zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

Eigensinn gegen Eigensinnigkeit

Warum die Suche nach der Klarheit der Schrift schwierig ist, aber unerlässlich bleibt

Christoph Schwöbel

Vielstimmigkeit und überbordende Pluralität ist ein Vorwurf, der das protestantische Schriftprinzip von Beginn an begleitet. Gibt es den Königsweg, der aus dem Ensemble der Richtschnüre wieder die eine Richtschnur werden lässt? Oder ist Vielfalt sogar unerlässlich? Dazu schreibt Christoph Schwöbel, Professor für Systematische Theologie an der Universität Tübingen und Mitherausgeber von zeitzeichen, im zweiten Teil der Serie über das Schriftprinzip heute.

"Das Wort sie sollen lassen stahn" – Lutherstatue in Wittenberg. Eigen-Sinn der biblischen Texte ernst nehmen. Foto: epd
"Das Wort sie sollen lassen stahn" – Lutherstatue in Wittenberg. Eigen-Sinn der biblischen Texte ernst nehmen. Foto: epd

Betrachtet man die gegenwärtige religiöse Situation des Protestantismus, entsteht der Eindruck, dass Pluralisierung und Individualisierung, die beiden Lieblingstöchter der Modernisierung, vor dem Kernstück protestantischer Identität, dem Schriftprinzip, nicht haltgemacht haben. Jener Auffassung also, dass die Schrift in allen Fragen der Lehre als "alleinige Regel und Richtschnur" zu gelten habe. Alle berufen sich auf die Schrift, und zwar in einem durchaus normativen Sinn, aber jeder hat seine eigene. So betrachtet, ist es nicht das Schriftprinzip, das heute zur Debatte steht, sondern die angemessene Form des Schriftgebrauchs. Zeigt ein Blick in die kirchliche Szene und ihre vielfältigen Formen des Bibelgebrauchs nicht eine verwirrende Pluralität von Zugangsweisen zur Bibel? Eine Pluralität, die die Funktion der Schrift als Kriterium der Lehre in Frage stellt, so dass das Ensemble der Richtschnüre sich eher wie ein Gewirr von Fallstricken auswirkt, die Orientierung Suchende geradezu unweigerlich zu Fall bringt? Unabweisbar deutlich wird die Krise des Schriftgebrauchs in allen ethischen Fragen, von der Frage der Lebensformen und ihrem Platz im Leben der Kirche bis zu den Fragen um Lebensbeginn und Lebensende oder den Problemen der Wirtschaftsethik.

Angesichts dieser Pluralisierung von Umgangsweisen mit der Schrift scheint allein die letztinstanzliche Berufung auf die eigene religiöse Individualität einen festen Anhalt zu bieten. Der Religionssoziologe Peter L. Berger nannte das den "häretischen Imperativ": Jeder wird zum Häretiker, der unter Berufung auf seine eigene Einsicht der Mehrheit gegenübertritt. Allerdings verliert die Abweichung schnell ihren autoritätskritischen Charme, wenn alle zu Abweichlern werden. Dann führt der Druck der Individualisierung zur relativistischen Ermäßigung.

Die Modernisierung hat allerdings auch ein anderes Gesicht. Der Fundamentalismus belegt, dass die Erschütterung der vorgegebenen Fundamente des religiösen Glaubens und der Zwang zur Selbstpositionierung auch dazu führen kann, dass man sich in einem individuellen Entscheidungsakt den Folgen der Individualisierung entzieht und das eigene Urteil der absoluten Gültigkeit der angenommenen Glaubensfundamente unterstellt, zum Beispiel durch die Irrtumslosigkeit der Schrift als unerschütterliches Fundamentaldogma. An die Stelle der verwirrenden Vielfalt individueller Standpunkte tritt eine klare Freund-Feind-Struktur der religiösen und sozialen Welt.

