Der Berg, das Boot und der Glaube

Biennale in Venedig: Künstler inszenieren mit Hilfe der Kirche einen Passageritus
150 Kilo schwer und vier Meter lang: Wolfgang Eichinger und Thomas Huber zogen ein rotes Boot über Geröll und Schnee nach Venedig. Foto: Wolfgang Eichinger/Thomas Huber
150 Kilo schwer und vier Meter lang: Wolfgang Eichinger und Thomas Huber zogen ein rotes Boot über Geröll und Schnee nach Venedig. Foto: Wolfgang Eichinger/Thomas Huber
Passage2011 heißt ein ungewöhnliches Kunstprojekt der 54. Biennale in Venedig. Erstmals sind drei evangelische Kirchengemeinden daran beteiligt. Marcus A. Friedrich, promovierter Theologe und Pfarrer in Bozen, hat die "Passage" begleitet.

Beinahe drohte das aktionistische transalpine Drama zu scheitern. Über Tage machte eine Schlechtwetterfront von Westen her das Fortkommen der zwei Künstler Thomas Huber und Wolfgang Aichinger auf ihrer Tour über den Alpenhauptkamm zwischen Innsbruck und Bruneck beinahe unmöglich. Dieser Gang war ohnehin alles andere als eine gewöhnliche Klettertour: Seit dem 25. Mai zogen die Aktionskünstler der Künstlergruppe gaek mit Leibeskräften ein eigens für die 54. Biennale 2011 in Venedig gefertigtes rotes Boot über Geröll und Schnee, und waren dabei auf abenteuerliche Weise Meter um Meter den Berg hinauf gekommen. Das Boot, rund 150 Kilo schwer und vier Meter lang, mit steuerlosem Führerhaus, lechzte förmlich nach seinem Element. Stattdessen bekam es Schläge von Stein, Schnee und Eis ab. Der Berg tat ihm sichtlich schlecht.

Die Zeugen der Expedition via Internet saßen, als das Wetter immer schlechter wurde, vor einer Blackbox: zwei Tage keine Nachrichten, keine Bilder. Die Spannung stieg: Werden die beiden Aktionskünstler rechtzeitig zur geplanten Wasserung im Canale Grande in Venedig sein? Sicher: Weite Teile der Strecke wird das rote Kunstwerk auf der Straße transportiert. Aber dort oben, auf den Gletscher auf 3100 Metern Höhe kann man nicht eben schnell mit dem Auto gelangen. Und die Spielregeln dieser Performance wären grundlegend verletzt worden, wenn das zähe Ringen an den Kraftgrenzen durch einen "Deus ex machina", etwa in Form eines Hubschraubers, ein plötzliches Ende gefunden hätte.

Aber dann ging es wieder weiter. Und Aichinger schreibt im Blog, kurz vor dem Überqueren der Wasserscheide: "Nun läuft es wirklich wie am Schnürchen. Rhythmisch stapfen wir den Gletscher auf und ab, haben die Technik so weit optimiert, dass unser bloßes Körpergewicht beim Bergabgehen das Boot nach oben zieht. Die Beine sind etwas schwer, der Geist in Trance."

Beginn in der Münchener Innenstadt

Drei Kirchengemeinden sind in das Kunstprojekt passage2011 eingebunden: Die passage2011 begann in der Münchner evangelischen St. Lukaskirche im Rahmen eines interdisziplinären Symposions "Vier Plus Eins" zu Fragen der Schöpfungsverantwortung. Die über München hinaus bekannte Innenstadtgemeinde steht für einen aktiven Dialog mit den bildenden Künsten. Von dort sind die Künstler Wolfgang Aichinger und Thomas Huber mit einem Reisesegen auf Tour geschickt worden. In der evangelischen Kirchengemeinde Bozen machte die Expeditionscrew Zwischenstation, um unter dem Titel "Der Berg, das Boot und der Glaube" mit Kunst- und Glaubensidentifizierten zu diskutieren. Und die evangelische Kirchengemeinde Venedig stellt dem Biennale-Projekt in seinem Gemeindesaal einen exklusiven Ausstellungsort zur Verfügung. Täglich öffnen und begleiten Menschen aus der gesamten evangelisch-lutherischen Kirche Italiens die Ausstellung und transportieren damit auch den Geist einer welt- und kulturoffenen Glaubensgemeinschaft während der Biennale.

Hinter der christlich religiösen Annäherung an passage2011 lässt sich allerdings mehr entdecken als nur das Interesse an öffentlicher Wahrnehmung. Es ist nicht irgendein Kunstprojekt, das hier Anklang findet, sondern ein Geschehen, reich an existenziellen, rituellen und spirituellen Bezügen. Entscheidungen zu solchen Kooperationen kommen in der Regel intuitiv und im Rahmen etablierter und spontaner Netzwerke zu Stande - unter Menschen, die einen ähnlichen Geist suchen und in einem ähnlichen Geist wirken. Umso wichtiger erscheint es zugleich, das Geschehen auch praktisch-theologisch zu fassen. So soll im Folgenden das transalpine Drama passage2011 mit dem US-amerikanischen Ritualforscher und Religionswissenschaftler Bobby C. Alexander als ein Ritual beschrieben werden.

