Reform ist möglich!

Überlegungen eines Bischofs zu einer Theologie des Reformprozesses
EIne Kirche der Freiheit ermöglicht Krea­tivität: "Go-special-Gottesdienst" in der Andreas-Gemeinde in Niederhöchstadt. Foto: epd/Norbert Neetz
EIne Kirche der Freiheit ermöglicht Krea­tivität: "Go-special-Gottesdienst" in der Andreas-Gemeinde in Niederhöchstadt. Foto: epd/Norbert Neetz
"Reformmüdigkeit oder gar ein Reform-Moratorium können wir uns nicht leisten. Jetzt schlapp zu machen, würde heißen, bald doppelt harte Rückschläge hinnehmen zu müssen", meint Markus Dröge, Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Auf dem Weg weiter voran aber gelte es, sich auf das evangelische Kirchenverständnis zu besinnen.

"Es gibt unzählige Möglichkeiten, ei­nem Leser gleich zu Beginn eines Textes sämtliche Lust am Weiterlesen zu nehmen. Eine bewährte Methode ist es zum Beispiel, ein Wort zu verwenden, dessen schon einmalige Verwendung zu leichtem Sodbrennen führt. Reform zum Beispiel." (Wolf Lotter)

Ein gewisses Sodbrennen begleitet zurzeit die Reformbemühungen in den evangelischen Landeskirchen. Reformmüdigkeit droht sich breit zu machen. Und die Sehnsucht nach einem Reform-Moratorium wird hier und da offen artikuliert. Oder aber es leben romantisierende Kirchenbilder auf, die die Realitäten der Haushaltspläne, der sinkenden Gemeindegliederzahlen und des finanzierbaren Personaltableaus ausblenden. Und ob die alte, aber jüngst neu aufgeflammte Debatte "traditionelle Gemeindeparochie versus neue Gemeindeformen" wirklich weiterhilft, darf bezweifelt werden.

Wer verantwortlich nach der Zukunft der evangelischen Kirche fragt, wird sich angesichts der demographischen, der finanziellen und der geistlichen Herausforderungen weder mit ei­nem Reform-Moratorium noch mit realitätsferner, doketischer Ekklesiologie oder fruchtlosen Strukturdebatten aufhalten können. Was Not tut, ist ein klarer Blick auf die Realitäten, verbunden mit einer kritischen theologischen Besinnung.

Kritik an den Reformprozessen

Zu einer solchen Besinnung gehört es, berechtigte Kritik an den Reformprozessen aufmerksam wahrzunehmen. In meinem ersten Amtsjahr als Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz ist mir in Kreissynoden, Pfarrkonventen und Gemeindekirchenräten einerseits eine ho­he grundsätzliche Akzeptanz des Perspektivprogramms "Salz der Erde" begegnet, mit dem meine Landeskirche im Jahr 2007 die Anregungen von "Kirche der Freiheit" übersetzt hat. Eine Evaluation hat dies nun empirisch belegt. Andererseits werden aber deutlich kritische Fragen geäußert: Sind die bisher angestoßenen Reformprozesse tatsächlich Re­formen im reformatorischen Sinne? Nimmt der Reformprozess die gemeindliche Ebene wirklich ernst? Gelingt es, "die Hoffnung des Glaubens in die Formulierung von Zielen" ("Salz der Erde", S. 6) umzusetzen? Oder wirken die sehr konkret formulierten Reformziele nicht eher kreativitätshemmend?

Die Frage, von welcher Hoffnung die Reformprogramme leben, wird auch in der wissenschaftlichen Theologie gestellt. So bemerkt Ulrich H. J. Körtner, im Vergleich mit den kirchlichen Reformbemühungen der Sechzigerjahre, dass heute nicht mehr im gleichen Ma­ße an einem "theologisch gefüllten Zukunftsverständnis gearbeitet" werde. Vielmehr sei "der Zukunftsbegriff gegenwärtiger kirchlicher Strategiepapiere in starkem Maße von einem organisationspragmatischen Kontext geprägt". (in: Kirche und Gemeinde in Zeiten des Umbruchs. Ev. Theologie Bd. 6, 2010, Seite 425)