Überblickt man die Langzeittendenzen in der westlichen Kultur, so scheint es, dass die beiden Aspekte, die die Reformation zusammenzuhalten versuchte, die Orientierung am klaren Literalsinn und das Entstehen von eigener geistlicher Einsicht, vor allem im protestantischen Christentum weit auseinandergetreten sind. Auf der einen Seite wird der Buchstabe absolut gesetzt, wie es in der Wendung zur Lehre von der Verbalinspiration geschehen ist. Auf der anderen Seite wird die Vermittlung der eigenen Einsicht von dem Bezug auf den biblischen Text gelöst, wie es zum Beispiel bei George Fox und den Quäkern geschah, wo das innere Licht der Gewissheit nicht anhand der kommunikativen Vermittlung durch biblische Texte geschenkt wird, sondern durch das Schweigen beim Treffen der Quäker vermittelt wird.

Frei flottierender Geist

Ist nicht die religiöse Situation der Zeit durch diese beiden gegenläufigen Tendenzen charakterisiert: die Orientierung an der absoluten Gültigkeit des Buchstabens einerseits und eine Kultur der religiösen Subjektivität andererseits, die die zeichengebundene Kommunikation in die Unsagbarkeit transzendiert? Wenn die beiden Pole sich voneinander emanzipieren, tritt der Buchstabe an die Stelle der eigenen Gewissheit oder das subjektive religiöse Empfinden sucht und findet seine Orientierungen dann auch im Text wieder. Im einen Fall wird der Buchstabe zum Gesetzgeber des Gewissens, im anderen macht die frei flottierende Spiritualität den Text zur Projektionsfläche ihrer religiösen Sinnentwürfe.

Hier lohnt sich eine Erinnerung an die Grundeinsichten, die die Theologie der Reformation in Bezug auf die Schrift zu jenem kompromisslosen "allein die Schrift" geführt hat. Mit gesammelter Wucht und argumentativer Schärfe treten sie in Luthers Auseinandersetzung mit Erasmus 1525 in "De servo arbitrio" zutage. Die Schrift ist für Luther nicht das ungeschaffene Wort Gottes, sondern das geschaffene Zeugnis von Christus, durch das Gott sein Wort für den Glauben erschließt. Christus ist der Schlüssel zur Botschaft der Schrift und ihrer Mitteilungsform in menschlichen Worten, die nach allen Regeln der Kunst ausgelegt sein wollen. Die Inkarnation des Schöpferwortes in dem Menschen Jesus enthält für Luther auch die Heiligung der geschöpflichen Kommunikationsmittel.

Diese Auffassung der Schrift als Mitteilung der Christusbotschaft wird nun in der Lehre von der "doppelten" Klarheit entfaltet. Die "äußere" Klarheit besagt, dass die Schrift sagt, was sie meint, und darum liegt der Sinn der Schrift nicht irgendwie hinter der Schrift. Dunkle Stellen in der Schrift, die auch Luther nicht bestreitet, müssen durch klare Stellen ausgelegt werden. Der Zugang zur Sache der Schrift aber erfolgt nur über die Schrift. Es gibt keinen direkten Zugang, irgendwie an der Schrift und ihren Zeichen vorbei, zu dem, was die Schrift sagt. Die "innere" Klarheit ist die Art und Weise, wie die Botschaft der Schrift in genau dieser äußeren Klarheit ihrer Zeichen durch den Heiligen Geist im menschlichen Herzen zur Gewissheit wird. Die schriftgebundene Einsicht des Glaubens ist unverfügbar und keiner anderen Autorität unterworfen als der gewährten Gewissheit des Glaubens.

Doppelte Klarheit

Die doppelte Klarheit der Schrift relativiert die Autorität des kirchlichen Lehramtes zweifach: Weder kann sie sich dort einschalten, wo das Schriftzeugnis undeutlich erscheint, und durch lehramtliche Autorität Klarheit schaffen, noch kann sie - gegen die Gewissheit des Glaubens - Gehorsamsforderungen an den Glauben stellen. Diese Auffassung, von Luther auf dem Reichstag zu Worms vorgeführt, als er den Widerruf seiner Schriften ablehnt, weil er in seinem Gewissen gebunden sei, es sei denn, er werde durch klare Gründe aus der Schrift widerlegt, ist einer der Grundpfeiler von Religions- und Gewissensfreiheit. Das Priestertum aller Gläubigen ist ohne die Klarheit der Schrift für die Glaubenden nicht denkbar. Das Lehramt der Kirche wird so neu auf die Schrift gegründet und erhält als Amt der Schriftauslegung seine Begründung und seine Grenze. Die Annahme dieser doppelten Klarheit ist es, die dem Schriftgebrauch in den evangelischen Kirchen Orientierung bietet und dazu nötigt, den Buchstaben und den Geist immer wieder kritisch und konstruktiv aufeinander zubeziehen.

