Widerwärtiger Dünkel
Die Heilsbedeutung des Todes Jesu darf nicht verwässert werden
In zeitzeichen 3/2010 haben sich Theologinnen und Theologen mit dem Verständnis des Todes Jesu als Sühnopfer auseinandergesetzt. Werner Thiede,Theologieprofessor in Erlangen, reicht eine Philippika gegen die Kritiker der Sühnopfervorstellung nach.
Offen gestanden: Er widert mich inzwischen nur noch an - dieser zeitgeistbeflissene Dünkel all jener Theologinnen und Theologen, die dem Kreuzestod Jesu den überlieferten Tiefensinn rationalistisch absprechen. Dieses arrogante Kaputtreden der überkommenen Heilsbotschaft, das sich über den Glauben der Väter und Mütter der letzten beiden Jahrtausende so erhaben dünkt, dass es ihn nur noch verabschieden möchte. Dieses Kokettieren mit der intellektuellen Redlichkeit, die Andersdenkenden in Theologie und Kirche zumindest indirekt abgesprochen wird, aber mit merkwürdigen Alternativen zum Ganz- und Heilwerden des Menschen oft kompatibel genug zu sein scheint.
Dieses doktrinäre Drängen nach Entmythologisierung ohne hinreichende Anzeichen dafür, die Sinn-Dimension des angeblich zu Streichenden überhaupt angemessen erfasst und durchdrungen zu haben. Solcher Mangel wäre so lange keine Schuld, als er eine Ahnung von sich selbst hätte. Weil er sich aber verkennt und für lauter Fülle hält, deren Köstlichkeit er auch anderen aufzudrängen habe, darum wird er schuldig an dem Glauben, den er kraftspendend weiterzugeben hätte, schuldig an der Kirche, deren Kerntradition er leichtsinnig verrät, ja, schuldig am Gekreuzigten, dessen Lebenshingabe er nicht mehr nötig zu haben meint.
Doktrinäres Drängen nach Entmythologisierung
Zuletzt war es eine epd-Pressemeldung über einen Auftritt des Wittenberger Pfarrers Friedrich Schorlemmer, die bei mir Kopfschütteln hervorrief: Auf einer Tagung "Was protestantisch ist" - unter diesem Generalthema - hatte er demnach verlauten lassen, er könne einen Gott nicht nachvollziehen, der "seinen Sohn zu Tode quält, um die Menschen zu erretten". Gleichzeitig soll er sich für "ökumenischen Geist" ausgesprochen haben.
Typisch für jene fortschrittlichen Denker, die im eifrigen Karikieren und/oder Leugnen der spirituellen Bedeutung des Kreuzestodes Jesu nicht einmal mehr wahrnehmen, dass diese zum definierten Kernbestand, zum innersten Heiligtum aller großen Konfessionen immer gezählt hat und auch heute zählt. So dass, wer sich davon abwendet, sich wohl noch in einem sehr liberalen Sinne Christ nennen mag, den Raum der soteriologischen Binnenlogik von Heiliger Schrift und mancherlei Bekenntnistraditionen, also zentralem kirchlichem Selbstverständnis, aber verlassen hat. Geht es doch in diesem Zusammenhang durchaus um die Grundfrage, ob der Mann mit der Dornenkrone der von Gott gesandte Heilsbringer, der eine König schlechthin war und ist, so dass für den, der das bejaht und darum mit Recht Christ heißt, dessen Kreuzestod schon von daher nicht einfach als bedeutungslos eingeschätzt werden kann.
Dass man das Verständnis des Kreuzes Jesu im Sinne eines Heils- und Sühnetodes aus weiser Sicht abzulehnen habe, ist ja eine uralte Perspektive. Sie stammt bekanntlich aus den Zeiten des Apostels Paulus, der genau wusste, dass die philosophischen Zeitgenossen aus stoischer und sonstiger Weisheit heraus im Wort vom Kreuz keinen ernst zu nehmenden Sinn entdecken konnten. Aber derselbe Paulus hat sehr wohl unterstrichen, dass diese Torheit binnenkirchlich, also für den Christusglauben, durchaus Weisheit darstellt, Kraft zum Leben und Einsicht in die Tiefen des göttlichen Geistes.
