zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

Aufbruch ins Leben

Klartext

Marcus A. Friedrich

Die Gedanken zu den Sonntagspredigten im Dezember und Januar stammen von Marcus A. Friedrich. Er ist Pfarrer in Bozen.

Foto: privat
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Heilsame Provokation

3. ADVENT, 14. DEZEMBER

Selig ist, wer sich nicht an mir ärgert. (Matthäus 11,6)

Der Stil Jesu ist - jedenfalls bei Matthäus - von Understatement geprägt. Auf die Johannesfrage, ob er es sei, oder man auf einen anderen warten solle, lässt er die Jünger Fakten anführen: Blinde sehen, Lahme gehen, Armen wird das Evangelium gepredigt. Und diese Fakten sprechen für sich. Da braucht man sich in der Tat nicht zusätzlich aufzublähen. Im Gegenteil: Jesus von Nazareth zeigt sich auch unpopulär.

Nur eine Äußerung bezieht Jesus auf sich selbst. "Selig, glücklich ist, wer sich nicht über mich ärgert." Rätselhaft klingt diese Aussage. Jesus zeigt Kante, zieht eine Grenze zwischen den Ärgerlichen und den Glücklichen. Er macht Ärger, und das wird oft übersehen.

Schnell identifizieren wir uns mit den Erwählten, den Glücklichen und nicht mit denen, die sich ärgern, weil sie Jesus in gut prophetischer Tradition provoziert und konfrontiert. Dort, wo uns seine radikale Botschaft zu nahe kommt. Dort, wo Ärger aufkommen könnte, gehen wir da nicht auf Distanz? "Ja, so kann man es auch sehen. Das muss man im geschichtlichen Zusammenhang verstehen. So kann man das ins Heute nicht übertragen."

Wie wäre es, wenn wir den Satz umwandeln? "Selig ist, wer sich erstmal über mich ärgert." Dann verhindern wir den Weichspülgang nach dem Grundsatz: "Selig sind alle die, die irgendwie mit mir klar kommen, alle die, für die das so ganz ok ist." Nein: Glücklich ist, wer sich nicht (mehr) an mir ärgert.

Urteile im Sinne Jesu Christi gehen nicht in Relativismus auf, sondern müssen auch durch Ärgerliches hindurch. Das ist hier unübersehbar. Ich selber muss feststellen, dass auch dort, wo es in der Gemeinde Ärger gibt, meist etwas in Bewegung kommt. Wer zunächst lästig ist, weil er den laufenden Betrieb stört, bringt uns manches Mal weiter. Es ist schon sinnvoll, auf den zu hören, der sich ärgert, damit es nicht noch ärger wird. Wer durch Ärgerliches hindurch zum Glück durchdringt, weiß, dass der Geschmack dieses Glücks besonders ist, selig.

 

 

Guter Hoffnung

4. ADVENT, 21. DEZEMBER

Und Maria sprach: Meine Seele erhebt den Herrn. (Lukas 1,46)

Gefühlsausbruch bei Maria wie bei Elisabeth. Von letzterer wird erzählt, sie sei, als sie auf Maria traf, vom Heiligen Geist erfüllt gewesen und habe laut gejubelt. Ja, auch zu zweit, genau: zu viert, kann Feststimmung aufkommen, wenn etwas im Schwange ist. Wir phantasieren Gefühlsausbrüche oft negativ. Dabei können sie voller Schönheit sein, wenn sie von einem der schönsten Dinge bewirkt werden, die es gibt: "in guter Hoffnung" sein.

Das "Magnifikat", der Lobgesang Mariens, uns allen zum Psalm geworden, hat sicher seinen Anfang in einer vor Glück überfließenden Seele. Und der Jubel findet einen Adressaten, berücksichtigt den Urheber des Glücks, Gott: "Meine Seele erhebet den Herrn." Meine Seele macht Gott groß, vergrößert den Himmlischen.

Im Advent und an Weihnachten sind wir geistlich vor allem mit dem Gedanken beschäftigt, dass Gott sich klein macht, erreichbar, menschlich. Aber "Gott gerne klein" (Kurt Marti) kann darüber zur Kleinigkeit werden, auf dem Weihnachtsmarkt unter ferner liefen. Darüber wird dann schnell übersehen, was ihn ebenso prägt, und unseren Eindruck von ihm, dass wir ihn hoch leben lassen.