Und Jan Hermelink kritisiert, dass die Kirchenleitungen "vor allem nach der Zukunft der Institution Kirche fragen" und "den "Hinweis auf die Zukunft des Erhöhten ... stets rasch ... in die Formulierung kirchlicher ‚Verantwortung‘ oder zukünftiger ‚Aufgaben‘" transformieren. ("Die ‚Zukunft‘ der kirchlichen Organisation", in: Ulrich H. J. Körtner, Die Gegenwart der Zukunft. 2008, Seite 91). Die Sorge um Grund und Ziel der Hoffnung schwingt auch in den Worten von Bischof Axel Noack mit: "Glaube und Theologie argumentieren ... nicht auf ein Ziel hin, sondern von einem Grunde her. ... Wenn dieser Grund schwankend wird, dann helfen uns alle Visionen nicht weiter. Manchmal habe ich den leisen Verdacht, in unserer Kirche kümmern wir uns viel zu sehr um das, was einmal sein könnte, sein sollte oder sein müsste und viel zu wenig um das, was eigentlich ist und worauf unsere Hoffnung beruht ..."

Der Grund unserer Hoffnung

Grundlagen evangelischen Kirchenverständnisses. Angesichts dieser Stimmungslage muss an die Grundlage des evangelischen Kirchenverständnisses er­­innert werden. Worauf beruht die Hoffnung für die Kirche? Evangelische Ekklesiologie unterscheidet zwischen den Kennzeichen und den Eigenschaften der Kirche. Die Kennzeichen der Kirche sind gemäß des Augsburger Bekenntnisses (Artikel 7) Wort und Sakrament. Sie bringen aber noch nicht den Grund unserer Hoffnung zum Ausdruck, sondern bestimmen lediglich, wo wir diese Hoffnung gewinnen können: im Hören auf das Wort und im Feiern der Sakramente.

Erst die Eigenschaften, die wir im ­Nizänischen Glaubensbekenntnis beschrieben finden, bezeichnen das Wesen der Kirche und damit den Grund der Hoffnung: Wir glauben an die eine heilige, katholische und apostolische Kirche. Die Eigenschaften bezeichnen, "was eigentlich ist und worauf unsere Hoffnung beruht" (Axel Noack). Sie erinnern an das, was der Kirche schon gegeben ist, bevor wir beginnen, unsere Leitbilder und organisationspragmatischen Zielformulierungen zu entwickeln. Wer von der Barmer Theologischen Erklärung her denkt, kann diese Eigenschaften der Kirche nicht statisch verstehen. Er muss sie vom auferstandenen Christus her interpretieren, der "in Wort und Sakrament durch den Heiligen Geist als der Herr gegenwärtig" in der Kirche handelt (Barmer Theologische Erklärung, These III). So eröffnet sich ein dynamisches Verständnis: Durch den Heiligen Geist wirkt der Auferstandene vielfältig. Er schenkt der Kirche immer neu ihre Einheit, Heiligkeit, Katholizität und Apostolizität.

Einheit der Kirche

Wenn wir an die Einheit der Kirche glauben, dann vertrauen wir darauf, dass der auferstandene Christus seinen Geist als Kraft der Versöhnung sendet und damit die Einheit stiftet, die nach Galater 3, 28 ethnische, soziale und geschlechtliche Gegensätze zu vereinen weiß: "Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus." Wenn wir an die Heiligkeit der Kirche glauben, so erwarten wir, dass der Geist des Auferstandenen als Kraft der Rechtfertigung des Sünders wirkt. Diese Kraft ist überall erfahrbar, wo Menschen in Wort und Sakrament, die Befreiung von sich selbst erleben, wo das in sich selbst verkrümmte Herz (cor incurvatum in se ipsum, Augustinus) sich öffnet für Gott und den Nächsten.