"Unsere Theologie ist fast ganz und gar Grammatik." Dieser Satz des lutherischen Theologen Johann Gerhard (1582-1637) illustriert die wesentliche Schriftbezogenheit der reformatorischen Theologie, ohne die alle Auseinandersetzungen mit der aufklärerischen und nachaufklärerischen Kultur- und Wissenschaftsentwicklung unverständlich blieben. Auch heute noch ist damit die Herausforderung gestellt, im Umgang mit der Schrift deutlich werden zu lassen, dass das Bemühen um die Klarheit der Schrift und die Befreiung der Glaubenden zu eigener Gewissheit konstitutiv zusammenhängen. Wo dies nicht gelingt, besteht das Risiko, dass das Schriftzeugnis durch andere Autoritäten ergänzt wird und die Unverfügbarkeit der Gewissheitsbildung des Glaubens anderen Autoritäten unterworfen wird. Die historisch-kritische Exegese hat hier nach wie vor ihre Aufgabe darin, den Eigen-Sinn des biblischen Textes gegenüber den Eigensinnigkeiten seiner Interpreten zu vertreten. Die Ausweitung der exegetischen Methoden durch die Redaktionsgeschichte, literaturwissenschaftliche Methoden und die Kanonkritik hat dabei den Weg gewiesen, wie wir von den ältesten Schichten der Überlieferung in der pluralistischen Bibliothek der Bibel zum Bibelbuch und schließlich zur kanonischen Schrift, zur Bibel im gottesdienstlichen Gebrauch geführt werden.

Wirksam werden kann die wissenschaftliche Exegese vor allem dann, wenn sie sich dem Problem stellt, das Rudolf Bultmann in einem Göttinger Vortrag 1925 unter der Überschrift "Das Problem der theologischen Exegese des Neuen Testaments" thematisiert hat und das sich analog für das Alte Testament stellt: Den Eigen-Sinn der Texte ernst zu nehmen, bedeutet auch, ihre Bezugnahme auf Gott und die Art und Weise, wie Gott sich dem menschlichen Reden als "Gegenstand" gibt, ernst zu nehmen und zu sehen, welches Verständnis des Menschen und der Wirklichkeit der Welt durch diesen Bezug auf Gott zur Sprache gebracht wird. Dieser referentielle Gottesbezug der Texte, der vermittelt durch die Zeichen der Schrift die Intention ihrer Autoren zum Ausdruck bringt, wäre entgegen dem klaren Anspruch der Texte entschärft, wenn er nur als kulturhistorisches Zeugnis abständiger menschlicher Bewusstseinslagen gewertet würde. Dabei kann man an den Texten verfolgen, dass dieser Gottesbezug nicht ein weiteres Textzeichen, ein weiterer Bewusstseinsinhalt neben anderen ist, sondern vorausgesetzt wird, dass durch Gottes Beziehung zu Mensch und Welt Zeichen, Text und Bewusstsein ihre Struktur erhalten.

