zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

Religiöse Revolution

Klartext

Jürgen Wandel

Die Gedanken zu den Sonntagspredigten im Januar und Februar stammen von Jürgen Wandel. Er ist Redakteur der zeitzeichen.

Hoher Anspruch

1. SONNTAG NACH EPIPHANIAS, 11. JANUAR

So gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen. (Matthäus 3,15)


Es gibt gute theologische Gründe dafür, dass die evangelischen Landeskirchen Kleinkinder taufen. Denn so wird anschaulich, dass Gottes Gnade unserem Tun vorausgeht. Gott nimmt den Menschen an, auch wenn er (noch) nichts leisten, ja wenn er nicht einmal gehen kann und vollständig auf andere angewiesen ist, zum Beispiel auf die Eltern.

Trotzdem wurde die Kindertaufe im Protestantismus auch abgelehnt. In der Reformationszeit taten das die "Wiedertäufer", und heute tun das Freikirchen, die sich in deren Tradition sehen, Baptisten, Mennoniten und andere. Und in den Landeskirchen plädieren einzelne Geistliche und Laien ebenfalls dafür, nur Menschen zu taufen, die das selber wünschen und sich bewusst dafür entscheiden.

Auch wenn man das anders sieht, muss man den Gegnern der Kindertaufe zugestehen, dass sie an einen Aspekt der Taufe erinnern, den die Erzählung hervorhebt, über die heute gepredigt wird. Mit der Taufe ist eine Verpflichtung verbunden, nämlich Gottes Willen, sprich: "alle Gerechtigkeit" zu erfüllen. Und bei Unmündigen übernehmen Eltern und Paten die Aufgabe, die Täuflinge so zu erziehen, dass sie ihrer Verpflichtung gerecht werden.

In der Taufe wird also anschaulich, was das Barmer Bekenntnis von 1934 so ausdrückt: "Wie Jesus Christus Gottes Zuspruch der Vergebung aller unserer Sünden ist, so und mit gleichem Ernst ist er auch Gottes kräftiger Anspruch auf unser ganzes Leben" (h.v.V.).

Natürlich kann man nicht ein für allemal verstehen und festlegen, was Gottes Wille und was gerecht ist. Dazu reicht ein Blick in die Bibel nicht aus. Vielmehr spielen auch die jeweiligen Umstände eine Rolle, und manchmal lässt erst der Zeitgeist verstehen, was Gott von uns will. Der Kampf um die Sklavenbefreiung ist dafür ein gutes Beispiel.

Auch wenn es mitunter den Ruf, die Karriere und in Extremfällen das Leben gefährdet: Getaufte, auch Unternehmer und Politiker, müssen sich bei allem, was sie tun, fragen: Was will Gott? Und um eine Antwort zu bekommen, müssen sie beten, nachdenken und sich mit ihren Mitchristen austauschen.



"Unreine" Frauen

2. SONNTAG NACH EPIPHANIAS, 18. JANUAR

Es standen dort sechs steinerne Krüge für die Reinigung nach jüdischer Sitte. (Johannes 2, 6)


Schon der Verfasser des 104. Psalms wusste, dass der Wein des Menschen Herz erfreut. In dieser genussfreudigen jüdischen Tradition stehen Jesus und das Johannesevangelium. Sie missbilligen nicht, dass sich Hochzeitsgäste betrinken. Vielmehr wird das als selbstverständlich vorausgesetzt. So erzählt das Johannesevangelium, bei der Hochzeit von Kana habe der Speisemeister den Bräutigam nach der Verwandlung des Wassers daran erinnert, "jedermann" gebe bei einer Feier "zuerst den guten Wein" und den weniger guten erst dann, wenn die Gäste "betrunken werden".

Dass sich asketische Christen damit schwer tun, veranschaulicht eine - sicher erfundene - Anekdote. Ein schwäbischer Pietist soll über Jesu Weinwunder gesagt haben: "Des war net sei bestes Stückle."

