Artistik der Worte

Frankfurter Poetikvorlesung: Was wir von Dichtern erwarten
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Durs Grünbein bietet einen dichten, zügig lesbaren, vor allem luziden Text. Lässig verzichtet der Dichter auf Gefunkel und Pose. Dafür lauern hinter jedem seiner gedruckten Sätze zehn weitere, erahnbare Sätze. Dieser Text siedet.

Es geht um Artistik. Gleich vorweg: Durs Grünbein bietet einen dichten, zügig lesbaren, vor allem luziden Text. Lässig verzichtet der Dichter auf Gefunkel und Pose. Dafür lauern hinter jedem seiner gedruckten Sätze zehn weitere, erahnbare Sätze. Dieser Text siedet.

Poetologien gehen den Fragen nach, wie ein Gedicht entsteht. Doch wie entsteht es? Lakonisch fast, dafür erfahrungssatt stellt der Dichter Grünbein fest: "Worauf es ... ankommt, ist die eine unbewachte Sekunde, der Moment der Eingebung, der sich niemals erzwingen lässt und doch alles entscheidet." Punktum. Die eine "unbewachte Sekunde"? Knapper, karger kann eine Poetologie als unmögliche Möglichkeit nicht beschrieben werden. Immer sind Einfälle, Phantasien, Träume, Bilder und was sonst zum Gedicht drängt, einer Theorie darüber weit, weit voraus.

Der Text siedet

Ist deshalb jede Poetologie nach dem letzten und vor dem nächsten Gedicht bereits überholt? Sind artistische Erwägungen also abwegig - wenn es denn auf die eine "unbewachte Sekunde" ankommt?

Keineswegs. Weil es in jedem Gedicht um den "Stellenwert der Wor­te" geht, ihr Gewicht, ihren Klang und Einbau, ihre Trägheit und Sprengkraft, um ihr Verführungs- und Helligkeitspotenzial, um eine den Worten eigene Faszination, die öffnet und schließt, die löst und zuweilen erlöst, die so etwas Jenseitiges wie Vollkommenheit erschütternd diesseitig macht und sinnlich spürbar. Das - und noch viel mehr - kann ein Gedicht.

Grünbeins artistische Theorie ist selbst hochrangige Kunst. Es geht ums Wägen der subjektiven poetischen Antriebe, die eigene Erfahrung und Praxis. Es geht, nochmals mit Benn, um "Helligkeit, Wurf, Gaya ..." Mit einem "Geräusch" begann es: "Beim Herumstromern geschah es, dass vor mir aus einem der kümmerlichen Felder eine Taube aufschoss, in so unmittelbarer Nähe, dass mir das Geräusch ihrer Flügel förmlich ins Gesicht sprang." Die Wahrnehmung dieses Moments von "epiphanischer Qualität" lockte Grünbein zum Schreiben.

Experimentalräume

"Wah­re Protektoren" wie der Dramatiker Heiner Müller halfen ihm in die Spur. Lyrische Ahnen ließen ihn reifen. Friedrich Hölderlin, Novalis, Annette von Dros­te-Hülshoff, Jakob von Hoddis, Georg Trakl und schließlich Gottfried Benn, der bei ihm "Schwindelgefühle" hervorrief. Bei Benn fand er "eine ganz neue lyrische Welt begründet". Und Charles Baudelaires Satz grub sich ein: "Im Wort liegt etwas Heiliges, das uns verbietet, mit ihm ein Zufallsspiel zu treiben."

Lange noch wird der Dichter in artistischen Experimentalräumen umherstreifen. Das Zeug zu betörenden Zauberworten hat er. Noch ist er nicht bei Benns am Ende traumwandlerisch vollendenter, magisch-enigmatischer Genialität. Aber längst schon streift Grünbein hoch und höher ins artistische Gebirge. "Was wir von den Dichtern wollen, sind die Zeichen, die leuchtenden, brennenden, ätzenden, lieblichen Zeichen, die sie aus ihren Träumen gewinnen", wünscht sich der Schweizer Germanist Peter von Matt - und viele mit ihm.

Durs Grünbein: Vom Stellenwert der Worte. edition suhrkamp, Berlin 2010, 59 Seiten. Euro 7,-.

Harald M. Nehb

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