Die Bibel als Gottesdienstbuch

Der Eigen-Sinn der Zeugnisse der Schrift in der Bezugnahme auf Gott wird im christlichen Gottesdienst am deutlichsten. Hier wird die Schrift nicht nur ausgelegt. Im gottesdienstlichen Schriftgebrauch wird die Rede der biblischen Zeugnisse von Gott nachgesprochen, wird die Bezugnahme auf Gott als Anrede Gottes in Dank, Bitte, Lobpreis und Klage wiederholt. Die Vielfältigkeit unserer Lebenssituationen kommt zur Sprache in den archaischen Wendungen der Gottesanrede, die die christliche Gemeinde von Israel übernommen und sich angeeignet hat. In den Lesungen aus dem Alten Testament, der Epistel und dem Evangelium findet die Gottesdienst feiernde Gemeinde ihre Ortsbestimmung in der Beziehungsgeschichte Gottes mit seiner Schöpfung. Auf die Zusage des Evangeliums antwortet die Gemeinde mit dem Glaubensbekenntnis, das die Vielfalt der Schriftzeugnisse in eine Gesamtsicht der Welt von Anfang bis Ende einordnet. In der Predigt nun vollzieht sich die Auslegung als Zusage des Evangeliums an die Gemeinde. Die Wenn-Dann-Struktur unserer alltäglichen Rede (Gesetz) wird umfasst von der Weil-Deshalb-Struktur der Christusbotschaft, die auf Glauben zielt. Nicht nur daran wird deutlich, dass Luther bei seiner Schriftlehre in der Auseinandersetzung mit Erasmus den gottesdienstlichen Gebrauch der Schrift vor Augen hat.

Hier vollzieht sich die Umwandlung der Schrift, die aus der mündlichen Rede hervorgeht, in erneute mündliche Rede von Angesicht zu Angesicht: die lebendige Stimme des Evangeliums. Die unterschiedlichen Formen unseres je persönlichen Schriftgebrauchs werden im Gottesdienst in einen gemeinschaftlichen Schriftgebrauch integriert, der Raum eröffnet für persönliche Zueignung und Aneignung. Der gottesdienstliche Schriftgebrauch kommt in seinen unterschiedlichen Wendungen von Auslegung und Performanz den Kommunikationsstrukturen der biblischen Texte am nächsten. Die Feier des Gottesdienstes ist deswegen nicht nur der Ort der Integration unserer unterschiedlichen Gebrauchsweisen der Schrift, sondern ist in der Geschichte auch das zentrale Überlieferungsmedium der Schrift und ihres Wahrheitsanspruchs. Dieser Wahrheitsanspruch des Redens von Gott und des Redens zu Gott, auf den wir uns einlassen, wenn wir mit der Schrift Gott anreden, aus der Schrift von Gott reden und auf der Basis der Schrift über Gott reden, birgt immer ein Risiko. Denn der Gott, von dem und zu dem die Schrift vielfältig redet - darüber sind sich die Schriftzeugnisse einig - ist kein totes Objekt, zu dem unser Reden in Korrespondenz kommen könnte, sondern die lebendige Wirklichkeit des dreieinigen Gottes, der durch seine Beziehung zu uns unser Reden verifiziert oder falsifiziert.

"Scriptural Reasoning" heißt ein interdisziplinäres Dialogkonzept jüdischer, christlicher und muslimischer Gelehrter, in dem sie voreinander, miteinander und füreinander ihre heiligen Schriften - Tanach, Bibel und Koran - auszulegen. Johann Gerhards Satz "Unsere Theologie ist fast ganz und gar Grammatik" könnte jede der beteiligten Gruppen für sich sprechen: In Judentum, Christentum und Islam ist der Vernunftgebrauch auf die Schrift gegründet, und der Schriftgebrauch zielt auf den dialogischen Vernunftgebrauch. Die Texte dieses Prozesses zeigen, dass hier weder die individualisierte Schriftverwendung spiritueller Subjektivitätskulturen noch der objektivistisch-literalistische Schriftumgang einen Platz hat. Vielmehr vollzieht sich die Verständigung im Bemühen um die Erschließung der Klarheit, die auch dem Anderen einen Zugang zu den eigenen Schriften ermöglicht und selbst einen Zugang zu den Schriften der Anderen sucht, und im kontingenten Entdecken von vernünftig explizierbaren Differenzen und Gemeinsamkeiten voranschreitet. Zwar versteht jede der Traditionen auf ihre Weise die Schrift als Regel und Richtschnur, jedoch bildet sie keine Absperrung gegenüber dem Verstehen des Anderen, sondern eher den Leitfaden, der neue Wege zum Gespräch erschließt. Vielleicht kommen die Inspirationen zur Überwindung der Krise des Schriftgebrauchs auch aus solchen Begegnungserfahrungen, die unsere gewohnten Verständigungsregeln transzendieren.