Doch die eigentliche Provokation der Geschichte findet sich in Vers 6. Das Wasser in den sechs Krügen soll ja nicht dem Trinken oder dem Herstellen einer Schorle dienen, sondern der "Reinigung nach jüdischer Sitte". Wenn Jesus aber das Wasser in Wein verwandelt, ist eine rituelle Reinigung nicht mehr möglich. Ja, sie ist nicht mehr nötig. Und das bedeutet eine religiöse Revolution. Denn viele Religionen betonen, zumindest in ihren orthodoxen Spielarten, den Unterschied von kultisch "rein" und "unrein". Und damit ist der Ausschluss von Menschen oder zumindest deren Degradierung verbunden.

Im Hinduismus bilden die Unberührbaren, die Dalits, die unterste Kaste. Sie werden von Angehörigen höherer Kasten diskriminiert und ausgebeutet. So dürfen sie oft in Dörfern, in denen auch Angehörige anderer Kasten leben, nicht den Brunnen benutzen. Und die Dalitfrauen sind oft vogelfrei.

In orthodoxem Judentum und Islam gelten menstruierende Frauen als "unrein". Und das war auch im Christentum lange der Fall. Denn ab dem sechsten Jahrhundert wurden auch in der Kirche Vorstellungen von kultischer Reinheit und Unreinheit bestimmend. Und sie prägten bis vor einigen Jahren die Sexualmoral der Kirchen.

Erst dann wurde die Erkenntnis wieder stärker, dass Jesus, in der Tradition der alttestamentlichen Propheten, die Unterscheidung von rein und unrein überwunden hat. Und das müssen Christen im interreligiösen Dialog bezeugen.



Stille Andacht

LETZTER SONNTAG NACH EPIPHANIAS, 25. JANUAR

Eine Stimme aus der Wolke sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe; den sollt ihr hören. (Matthäus 17,5)


Wer auf Jesus hört, hört Gott. Er ist "das eine Wort Gottes, das wir zu hören" haben, heißt es im Barmer Bekenntnis von 1934. Und dieses Wort wird "in der Heiligen Schrift bezeugt" (h.v.V.). Die Gleichsetzung der Bibel mit dem Wort Gottes ist also falsch. Und das tun ja nicht nur Fundamentalisten. So werden Lesungen aus der Bibel in katholischen Gottesdiensten nicht wie in evangelischen mit einem einfachen "Amen" abgeschlossen, sondern mit der Feststellung: "Wort des lebendigen Gottes".

Weil allein die Bibel von Jesus erzählt, sollen Christen sie sorgfältig lesen und auf sie hören. Und dabei können sich Worte der Bibel als Wort Gottes erschließen, und Jesus spricht zu dem Leser oder Hörer. Aber es ist genauso gut möglich, dass sich das eine oder andere, was in der Bibel steht, als "stroherne Epistel" erweist. Doch gerade das, dass nicht von vornherein erkennbar ist, wann Jesus durch die Bibel Menschen anspricht und in seinen Bann schlägt, macht ihre Lektüre und ihr Studium spannend und zu einer lebenslangen Aufgabe.

Freilich müssen Christen Ohren, Augen und Herzen auch außerhalb von Gottesdienst, persönlicher Andacht und Bibelstudium offenhalten. Denn man kann Jesus auch anderswo begegnen. Quäker machen diese Erfahrung, wenn sie in der Stillen Andacht auf das "heilige Licht Christi" (George Fox) achten, den göttlichen Funken, der für Quäker in jedem Menschen glimmt.

So haben sich Quäker schon für die Befreiung der Sklaven, für die Versöhnung von Feinden und für Gewaltlosigkeit eingesetzt, als andere Christen noch mit der Bibel die Sklaverei rechtfertigten, Feinde verteufelten und Kriege unterstützten.



Starke Spannung

SEPTUAGESIMÄ, 1. FEBRUAR

Siehst du scheel drein, weil ich so gütig bin? (Matthäus 20, 15)


"Der Triumph der Gnade" lautete der Titel eines Buches, das der holländische Theologe Gerrit Cornelis Berkhouwer (1903-1996) über Karl Barths Theologie schrieb. Damit lässt sich aber auch der Kern des christlichen Glaubens auf den Punkt bringen. Und der Buchtitel wäre eine gute Losung für das Reformationsjubiläum 2017. Denn Martin Luther hat in schweren inneren Kämpfen den gnädigen Gott entdeckt. Und das "allein aus Gnade", dass das "allein Jesus Christus" spiegelt, beschreibt das Zentrum lutherischer Theologie.

