zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

Viel Lärm um nichts

Beobachtungen zur aufgeregten Diskussion um den Berliner Theologen Notger Slenczka

Rochus Leonhardt

Selten schafft es ein Streit in der akademischen Theologie in die
aktuellen Medien. Aber hat die Auffassung von Notger Slenczka, der die Kanonizität des Alten Testamentes neu justieren will, überhaupt Potenzial für einen Skandal? Eigentlich nicht, meint Rochus  Leonhardt, Professor für Systematische Theologie in Leipzig. Der hitzige Streit zeige aber, dass die Theologie noch einmal gründlich darüber nachdenken sollte, was "Kanon" überhaupt bedeutet.

… oder doch erst in der Krippe von Bethlehem? "Christi Geburt und Anbetung der Hirten" – Buchmalerei von Jean Fouquet um 1455. Foto: epd
… oder doch erst in der Krippe von Bethlehem? "Christi Geburt und Anbetung der Hirten" – Buchmalerei von Jean Fouquet um 1455. Foto: epd

Es ist Sonntag, 21:45 Uhr - Guten Abend und herzlich willkommen, hier live aus dem Gasometer in Berlin. – "Das Alte Testament kann für Christen nicht dieselbe Verbindlichkeit beanspru­chen wie das Neue!" Dies hat der Berli­ner Theologe Notger Slenczka mehrfach behauptet. Über seine Thesen ist ein Wissenschaftlerstreit entbrannt, in dem sich die Kontrahenten nichts schenken. In unserer Sendung stellt sich Slencz­ka der Kritik und diskutiert mit diesen Gästen: Christoph Markschies, renom­mierter Kirchenhistoriker an der Hum­boldt-Universität hier in Berlin; für ihn ist das Alte Testament in gleicher Weise wie das Neue Quelle und Norm der evan­gelischen Theologie. Friedrich Wilhelm Graf, deutschlandweit bekannter Mün­chener Emeritus; er hält Slenczkas For­derung für eigensinnige Konsequenz­macherei, die akademisch nicht ernst ge­nommen werden kann. Micha Brumlik, Erziehungswissenschaftler aus Frankfurt am Main; er versteht eine christliche Ab­sage an das Alte Testament als eine Aus­sage gegen das Judentum und erkennt bei Slenczka Parallelen zur Theologie im Na­tionalsozialismus. Und: Notger Slenczka selbst; er findet seine These gar nicht so aufregend. Sie bringe doch nur auf den Punkt, wie wir mit den Texten des Alten Testaments im kirchlichen Gebrauch fak­tisch umgehen."

Diese Szene ist selbstverständlich fik­tiv. Sie dürfte auch utopisch sein. Denn dass es die "Slenczka-Debatte" in die sonn­tägliche Talksendung von Günter Jauch schafft, ist nicht zu erwarten. Es ist aller­dings erstaunlich, was für ein großes pu­blizistisches Echo der Streit gefunden hat. Dass protestantische Theologenkontro­versen in maßgeblichen Leitmedien dieses Landes beachtet werden, ist normalerweise alles andere als selbstverständlich. Auf die evangelische Theologie könnte sich diese öffentliche Aufmerksamkeit durchaus po­sitiv auswirken – wenn die Debatte sachlich und fair geführt würde. Dies ist bisher lei­der nicht der Fall. Der Journalist Reinhard Bingener hat am 21. April in der Frankfur­ter Allgemeinen Zeitung darauf verwiesen, dass mit der Eskalation des Konflikts an der Berliner Theologischen Fakultät auch ältere Rechnungen beglichen werden sol­len. Und Ulrich Körtner, der Wiener Sy­stematiker, hat es in der österreichischen Wochenzeitung "Die Furche" als "skandalös"bezeichnet, dass Slenczka des Antijudais­mus bezichtigt wird.

Es wird Zeit, die Debatte zu versachli­chen und den diskussionswürdigen Sach­gehalt der Streitfrage von fakultätsinternen Konflikten in Berlin zu trennen: An der von Slenczka formulierten Position ist vor allem die Verortung im breiten Spektrum der Auffassungen zum Verhältnis von Altem und Neuem Testament von Bedeu­tung. In einer von fünf Berliner Theolo­gieprofessoren unterzeichneten Erklärung distanzieren sich diese von Slenczkas Äußerungen zum Alten Testament. Ihr Votum schließt mit der Formulierung, das Alte Testament sei und bleibe "in gleicher Weise wie das Neue Quelle und Norm der evangelischen The­ologie".

Schon ein grober Blick in die The­ologiegeschichte zeigt, dass eine sol­che Auffassung nie ernsthaft vertreten worden ist. Zumindest in der neueren evangelischen Theologiegeschichte des deutschsprachigen Raumes lässt sich pro­blemlos zeigen: Ein wichtiges Thema der theologischen Reflexion ist es stets, das Verhältnis zwischen der neutestamentlich bezeugten Christusoffenbarung und dem alttestamentlich bezeugten Glauben Israels zu klären. Den Ausgangspunkt bildet da­bei regelmäßig die Einsicht, dass Altes und Neues Testament gerade nicht "in gleicher Weise" als Grundlage evangelisch-christ­lichen Glaubensdenkens gelten können – aber dennoch zusammengehalten werden müssen.

