zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

Roller rückwärts

Unterwegs mit Amsterdams Geschichtenerzähler

Esther Gardei

Karel Baracs ist Amsterdams erster ofizieller Geschichtenerzähler. Und seine Story hat es in sich. Sie handelt von einer großen Liebe, der Flucht vor den Nazis, dem Widerstand, der Rettung von vielen jüdischen Kindern – es ist die Geschichte seiner Eltern. Die Journalistin Esther Gardei hat ihm zugehört.

Foto: Esther Gardei
Foto: Esther Gardei

Karel Baracs trägt Schwarz. Seine großen Hände gestikulieren beim Sprechen. Er steht etwas gebückt vor den dreihundert Jahre alten Fachwerkhäusern hinter ihm, die die Sommersonne wie Postkartenmotive aussehen lassen. Das Wetter in Amsterdam ist gut an diesem Tag, Touristen drängeln durch Einkaufsstraßen, sitzen bei Cookies und Cappuccino in Cafés an den Grachten. Aber die Geschichte, die Karel erzählt, passt nicht zu dieser leichten Atmosphäre. Sie handelt von Krieg, von Mut und Widerstand.

Es ist die Geschichte seiner Eltern, die zur Zeit der deutschen Besatzung jüdische Kinder aus Amsterdam schmuggelten. 2008 wurde er vom Bürgermeister zum ersten „offiziellen Geschichtenerzähler“ ernannt. Seitdem tritt er in Schulen, Kirchen oder bei Freunden auf. Dann erzählt er die Geschichte als einen Monolog, wie in einem Theaterstück für einen Mann. In den Neunzigerjahren hatte er seinen Beruf als Grundschullehrer aufgegeben. „Ich passe nicht zu einem Lehrplan, und was ich Kindern beibringen will, passt auch in keinen Plan.“ Schon die geraden Stuhlreihen in den Klassenzimmern hatten ihn gestört.

„Ich erzähle Dir alles und nehme Dich nachher mit“, grüßt er zum Anfang der Tour, nachdem er seinen Motorroller abgestellt hat. Wir stehen vor seinem Elternhaus. Es ist an der Keizersgracht mitten in Amsterdam. Das Haus ist das größte der schmalen Häuser, eckiger als seine Nachbarn, gebaut mit hunderte Jahre alten roten Bachsteinziegeln. Eine Steintreppe mit grünem Geländer führt zum Eingang. „Hier habe ich die ersten 24 Jahre meines Lebens verbracht“, erzählt er und lächelt sanft. Behutsam streicht er über das Geländer am Eingang des alten Hauses. Es spielte eine bedeutende Rolle im Widerstand gegen die deutsche Besetzung Amsterdams. Vor dem Krieg lebten hier Jan Boissevain und seine Frau Mies, Karels Tante. Sie holte ihre 20 jahre jüngere Schwester Hester, Karels Mutter, vom Land nach Amsterdam, ließ sie bei sich wohnen, wollte ihr das Stadtleben zeigen. „Von Anfang an kämpften Jan Boissevain und seine Familie gegen die Nazis“, erzählt Karel. Einer ihrer Söhne, Gideon Boissevain, gründete später eine militante Widerstandsgruppe, die Nazi-Funktionäre ermordete, Propaganda-Kinos der Nazis in die Luft sprengte, falsche Pässe druckte und Juden versteckte.

Karel Baracs spricht laut, während er ihre Geschichte erzählt, gestikuliert wie ein Schauspieler, reißt die Augen auf, schlägt die Hände über dem Kopf zusammen, bückt sich, springt in die Luft. Fußgänger werfen ihm verstohlene Blicke zu. Sie können ja nicht wissen, dass Karel ein Geschichtenerzähler ist, der etwas über den Ort weiß, dessen Bedeutung man ihm auf den ersten Blick nicht ansieht.