Man muss die beiden Eingangskapitel des 1. Korintherbriefes schon miteinander lesen. Da ist die Vernunft keineswegs außen vor, sondern integriert in den Geist des Heiligen, erobert und erfüllt von ihm. Von da aus wird dann erst richtig deutlich: Es geht nicht um einen Konflikt von Vernunft und Irrationalität, von Mythos und Emanzipation, sondern um das Gegeneinander von Paradigmen, die beide ihre Logik haben. Was weiß denn der Unglaube von der Freiheit eines Christenmenschen? Was aber wollen, die der Kirche Gutes erweisen, die im Namen ihrer spirituellen Autonomie die inneren Grundlagen jener Freiheit anzugreifen wagen?
Per Selbstrevolution
Gewiss, ein an der Stoa geschulter Immanuel Kant hatte seinerseits sein aufgeklärtes Nein zur christlichen Gnadenlehre gesprochen, wobei er noch nicht einmal so liberal war, die Heilsbedürftigkeit des Menschen aufgrund seines abgrundtiefen Hanges zum radikalen Bösen zu leugnen. Aber er lehrte, der Mensch könne sich kraft seiner Autonomie per Selbstrevolution mit eigener Hand am Schopf aus dem Sumpf seines Verhängnisses ziehen. Dieser moderne, ach so aufgeklärte Mythos von der Möglichkeit der Selbsterlösung scheint zeitgenössisch gut anzukommen, bei Esoterikern ebenso wie bei "kritischen" Theologen. Er leuchtet offenbar im Paradigma der Autonomie eher ein als die Erkenntnis von der total geschenkten, damit aber den Beschenkten absolut verbindlich angehenden Erlösung von Gott her. Die indessen bleibt theonomer Stolperstein, spiritueller Prüfstein.
Der vor drei Jahres gestorbene Wort-zum-Sonntag-Prediger Heiko Rohrbach beispielsweise hat das Konzept, "das Blut Jesu habe fließen müssen, um einen zornigen Gott mit der Welt zu versöhnen", unter die "biblischen Alpträume" gerechnet! Diese Opferideologie mache aus einem liebevollen Gott, der verlorengegangene Menschen sucht wie ein Hirte ein verlorenes Schaf, "einen blutgierigen Moloch". Wie leichtfertig wird hier der frommen Tradition der Abschied gegeben, für die es bei Jesu Sühneblut um ein "wundervoll hochheiliges Geschäfte" (Christian Fürchtegott Gellert) gegangen war.
Leichtfertiger Abschied
Und wie gründlich wird hier verkannt, dass die ausdrückliche Definition Gottes als "Liebe" im Neuen Testament, nämlich im 1. Johannesbrief (4, 8 und 16), sich exakt im Kontext der Rede vom Sühnetod Jesu ansiedelt: "Darin steht die Liebe: nicht, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsere Sünden." (4, 10; vgl. 1, 7 und 5, 6f) Hätte Rohrbach gründlich exegetisch reflektiert, müsste ihm deutlich geworden sein: Die Sühnopfer-Vorstellung lebt im Neuen Testament vom Hingabegedanken - und zwar dergestalt, dass nicht nur Jesus sich als Sühnopfer hingibt, sondern dass primär in ihm sich der Vater selbst als der seinen Sohn Hingebende erweist. Kurz: Gott ist das eigentliche Subjekt des sühnenden Opfergangs Jesu (Römer 3, 25; 2. Korinther 5, 18f; Kollosser 1, 20.22). Allenfalls sekundär erscheint er als dessen Objekt (Hebräer 9,14). Und selbst dann steht im Hintergrund die Präexistenz-Vorstellung, der zufolge derselbe Sohn, der mit seinem Blut den ewigen Bund besiegelt hat (13,20), der Schöpfungsmittler ist, durch den Gott die Welt gemacht hat (1,3).
