zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

Leere Hände und Geduld

Bleibend aktuell: Die Mystikerin Teresa von Ávila, die vor 500 Jahren geboren wurde

Irene Leicht

Die Karmelitin Teresa, die am 28. März 1515 im spanischen Ávila geboren wurde, inspiriert bis heute auch Protestanten, obwohl sie die Reformation ablehnte. Die Freiburger Pfarrerin Irene Leicht porträtiert die Frau, die ein kontemplatives mit einem aktiven Leben verband.

Francisco Rizi: Retablo Mayor ñ Santa Teresa ñ Reformadora de las Carmelitas, 15. Jahrhundert. Foto: akg-images/ Oronoz
Francisco Rizi: Retablo Mayor ñ Santa Teresa ñ Reformadora de las Carmelitas, 15. Jahrhundert. Foto: akg-images/ Oronoz

Nicht die 'Hauptfigur der Gegenreformation', sondern die Reformerin des christlichen Glaubens habe ich gefunden", bekannte vor über dreißig Jahren der renommierte evangelische Theologe Jürgen Moltmann. Und er bezog sich dabei auf Teresa von Ávila (1515-1582). Diese habe "ihren Platz unter dem Kreuz gefunden und behauptet und ist dort Gottes und ihrer selbst gewiss geworden". Das war Moltmann "das Wichtigste". Denn, so schrieb er, "unter dem Kreuz finden wir auch die weltweite ökumenische Gemeinschaft über alle Konfessionsgrenzen hinweg. Denn unter dem Kreuz Christi stehen wir mit leeren Händen da."

Moltmann hat damit die Erfahrungen und Einsichten der katholischen Mystikerin auf den Punkt gebracht. Und zugleich deutet er Teresas konfessionsverbindendes Potenzial an. Eine Spiritualität der leeren Hände und Anregungen für immer nötige Reformen: Besonders hierfür lohnt ein Blick auf die Mystikerin.

Eine Statue, die Jesus als Schmerzensmann darstellt, verhilft ihr zum Durchbruch: Nach Jahren des Suchens und der Zerrissenheit erfährt Teresa, dass sie bedingungslos geliebt ist und ihr in Jesus Gott begegnet. Der wechselseitige Augen-Blick ereignet sich in der Fastenzeit 1554, Teresa ist 39 Jahre alt. Seither wohnen in ihr eine Gewissheit und innere Ruhe, die durch alle Zweifel, Schmerzen, Anstrengungen und Ängste tragen.

Als viertes von elf Kindern am 28. März 1515 geboren, besuchte Teresa nach dem Tod der Mutter ein Internat der Augustinerinnen. Und 1535 trat sie in ihrer Heimatstadt Ávila in den "Karmel der Menschwerdung" ein. In ihrer Autobiografie nennt sie Höllenangst als Motiv für das Leben als Nonne: "Es stieg in mir die Angst hoch, dass ich in die Hölle käme, wenn ich sterben würde. Und wenn es mein Wille auch noch nicht fertig brachte, sich dem Eintritt ins Kloster zuzuwenden, so sah ich doch ein, dass es wohl die beste und sicherste Lebensform sei; und so entschloss ich mich nach und nach, mich zum Eintritt zu zwingen." Im Kloster erkrankt Teresa immer wieder schwer, und sie spürt deutlich, dass sie mehr gelebt wird als selbst zu leben: "Ich suchte nach Abhilfe, machte Anstrengungen, verstand aber wohl nicht, dass all das wenig nützt, wenn wir unser Vertrauen nicht ganz auf Gott setzen, nachdem wir es auf uns ganz und gar aufgegeben haben. Ich sehnte mich danach zu leben, denn ich verstand sehr wohl, dass ich nicht eigentlich lebte, sondern mit einem Schatten des Todes rang, aber es niemanden gab, der mir Leben gab; selbst geben konnte ich es mir aber auch nicht."