Die Familie Boissevain musste 1942 schließlich in den Untergrund fliehen und das Haus verlassen. Zurück an der Keizersgracht blieb nur Hester, Karels Mutter. „Zusammen mit ihrer besten Freundin Pauline betrieb sie hier dann einen Beauty-Salon“, sagt Karel. Zu dieser Zeit lernte Hester Sandor, Karels Vater, kennen. Der war als Jude von einem der Söhne der Boissevains versteckt worden. „Er war drei Mal vor den Nazis geflohen: erst aus Budapest, dann aus München und schließlich in Amsterdam“, sagt er. Nur zwei Häuser nebenan lebte er in einem Keller. Karel deutet auf die Kellerluke an der Straße, die alten Eisengitter samt Weberknechten. „Mein Vater war heimlich schon immer in meine Mutter verliebt“, sagt er. Denn Hester passte auf ihn auf, seitdem die anderen Widerständler die Wohnung verlassen hatten. „Erst hat er sie heimlich beobachtet. Auch wenn er nur die Beine sehen konnte.“ Sein Gesicht zieht sich in viele kleine Lachfalten. „Wie sie sich kennenlernten, das allein grenzt an ein Wunder.“

Sein Vater, damals noch ein junger Mann, hatte in einer Nacht sein Versteck im Keller verlassen, um frische Luft zu schnappen. Plötzlich hörte er die Nazi- Besatzer. Während Karel das erzählt, hält er plötzlich inne und stellt sich in eine Hauswand, direkt neben uns am Weg, bückt sich und deutet mir todernst an, jetzt ruhig zu sein. „Klack-Klack-Klack-Klack“, ruft er laut. „Die Nazis!“. Passanten auf der Straße blicken sich zu ihm um. Aber Karel bleibt in der Geschichte, rührt sich keinen Zentimeter. „Mein Vaterhatte solche Angst, dass er losrannte“, sagt Karel, selbst ganz außer Atem, auf seiner Stirn bilden sich Schweißperlen. „Er rannte direkt zu seinem Kellerraum, konnte in der Hast aber den Schlüssel nirgends finden. Kannst Du dir das vorstellen? Die Nazis direkt hinter sich.“

In seiner Verzweiflung lief er zur Wohnung, in der Karels Mutter lebte, und klingelte, obwohl es mitten in der Nacht war. „Und wie er die Treppe hochläuft, vollkommen fertig und meine Mutter die Tür öffnet“, sagt Karel und führt beide Hände zum Kopf, „was findet er dann noch in seiner Tasche? Richtig – doch den Schlüssel!“, platzt Karel heraus und lacht, als hätte Kasperle dem Krokodil gerade einen Hieb mit der Schaufel verpasst. „In der absoluten Dunkelheit hat er seine Frau kennengelernt, meine Mutter“, sagt Karel und lächelt ergriffen.

Wir sind inzwischen wieder an der Kaizersgracht 848 angekommen. Sein Vater war Jude, die Mutter nicht, und trotzdem heirateten sie während des Zweiten Weltkrieges. „Sie liebten sich eben. Die Idee, der Jude im Kellerversteck könnte sich doch im Widerstand engagieren, kam seiner Mutter direkt nach der Schlüsselsituation, und während sie Kinder retteten, verliebten sie sich ineinander. Hester, Pauline und Sandor schmuggelten achtzig jüdische Kinder aus Amsterdam. „Wir fahren zu dem Ort, an dem die Nazis die jüdischen Kinder untergebracht hatten“, kündigt Karel an.

Und los geht’s - auf dem Motorroller an den Grachten vorbei, durch die schmalen Gassen der Stadt. Wir halten schließlich vor dem Holocaust-Museum. Hier wurden die jüdischen Kinder in einer Halle von den Nazis eingesperrt, getrennt von den Eltern, damit man sie besser kontrollieren konnte. Karels Mutter Hester schmuggelte viele von ihnen in Wäschekörben oder Mülleimern aus dem Gebäude. „Manchmal nahm sie auch einfach ein Kind in den Arm und lief an den deutschen Soldaten vorbei, als hätte alles seine Richtigkeit“, sagt er stolz. Sie sei eine gute Schauspielerin gewesen. Die Kinder wurden dann zunächst in die Keizersgracht und später aufs Land zu Pflegefamilien gebracht. „Schwierig, wenn die Kinder plötzlich im Zug anfingen, von Chanukka-Plätzchen zu erzählen“, erinnert sich Karel an die Erzählungen seiner Eltern und schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. „Sie waren so mutig“, sagt er. Karel zuckt mit den Schultern, er hat Tränen in den Augen. „Die Geschichte berührt mich immer noch“, sagt er. Und vielleicht, meinte er später, dient ihm das Erzählen auch dafür, diese Gefühle zu verarbeiten. „Ich hoffe manchmal, ich bin davon irgendwann frei“, sagt er.

