Herzklopfen, Freude, Unsicherheit

Keine Heimkehr: Als Praktikantin in einem indischen Kinderheim
Das Heim in Chennai: Kein Spielzeug zu sehen. (Foto: Angela Moll)
Das Heim in Chennai: Kein Spielzeug zu sehen. (Foto: Angela Moll)
Sie ist Deutsche, aufgewachsen in Deutschland - geboren aber wurde sie in Indien: Angela Moll (Name von der Redaktion geändert). Die ersten Jahre ihres Lebens verbrachte sie in einem indischen Waisenhaus. Nun absolvierte sie ein Praktikum in einem Kinderheim in Indien. Für sie eine erschütternde Erfahrung.

Ein kleines Grundstück mitten in der Millionenstadt Chennai in Südindien, 4,6 Millionen Einwohner, im Bundestaat Tamil Nadu. Etwa zwanzig dunkelhaarige Mädchen tummeln sich auf dem umzäunten Innenhof. Einige spielen Fangen, manche sitzen einfach da und beobachten die anderen. Nur wenige nähern sich dem Wachmann mit seinem Hund am Eingangstor. Rund um die Uhr sitzt er da und passt auf, dass keines der Kinder entwischt.

Nach einer halben Stunde kommt eine müde, beinahe teilnahmslos wirkende Betreuerin und bringt alle in einen dunkelgrün gestrichenen Raum mit kleinen Fenstern. Hier stehen Gitterbetten dicht an dicht. Aber bis Schlafenszeit ist bleiben die Mädchen erstmal sich selbst überlassen.

Das ist Alltag in dem seit den Achtzigerjahren bestehenden Kinderheim. Der Alltag, wie ihn Angela aus Köln schildert, die dort von Oktober 2007 bis Januar 2008 als Volontärin arbeitete. Was sie dort erlebt hat, empörte sie, und sie gibt die Schuld für das, was sie sah, hauptsächlich der Heimleiterin: "Die Erinnerun­gen an die herzlose Leiterin und an die hilflosen Blicke der Kinder sind so stark, dass sie mir wie Bilder vor Augen ablaufen."

Die 28-jährige ist geborene Inderin und war als Findelkind in einem Heim in Kumbakonam, auch in Tamil Nadu, untergebracht. Von Eltern und Verwandtschaft keine Spur. 1983 wurde das Baby von einem deutschen Ehepaar aus Köln für rund zehntausend D-Mark adoptiert. So ist Angela mit der deutschen Kultur aufgewachsen, wurde christlich erzogen und ging den deutschen Bildungsweg. Zu ihren Eltern sagt sie Ma­ma und Papa. Nur ihre Hautfarbe lässt auf ihre indischen Wurzeln schließen. Dabei hat sie bis zu ihrem 25. Lebensjahr von ihrem Geburtsland kaum eine Ahnung.

Aber nach einigen Studiensemestern Soziale Arbeit in Münster beschloss sie, ein Praktikum in Indien zu machen: "Immer habe ich erzählt, dass ich in Indien geboren bin, dabei wusste ich nichts über Indien. Das wollte ich ändern. Außerdem wollte ich wissen, ob es das Heim noch gibt, in dem ich mein erstes Lebensjahr verbracht habe."

Über eine Studienfreundin wurde sie an das Kinderheim vermittelt. Dort war sie die einzige deutsche Volontärin, zwei junge Frauen kamen aus den USA. "Die Leute aus Amerika werden genommen, weil sie Geld mitbringen und dann auch viele Haushaltssachen für das Heim bezahlen", erklärt Angela. "Dass ich als Deutsche dort arbeiten durfte, war eine absolute Ausnahme. Die Heimleiterin dachte wahrscheinlich, sie kann Werbung mit mir machen, weil ich selbst ein adoptiertes Waisenmädchen bin."