Die geglaubte Katholizität der Kirche darf nicht nur räumlich oder als eine prinzipielle Offenheit für die ganze Welt ("katholisch" - allgemein, alles umfassend) verstanden werden. Vom Auferstandenen her ist es die Herrschaft Christi selbst, die "katholisch" ist: sein alles umfassendes kommendes Reich, in dem die Verheißungen erfüllt werden, die Gott an Israel gegeben hat. Und die Apostolizität ist nicht nur die formale Rückbindung des kirchlichen Tuns an das apostolische Zeugnis. Wer sich auf die Apostel beruft, die sich vom Auferstandenen gesandt wussten, muss sich in gleicher Weise vom Auferstandenen senden lassen. Die Apostolizität der Kirche begründet das Apostolat der Kirche: vom auferstandenen Christus in die Welt gesandt. Das ist der Grund, der uns geschenkt ist. Wenn wir uns zu dieser Kirche bekennen, bekennen wir uns zum Auferstandenen und seiner Herrschaft. Und weil der Auferstandene eine Zukunft hat, hat auch unsere Kirche eine Zukunft, wenn und soweit sie sich an diese Kraftquelle anschließt.

Gleichnisfähige Leitbilder und Ziele.

Die "Hoffnung des Glaubens in die Formulierung von Zielen" ("Salz der Erde") umzusetzen - wenn dies gelingen soll, dann müssen die Leitbilder, die wir zeichnen, und die Ziele, die wir uns setzen, ihre Kraft aus dem gewinnen, was der Kirche schon von ihrem Herrn gegeben ist, noch bevor wir organisationspragmatisch tätig werden. Eine Kirche, die an die einigende Kraft des Auferstandenen glaubt, muss Leitbilder entwickeln, die deutlich machen, dass im Glauben an Christus Gegensätze versöhnt werden können. Trotz aller Unterschiede und Konflikte in der Kirche geht es um den einen Leib und den einen Geist. Es geht um die Bereitschaft, sich trotz aller Differenzen für gemeinsame Ziele einzusetzen. Leitbilder, die wir entwerfen, müssen deshalb erkennbar machen, dass wir eine Kirche sind, die die Versöhnung als Leitvorstellung ernst nimmt.

Eine Kirche, die an die rechtfertigende Kraft des Auferstandenen und deshalb an ihre eigene Heiligkeit glaubt, lässt sich immer neu von ihrem Egoismus befreien. Oder, um es mit den Worten der Barmer Theologischen Erklärung zu sagen: Sie ist befreit "aus den gottlosen Bindungen dieser Welt zu freiem, dankbaren Dienst an seinen Geschöpfen" (These II). Unsere Leitbilder müssen zum Ausdruck bringen, dass wir eine Kirche sind und sein wollen, die nicht nur an sich selbst und die Bewahrung der Institution interessiert ist, sondern die aus der geschenkten Freiheit lebt und deshalb "Kirche für andere" (Dietrich Bonhoeffer) sein kann. Leitbilder, die wir entwerfen, müssen erkennbar machen, dass wir eine diakonische Kirche sind.

Alle Menschen einbezogen

Eine Kirche, die an ihre eigene Katholizität glaubt, weil Christus in Tod und Auferstehung die Verheißungen Israels universal in Kraft gesetzt hat, weiß, dass die biblischen Friedens- und Gerechtigkeitsvisionen alle Menschen mit einbeziehen. Sie wird deshalb Volkskirche im besten Sinne sein und auch bleiben, wenn sie kleiner wird. Sie wird immer "die Botschaft von der freien Gnade Gottes ausrichten an alles Volk" (Barmer Theologische Erklärung, These VI), also den weiten Horizont gesellschaftlicher Verantwortung vor Augen haben. Leitbilder, die wir entwerfen, müssen erkennbar machen, dass wir eine gesellschaftlich verantwortliche Kirche sind und sein wollen. Und schließlich: Eine Kirche, die ihre eigene Apostolizität glaubt, weil der Auferstandene sie sendet, wird missionarisch sein. "Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch." (Johannes 20,21) Wenn wir die geglaubte Apostolizität unserer Kirche ernst nehmen, müssen unsere Leitbilder erkennbar machen, dass wir eine missionarische Kirche sind und sein wollen.