Das die Sühne bewerkstelligende Opfer wird im Neuen Testament kaum je im heteronomen Sinn als eine Gabe aufgefasst, die den zornigen Gott beschwichtigen soll. Vielmehr wird genau diese religiös verbreitete, geradezu archetypische Vorstellung theonom aufgesprengt durch den merkwürdigen Subjektwechsel, demzufolge Gott selbst die ihm eigentlich geschuldete Sühne im Tod seines Sohnes ein für allemal auf sich nimmt. Nicht der Mensch muss oder darf ein Opfer leisten. Auch braucht er nicht ein ursprünglich dargebrachtes Selbstopfer der Gottheit mit seinen eigenen Mitteln zu wiederholen, um wieder in ein Verhältnis der Harmonie mit dem Heiligen zu kommen. Sondern er soll und darf dankbar anerkennen, dass Gott ihm in seiner Liebe längst zuvorgekommen ist.
In der vordersten Front der Aufklärer über den Nonsens des Kreuzes bewegt sich der Praktische Theologe Klaus-Peter Jörns mit seinen Büchern "Notwendige Abschiede" und "Lebensgaben Gottes feiern". Er wendet sich gegen jegliche Opferaussagen im Kontext der Hinrichtung Jesu. Während Luthers Rechtfertigungsbotschaft sich noch ganz auf Paulus gestützt habe, gelte es bei der Begründung der Botschaft von Gottes unbedingter Liebe heute, hinter Paulus zu Jesus zurückzugehen. Paulus sei es nur um Jesu Tod, nicht aber dessen Leben gegangen. Wir Heutigen aber hätten erkannt, dass Jesus Gottes Liebe nicht als Gnade, sondern als um ihrer selbst willen gültig verstanden habe. Für eben diese Verkündigung sei er am Kreuz hingerichtet worden - so der karge Rest Jörnscher Kreuzestheologie. Gott habe diesen Tod weder gewollt noch gebraucht.
Weder gebraucht noch gewollt
Diese Position ist von der des Nürnberger Pfarrers Claus Petersen nicht mehr allzu weit entfernt, der in seinem Buch "Die Botschaft Jesu vom Reich Gottes" die Ansicht vertritt, man könne vom "Reich Gottes" theoretisch auch unter kompletter Beiseitelassung der Person Jesu reden. Im Deutschen Pfarrerblatt hatte sich Petersen gegen jeden Versuch gewandt, "das Kreuz in irgendeiner Weise positiv als ein 'für uns' heilvolles ... Geschehen interpretieren zu wollen". Wie sollte man das auch können, wenn es - wie Petersen meint - keinerlei Leben nach dem Tod, keine Auferstehung gibt.
Wie Petersen argumentiert Jörns teilweise exegetisch: Die soteriologischen Deutungen des Todes Jesu im Neuen Testament verdankten sich dem Umstand, dass christologische Titel im Übergang zum hellenistisch geprägten Christentum Jesu Bedeutung in ursprünglich nicht intendierte Deutungssysteme transformiert hätten. Beim historischen Jesus habe es keine Spur von der Auffassung gegeben, Tod und Krankheit seien "der Sünde Sold". Im Gegensatz zu solcher "Kriminalisierung des Todes" beruhe umgekehrt die Sünde auf dem Bewusstsein unserer eigenen Sterblichkeit. Das Adam und Eva angekündigte Sterben sei keineswegs mit dem Anfang der "Erbsünde" in Verbindung zu bringen. Jesus habe dementsprechend auch keinen Gedanken der "Entsühnung" vertreten, sondern sich im Gegenteil von der jüdischen Opfertheologie getrennt. Vergebung habe er unkultisch praktiziert und so das "allgemeine Priestertum" begründet. Erst in der frühen Kirchengeschichte sei dann der Sühnopfergedanke auf das Abendmahl übertragen worden. Heutzutage könnten wir Jesu letztes Mahl nur noch im Sinne von "Gottes Lebensgaben" als Ackerfrüchte feiern.
Der katholische Theologe und Zen-Meister Willigis Jäger - ja, er hat kürzlich eine eigene Zen-Linie gegründet - verbreitet seinerseits eine prinzipielle Kritik an herkömmlicher Kreuzestheologie. Sein dem Neuplatonismus verwandtes Paradigma klingt für viele Zeitgenossen eingängig: "Gott offenbart sich im Baum als Baum, im Tier als Tier und im Menschen als Mensch. Er ist die Symphonie, die erklingt. Der Komponist steht nicht außerhalb und dirigiert. Er erklingt als diese Symphonie. Er ist ihre Musik, und alle Formen sind nur Noten. Was wir Gott nennen, erschafft sich Augenblick für Augenblick neu." Mit biblisch verantwortetem Denken ist solcher Monismus freilich nicht kompatibel - allenfalls um den Preis massiver Umdeutungen, die den christlichen Glauben von seinen Grundlagen entfremden.
