Verhext

Eine Sommer-Beziehungsgeschichte
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Mosebach pfelgt seinen eigenen Ton, nicht wienerisch, sondern frankfurterisch-gutbürgerlich, und wenn er mit einem kleinen Hautgout von Altfränkischem spielt, kann das fast so etwas wie einen Verfremdungseffekt hervorrufen.

Ein junges Ehepaar will - muss - nach Frankfurt am Main ziehen. Er hat da einen Job bei einer Bank, jeden Morgen heißt es: antreten, in Bankangestellten-Uniform (Anzug und Krawatte) und sich in die Kumpelei der Bankkameraden einfügen. Letzteres fällt ihm nicht schwer, er versteht es, sich einzurichten.

Vorerst gilt es aber, eine Wohnung zu finden, was allein seine Aufgabe ist, denn seine junge, schöne, man möchte sagen: holdselige Frau fährt - ein letztes Mal? - mit ihrer Mutter in Urlaub - einer Mutter, deren krasse Ichbezogenheit gar nicht anders kann, als ihre Tochter, wie alle Personen ihres Wirkkreises, zu vereinnahmen und in wohlwollender Sklaverei zu halten. Das Töchterchen scheint dies feengleich-gleichmütig hinzunehmen - noch, denn jetzt scheint sie ja auf dem besten Wege, sich zu emanzipieren, den Ehestand als Vehikel benutzend.

Der junge Mann findet eine Wohnung in einem Altbau am Basler Platz, keine feine Gegend, das Rotlichtviertel in der Nähe. Das Haus erweist sich als ein Biotop, dominiert von dem Hausmeister mit arabischem Namen, der in Macho-Selbstgewissheit immer mal wieder die Grenzen zur Zudringlichkeit überschreitet. Er betreibt einen Kiosk zur Straße hinaus und bewirtet am Abend Gäste im Innenhof - immer dieselben bunte Vögel darunter, den Trinker, der verdientermaßen Statist bleibt, oder die alte hagere Dame am Nebentisch, ganz buchstäblich bunt, nämlich immer papageienhaft gekleidet. Sie scheut sich nicht, dem allzu dominanten Majordomus über den Mund zu fahren, und wird noch eine wichtige Rolle spielen.

Multikulturalitäten der Stadt

Mosebach gehört zu den bekennenden Verehrern Heimito von Doderers (und ist Heimito-von-Doderer-Preisträger des Jahres 1999). Wer Doderer schätzt, wird Mosebach immer wieder auf die eine oder andere an den Wiener Meister erinnernde Manier und Schliche kommen; etwa, wenn Mosebach Interieurs - der Wohnung etwa oder des Innenhofes - als Räume ausmalt, die Befindlichkeit und Ausdruck der auftretenden Personen atmosphärisch prägen und spiegeln, oder wenn er Wetter-Wolken-Hitze, Naturphänomene also, ebenso kunstvoll zu Möblierungen des seelischen Innenraumes der Protagonisten macht.

Dabei pflegt Mosebach seinen eigenen Ton, nicht wienerisch, sondern frankfurterisch-gutbürgerlich, und wenn er mit einem kleinen Hautgout von Altfränkischem spielt, kann das fast so etwas wie einen Verfremdungseffekt hervorrufen, etwa, wenn die Multikulturalitäten der Stadt in diesem Fonds serviert werden.

Aber zurück zur Handlung. Die endlich zurückgekehrte Fee fühlt sich in dem vom geliebten Gatten gewählten Gehäuse unwohl, ja geradezu verhext. Sie verheddert sich zunehmend in diesem - nur seelischen oder real schadenszaubrischen? - Bann, ohne sich ihrem Mann eröffnen zu können. Der ist eigentlich ein Positiv-Nehmer und als solcher ein potenzieller Apperzeptionsverweigerer. Als solcher spürt er nur diffus die zunehmende Entfremdung, bleibt aber nun abends immer länger im Innenhof, um mit den anderen zu quatschen.

Gern auch mit dem Ehepaar, das unter ihm wohnt. Er: ein Intellektueller, der seine mildzynische Sicht der Dinge gern mit den Mitteln einer gleichermaßen kommoden wie auch mitteilungsfrohen Ironie expliziert; sie: viel jünger als er, Bühnenschauspielerin, attraktiv, auf den jungen Mann eine befremdlich-magnetische Erotik ausstrahlend. Vor der verblasst die, die er bei seiner Frau schätzt, nämlich eine gleichsam geschwisterlich-einvernehmliche, doch oh­­ne jede inzestuöse Verruchtheit.

Von Seiten der doch immerhin noch Fremden weht es ihn also heftig an, und dies noch bevor es ihm ins Bewusstsein dringt. Als er von dem Ehepaar in dessen Wohnung eingeladen wird, wird's virulent. Doch was da nicht ausbleibt, wird hier nicht verraten, nur so viel sei gesagt: Ein verschwundener Ehering spielt eine Rolle und ein gefundener, ganz anderer, auch, die junge Fee treibt es schließlich hinaus aus Wohnung und Haus, ihre Nervenkrise führt sie an einen äußersten Rand - ob auch darüber hinaus, bleibe hier im Dunkeln.

Bis an den äußersten Rand

Mosebachs Prosa hält immer eine dezente Distanz zum Gegenstand und ihren Personen, sie setzt nirgends darauf, den Leser in den Mahlstrom irgendeiner Spannung zu saugen, lässt ihm gleichsam lässig die Möglichkeit, über das, an dem er lesend teilhat, ebenso nachzudenken wie über seine eigenen Reaktionen. Das macht ihren Reiz aus und bezeichnet zugleich die Grenzen, die sie vor einer Allerweltspopularität bewahrt.

Erwähnt sei noch, dass - im Buch - die ganze Zeit eine Hitzeglocke über der Stadt lastet, ganz wie in der Realität im gegenwärtigen Jahr. Nicht nur deshalb lässt sich das Buch (es zählt zu Mosebachs schmaleren Schriften) als leichter Sommerroman am Strand oder in Erinnerung an diesen lesen. Im Grunde handelt es sich um eine Novelle mit einem "außerordentlichen Ereignis" im Zentrum.

Der Rezensent hätte es nicht unelegant gefunden, wenn der Autor sich mit einem offenen Ende begnügt hätte - just an der Stelle, wo dem jungen Ehemann eine leere Bierflasche über den Schädel gezogen wird - und sich den Ein- und Ausblick in das künftige Leben des Paares erspart hätte: der nämlich lässt stocken, was in der Phantasie des Lesers in Fluss geraten war. Wer neugierig geworden ist, mag es selbst überprüfen.

Martin Mosebach: Der Mond und das Mädchen. Deutscher Taschenbuch­verlag, München 2010, 192 Seiten, Euro 9,90.

Helmut Kremers

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