Bei Pinochet

Erinnerung eines Lutheraners
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Wie viele seiner Kollegen weigerte sich der frühere deutsche Propst und Kirchenpräsident der Lutheraner, Helmut Frenz jedoch, der organisierten Gewalt gegen politisch Andersdenkende tatenlos zuzusehen.

Manche Wunden der Vergangenheit sind sichtbarer als andere. Die Tatsache, dass es in Chile noch heute zwei lutherische Kirchen gibt, ist offenkundiges Ergebnis der Konflikte, die zur Zeit der Militärregierung unter Augusto Pinochet aufflammten. Als der frühere deutsche Propst und Kirchenpräsident der Lutheraner, Helmut Frenz, vor vier Jahren seine Erinnerungen auf Spanisch veröffentlichte, reagierten viele deutschstämmige Lutheraner noch immer empört. Damit war Frenz erneut zum Zentrum von Auseinandersetzungen geworden. Es war sein menschenrechtliches Engagement, das nach dem Militärputsch 1973 zur Krise in der eigenen Kirche führte. Vor allem die deutschen Gemeinden, deren Mitglieder aus der ökonomischen Oberschicht stammten, unterstützten die Militärregierung und erwarteten von ihren Pfarrern ein vermeintlich unpolitisches, faktisch regierungsfreundliches Verhalten. Wie viele seiner Kollegen weigerte sich Frenz jedoch, der organisierten Gewalt gegen politisch Andersdenkende tatenlos zuzusehen. Er leitete in ökumenischer Verbundenheit organisierte Hilfe für zahlreiche Verfolgte ein und informierte auch im Ausland über die in Chile begangenen Verbrechen.

2010 sind Frenz Erinnerungen endlich auch in deutscher Sprache erschienen. Darin schildert er die seit den Sechzigerjahren zunehmenden politischen und sozialen Spannungen aus der Sicht eines deutschen Gemeindepastors und Propstes. Die Darstellung der Gründung verschiedener Komitees zur Rettung von Verfolgten wird durch zahlreiche Episoden ergänzt, bei denen Flüchtlinge teilweise unter Lebensgefahr in ausländischen Botschaften untergebracht wer­den mussten.

Frenz Erzählungen laufen schließlich auf zwei Höhepunkte zu: Einem persönlichen Treffen mit General Augusto Pinochet, in dem dieser die Folter rechtfertigte - eine Aussage, die rund dreißig Jahre später in den spanischen Prozessen gegen den Diktator einen hohen Wert erhielt. Zum anderen gibt er der Darstellung der lutherischen Synode in Santiago viel Raum, in der es ihm mit einer ausführlichen Auslegung des Gottesknechtsliedes aus dem Buch Jesaja gelang, die Mehrheit der Synodalen von der Notwendigkeit eines menschenrechtlichen Engagements zu überzeugen.

Der lutherische Burgfriede währte freilich nicht lange: In den Jahren 1974 und 1975 kam es schließlich zur Kirchenspaltung. Der überwiegende Teil der deutschsprachigen Gemeinden gründete einen eigenen Kirchenverbund, so dass bis heute zwei lutherische Kirchen in Chile existieren. Frenz selbst wurde im Jahr 1975 das chilenische Aufenthaltsrecht entzogen. Bei den vorliegenden Erinnerungen handelt es sich um ein typisches Stück Gedächtniskultur - mit den damit verbundenen Merkmalen: Manche Erzählungen und Zeitzeugenberichte stehen auch innerhalb des Buches nicht spannungsfrei nebeneinander. Vielen Berichten ist zudem anzumerken, dass sie aus gegenwärtiger Sicht verfasst worden sind und manche Ereignisse nur ausschnittweise darstellen können.

Trotz dieser gattungstypischen Probleme ist der vorgelegte Rückblick kurzweilig zu lesen und stellt einen wichtigen Beitrag zur evangelischen Erinnerungskultur in Südamerika dar: Denn obwohl das Schicksal der Chilenen nach dem Sturz Allendes auch die lutherische Weltöffentlichkeit stark beschäftigte, ist die Literatur im Blick auf die genannte Kirchenspaltung äußerst überschaubar. In diese Lücke treten nun die Memoiren des früheren Kirchenpräsidenten, dessen couragiertes und theologisch begründetes Handeln unter enormem Druck noch heute Vorbildcharakter hat.

Helmut Frenz: ... und ich ­weiche nicht zurück. Chile zwischen Allende und Pinochet. Verlag des Gustav Adolf Werkes, Leipzig 2010, 336 Seiten, Euro 12,-.

Daniel Lenski

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