Der Weg aus diesem Zustand der Selbstentfremdung führt über die Erfahrung, liebe- und verständnisvoll angeschaut zu werden von dem, den Teresa "seine Majestät" nennt und zugleich als Freund erlebt. Als "inneres Beten" gibt sie ihre Erfahrungen weiter: "Meiner Meinung nach ist inneres Beten nichts anderes als Verweilen bei einem Freund, mit dem wir oft allein zusammenkommen, einfach um bei ihm zu sein, weil wir sicher wissen, dass er uns liebt."

 

Viele Freundschaften

Dieses Verweilen, das Teresa von an pflegt und in die Welt zu bringen sucht, schenkt ihr eine atemberaubende Freiheit. Die innige Verbundenheit mit Gott führt zu vielen menschlichen Freundschaften, in denen die Balance von Nähe und Distanz gewahrt bleibt. Johannes vom Kreuz und insbesondere Jerónimo Gracián werden Teresas wichtigste Weggefährten. Zusammen kämpfen sie für die Reform des männlichen Zweiges des Karmelitenordens. Zu Teresas Freundinnen gehören María de San José, die spätere Priorin des Karmel von Sevilla, und Luisa de la Cerda aus Toledo, eine Angehörige des spanischen Hochadels. Wie sehr Teresa in freundschaftlichen Beziehungen lebte und wie sehr sie auf diese Beziehungen angewiesen war, zeigen ihre Briefe. Obwohl von ihren vielen Briefen nur ein Bruchteil erhalten blieb - allein dieser spricht Bände.

Eine weitere Frucht der Gottesfreundschaft ist die grundlegende Ordensreform, die Teresa gelingt und zur Gründung von 17 Frauen- und zwei Männerklöstern führt. Die Anfänge des Karmelordens liegen in frühchristlicher Zeit. Unter Berufung auf den Propheten Elia hatten sich Eremiten in das Gebirge zurückgezogen. Pilger und Kreuzfahrer schlossen sich ihnen an. Aber nach der muslimischen Rückeroberung des Heiligen Landes siedelte der Orden nach Europa über. Als Teresa in den Karmel von Ávila eintrat, lebten dort rund 180 Schwestern. Das Kloster war eine Versorgungsanstalt, in der viel Besuch empfangen und Frömmigkeit nur oberflächlich praktiziert wurde. Und die Unterschiede zwischen arm und reich spiegelten sich in der Größe und Ausstattung der Zellen.

Die Karmelitinnen, die sich Teresas Reform anschließen, nennen sich "unbeschuht", in Anknüpfung an die franziskanischen Barfüßerbewegungen. Kleinere Gemeinschaften von rund 13 bis 15 Mitgliedern entstehen. Sie pflegen das innere Beten, sind finanziell und ideell möglichst unabhängig, und Standesunterschiede spielen keine Rolle.

"Alle sollen gleich sein", gilt in Teresas Klöstern. Dass sie väterlicherseits jüdischer Abstammung war und im katholischen Königreich Spanien zu den diskriminierten Konvertiten gehörte, könnte mit ein Grund für den egalitären Zug der Reform gewesen sein. Gewaltsame Konflikte und körperliche Strapazen sind ständige Begleiter der Ordensreform und der Klostergründungen. Teresa und ihre Gefährtinnen wurden durch Beschuhte, städtische Magistrate, Kirchenobere und andere einflussreiche Leute schwer angegriffen. Ohne Unterstützung durch bedeutende Theologen und Spaniens König Philipp II. wäre das Reformprojekt gescheitert.

War Teresas rege Tätigkeit ab 1562 für eine damalige Frau mehr als außergewöhnlich, wird das noch getoppt durch ihre Bedeutung als Gebetslehrerin, die die Grenzen des eigenen Ordens weit übersteigt. Den Vollzug des Glaubens, ihre Erfahrungen mit sich selbst und mit Gott schildert Teresa auf anschauliche Weise. Aber eine Frau, die in der Volkssprache Bücher verfasst und damit Schreib- und Lehrverbote übertritt, ist der Inquisition verdächtig. Aber theologische Fürsprecher stehen ihr bei. Anders hätte sie wohl keine Chance gehabt.