Auftauchendes Ritual

Die Künstler sind zunächst nicht nur Subjekte ihrer Absichten, sie sind auch Botschafter auftauchenden Wissens, kollektiver Intuitionen, die über das hinausgehen, was sie als einzelne nur wollen. In diesem Sinne ist passage2011 ein "Emerging Ritual", ein auftauchendes Ritual. Es gibt keinen Bestand kollektiver Verhaltensweisen, die von einer verfassten Religion geprägt sind. Das Spiel mit mythischen Motiven ist aber umso prägnanter und erscheint als Reflex auf die kulturelle und soziale Situation. Moderne filmische Schiffsmythen wie etwa Titanic oder vor allem Fitzcarraldo kommen zum Beispiel sofort in den Sinn. Performances wie die passage2011 sind durchaus vergleichbar mit prophetischen Zeichenhandlungen eines Ezechiel im Ersten Testament, ohne dass hier ausdrücklich eine göttliche Berufung transportiert wird.

Jedes Ritual ist, so Alexander im Anschluss an den berühmten Ritualforscher Viktor Turner, von "Liminalität" geprägt. Mit "Liminalität" - von Limen, Grenze, Damm - sind soziale, kommunikative und pragmatische Grenzerkundungen, Grenzverschiebungen und -überschreitungen gemeint, die wörtlich über die Alltagswelt hinausgehen und sie verändern.

Die Entgrenzung des Alltags ist in der Performance sofort sichtbar. Die beiden Künstler inszenieren den Passageritus auf grundlegende Weise, als Passage über eine der höchsten geographischen Grenzen zwischen Mittel- und Südeuropa. Es ist nicht nur im übertragenen, sondern auch im realen Sinn ein "Rite of Passage", in dem die Körperkräfte in verlangsamter Echtzeit agieren. Dieses Ritual findet an einem symbolischen Ort transzendenter Kraft statt, dem Berg. Dem Einstieg in diesen Extremraum der Natur geht ein Drang voraus: Die erste Motivation hinter dem Ritual sei, so Alexander, das Begehren, aus sozialen Strukturen zeitweise auszubrechen, mit dem Ziel, seine Begrenzungen zu überschreiten und sie neu zu strukturieren.

In den Olymp der Biennale

Im Diskurs um die Passage wird dieser Gedanke vor allem auf die Begrenzungen des professionellen Kunstbetriebs bezogen. In der Aktion bilden sich die künstlerischen Mühen ab, die notwendig sind, um auf der Biennale "eine Rolle zu spielen". Ziel ist und bleibt die Wasserung des Bootes im Canale Grande, auf diese Weise ist das Projekt sozialkulturell höchst konform. Aber Aichinger und Huber parodieren den Aufstieg des Künstlers in den Olymp der Biennale, in dem sie auf einem "Neben-Weg" (par-hodos) Inadäquatheit, Anstrengungsbereitschaft, Idiotie, Ohmacht, das Scheitern und den potenziellen Sieg im kunsttragenden Wasser der Biennale auf elementarste Weise ausleben.

Foto: Gregor Khuen
Foto: Gregor Khuen

Mitglieder der evangelischen Kirchengemeinde Bozen tragen das Boot um ihre Kirche herum.

Foto: Wolfgang Eichinger/Thomas Huber
Foto: Wolfgang Eichinger/Thomas Huber

Ende der "passage2011": Wasserung des Bootes im Canale Grande in Venedig.

Beim selbstreferenziellen System der Kunst bleibt es aber nicht: In der Rede des freien Kurators dieser Performance, Christian Schoen, das Projekt sei "von Hoffnung getragen" oder etwa seinem Vergleich mit dem Sisyphos-Mythos, ist der "Ultimate Concern", das letzte Anliegen, die grundlegende Beunruhigung im Ritual benannt. Mit dieser letzten Sorge kommt der Glaube an die Transzendenz ins Spiel, als existenzielle Bearbeitung dessen, was uns unbedingt angeht, wie der systematische Theologe Paul Tillich den Glauben definiert hat.

Für die Gemeinden, für die Theologen bietet die Frage nach dem letzten Anliegen, von Alexander an anderer Stelle zugespitzt als "Religious Discontent", eine Möglichkeit, die gegenwärtige Welt aus der Distanz zu hinterfragen, zu erforschen und zu kritisieren.

Zwischenüberschrift

Verschiedene thematische Spuren lassen sich dabei verfolgen: Zum einen beschreibt das Projekt menschliches Verhalten im Naturraum, das vor allem durch Distanz und Unangepasstheit geprägt ist. Der permanente Drang des Menschen, sich zu höheren, absurderen Leistungen selbst herauszufordern, kommt zur Darstellung, und spiegelt einen Narzissmus, der auch ohne Biennale genug Bühnen in der Kultur des Westens findet.