Die Heimleiterin. Wenn Angela von ihr erzählt, kommt schlagartig ein harter Ton in ihre sonst so zarte Stimme. Sie beschreibt die Leiterin als "verbittert, geldgierig, egoistisch und heuchlerisch". Bereits nach den ersten drei Arbeitstagen war Angela mit der Inderin Mitte fünfzig aneinander geraten. Sie war für den Schulunterricht eingeteilt. Die Lernbedingungen für die Kinder, teils Mädchen aus dem Heim, teils Kinder von außerhalb, schockierten die Studentin: Vier Klassen waren in einem Raum versammelt. Insgesamt hundert Kinder und vier Lehrerinnen direkt nebeneinander. "Das war ein unendliches Chaos", beschreibt sie. "Unterricht bedeutet dort vorsagen und laut nachplappern. Manchmal wiederholten sogar die Schüler der Nachbarlehrerin vorgesprochenen Satz der Lehrerin für die Nachbargruppe. Wie sollen sich die Kleinen denn da konzentrieren?"

Angela wollte ein Unterrichtskonzept mit Fürsorge. Also setzte sie sich zu jedem, ließ alle einzeln auf Englisch zählen und einfache Sätze formulieren. Die Reaktion der Leiterin: sofortiges Lehrverbot. "Es war wohl nicht erwünscht, dass ich meine Ideen einbringe", kommentiert Angela.Schnell stand für sie fest: Der Umgang mit den Waisen war für sie alles andere als "liebevoll" - wie die Beschreibung auf der Homepage des Kinderheims propagiert.

Die Kinder durften kaum hinaus, die Kleinen bekamen keine Windeln, das vorhandene Spielzeug war in Vitrinen eingeschlossen, die behinderten Kinder (etwa 70 Prozent) waren fast den ganzen Tag sich selbst überlassen. Ein Arzt kam alle zwei Wochen für dreißig Minuten vorbei - obwohl viele Kinder Infektionen und Läuse hatten. Dreimal täglich gab es Reis mit ein paar Zwiebeln. "Wir Volunteers haben ab und zu Fleisch und immer Obst bekommen. Die Heimleiterin und ihre bereits erwachsene Tochter essen und leben natürlich im Luxus. Man merkt, dass die Waisenkinder dort zur untersten Kaste gehören", sagt Angela. "Dass das Kastensystem offiziell abgeschafft ist, interessiert niemanden."

Nur in die Säuglinge wird Milch und Pflege investiert. Denn sie erwecken das größte Interesse bei Adoptiveltern und versprechen zur Einnahmequelle zu werden. Durchschnittlich werden sechs von zehn Babys adoptiert. Sie bekommen, wie einst Angela, die Chance auf ein neues besseres Leben. Für die Schwersttraumatisierten und Kranken sieht es jedoch trostlos aus. "Sie vegetieren im Heim vor sich hin bis sie erwachsen sind, dann werden sie meistens verheiratet. Die sind dort einfach nur eine Nummer."

Selbstverständlich dachte die junge Frau an die allgemein bekannten Statistiken über diese Dritt-Welt-Demokratie: Von etwa 17 Millionen Kindern, die in Indien jedes Jahr zur Welt kommen, sterben 2,1 Millionen bevor sie das fünfte Lebensjahr erreicht haben. UNICEF-Zahlen belegen, dass 99 von tausend Neugeborenen nicht einmal die ersten zwölf Monate überleben. Vor allem auf dem Land, wo dreiviertel der Menschen wohnen, ist die sanitäre und medizinische Versorgung so schlecht, dass ungezählte Kinder an Infektionen wie Masern oder Tetanus erkranken. Andere leiden an alarmierender Unterernährung. In Großstädten wie Bombay und Kalkutta leben viele Kinder in Slums oder ganz auf der Straße.

Von hundert Mädchen und Jungen schließen trotz allgemeiner Schulpflicht nur 25 die Grundschule ab, weil einige schon ab sechs Jahren in Teppichwerkstätten, Steinbrüchen oder Wäschereien arbeiten. Das Arbeitsverbot für Kinder unter vierzehn interessiert keine verarmte Großfamilie, die irgendwie über die Runden kommen muss. Mädchen sind ohnehin in der Regel die Opfer der Nation. Sie werden vielerorts von der Bildung ausgeschlossen und sind den Eltern aufgrund der traditionellen Hochzeitsmitgift zu teuer. Also ist nicht verwunderlich, dass weibliche Föten gezielt abgetrieben werden und erst ein paar Wochen alte Mädchen lebendig in einen Beutel gesteckt am Baum eines Straßenrandes hängen. Vielleicht kann man sagen, die Heimkinder sollen froh sein, überhaupt ein Dach über dem Kopf, ein Bett und Essen zu haben, wenn man die katastrophalen Zustände der Straßen- und Slumkids sieht," räumt Angela ein.