In einem Gottesdienst für Große und Kleine warfen wir auf Zuruf mit den Kindern jene Schätze hoch, die wir im Himmel sammeln wollten. Die Engel waren natürlich dabei, der Opa, und schließlich auch Gott - vom Jüngsten vorgeschlagen.

Eine Mutter schrieb mir: "Danke, dass die Kinder Gott gen Himmel werfen durften." Und warum auch nicht? Der Jubilar ist so groß für uns, wie wir ihn groß machen. Wer Gott mit einem dreifachen Hoch bedenkt, aus Freude am Guten, das er oder sie erlebt hat, wird ihn so schnell nicht wieder vergessen. "Meine Seele erhebet den Herrn."

Es gibt Momente, in denen das Leben sich als ein Fest zeigt. Wenn Gott zur Neugeburt einlädt, dann hat er eine Laudatio verdient, Lobeshymnen. Wen meinen Sie? Gott? Ach ja, der! Bei dem war ich auf einem großartigen Fest. Hoch soll er leben.

 

 

 

Stall oder Herberge

HEILIGABEND, 24. DEZEMBER

Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war. (Lukas 2,2)

Dieser unbedeutende Vers, eine geschichtliche Information bergend, wird tausendfach gelesen, und innerlich mitgesprochen, weil man nach Jahren des Weihnachtschristentums die ersten Verse des Evangeliums inwendig beherrscht. Doch die kleine Ortsangabe könnte dieses Mal beim Hören ein Stolpern auslösen.

Syrien ist nicht erst in diesem Jahr ein Ort haltloser Gewalt und unbändiger Zerstörung gewesen. Das Land steht für unzählige Menschen auf der Flucht, auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen gemäß dem Motto der Bremer Stadtmusikanten: "Etwas besseres als den Tod können wir überall finden."

Der Vers erinnert auch daran, dass das historische Syrien von kolonialer Fremdbestimmung geprägt war. Der Stadthalter des Römischen Reiches war nicht zimperlich. Das Evangelium spielt uns das Lied des Tyrannentums. Die Einheimischen werden am behördlichen Gängelband gehalten. Und auch der so genannten Heiligen Familie steht die Flucht bevor.

Die Ikonographie des Lebens schreibt auch heute erschreckend ähnliche Geschichten. Die schwangere syrische Frau, die auf dem Weg nach Mitteleuropa ist, vermeidet die Volkszählung in Italien, damit sie nicht wieder in das Land, in das sie zunächst eingereist war, abgeschoben werden kann. Sie will ihr Kind in Sicherheit gebären und findet doch "keinen Raum in der Herberge". Ob sie legal oder illegal ist, ist ihr erstmal egal. Hauptsache, das Kind in Sicherheit zur Welt bringen. Und der Vater läuft Sturm gegen Windmühlen. Wie viele Engel mögen ihm im Traum wohl begegnet sein?

Das Evangelium erzählt Gottes Menschwerdung in Worst-Case-Szenarien, damit auch wirklich alle mit im Boot sind auf dem Weg ins Reich Gottes. Das soll uns Ansporn und Verpflichtung sein, jene, die in Booten auf dem Weg sind, mit Sinn und Augenmaß aufzunehmen und neu zu beheimaten.

Der Anfang eines weitreichenden Wandels Europas als Einwanderungsraum, notbedingt, ist schon lange gemacht. Wir haben mit in der Hand, was weiter geschehen wird. Jetzt heißt es: Gestalten! Stall oder Herberge oder Hausgemeinschaft?

 

 

Erste Schritte

NEUJAHR, 1. JANUAR

Aber er ging mitten durch sie hindurch. (Lukas 4,30)

Kraftvoll und selbstbewusst hatte Jesus in Kapernaum gepredigt: "Heute ist das Wort erfüllt vor Euren Augen." Weil der Prophet aber wenig galt im eigenen Land, weil er das Herkömmliche in Frage stellte, wollten sie ihn die Klippe vor der Stadt hinunterstürzen. Er aber - wird erzählt - befreit sich, schwimmt gegen den Strom, geht durch den Mob hindurch - und fort.