Zum anderen spielt die Performance im Bild des Bootes auf dem Berg ausgerechnet auf die dramatischen Folgen dieser Hybris an. Wer ein Boot wie die Arche auf einen Berg wie den Ararat platziert, verweist nicht nur darauf, dass hier einmal Wasser war, sondern auch darauf, dass einmal wieder alles unter Wasser sein könnte. Nicht erst in den ewigen Zeitmaßen göttlicher Schöpfung, sondern vielleicht schon bald könnte das Boot an Orten schwimmen, an denen man es eben noch über Land ziehen musste; im Sinne der absurden Brechtschen Anekdote von den Turmspringern, die in ein leeres Schwimmbecken sprangen und auf die Frage, warum sie denn in ein leeres Schwimmbecken springen, antworteten: "Wir üben für den Sommer!" In München ist ein Glaziologe am Symposion beteiligt gewesen und hat den Klimawandel am Berg zum Thema gemacht. Jetzt nämlich schmilzt der Gletscher auf dem Nevesattel erst einmal. Es wird immer notwendiger, in der Stadt Venedig bei steigendem Wasserspiegel ein Boot zu besitzen. Das Boot wird zum Rettungsboot, zur Arche.

Drittes entscheidendes Merkmal neben Liminalität und Reflexivität, sei, so Alexander, die so genannte "Communitas". Liminalität und die damit verbundenen Gemeinschaftsformen schafften neue Arrangements kommunitärer Verhältnisse, die die soziale Hierarchie herausforderten. Im Rahmen der Performance ist zunächst die Zweierbeziehung der Künstler eine für die Kunst seltene "Communio". Jene Beziehung unter Brüdern im Geist, die auch der drohenden Vereinzelung und Fremdbestimmung des Menschen wehrt, und ungeahnte Kräfte mobilisieren kann. Zu zweit kommt man weit. Das haben Thomas Aichinger und Stefan Huber schon in vielen Situationen erfahren und transportiert. Sie unterscheidet sich von der Einsamkeit des Sisyphos.

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Es passt in die Dynamik, dass ein weiterer, bis dahin unbeteiligter, bergerfahrener Südtiroler Künstler, Alois Steger, in der kritischen Schlussphase am Berg gerade im rechten Moment auftauchte und helfen konnte, und dass die Künstler diese Hilfe annahmen. Die Communitas, so Alexander, gehe noch weiter über die Zweierbeziehung hinaus. Sie stelle alle sozialstrukturellen Rollen infrage und schaffe neue Möglichkeiten.

Auch diese Dimension spricht Gemeinden und ihre Leitenden an, denn die Idee der Communitas ist Teil des christlichen Bildprogramms und Motiv der Gemeindebildung. In Begleitung der Performance sind neue und andere Begegnungen und Verbindungen entstanden als im hierarchischen Gebäude des Kunstgeschäfts oder im Alltag der Gemeindegruppen. Liturgische Handlungen, wie der Reisesegen, wurden an den Protagonisten gemeinschaftlich vollzogen. In Bozen und Venedig wurde das Boot von Jung und Alt in Bewegung gesetzt, einmal um die Kirche getragen und ins Kirchenschiff eingepasst. Gemeindeglieder äußerten sehr unmittelbar, dass sie das Sozialbild der Gemeinde anders zu erleben und zu überdenken begonnen hätten. Dies alles setzt freilich die rituelle oder paraliturgische Aneignung der Performance voraus, die von den Handelnden notwendig mit initiiert wurde, und die Bereitschaft der Künstler, diese zu teilen, Führung auch abzugeben.

Es soll schließlich nicht verschwiegen werden, dass die Begegnung mit diesem Performance-Ritual, dessen Systemimmanenz im Diskurssystem der Kunst auch erhebliche Ambivalenzen im Feld kirchlicher Perspektiven hervorgerufen hat. Zu fragen ist, wie prototypisch solche Ritualräume wirklich sein können. An dieser Stelle ist die Ritualtheorie Alexanders ausgesprochen optimistisch. Es geht, das kann man im Gegenüber vom Glaubens- und Kunstsystem sehr deutlich wahrnehmen, auch um die Diskursmacht im Prozess der Handlung, schlussendlich auch um die Fragen: Wer bestimmt das Spiel? Wer lässt wen handeln im Ritual? Damit aber wiederum spiegelt das Geschehen auch kirchliche und gemeindliche Realität und evoziert ein neues Nachdenken über Werte und Grundlagen des evangelischen Alltags.

Informationen

Bis 11. September täglich außer montags 15-20 Uhr. Scuola dell'Angelo Custode, Comunità Evangelica Luterana di Venezia, Campo SS. Apostoli, Cannaregio 4448.

Passage2011

Marcus a. Friedrich

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