Diese Einsicht führt zu zwei Folge­problemen. Erstens ist zu klären, wie die Ungleichheit der beiden zusammenzuhal­tenden Größen beschrieben werden kann. Hier hat Gerhard Ebeling (1912–2001), der führende Vertreter der Hermeneutischen Theologie im 20. Jahrhundert, ein eingän­giges Angebot formuliert: Im Blick auf das Alte Testament möchte er von einer vorläu­figen Verkündigung des Wortes Gottes re­den, während das Neue Testament die end­gültige Verkündigung des Wortes Gottes darstelle. Diese Verhältnisbestimmung vor­läufig-endgültig ist allerdings nicht rein be­schreibend. Sie impliziert vielmehr schon eine unterschiedliche Wertung der Kanon­teile. Damit ist bereits das zweite Folgepro­blem berührt: Es muss geklärt werden, was aus der beschriebenen Ungleichheit für die Beurteilung der jeweiligen theologischen Normativität von Altem und Neuem Testament folgt. Die Antwort des frühe­ren Erlanger Systematikers Wilfried Joest (1914–1995) lautet: Die (neutestament­lich greifbare) "Selbstbekundung Gottes in Jesus Christus" ist "der Maßstab"für die Beurteilung der im Alten Testament überlieferten Glaubenserfahrungen. An­ders formuliert: Die Kanonizität des Alten Testaments ist gegenüber der des Neuen sekundär. Diese Feststellung ist gar nicht weit entfernt von Slenczkas Forderung, die theologische Normativität der Glaubens­zeugnisse Israels für die evangelische The­ologie auf den Rang der alttestamentlichen Apokryphen zurückzustufen.

Dass die Kanonizität des Alten Testa­ments im von Joest profilierten Sinne an­ders zu bestimmen ist als die des Neuen, kann als ein weitgehender Konsens in der systematisch-theologischen Bibelherme­neutik des neueren deutschsprachigen Pro­testantismus gelten. Die Unumgänglichkeit einer solchen Differenzierung ergibt sich bereits aus der Integration der historischen Kritik in die evangelische Theologie. Die historisch-kritische Forschung, deren Kul­tivierung zum wissenschaftlichen Mar­kenkern des modernen Protestantismus gehört, hat nicht nur die Vielstimmigkeit innerhalb beider Kanonteile herausgearbei­tet. Sie hat auch den Sinn dafür geschärft, dass es sich bei den Texten des Alten Testaments, ungeachtet ihrer christlichen Rezeption, um Dokumente der vor- bezie­hungsweise außerchristlichen Religionsge­schichte handelt. Auf die Ebene der syste­matisch-theologischen Reflexion übersetzt heißt das: "Für das heutige Christentum ist der Glaube des jüdischen Volkes an seine göttlicher Erwählung kein eigener Glau­bensartikel" (so der Göttinger Syste­matiker Dietz Lange). Deshalb ist es in der Tat so, dass Versuche "einer verkrampften und erschlichenen Harmonisierung" der zwei Kanonteile "dem Wahrheitsempfin­den" schaden können (Gerhard Ebeling). Anders formuliert: Wer die theologische Priorität des Neuen Testaments bestrei­tet, steht in der Gefahr, das Proprium des Christentums zu verfehlen.

Gelegentlich wird aus dieser Verhält­nisbestimmung auch eine explizite Pro­blematisierung der Kanonizität des Alten Testaments abgeleitet. Falk Wagner (1939– 1998), ein scharfsinniger Außenseiter der evangelischen Theologie im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts, hat das Festhalten an der kanonischen Geltung des Alten Testa­ments deshalb als problematisch betrach­tet, weil auf diese Weise das spezifisch Neue und Eigentümliche des christlichen Grundgedankens eher verstellt als erhellt wird.

Hier zeigt sich: Die religionsge­schichtlich informierte Differenzierung zwischen Altem und Neuem Testament kann dazu führen, dass die – von Ebeling, Joest und Lange festgehaltene – Notwen­digkeit eines Zusammenhaltens der Ka­nonteile bestritten wird. Was diese Bestrei­tung bedeutet, wird dabei allerdings nicht immer klar. Eine ‚Abschaffung‘ des Alten Testaments hat Wagner jedenfalls genauso wenig gefordert wie Slenczka. Gerade letz­terer hat immer wieder betont, dass es "nie eine Bibel geben wird und geben darf, die nicht das Corpus der AT-lichen Schriften enthält".