Und ich? Welche Menschenmengen, Gruppen, Kreise schieben mich an den Abgrund? Und wie könnte es gehen? Sich umwenden und durch sie hindurchgehen, geschützt und beschirmt wie durch einen Tunnel des Segens, alleine gegen den Strom, der mich immer wieder mitreißen will? Wie könnte ich weichen, und dann weiter ins Leben aufbrechen, auf neuen Wegen, auf denen ich mir leichter treu bleibe?

Neujahr lädt ein, sich neue Wege vorzustellen und erste Schritte aufzunehmen. Es muss nicht bei den guten Vorsätzen bleiben, aber auch nicht bei der "same procedure as every year". Vielleicht gelingt es, die Initialkraft aufzubringen und zu sagen: Dieses Spiel mache ich nicht mehr mit. Ich gehe jetzt, auch wenn es euch nicht passt. Ich weiß, ich raube euch eure kollektive Selbstvergewisserung, die dadurch entsteht, dass ihr mich klein haltet, dass ihr mich ablehnt.

Der ist Schuld, der ist falsch, der ist dumm, der will sich nicht unterordnen, darin sind wir uns schnell einig. Der Bibelabschnitt, der in den evangelischen Kirchen für die heutige Predigt vorgeschlagen ist, erinnert auf den ersten Blick an das, was Hermann Hese gedichtet hat: "Nimm Abschied, und gesunde", nur dass Jesu Seele schon gesund ist, geheilt, geheiligt durch Gott. Unsere Seele doch auch, und das könnte Kraft verleihen. Es ist so unglaublich herausfordernd, wachsam zu bleiben, darauf zu achten, wie wir einander behaften, und uns selbst zu schützen. Jesus zeigt: Es ist möglich.

 

 

 

Neue Heimat

2. SONNTAG NACH DEM CHRISTFEST, 4. JANUAR

Und als sie ihn sahen, entsetzten sie sich. Und seine Mutter sprach zu ihm: Mein Sohn warum hast du das getan? Siehe dein Vater und ich haben dich mit Schmerz gesucht. (Lukas 2,48)

Ein Kind verloren auf einem Volksfest. Alptraum jeder Eltern, und das in einer Zeit, in der es weder Mobiltelefon und SMS, noch Lautsprecher(wagen) gab, die auf Straßen und Plätzen ausrufen. "Achtung, Achtung, ein zwölfjähriger Junge wird gesucht. Blaue Hose, gelbes Hemd."

Drei Tage lang suchten Maria und Josef, und sie haben sicher nicht getrödelt. Was für ein Zeitmaß für eine Krisensituation. Die Uhren gehen anders, furchtbar langsam. Schwanken zwischen Zutrauen und Sorge um ihr Kind beherrscht die Eltern. Die Spannung fällt erst ab, als Maria und Josef Jesus finden. Und die lange gefühlte Verzweiflung bricht heraus. Sie entlädt sich, wütend: "Wie kannst Du Deinen Eltern so etwas antun?"

Wieder ist die Bibel gesättigt von Lebenserfahrung: Hier der Ablösungskonflikt mit einem Vorpubertären. Die elterliche Aggression, wenn Kinder aus der Reihe tanzen, wer kennt sie nicht?

Die Erfahrung, dass Eltern mit Schmerzen ihre entwachsenden oder erwachsenen Kinder suchen, die Not, ihre innerliche und äußerliche Abwesenheit ertragen zu müssen, das Leid, sie zu vermissen und nicht zu wissen, wo jene stehen, scheint die Regel zu sein. Hundertmal Kalil Gibran gelesen: Eure Kinder sind nicht Eure Kinder. Abgenickt! Und doch, ein riesen Verlust. Plötzlich versteht man seine in Erinnerungen schwelgenden Eltern, wenn es die ersten Male im Haus still wird, weil nun wirklich alle Kinder weg sind. In all der ungestillten Unruhe kann man nur hoffen, dass sich die Brut wenigstens im Gotteshaus beheimatet fühlt, beim anderen, dem größeren Vater.

 

 

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