 

Wie ein Professor

Der spätere spanische Nuntius Filipe Sega repräsentiert die Teresa-Gegner, wenn er sie "ein unruhiges Frauenzimmer" nennt, die "herumstreunend, ungehorsam und verstockt" sei. "Unter dem Schein der Frömmigkeit", behauptet Sega, denke sich Teresa "falsche Lehren aus", verletzte "die Anordnungen des Konzils und ihrer Ordensoberen", und doziere "wie ein Theologieprofessor, obgleich der heilige Paulus sagt, dass die Frauen nicht lehren dürfen".

Teresa lädt ein, die "Seele als eine gänzlich aus einem einzigen Diamanten oder sehr klaren Kristall bestehende Burg zu betrachten". In der innersten Wohnung dieser "Burg" weilt Gott selbst. Auf seine heilige und fürsorgliche Gegenwart soll man sich immer neu ausrichten. Sich den Ängsten, dem Dunklen, den Verletzungen stellen, wozu der göttliche "Lockruf" ermächtigt, möchte Teresa ermutigen. "Es gibt Menschen, die so krank und aus Gewohnheit so sehr mit Äußerlichkeiten beschäftigt sind, dass ihnen nicht zu helfen ist; es sieht so aus, als seien sie unfähig, in ihr Inneres einzutreten", weiß Teresa. Zugleich weist sie darauf hin, wie wichtig es ist, sich mit anderen zu beraten und die Erfahrungen auszutauschen.

"Sanftheit" empfiehlt Teresa immer wieder für den Umgang mit sich selbst und mit anderen auf diesem Weg. Häufig und deutlich kritisiert sie Rigorismus und Leistungsfrömmigkeit, die von vielen Ordensleuten in ihrer Zeit propagiert und praktiziert werden. Und sie warnt auch vor einem subtilen Egoismus, der mit dem inneren Beten verbunden sein kann. Die Prioritäten müssen einer Ordensschwester klar sein: "Wenn du eine Kranke siehst, der du ein wenig Linderung verschaffen kannst, dann mache es dir nichts aus, diese Andacht zu verlieren, und ihr dein Mitgefühl zu zeigen." Es geht Teresa um gelassenes Engagement, tätige und leidensbereite Liebe in Jesu Namen: "Richtet eure Augen auf den Gekreuzigten, und alles wird euch leicht fallen."

Die durch Teresa angestoßene Reform des Karmeliterordens führte in Spanien zur Spaltung: Die Unbeschuhten bildeten eine eigene Provinz.

Teresas Ablehnung der Reformation ist historisch bedingt: eine Mischung aus fehlender eigener Anschauung, mangelndem Wissen und zeitgenössischen apokalyptischen Ängsten. Zu dem, was auch heute inspirieren kann, gehört das Gedicht Nada te turbe (Nichts soll dich verwirren). Es endet mit der Zeile sólo Dios basta (Gott nur ist genug). Auch wenn es möglicherweise nicht einmal von Teresa stammt, es war ihr sehr wichtig; sie trug es bei ihrem Tod am 3. Oktober 1582 bei sich. Die Spannung zwischen dem "Nichts" des Vergänglichen am Anfang und der vollen Genüge (basta) an der göttlichen Ewigkeit am Ende wird im spanischen Text von dem Wort ausbalanciert, das die Mitte des Gedichts bildet: la paciencia. Diese Haltung der Geduld und der leeren Hände kann mitten in den Turbulenzen des Lebens zur Zuversicht verhelfen, im Letzten in Gott die Fülle zu erfahren. Die göttliche Wirklichkeit, die wirkt, gilt es wirken zu lassen.

 

Literatur

Alois Prinz: Teresa von Ávila. Die Biografie. Insel Verlag, Berlin 2014, 265 Seiten, Euro 22,95.

 

 

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