Wir stehen also vor einem eher schlich­ten Befund: Was Slenczka als Bestreitung der Kanonizität des Alten Testaments verkauft, ist, nüchtern betrachtet, nichts anderes als die besonders nachdrückliche Betonung der von ihm – mit dem Gros der systematisch-theologischen Fachkollegen – behaupteten Differenz zwischen beiden Kanonteilen. Der Nachdruck ist dabei einer wichtigen Einsicht geschuldet: Angesichts der Verortung der alttestamentlichen Texte in der vor- beziehungsweise außerchrist­lichen Religionsgeschichte folgt aus dem zwischen den Kanonteilen unbestreitbar bestehenden historischen Zusammenhang nicht (mehr) automatisch eine normative Äquivalenz für die zeitgenössische christ­liche Theologie.

Soweit mein Versuch, Slenczkas Posi­tion auf ihren Sachgehalt hin abzuklopfen. Anfügen möchte ich noch zwei kritische Rückfragen an seine Auffassung sowie eine weiterführende Bemerkung in in­terdisziplinärer Perspektive. Mein erster Kritikpunkt betrifft die Weise, in der Slen­czka das Alte Testament – oder jedenfalls Teile davon – charakterisiert hat. Hier ist insbesondere der von ihm im Aufsatz im Marburger Jahrbuch verwendete Begriff der partikularen Stammesreligion von Be­deutung. Ein solcher Wortgebrauch weckt nicht nur nachvollziehbare Aversionen, sondern er konterkariert zugleich Slencz­kas eigene Intention, das Judentum als eine Religion eigenen Rechts wahrzunehmen.

Die zweite Anfrage bezieht sich auf den Kanonbegriff. Dass Slenczkas Absage an die normative Äquivalenz beider Testa­mente als Versuch einer "Abschaffung" des Alten Testaments (miss)verstanden wer­den konnte, liegt auch an Unklarheiten in seinen Texten. So bezeichnet er einerseits das als kanonisch, worin die Kirche das Evangelium von Jesus Christus hört. Dann aber ist nicht plausibel, warum sich seine Kanonizitätskritik auf das Alte Testament beschränkt. Um es mit Friedrich Wilhelm Graf zu sagen: Slenczka erklärt nicht, wa­rum der Christ "bei so furchtbaren neu­testamentlichen Texten wie der gewalt­reichen Johannesapokalypse keine Gefühle von ‚Fremdheit‘ empfindet". Diese Kritik trifft auch alle anderen theologischen Posi­tionen, in denen die Kanonizitätsfrage auf das Verhältnis der beiden Testamente ein­geschränkt wird. Zugleich macht Slenczka Kanonizität auch daran fest, dass Texte dem Literalsinn nach Christus bezeugen. Dann aber müsste auch die Aufnahme des Alten Testaments in gedruckte Bibelaus­ aben und der Gebrauch seiner Texte im kirchlichen Leben problematisiert werden. Aus all dem folgt: Eine (auch unter Berücksichtigung kulturwissenschaftlicher Debatten zu vollziehende) Präzisierung dessen, was "Kanon" in der gegenwärtigen evangelischen Theologie genau bedeuten kann, ist eine wichtige Aufgabe zukünftigen theologischen Nachdenkens.

Zudem, und damit komme ich zur weiterführenden Bemerkung, gibt es gegen den oben behaupteten weitgehenden Konsens in der Systematischen Theologie zur unterschiedlichen Wertung der Kanonteile auch Widerspruch. Der Bielefelder Alttestamentler Frank Crüsemann hat der traditionellen Verhältnisbestimmung der Testamente in der christlichen Theologie Schriftvergessenheit und dogmatische Voreingenommenheit unterstellt. Dagegen arbeitet er sehr klar heraus: Weil das Neue Testament ohne das Alte unverständlich und unvollständig ist, hat das Alte Testament als "Wahrheitsraum" des Neuen zu gelten. Dazu ist zu sagen: Die historisch richtige Feststellung, das Alte Testament sei der Wahrheitsraum des Neuen, bedeutet keineswegs zwingend, dass das Christentum bleibend in den Wahrheitsraum seiner historischen Ursprünge eingespannt bleiben muss. Sicher: Der Ausstieg aus dem Wahrheitsraum der Anfänge hat sich in der Christentumsgeschichte vielfach mit einer Abwertung des Judentums verbunden. Für den historisch arbeitenden Exegeten mag sich angesichts dessen die Forderung nahelegen, das Alte Testament müsse für den "christlichen Glauben denselben theologischen Rang haben, den es im Neuen Testament hat" (Crüsemann).

Slenczka hat dagegen aus systematisch theologischer Perspektive den Versuch gemacht, an der traditionellen Normativitäts-differenz festzuhalten, dies aber so, dass sie eng mit dem Respekt gegenüber der Eigenständigkeit des Judentums verbunden wird. Beide Positionen haben Stärken und Schwächen. Für die Zukunft ist zu hoffen, dass dieser theologische Diskurs in einer der Bedeutung des Themas angemessenen Weise geführt werden kann.

 

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