Ausgehend vom geglaubten Grund der Kirche entsteht somit das Bild einer Kirche, die sich versöhnend um Einheit bemüht, vom Egoismus befreit diakonisch tätig ist und sich in offener Wei- se gesellschaftlichen Herausforderungen stellt und missionarisch ist. Mit diesen Leit-Vorstellungen sind natürlich noch keine konkreten Leit-Bilder festgelegt. Es bleibt die Freiheit, eigene Leitbilder zu entwerfen, sich eigene Ziele auf allen Ebenen der Kirche zu setzen. Aber es ist ein Rahmen bestimmt, innerhalb dessen Visionen und Ziele entfaltet werden können, die geistliche Kraft haben, weil sie den Wesenseigenschaften der Kirche Jesu Christi entsprechen. Wie es weitergehen muss. Reformmüdigkeit oder gar ein Reform-Moratorium können wir uns nicht leisten. Jetzt schlapp zu machen, würde vielmehr hei­ßen, bald doppelt harte Rückschläge hin­nehmen zu müssen. Strukturveränderungen bleiben dringend notwendig. Sie dürfen aber nicht alles sein. Der inhaltliche Reformprozess muss weitergehen.

Die Ausrichtung auf die Hoffnung, die uns der auferstandene Christus schenkt, macht ein zielorientiertes Handeln notwendig. Es ist ein Zeichen der Hoffnung, wenn wir uns Ziele setzen. Gerade weil wir niemals die Fülle des uns von Gott Geschenkten vollständig, an allen Orten und zu allen Zeiten abbilden können, bedarf es klarer, gemeinschaftlich getroffener Entscheidungen, an welchen Orten wir mit welchen Ressourcen tätig werden können. Eine transparente Planung ist Ausdruck der Hoffnung. Wer plant, bekennt sich dazu, dass es sinnvoll ist, im Blick auf die Zukunft des Auferstandenen, die eigene Zukunft aktiv zu gestalten.

Ein wesentliches Anliegen der Reformprozesse ist es, nach der Qualität dessen zu fragen, was wir tun. Qualität im Sinne der Wesensmerkmale der Kirche heißt "geistliche Profilierung". Was wir planen und tun, soll erkennbar versöhnend wirken, soll den Menschen die Rechtfertigung zusprechen, sie zum Dienst am Nächsten befreien, sie auf diese Weise heiligen und soll den Glauben an Gottes Verheißungen stark machen und zur Mission motivieren.

Reform als gemeinschaftliches Handeln

Mit den bisherigen Reformpapieren haben die kirchenleitenden Ebenen verantwortungsbewusst ihre Rolle wahr­genommen. Die Impulse wurden vielfach aufgenommen. Nun aber kommt es darauf an, die mittlere Ebene und die Gemeinden zu unterstützen. Es müssen Hilfestellungen angeboten werden, da­mit Regionen, Kirchenkreise und Gemeinden eigenständig Leitbilder und Ziele entwickelt können. Kirchliche Äm­ter, Werke und Einrichtungen müssen ihre Programme auf diese Unterstützungsleistung ausrichten.

"Außenorientierung statt Selbstgenügsamkeit" ist von Beginn an eines der wesentlichen Anliegen des Reformprozesses "Kirche der Freiheit" gewesen. Alle bisherigen Bemühungen, ein neues Verständnis von Mission zu entwickeln, kreative Projekte zu unterstützen, die sich neuen Milieugruppen öffnen, Sprachfähigkeit in Glaubensfragen zu fördern und vieles mehr, müssen mit unverminderter Kraft fortgeführt werden. Das ehrgeizige Ziel, durch Gewinnung neuer Mitglieder gegen den Trend zu wachsen, ist ja nicht falsch. Es darf nur nicht den unangenehmen Beigeschmack bekommen, es ginge letztlich darum, die kirchlichen Institutionen, so wie sie sind, zu erhalten. Das fördert Sodbrennen. Motivierend wird der Aufruf zu mehr Außenorientierung nur, wenn wir spüren, woher er kommt: Vom auferstandenen Christus, der uns sendet und gleichzeitig zuspricht: "Ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende." (Matthäus 28,20)

Markus Dröge

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