Nachdem ihr das Unterrichten untersagt wurde, widmete sich Angela besonders den Kleinkindern: Sie spielte und scherzte mit Ihnen, fütterte sie, wischte die ständig überall im Zimmer verteilten "Pippi-Lachen" weg, brachte die Mädchen zu Bett. Aber das reichte ihr nicht, denn sie wollte etwas verändern. Erst versuchte sie mit den beiden festen Betreuern zu reden, die studierte Sozialarbeiter waren. "Sie wissen, dass es anders gehen würde. Aber sie haben schlicht und einfach Angst vor der Leiterin und wollen ihren Job nicht verlieren." Angela schlug ihrer Chefin vor, das Kinderzimmer zu streichen- in Gelbtönen, damit es heller wird. Die lehnte ab: Es sei kein Geld dafür da. Angela gab nicht auf: Über E-Mails animierte sie Freunde zu Spenden und bekam fünfhundert Euro zusammen. Jetzt hatte sie das Geld für die Wandfarbe. Trotzdem wurde sie zurückgewiesen - die Kinder würden ja doch alles dreckig machen. Angelas Wut wuchs.

Weihnachten organisierte sie mit den anderen beiden Praktikantinnen eine Bescherung für die Kinder. Jedes bekam ein kleines Geschenk. "Sie haben sich riesig gefreut! Plötzlich kam die Leiterin wie eine Furie über den Hof gerannt und fragte schreiend, ob wir spinnen. Ich habe sie ausgelacht und zurückgeschrien: 'Nicht wir spinnen, Sie spinnen!' - Innerhalb von zwei Tagen durfte ich meine Sachen packen."

Aber vorher sollte Angela noch an einem Empfang für eine Hilfsorganisa­tion teilnehmen. Zu diesem Anlass bekamen alle Kinder frische Kleidung, das Spielzeug wurde aus der Vitrine geholt und für die Praktikantinnen gab es einheitliche Saris. "Das ist die die reinste Täuschung, alles Vorspiegelung - und das Schlimme ist: Sämtliche Hilfsorganisationen fallen darauf rein. Sie sollten mal unangekündigt vorbeikommen. Ich jedenfalls habe meinen Sari nicht angezogen, sondern kam in Jeans und T-Shirt. Gekündigt hatte sie mir ja schon."

Sie nahm die letzten - verächtlichen? - Blicke ihrer Chefin hin und verließ das Heim, mit traurigem Herzen, denn sie hatte ihre Schützlinge lieb gewonnen und konnte jetzt nicht mehr für sie da sein.

Noch aber spürte sie eine große Neugier auf den Ort, an dem sie vor 25 Jahren als Findelkind aufgenommen wurde. Nach 270 Kilometern Bus-, Bahn- und Wanderreise stand sie vor dem besagten Gebäude in Kumbakonam. Das Heim war mittlerweile ein Krankenhaus. "Es war trotzdem ein unbeschreibliches Gefühl: Herzklopfen, Freude, Unsicherheit." Eine Akte, die dokumentierte, dass das Baby Angela existierte, gab es hier nicht, und natürlich auch keine Hinweise auf ihre leiblichen Eltern. Das ist ihr bis heute auch nicht wichtig.

Seit dem Aufenthalt in Indien ist ihr klar, wie sehr ihre eigenen Vorstellungen sie von dieser Welt trennen. Sie möchte mit keiner jungen Frau in Indien tauschen. "Ich bin dankbar, von so liebevollen Menschen adoptiert worden zu sein." Das ist ihr Resümee, was sie selbst betrifft.

Mit den Zuständen in Chennai kann sie sich immer noch nicht abfinden. Immerhin, eins hat sie erfahren, als sie wieder in Deutschland war: Das Kinderzimmer hat inzwischen eine neue Farbe erhalten, hellblau. Und auch die Hausfassade wurde gestrichen, in gelb.

Diana Schild

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