Prekäre Freiheit

Zwei Bücher zur Religion in der Gesellschaft
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Glaubensgemeinschaften als nützliche Ergänzung zur Politik - ein "Souveräntitätsparadox", weil nichts das Vertrauen garantiert, dass die politisch in ihre Grenzen verwiesene Religion für den Zusammenhalt in der politischen Gemeinschaft wirkt.

"Ohne Säkularisierung gibt es keinen Fundamentalismus", schreibt der Politologe Karsten Fischer, und so müs­se sich Religion und Politik aus eigenem Interesse dauerhaft arrangieren. Dies er­gebe schon ein Rückblick auf die "religionspolitische Reaktion auf krisenhaft empfundene Modernisierungsprozesse" in der Vergangenheit.

Doch Politik und Religion sind "schicksalhaft in sich verstrickt", auch wenn beide traditionell behaupten, kollektiv bindend zu entscheiden. "Soziologischer Größenwahn" verbinde sie, so Fischer. Im 16./17. Jahrhundert habe sich die Politik alleinige Zuständigkeit für ­politische Entscheidungen erkämpft, indem sie den Glaubensgemeinschaften erstmals einen abgetrennten Zuständigkeitsbereich im Glaubensleben zur freien Gestaltung zuerkannte - als nützliche Ergänzung zur Politik.

Souveräntitätsparadox

Ein "Souveränitätsparadox", weil nichts das Vertrauen garantiert, dass die politisch in ihre Grenzen verwiesene Religion im religionspolitischen Arrangement für den Zusammenhalt in der politischen Gemeinschaft wirkt. Eine andere Paradoxie der liberalen Ordnung ist, Freiheit durch die Herrschaft des Volkes - aber eben doch Herrschaft! - über sich selbst garantiert zu sehen. Fischer stellt "die Zukunftsfrage", unter welchen Bedingungen Glaubensgemeinschaften freiwillig bereit und in der Lage sind, religiös liberal den Vorrang demokratischer Entscheidungen gegenüber eigenen religiösen Wahrheitsansprüchen und konkurrierenden religiösen Überzeugungen zu akzeptieren.

Als Beispiel für liberale Religiosität als Ergänzung der Politik führt Fischer den evangelischen Theologen Ernst Troeltsch (1865-1923) an, nach dem Staat und Religion "zweierlei Souveränitäten" sind, die sich "nicht entbehren und auch nicht ertragen können - ein in seinem Wesen irrationales Verhältnis". Das Christentum sei "demokratisch und konservativ zugleich". Es solle, so Troeltsch, einen "Beitrag der christlichen Ethik zur politischen Ethik" liefern und nicht selbstherrlich eine christliche Ethik diktieren.

Als "Dekadenz" verzerren Fundamentalisten weltweit die durch die Begrenzung der Zuständigkeiten von Politik und Religion ermöglichten Freiheiten. Fischer empfiehlt, sich wie der Soziologe Raymond Aron in seinem Buch "Plädoyer für das dekadente Europa" zur liberalen politischen Ordnung zu bekennen, welche freie Lebensformen und nach Maßstäben der Privatmoral "amoralische" Politik ermöglichen kann. Zum Erhalt der liberalen Ordnung, die Glaubensgemeinschaften Freiheiten garantiert, sei es wichtig, die Sinnfüllung gängiger Begriffe nicht Gegnern zu überlassen und pauschal über "Dekadenz" zu klagen. Ein klar formuliertes Buch, das allen akademisch ausgebildeten Lesern zu empfehlen ist.

Abhängigkeit von der Kultur

Der Pariser Islamexperte Olivier Roy mißtraut den liberalen Fähigkeiten der Glaubensgemeinschaften. "Quelle der Gewalt" sei "die Dekulturation des Religiösen", mit anderen Worten "die Trennung von Kultur und Religion". Auch monotheistische Offenbarungsreligionen seien von der Kultur abhängig. In­dem Roy "die Entkoppelung von Reli­giösem und Kultur Kernelement der Re­formation" nennt, formuliert er einen Anfangsverdacht gegen evangelische Christen.

Der "Fundamentalismus", der religiöse Glaubensaussagen ungeachtet ihrer Verständlichkeit koste es, was es wol­le, als einzige Wahrheit sichtbar machen will, sei Folge der Globalisierung, der weltweiten Zirkulation religiöser Do­kumente und Überzeugungen, welche Spuren der Ursprungsreligionen verwischt und so in Richtung Relativismus wirkt. Als Beispiel führt Roy die "Glossolalie" der boomenden Pfingstler an, welche in ihrer Unverständlichkeit jeden Kontakt mit ihrer Umwelt leugnen.

Roys genialischer theoretischer Entwurf stützt sich, scheinbar einfältig, vor allem auf weltweit gesammelte Zeitungsartikel, für Roy "Anekdoten" über religiöse Entwicklungen. Wahllos hüpft das Buch von einem Land, von einer fundamentalistischen Gruppe zu nächsten. Roy nennt weder Kirchen mit akademisch qualifizierten Pfarrern und Geistlichen noch theologische Arbeiten wie die Troeltschs. Aber er kennt ein "jüdisches Osterfest".

Ob die Verlage beiden Büchern keine Leser wünschen? Durch den Verzicht auf Sach- und Namensregister erschweren sie die Nutzung leider sehr.

Carsten Fischer: Die Zukunft einer ­Provokation. Religion im ­liberalen Leben. Berlin University Press, Berlin 2009, 272 Seiten, Euro 39,90.

Olivier Roy: Heilige Einfalt. Über die politischen Gefahren entwurzelter ­Religionen. ­Siedler Verlag, München 2010, 329 Seiten, Euro 22,95.

Andreas Meier

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