Insofern ist es ein Auftrag für evangelische Christen, insbesondere kirchliche Amtsträger, in einer mitunter gnadenlosen Gesellschaft Anwälte der Gnade zu sein, der Gnade Gottes, die sich im Umgang von Christen mit ihren Mitmenschen spiegeln muss. Aber dabei droht die Gefahr, über die Gnade die Gerechtigkeit zu vergessen. Sie gehört ebenfalls zum Wesen Gottes und bestimmt hoffentlich das Verhalten von Christen in Politik, Wirtschaft und Privatleben.

Bisweilen gewinnt man den Eindruck, dass evangelische Geistliche nach der Versöhnung mit den ehemaligen Stasispitzeln rufen, während sie wenig Anstoß daran nehmen, dass die Täter ohne Strafe davon gekommen sind und oft höhere Renten bekommen als ihre Opfer. Wo bleibt da die Gerechtigkeit?

Christen müssen darauf achten, dass sie nicht vorschnell die Spannung abmildern und schönreden, die zwischen Gottes Gerechtigkeit und Gnade besteht und die sich ergibt, wenn versucht wird, beide in der Gesellschaft umzusetzen. Eine einfache Lösung gibt es hier nicht. Aber eines ist klar: Gerechtigkeit, die nicht durch Gnadenakte, zum Beispiel Amnestien, ergänzt und gemildert wird, wäre unmenschlich. Und eine Gnade, die das Verlangen nach Gerechtigkeit negiert, wäre billig. Das gilt für das Diesseits, Staat, Wirtschaft und Privatleben, wie für das Jenseits, das Jüngste Gericht.



Schlichte Fakten

SEXAGESIMÄ, 8. FEBRUAR

Einiges fiel auf gutes Land; und es ging auf und trug hundertfach Frucht. (Lukas 8,8)


Ein Handwerker hat den Vorteil, dass er das, was er angefertigt hat, sehen und anderen zeigen kann, ein Schreiner den Tisch, den er gemacht, und ein Maler die Hauswand, die er gestrichen hat.

Bei Pfarrerinnen und Pfarrern ist das dagegen anders. Mitunter sehen sie, wie aus dem interessierten - und kritischen - Schüler und Konfirmanden ein engagiertes Kirchenmitglied oder gar ein Theologe geworden ist. Oft erfahren sie aber erst spät und nur zufällig, dass ihre Tätigkeit erfolgreich war. Dann erzählt jemand, wie wichtig in seinem Leben eine Predigt war oder eine Bemerkung, an die sich der Pfarrer gar nicht mehr erinnert.

Haben wir schon einmal Pfarrern und Lehrern, die uns geprägt haben, gesagt, wie viel wir ihnen verdanken?

Ähnliche Erfahrungen wie Geistliche machen auch Eltern, die ihren Kindern den christlichen Glauben vermitteln möchten. Manche erleben noch, dass die Saat aufgeht und "hundertfach Frucht" trägt. Manchmal zeigt sich das erst nach dem Ableben der Eltern. Und ein anderes Mal sieht es so aus, als sei die Saat "unter die Dornen" gefallen und von diesen erstickt worden.

Natürlich muss der Sämann etwas kennen und können. Er muss wisssen, wann und wie man sät. Insofern ist es sinnvoll, wenn in Reformpapieren wie "Kirche der Freiheit" darüber nachgedacht wird, wie das, was Kirchenleute sagen und tun, so geschieht, dass es Zeitgenossen verstehen und sie neugierig werden. Aber ein Sämann weiß, dass sein Erfolg nicht allein von seinen Fähigkeiten abhängt, sondern auch von äußeren Bedingungen, die er nicht ändern kann.

Gott sorgt dafür, dass viel von dem, was Geistliche und Eltern säen, aufgeht und "hundertfach Frucht" trägt. Das ist kein billiger Trost, sondern eine schlichte Tatsache, wie die Kirchengeschichte und die Lebensgeschichte Einzelner lehren.

 

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