Denn Jägers Weltanschauung vermischt programmatisch, was christliche Tradition von jeher unterschieden hat und stringent unterscheiden muss, will sie ihre Kernaussagen und deren Grammatik nicht preisgeben: Schöpfer und Schöpfung, Gottesnatur und Menschennatur, Gottesgeist und Menschengeist, Erlöser und Erlöste. Die biblischen Aussagen über Jesu Kommen als Christus, über seinen Kreuzestod und seine Auferstehung als Anfang universaler Erlösung werden im Rahmen des monistischen Paradigmas sinnlos - und daher uminterpretiert wie das mit ihnen zusammenhängende Menschen-, Welt- und Gottesbild insgesamt. Das zeigt sich etwa daran, dass Jäger die neutestamentlich zentrale, vor allem vom Apostel Paulus eingebrachte Versöhnungs- und Erlösungstheologie als "gewaltige Hypothek" abkanzelt.
Keine Religiösität
Wer so mit dem "Wort vom Kreuz" umgeht, lebt offenkundig keine Religiosität, die von jener wahren Weisheit Gottes inspiriert ist, wie sie Paulus zu Beginn des 1. Korintherbriefs anderen Weisheiten entgegenhält. Für Jäger ist die Welt nichts anderes "als die Erscheinung des Göttlichen" selbst. Deshalb versteht er auch Erlösung nicht als Überbrückung der Kluft von Schöpfer und sündiger, vergänglicher Schöpfung, sondern - eigentlich in gnostischer Tradition - als "Erwachen zum wahren Wesen". Autonomie in spiritueller Fasson.
Ach ja, das Wort vom Kreuz hat oft genug auch deswegen Ablehnung erfahren, weil es in der einen oder andern Weise verzerrt wurde. Ich meine jetzt nicht diejenigen Atheisten und Theologen, die seinen Sinngehalt simplifiziert und karikiert haben, um die Kreuzesbotschaft insgesamt über Bord zu werfen. Sondern ich denke etwa an Grübler wie Anselm von Canterbury, dessen mittelalterlich-germanische Fassung der Satisfaktionstheorie das Sterben des Gottmenschen in dinglicher Weise als Leistung zu verrechnen suchte. Es war bei Anselm das am Kreuz erbrachte "überschüssige" Verdienst, das den Glaubenden aus Gnade angerechnet wird. Derlei heteronome Kreuzestheologien sind bei näherer Betrachtung in der Tat zu verabschieden - oder besser: zurechtzurücken.
Paulus und Luther haben ihre theonome Kreuzestheologie anders grundgelegt. Demnach steht die neutestamentliche Rede vom Blut Christi für die von Gott selbst in seinem Sohn vollbrachte Hingabe am Kreuz. Diese Hingabe ist als von reiner Liebe motiviertes Geschehen zu verstehen: Sie bringt die göttliche Identifikation mit menschlicher Vergänglichkeit und Schuld so zum Ausdruck, dass sie zu dankbarer, befreiter Erwiderung solcher Liebe einlädt. Dieser Wahrheit in ihrer Tiefe und Dynamik nachzuspüren und sie entsprechend zu vermitteln, ist und bleibt die Aufgabe christlicher Theologie. Aller Dispens von solcher Mühe ist von einer im rechten Sinn aufgeklärten Gotteswissenschaft notwendig zu verabschieden.
LITERATUR
Werner Thiede: Der gekreuzigte Sinn: Eine trinitarische Theodizee. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2007, 272 Seiten, Euro 19,90.
Werner Thiede ist Theologieprofessor in Erlangen.
Erschienen in zeitzeichen April 04/2010.
Mehr zur Diskussion über das Sühnopfer in zeitzeichen März 2010:
- Für uns gestorben - War Christi Tod ein Sühnopfer?

