nach ihrem Einzug gelingt es der Anskar-Gemeinde, das zweite und größte der vier Darlehen vollständig zu tilgen: 550.000 Euro. Zusätzlich zum normalen Budget der Gemeinde. Die Spendenaktion läuft von September 2012 bis August 2013 ("damit man auch die Steuererstattung für die Spende spenden kann”) und sie reduziert den künftigen Schuldendienst der Gemeinde beträchtlich. "Da brachte sogar eine Siebenjährige einen Beutel voll Kupfergeld mit.”

Für Transparenz sorgen

Wie man eine Gemeinde zu einer solchen finanziellen Kraftanstrengung bewegt, wenn das Haus längst bezogen und die Vision nur die ist, eine lästige Schuld loszuwerden? "Vor allem für Transparenz sorgen”, erklärt Gemeindeleiter Tillmann Krüger. Jedes Gemeindemitglied bekommt einmal im Jahr die Eckdaten zur Finanzlage der Gemeinde, sieht, wie viel die Gemeinde durch Spenden oder Kollekten, den Verkauf von Predigt-CDs oder Stiftungszuwendungen einnimmt, wie viel für Personal, Darlehen, Verwaltung oder für Beiträge an andere Werke oder Gemeinde ausgegeben wird. Dabei hilft auch der sechsköpfige Finanzausschuss, der die Kostenkontrolle übernimmt. Und ein weiteres wichtige Prinzip: "Nöte müssen kommuniziert werden.” Die Gemeindeleitung ermutigt zwar die Gemeindemitglieder "den Zehnten” zu geben, aber ob und wie viel wirklich gespendet wird, bleibt jedem selbst überlassen. In "normalen” Jahren kommen so rund 300.000 Euro an Spenden zusammen. Pastorale Unabhängigkeit sei durch das Teamprinzip in der Anskar-Gemeinde gesichert, so Tillmann Krüger und: "Mein Versorger ist schließlich nicht diese Gemeinde, sondern Gott.” Trotzdem kann sich Krüger auch noch andere Finanzierungsmodelle vorstellen: "Mein Traum wäre, eine Stiftung zahlt alle Hauptamtlichen der Gemeinde.”

Doch viel wichtiger noch als das Geld seien die vielen freiwilligen Arbeitsstunden, mit denen die Gemeindemitglieder die Kirche am Leben erhalten - von den 275 Gemeindemitgliedern seien rund 200 ehrenamtlich in der Gemeinde aktiv. Ein wichtiger Aspekt, insbesondere, wenn irgendwo wieder ein Anskar-Ableger entstehen soll. "60 bis 70 Mitglieder braucht man mindestens, damit eine Gemeinde läuft. Sehr idealistische.”

Für dieses Jahr hat sich die Anskar-Gemeinde die vollständige Tilgung des dritten Darlehens über 95.000 Euro vorgenommen, wenn möglich ohne zusätzliche Kampagne. Irgendwann, so die Hoffnung, sind dann wieder Mittel frei für die Anliegen, die der Gemeinde mehr am Herzen liegen als das Schuldenabbezahlen.

Die Anskar-Kirche konsolidiert sich - auch im Verhältnis zu anderen Kirchen. Seit 2011 ist sie Gastmitglied in der ACK Hamburg, feiert auch schon mal Gottesdienst mit einem syrisch-orthodoxen Diakon. Mit drei anderen Gemeinden veranstaltet sie die Barmbek Worship Night, engagiert sich im Christen-Netzwerk "Gemeinsam für Hamburg”. Und bei der Vereinigung evangelischer Freikirchen ist sie seit 2014 Vollmitglied. "Das Abgrenzungsbedürfnis mancher Evangelikaler halte ich für Weltflucht”, sagt Pastor Tillmann Krüger. "Ich habe das Gefühl, da wächst was zusammen, was zusammen gehört.”

Ersetzt die Offenheit zur Zusammenarbeit mit anderen Gemeinden die elitäre Aufbrucheuphorie der Anfangsjahre? Oder, anders gefragt, muss man bei so vielen Wettbewerbern einfach enger zusammenrücken, wenn die Mitgliederzahlen schrumpfen? "Im Verbund kann man einfach mehr erreichen”, sagt Gemeindeleiter Krüger. "Ich bin froh, dass wir keine In-Kirche mehr sind. Das entspannt die Lage.”