Als einer der Söhne von Jan und Mies Boissevain, Gideon, gegen Ende der Besatzungszeit von den Nazis geschnappt und gefoltert wurde, mussten Karels Eltern die Wohnung an der Keizersgracht verlassen. Denn die Nazis versuchten, Informationen von Gideon über die anderen Widerständler herauszuquälen. Aber Gideon warnte sie rechtzeitig, als er merkte, das ihn seine Kräfte verließen. „In seiner Zelle nahm er eine Nadel von seinem Kragen, stach sich in den Finger und schrieb mit seinem eigenen Blut auf ein Zigarettenpapier ‚Haut ab‘“, erzählt Karel. Die Nachricht erreichte seine Eltern noch rechtzeitig. „Es tut mir leid“, sagt er danach und wischt sich Tränen aus dem Gesicht. „Ich kann manchmal nicht mehr.“

Nach einer kurzen Pause fahren wir trotzdem weiter zur Corelli-Straat. Hier versteckten sich Gideon und andere Widerständler vor ihrer Verhaftung, hier plante die Gruppe Morde an den Nazis. Kinder spielen auf einem Spielplatz, die Stimmung ist friedlich, Grillabende, Hollywood-Schaukel, gekippte Fenster, könnte in dem Berliner Vorort Kleinmachnow sein, denke ich. Hier wurde Widerstand organisiert?

„Komm mit, ich möchte Dir noch jemanden vorstellen“, sagt Karel, und wir fahren weiter auf dem Motorroller zu einem Gemeindezentrum, das sich in Amsterdam um Obdachlose kümmert. Im riesigen Gemeindegarten steigt ein Fest, keine Spur mehr von Reihenhausatmosphäre. Menschen essen und trinken, auf der Bühne singt eine Frau „It’s time for Afrika.“ Karel stellt mir einen Freund vor, Johannes, er lebt auf der Straße. Karel hat für ihn und andere Obdachlose ein Geschichtenerzähler-Projekte entwickelt, ihnen beigebracht, ihre Geschichte zu erzählen, zu performen“. „Das gehört auch zu meiner Arbeit“.

Wir fahren weiter zu anderen Mahnmalen in Amsterdam, die an Widerständler erinnern. Eine Brücke ist nach seiner Mutter benannt worden. Karels Vater wurde nach dem Krieg der niederländische Manager der War Foster Children Institution, die sich um die Rückführung der versteckten jüdischen Kinder zu ihren Verwandten kümmerte. Aus dieser Zeit kennt Karel viele Geschichten, einige sind sehr traurig. Er erzählt mir, dass sich die Freundin seiner Mutter, die Widerständlerin Pauline, später umbrachte, weil sie eines der adoptierten Kinder wieder abgeben musste. Ein entfernter Verwandter war aus Washington aufgetaucht und hatte sich bei Karels Vater gemeldet. „Sie machte meinen Vater dafür verantwortlich“, sagt Karel. Die Freundschaft der Widerständler war zerbrochen. „Aber mit dem Kind, dass wieder nach Amerika zurückmusste, habe ich heute noch engen Kontakt. Wir skypen jede Woche. Wir sind wie eine Familie“, sagt Karel.

Auf dem Weg zurück zur Keizersgracht trifft er fast überall Bekannte auf der Straße. Ein Mann ruft laut „Hey Du Verhalenman?“ – auf niederländisch: „Hey Geschichtenerzähler“. Karel steigt sofort vom Scooter und beginnt ein Gespräch. Seine Familie zog nach dem Ende der Besatzungszeit wieder hierhin. Seine Kindheit war deshalb ein Symbol, findet er. Er konnte hier ja nur deshalb aufwachsen, weil das gute gesiegt hatte und Amsterdam von den Nazis befreit wurde. „Es geht mir bei meiner Arbeit als Geschichtenerzähler darum, meinen Zuhörern zu zeigen, wie wichtig Toleranz ist. Wie furchtbar es enden kann, wenn Rassismus und Hass siegen“, sagt er. „Es ist mir wichtig, dass die jüdischen Kinder nicht vergessen werden.“ Karel lächelt. „Kannst Du die Geschichte vielleicht in Deutschland erzählen?“


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